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NFL

Top 10: Die wichtigsten Erkenntnisse aus Woche 10 in der NFL

SPOX-Redakteur Adrian Franke blickt zurück auf den Woche-10-Sonntag in der NFL.

Was ist los mit Russell Wilson - und welche anderen Probleme begleiten die Seahawks? Außerdem: Was verrät uns ein verrücktes Spiel über die Arizona Cardinals und die Buffalos Bills, wie viel Zeit bekommt Drew Lock in Denver noch und was wird aus der NFC East? SPOX-Redakteur Adrian Franke bringt Euch am Montag auf Stand mit seinen zehn wichtigsten Punkten und Einschätzungen zum vergangenen NFL-Sonntag, alle Recaps vom Sonntag gibt es hier.

Top 10 - die Takeaways zu Week 10 in der NFL

1. Was ist los mit Russell Wilson?

Was ist nur los mit Seahawks-Quarterback Russell Wilson?

Das ist die zentrale Frage, die aktuell über der Seahawks-Saison steht. Nicht die einzige, aber die kritischste Frage, weil sie aktuell die gravierendsten Auswirkungen hat.

Bereits in der Vorwoche war an dieser Stelle Seattles Defense ausführlicheres Thema, mit einer übergreifenden Sorge: Die Seahawks wirken mehr und mehr wie ein Team ohne funktionierende Identität. Weil sie defensiv in dieser Saison viel zu häufig im Dunkeln tappen - und offensiv ihr Plan A, der sie durch das erste Saisondrittel getragen hat, nicht mehr gut genug ist, um das Team zu tragen.

Beides muss man in Nuancen betrachten. Die Offense kann noch immer explosiv sein und Mismatches kreieren. Ist einer der beiden Wide Receiver - Metcalf und Lockett - abgemeldet, kann der andere ein Spiel an sich reißen. Russell Wilson ist ein exzellenter Deep Passer, und vereinzelt war all das auch gegen die Rams zu beobachten. Aber: Die Fehler nehmen unbestreitbar zu.

Das begann mit dem Cardinals-Spiel, in dem Wilson bis dato komplett ungewohnte, weil auch völlig überflüssige Interceptions warf, die Seattle letztlich maßgeblich den Sieg kosteten. Und es setzte sich fort. Gegen Buffalo letzte Woche, und gegen die Rams am Sonntag. Wilson hat jetzt zum ersten Mal in seiner Karriere drei Turnover in aufeinanderfolgenden Spielen produziert und hatte in drei der letzten vier Spiele mindestens drei Turnover auf dem Konto.

13 Turnover über die ersten zehn Spiele einer Saison sind ebenfalls Karriere-Höchstwert für Wilson, und während man einerseits argumentieren könnte, dass er eben auch den Ball deutlich mehr wirft, das Spiel deutlich mehr prägt, so ist es nicht so sehr die schiere Anzahl der Turnover - sondern es ist eher deren "Qualität".

Gegen die Rams konkret hatte er eine weitere komplett überflüssige Interception, als das Feld vor ihm komplett offen war - Wilson stattdessen aber einen nahezu aussichtslosen Pass diagonal über das Feld Richtung Endzone feuerte, wo letztlich nur der Verteidiger drankommen konnte. Bei der zweiten Interception war er deutlich zu spät bei einem Wurf nach außen, sodass der Cornerback in den Passweg sprang.

Wilson will zu viel - Carroll zu wenig

Und diese Dinge häufen sich, mehr noch: Wilson stand fraglos häufig unter Druck - und Defenses bereiten ihm mit Blitzing gerade gehörige Probleme -, er zögerte gegen die Rams teilweise aber auch mit seinen Reads, einmal verlor er die Play Clock aus den Augen, es war ein ganz schwaches Spiel. Man bekommt mehr und mehr den Eindruck, dass Wilson zu viel will; dass er zu häufig das Big Play will, dass er - und das ist rein subjektiv von außen beobachtet - den Eindruck hat, dass er alles in die Hand nehmen muss. Dann wackelt selbst das Kurzpassspiel plötzlich.

Diese Denkweise ist ihm nicht wirklich zu verübeln, aber aktuell ist es mehr Hindernis als Hilfe - umso mehr, da die so inkonstante Defense gegen die Rams ihre Sache gar nicht schlecht machte. Zwar flogen ihnen ihre Blitze teilweise abermals um die Ohren, aber sie kamen auch mehrfach zu Goff, sie hatten das Run Game besser im Griff als gedacht - der heldenhafte Auftritt von Wilson und der Offense war hier gar nicht notwendig.

Kann Wilson wieder einen ruhigeren Rhythmus finden, um die Offense wieder in die Fahrwasser der frühen Saisonphase zu lenken? Vielleicht, aber womöglich geht die Frage mehr und mehr in eine andere Richtung: Wie lange schaut Pete Carroll sich das noch an? An welchem Punkt besteht er auf weniger Risiko und mehr Run Game, um Spiele zu kontrollieren; umso mehr, falls die eigene Defense sich tatsächlich ein wenig stabilisieren sollte?

Gegen Los Angeles - das seinerseits mit der Verletzung von Andrew Whitworth ein enormes Handicap für die weitere Saison haben könnte - hatte Carroll einen seiner vorsichtigen Momente: Bei Fourth-and-One an der eigenen 42-Yard-Line zu Beginn der zweiten Halbzeit wählte er den Punt. Noch alarmierender war seine Analyse der Szene im Anschluss: "Die Logik, dass wir das ausspielen sollten, weil wir eine starke Offense haben, kann ich nicht nachvollziehen. Das trifft hier nicht wirklich zu."

Man würde da lieber den Punt nehmen "und Defense spielen. Das heißt es, daran zu glauben, dass wir das am Ende hinbekommen." Aber womit soll dieses Vertrauen in die eigene Defense gerechtfertigt sein? Wie kann Carroll dieser Seite des Balls noch immer mehr vertrauen als der eigenen Offense? Wie kann er dieser Seite des Balls überhaupt vertrauen?

Vor allem jedoch: Die wahre Gefahr liegt darin, das Spiel für den Gegner zu öffnen, indem man für die Field Position auf einen möglichen eigenen Scoring Drive verzichtet. Und genau das passierte: Die Rams marschierten im Gegenzug 88 Yards zum Touchdown runter, gingen mit 23:13 in Führung und zwei der nächsten drei Seahawks-Drives endeten in Wilson-Turnovern.

Einmal mehr in der Position, spät die Kohlen aus dem Feuer holen zu müssen.

2. Wahnsinn in Arizona: Playoff-Teams mit Hindernissen

Was. Für. Ein. Spiel!

Im Duell zwischen den Cardinals und Bills waren beide Teams weit davon entfernt, eine fehlerfreie Partie abzuliefern. Auch beide Offenses waren weit davon entfernt, nahtlos zu überzeugen, ganz im Gegenteil.

Und doch waren es die beiden Quarterbacks, die beide dieses Jahr in die Top 10 ihrer Position gehören, die eines der spektakulärsten Finishes dieser Saison bereiteten: Josh Allen mit einem absolut herausragenden Touchdown-Pass auf Stefon Diggs - und Kyler Murray mit vielleicht dem Play des Jahres: 50 Yards tief flog der Ball Sekunden vor dem Ende, beim Herausrollen nach links auf die Seite, auf der DeAndre Hopkins isoliert war, im Rückwärtsfallen.

Ein unglaublicher Wurf, der bei Cardinals-Fans Erinnerungen an Aaron Rodgers und Jeff Janis in den Playoffs hervorgerufen haben dürfte.

Doch was sagt der Weg zu diesem wahnsinnigen Ende über beide Teams aus? Definitiv dass beide Teams noch inkonstant sind: 16 (!) Drives gab es in dieser Partie - in der zweiten Hälfte! Immer wieder leisteten sich die Offenses einfache Fehler, mussten schnell wieder punten oder standen sich mit Strafen selbst im Weg. Arizona, wie in nahezu jedem Spiel dieses Jahr, brauchte eine ganze Weile, ehe man in die Partie rein fand. Wieder gab es simple Fehler, Kenyan Drake fiel hier mehrfach auf, und diese Woche war die Red Zone ein ungewohnt großes Problem.

Allen derweil hatte mehrfach mit dem Feuer gespielt, ehe Patrick Peterson schließlich einen seiner Pässe über die Mitte abfing. Kirkpatrick bestrafte einen leicht verspäteten Allen-Pass mit einem weiteren Pick. Arizonas Offense hätte dieses Finish danach gar nicht zulassen dürfen: Auf die zweite Allen-Interception folgten zwei Three-and-Out-Drives mit einem Gesamt-Raumgewinn von -3 Yards. Gegen eine Defense, gegen die die Cardinals über 200 Yards erliefen, schafften sie kein First Down, um die 3-Punkte-Führung zu verwalten.

Beide Teams bleiben mittendrin im Playoff- und auch in ihrem jeweiligen Division-Rennen. Beide haben in Diggs und Hopkins einen absoluten Elite-Receiver und dahinter ein vielseitiges Waffenarsenal, für Buffalo war Cole Beasley lange der Schlüssel zu dieser Partie. Beide haben Playmaker auf der Quarterback-Position und sehr gute offensive Play-Caller. Und beide sind defensiv anfällig, aber keine Katastrophe.

Mit all dem im Hinterkopf: Wer hat bessere Aussichten Richtung Playoffs und darüber hinaus? Die Bills wirken wie das komplettere Team, die Cardinals haben das höhere Ceiling. Weil Murray auf bestem Wege ist, eine historische Quarterback-Rushing-Saison zu spielen, während sich die Defense über die letzten Wochen stabilisiert hat. Gleichzeitig gilt für Arizona aber bei aller Euphorie dieses finalen Plays weiter: Nur wenn die Cardinals noch deutlich mehr Konstanz im Passspiel hinbekommen, können sie wirklich den Schritt Richtung Titelkandidat machen.

3. Die Dolphins: unangenehm - oder doch mehr?

Es ist absolut beeindruckend zu sehen, welche Fortschritte die Miami Dolphins über die letzten eineinhalb Jahre unter Brian Flores gemacht haben. Man erkennt eine klare defensive Handschrift, man sieht ein Team, das in sich geschlossen funktioniert - und man sieht eine Mannschaft, die in allen drei Phasen des Spiels funktioniert, und das ist vielleicht der prägendste Part der aktuellen Siegesserie.

Denn genau das ließ sich beim Sieg über die Rams, beim Erfolg in Arizona und jetzt beim Heimsieg gegen die Chargers beobachten: Miami bekommt Woche für Woche Big Plays von der Defense, oder vom Special Team - oder auch mal von beiden - und so muss die Offense um Rookie-Quarterback Tua Tagovailoa das Team gar nicht tragen.

Und das ist auch wichtig, denn so gut Tagovailoa nach wie vor innerhalb der Play-Designs und gerade bei Rollouts aussieht: den Eindruck, dass er diese Offense tragen kann, hat man jedenfalls bislang noch nicht. Der Großteil des Passspiels findet kurz statt, oder eben per Play Action. Tua hatte enormes Glück, dass Linebacker Kenneth Murray einen unvorsichtigen Pass nicht mit einer Interception bestrafte, und so verwaltete die Offense das Spiel eher.

Dabei half es, dass die beiden Cornerbacks Xavien Howard und Byron Jones nach jeweils ziemlich schwachen Auftritten in Arizona wieder in gewohnter Form auftraten. Das erlaubte es Miami, defensiv einmal mehr sehr intensiv über den Blitz zu kommen und Chargers-Rookie-Quarterback Justin Herbert so vor enorme Probleme zu stellen.

Miami ist nach wie vor im Umbruch, Tua Tagovailoa hat gerade erst das Zepter übernommen. Aber die Dolphins sind im Playoff-Rennen nicht nur mitten drin - mit noch einem direkten Spiel gegen Buffalo vor der Brust könnte Miami sogar noch aus eigener Kraft die Division gewinnen. Dass die Offense - und das betrifft nicht nur Tua, sondern auch die Line - so weit ist, da darf noch ein größeres Fragezeichen dahinter stehen. Doch in jedem Fall ist Miami ein Team, das Spiele im Gesamtverbund gewinnt. Und das macht die Dolphins zu einem sehr unangenehmen Gegner.

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