"Wir müssen ihm alle mehr vertrauen in diesem Land!" Zweiter Gala-Auftritt von Ilkay Gündogan - Julian Nagelsmann hat seine schwierigste Aufgabe beim DFB-Team gelöst 

kroos-guendogan-1600
© getty

Jamal Musiala ist bislang Deutschlands spektakulärster Spieler dieser EM, Ilkay Gündogan aber der wohl wichtigste. Nach enttäuschenden Testspielen und vielen Debatten über seine Rolle präsentiert sich der Kapitän pünktlich zum Turnierstart in Top-Form - und genießt das Zusammenspiel mit Toni Kroos.

Cookie-Einstellungen

Ilkay Gündogan wackelt ein bisschen mit dem Kopf, rollt mit den Augen und lächelt milde. Es läuft gerade die Pressekonferenz nach Deutschlands 2:0-Sieg gegen Ungarn samt vorzeitigem Einzug ins EM-Achtelfinale. Ein Reporter fragt Gündogan nach all der Kritik im Vorfeld des Turniers und merkt wohlwollend an, dass der 33-jährige Mittelfeldspieler jetzt endlich mal so richtig strahlen würde, was ja sicherlich auf Tor, Assist und Auszeichnung zum Spieler des Spiels zurückzuführen sei.

Ach, rief Gündogans Körpersprache, welch banale Annahme! Und dann erwiderte er ganz im Stile eines staatsmännischen Kapitäns: "Ob ich jetzt ein Tor geschossen habe oder Player of the Match bin, das ist hinten angestellt. Wenn man es schafft, sein Ding zu machen und als Mannschaft erfolgreich zu spielen, dann kommt das automatisch. Das ist nichts, wonach ein Fußballer streben sollte. Das sind Bonus-Geschichten." Es waren klassische Gündogan-Sätze. Sätze, die wenige Fußballer sagen würden, und die man noch weniger Fußballern glauben würde. Dem stets wunderbar reflektierten Gündogan aber schon.

Statt sich für die Resultate seiner erfolgreichen Arbeit bei der EM - zwei Siege, zwei persönliche Glanzleistungen, drei Scorerpunkte - zu feiern, erklärte er lieber die Ursachen dafür. "Ich spüre das Vertrauen vom Trainer, von meinen Mitspielern, vom Staff. Ich fühle mich extrem wohl in dieser Mannschaft. Das ist ein sehr gutes Vorzeichen, um auf dem Platz frei aufzuspielen. Aufgrund der letzten Monate, der letzten Jahre fühlt sich das noch etwas besonderer an."

Ilkay Gündogan ist der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft.
© getty

Ilkay Gündogans komplizierte DFB-Geschichte

Und damit zu den letzten Monaten und Jahren: Ilkay Gündogan und die Nationalmannschaft, das ist eine komplizierte Geschichte. Gündogan ist zweifellos einer der besten deutschen Fußballer der vergangenen Dekade, jahrelang Schlüsselspieler von Pep Guardiolas Manchester City, aktuell Strippenzieher des FC Barcelona. Eine richtige Blütezeit in der Nationalmannschaft hat Gündogan trotz seiner bereits 33 Jahre aber noch nicht erlebt.

Bei der EM 2012 war er Dauerreservist, den WM-Titel 2014 und die EM 2016 verpasste er verletzungsbedingt. Bei den drei verkorksten Turnieren seitdem verkam das deutsche Mittelfeld zu einer riesigen Baustelle mit zu vielen, zu ähnlichen Akteuren, die Ansprüche stellten, aber in welcher Konstellation auch immer nicht so richtig zusammenfanden. Eine funktionierende Aufteilung und in diesem Zuge auch einen passenden Platz für Gündogan fand weder Joachim Löw noch Hansi Flick.

Nachdem Gündogan 2023 mit Manchester City das Triple gewonnen hatte, wählte Flick schließlich einen neuen Ansatz: In Abwesenheit des verletzten Manuel Neuer gab er dem bis dahin im DFB-Team nie unumstrittenen Gündogan die Kapitänsbinde. Künftig sollte nicht mehr ein Platz für Gündogan gesucht, sondern eine Mannschaft um ihn herum gebaut werden. Kurz darauf aber musste Flick gehen.

kroos-nagelsmann-dfb-1600
© getty

DFB-Team: Wie Julian Nagelsmann das Mittelfeld umstrukturierte

Es übernahm Julian Nagelsmann und was machte er? Er überredete Toni Kroos zum Comeback. Und so ein Toni Kroos lässt sich selbstverständlich nur mit Chefstrategen-Garantien zu einem Comeback überreden. Gündogan hatte jetzt zwar die Binde, es herrschte aber erneut Unklarheit über seine Rolle. Kroos und Kapitän Gündogan, dazu Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Wie soll das bitteschön funktionieren?

Vor den März-Länderspielen legte sich Nagelsmann fest. Goretzka? Aussortiert. Kimmich? Nach rechts hinten verschoben. Kroos sollte im 4-2-3-1-System auf der Doppelsechs den tiefen Chefstrategen geben, assistiert vom aggressiven Abräumer Robert Andrich. Kapitän Gündogan blieb somit nur der Platz auf der für ihn eher ungewohnten Zehn zwischen Jamal Musiala und Florian Wirtz.

Das Zusammenspiel von Kroos und Andrich funktionierte direkt blendend, auch die beiden Zauberer glänzten. Einzig Gündogan fremdelte mit seiner neuen Rolle. Sowohl bei den so erfreulichen März-Länderspielen als auch bei den weniger erfreulichen finalen EM-Tests gegen die Ukraine und Griechenland enttäuschte er. Der Bundestrainer aber blieb trotz aller öffentlicher Kritik seinem Kapitän und seinen Aufstellungs-Überlegungen treu. Es sollte sich lohnen.

Ilkay Gündogan, DFB-Team, EM, EURO 2024, Eröffnungsspiel, Schottland
© imago

Ilkay Gündogan glänzte gegen Schottland und Ungarn

Pünktlich zum EM-Start funktionieren nicht nur die Doppelsechs und die magischen Kräfte der Zauberer, plötzlich funktioniert auch Gündogan. Gegen Schottland leitete er das 2:0 genial ein und holte dann den Elfmeter zum 3:0 heraus. Gegen Ungarn behauptete er den Ball vor dem 1:0 energisch und erzielte das 2:0 mit seinem schwachen linken Fuß per Direktabnahme selbst. Aber hey, das sind ja nur Tore und Assists, das sind ja nur Bonus-Geschichten!

"Ilkay hat sehr viel gearbeitet, sehr viel Kontakt mit uns außen gehabt und versucht, das Spiel zu lenken. Er hat es extrem clever gemacht", lobte Nagelsmann nach dem Ungarn-Spiel. Tatsächlich sind nicht die vielen Torbeteiligungen die erfreulichste Nachricht, sondern die generell funktionierende Raumaufteilung im Mittelfeld - wobei natürlich das eine das andere begünstigt. "Gefühlt wird es immer besser", sagte Gündogan. "Je öfter man zusammenspielt, desto besser wird das Gefühl für den Nebenmann."

Anders als bei den Testspielen blockieren sich Gündogan und die beiden zentrumslastigen Zauberer nicht mehr gegenseitig. Musiala gestand Gündogan nach dem Ungarn-Spiel seine Liebe, vielleicht sogar noch rührender waren aber des Kapitäns Worte in Richtung Kroos. "Wenn wir beide uns auf dem Platz anschauen - selbst für eine Millisekunde - wissen wir, was der andere gerade denkt oder in der nächsten Aktion vorhat", erklärte Gündogan und führte das gute Zusammenspiel auf die neue Positionierung zurück. "Nebeneinander wäre es vielleicht der Fall, dass wir oft das gleiche machen oder denken würden. Wenn wir versetzt spielen, können wir uns besser ergänzen."

Ein Lob war das nicht nur für Kroos, sondern auch für Nagelsmann. Indem er Kroos und Gündogan in einem funktionierenden Mittelfeld untergebracht hat, löste der Bundestrainer seine wohl schwierigste Aufstellungs-Aufgabe. Zweifel an der Leistungsexplosion seines Kapitäns hatte er offenbar keine. "Wir müssen Ilkay alle mehr vertrauen in diesem Land. Ich habe großes Vertrauen in ihn und weiß, was in ihm steckt. Ich bin ganz sicher, dass es so weiter geht." Diese EM könnte als Gündogans langersehnte DFB-Blütezeit in die Geschichte eingehen.

Deutschland vs. Ungarn - 2:0

Tore

1:0 Musiala (22.), 2:0 Gündogan (67.)

Aufstellung Deutschland

Neuer - Kimmich, Rüdiger, Tah, Mittelstädt - Andrich (72. Can), Kroos - Musiala (72. Führich), Gündogan (84. Undav), Wirtz (58. Sané) - Havertz (58. Füllkrug)

Aufstellung Ungarn

Gulacsi - Fiola, Orban, M. Dardai - A. Nagy, Schäfer, Bolla (76. Adam), Kerkez (76. Nagy), Sallai (87. Csoboth), Szoboszlai - Varga (87. Gazdag)

Gelbe Karten

Rüdiger (27.), Mittelstädt (89.) / Varga (23.), Szoboszlai (90.+3.)