Rotieren? Verlieren? Julian Nagelsmann reagiert auf Gedankenspiele zu Deutschlands drittem EM-Gruppenspiel gegen die Schweiz

Julian Nagelsmann, Training, DFB-Team
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Deutschlands Einzug ins EM-Achtelfinale steht schon fest - und dennoch ist das abschließende Gruppenspiel gegen die Schweiz am Sonntag in Frankfurt (21 Uhr) wegweisend. Einerseits entscheidet sich, in welchem Turnierbaum das DFB-Team landet. Andererseits drohen Sperren. Was denkt Bundestrainer Julian Nagelsmann?

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Die Ausgangslage vor dem abschließenden Gruppenspiel des DFB-Teams ist klar: Mit einem Sieg oder einem Remis gegen die Schweiz beendet Deutschland seine Gruppe als Erster, bei einer Niederlage als Zweiter. Davon hängt ab, in welchem Turnierbaum das DFB-Team landet.

Bei einem Gruppensieg würde es zunächst in Dortmund gegen den Zweiten der umkämpften Gruppe C gehen. Aller Voraussicht nach Dänemark, womöglich auch Serbien, eher nicht Slowenien oder England. Sollte sich Deutschland in diesem Achtelfinale durchsetzen, droht im Viertelfinale in Stuttgart ein Duell mit Spanien.

Die Mannschaft von Trainer Luis de la Fuente steht bereits als Sieger der Gruppe B fest und bekommt es im Achtelfinale mit einem Gruppendritten zu tun. Im bisherigen Turnierverlauf machte Spanien den besten Eindruck aller Mannschaften. Zudem ist Spanien absoluter Angstgegner des DFB-Teams: Deutschlands letzter Pflichtspielsieg datiert von 1988, im EM-Finale 2008 und im WM-Halbfinale 2010 setzte es tragische Pleiten, 2020 in der Nations League verlor das DFB-Team sogar 0:6 gegen Spanien. Immerhin gelang in der Gruppenphase der WM 2022 ein Remis.

Spinnt man die K.o.-Runde weiter, würde Deutschland nach einem Viertelfinal-Sieg gegen Spanien in einem möglichen Halbfinale voraussichtlich auf Portugal oder die Niederlande treffen. In diesem Turnierbaum droht mit Spanien zwar frühzeitig der Stand jetzt schwierigste Gegner, ansonsten erscheinen die Kontrahenten aber weniger prominent als auf der gegenüberliegenden Seite.

Würde Deutschland gegen die Schweiz verlieren, käme es frühestens im Finale zum Duell mit Spanien. Als Gruppenzweiter ginge es zunächst in Berlin gegen den Zweiten der Spanien-Gruppe B: Aller Voraussicht nach also gegen Titelverteidiger Italien, womöglich gegen Kroatien, eher nicht gegen Albanien. Deutschlands weiterer Weg ins Finale würde im schwierigsten Fall über England und Frankreich führen. Vor dem Turnierstart galten die beiden Nationen zwar als absolute Topfavoriten, bisher wussten sie aber nicht zu überzeugen.

DFB-Team: Der Weg als Gruppenerster

RundeMögliche GegnerSpielort
AchtelfinaleDänemark/Serbien/Slowenien/EnglandDortmund
ViertelfinaleSpanienStuttgart
HalbfinalePortugal/NiederlandeMünchen
FinaleFrankreich/EnglandBerlin

DFB-Team: Der Weg als Gruppenzweiter

RundeMögliche GegnerSpielort
AchtelfinaleItalien/Kroatien/AlbanienBerlin
ViertelfinaleEnglandDüsseldorf
HalbfinaleFrankreichDortmund
FinaleSpanienBerlin
Jonathan Tah. EM, Eröffnungsspiel, Schottland
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DFB-Team: Vier Spielern droht eine Gelb-Sperre - wird rotiert?

Was bedeutet das für das Spiel gegen die Schweiz? "Wir wollen Erster werden, das ist wichtig und gibt eine Wirkung nach innen und nach außen", betonte Bundestrainer Julian Nagelsmann. Auch wenn er Spanien bis zu einem möglichen Finale lieber aus dem Weg gehen würde, würde er seiner Mannschaft gegen die Schweiz selbstverständlich keine Niederlage anordnen - es gilt schließlich, Sportsgeist walten zu lassen und die Euphorie im Land aufrechtzuerhalten.

Mit seinen Personalentscheidungen könnte Nagelsmann aber die Wahrscheinlichkeit steuern beziehungsweise Signale senden. Hierbei gilt es, drohende Sperren zu beachten: Mit Maximilian Mittelstädt, Jonathan Tah, Antonio Rüdiger und Robert Andrich sind gleich vier Spieler und somit fast der gesamte wunderbar eingespielte Defensiv-Block Gelb-vorbelastet. Wer eine zweite Verwarnung sieht, muss ein Spiel aussetzen. Gestrichen werden die Gelben Karten erst nach dem Viertelfinale, damit mögliche Gelb-Sperren im Finale ausgeschlossen sind.

Nagelsmann will jedoch nicht taktieren, indem er vorbelastete Spieler schont, eine womöglich schlechtere Startelf aufbietet und somit die Chancen auf eine Niederlage erhöht. "Stand jetzt" gäbe es keine Änderungen, auf drohende Sperren wolle er "keine Rücksicht" nehmen, sagte der Bundestrainer bei der abschließenden Pressekonferenz. "Die Spieler sollen alles reinwerfen, bis die Regel sie sperrt. Dann kommt einer rein, der es genauso gut macht. Wenn ich Spieler wäre und würde nur spielen, weil jemand wegen der Gelben geschont wird, fände ich das respektlos."

Womöglich hat Nagelsmann hierbei aber auch das mögliche Viertelfinale gegen Spanien im Hinterkopf: Sofern vorbelastete Stammspieler gegen die Schweiz ihre zweite Gelbe Karte sehen, müssten sie bei einem Gruppensieg im vermeintlich leichteren Achtelfinale gegen voraussichtlich Dänemark aussetzen - und wären gegen Spanien zurück.

Niclas Füllkrug, Emre Can, Deutschland
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DFB-Team: Wer könnte bei Gelb-Sperren einspringen?

Bisher verhalten sich übrigens sämtliche Ersatzspieler tadellos, womit Nagelsmanns Kader-Überlegungen aufgehen. Auch in Hoffnung auf größtmögliche Harmonie hatte er bei seiner Nominierung auf Reservisten verzichtet, die diese Rolle unter Umständen nicht vollumfänglich annehmen - in erster Linie Mats Hummels und Leon Goretzka.

Wer käme für einen Einsatz im Achtelfinale in Frage, sollte einer der vier vorbelasteten Spieler seine zweite Gelbe Karte sehen? Als erste Joker gelten qua Rollen-Gesprächen eigentlich Pascal Groß, Leroy Sané und Niclas Füllkrug. Sie könnten aber keinen der Gelb-vorbelasteten Spieler ideal ersetzen.

Mittelstädts nomineller Ersatz ist David Raum, die ersten Innenverteidiger-Alternativen sind Waldemar Anton und Nico Schlotterbeck, Andrichs passendster Vertreter als abräumender Sechser ist der nachnominierte Emre Can - wobei hier mit etwas anderer Ausrichtung auch Groß zum Einsatz kommen könnte.

EM 2024: Die Tabelle der Gruppe A

RangMannschaftSp.SUNToreDiff.Pkt.
1Deutschland22007:166
2Schweiz21104:224
3Schottland20112:6-41
4Ungarn20021:5-40