Thomas Tuchel: "Ein absoluter Meilenstein"

Von Interview: Haruka Gruber
Thomas Tuchel will den FSV Mainz 05 zu einer Top-Adresse für deutsche Talente machen
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SPOX: Den Gegensatz zu Mainz oder Hoffenheim in der Nachwuchsförderung stellte wohl Schalke unter Ex-Trainer Felix Magath dar. Magath hatte damals als Bayern-Trainer den Schulabbruch von Thomas Kraft befürwortet, zuletzt gab es die Kontroverse wegen Julian Draxler. Haben Sie sich früher als Jugendtrainer in einem schwachen Moment auch mal gewünscht, dass sich ein Talent nur auf den Sport konzentrieren kann, um die bestmögliche Leistung zu zeigen? Oder ist ein Schulabbruch grundsätzlich inakzeptabel?

Tuchel: Also, das ist ein sehr komplexes Thema. Es ist ganz schwer, da eine allgemeingültige Aussage zu treffen, weil jeder Fall anders gelagert ist. Es findet sich sicher in jeder Prämisse und in jedem Konzept der Jugendabteilung eines Bundesligisten der Satz, dass die Schulförderung und berufliche Ausbildung vor der sportlichen Förderung steht und nie hinten anstehen darf. Allerdings ist dies in der Realität oft schwer zu leisten.

SPOX: Warum?

Tuchel: Die schulischen Anforderungen haben sich im Gegensatz zu dem Abitur, das ich damals noch in Bayern gemacht habe, in der heutigen Zeit schon enorm gesteigert, was Umfang und Intensität angeht. Bei aller Wichtigkeit des schulischen Abschlusses muss man allerdings auch zugeben, dass Andre Schürrle - und das ist auch eine Wahrheit - nicht da wäre, wo er heute ist, wenn er sich nicht dazu entschieden hätte, das Gymnasium 2009 mit Fachabitur zu verlassen, damit er jede Trainingseinheit mit den Profis mitmachen kann. Ich will mich also nicht hinstellen und sagen, bei uns gibt es das alles nicht. Allerdings ist das Fachabitur auch ein qualifizierter Abschluss.

SPOX: Muss etwas geändert werden?

Tuchel: Das deutsche Schulsystem gibt jungen Profis nicht viele Möglichkeiten, auf höchstem Niveau zu trainieren und das mit den schulischen Pflichten unter einen Hut zu bringen, wenn es mit dem Leistungssport ernst wird. Auf der anderen Seite verleiht genau das unserem Schulsystem auch eine gewisse Qualität, dass sich da niemand einfach so durchschlängeln kann. Man sollte sich aber grundsätzlich schon darauf verständigen, dass die jungen Spieler die Schule nicht ganz ohne Abschluss abbrechen. Darauf wirken wir auch intensiv hin.

SPOX: Wie geht Mainz mit der Problematik um?

Tuchel: In Mainz gibt es seit Kurzem das Modell der Elite-Schule des Sports. Diese Schule hat eine Sportklasse, in der die Unterrichtseinheiten besser an die individuellen Bedürfnisse der jungen Leistungssportler angepasst sind. So etwas hilft natürlich extrem. Dadurch war es zum Beispiel Jan Kirchhoff möglich, neben dem Profitum und der Juniorennationalmannschaft Abitur zu machen.

SPOX: Sie sagen: Ein Trainer muss zur Philosophie eines Vereins passen. Der mittlerweile gängige Begriff "baden-württembergische Schule" ist jedoch etwas schwammig. Welche konkreten sportlichen, trainingsspezifischen, aber auch pädagogischen Anforderungen müssen die FSV-Jugendtrainer erfüllen?

Tuchel: Ich bin ein großer Verfechter davon, dass der Trainer zur Philosophie des Vereins passen sollte. Der Verein muss daher ein Profil erstellen, wie er Fußball spielen möchte und welchen Trainer er dafür braucht, um diesen Fußball spielen zu lassen. Diese Anforderungen stellen wir natürlich auch im Leistungsbereich U 17 bis U 23, zusätzlich zur sportlich allerhöchsten Ausbildung. U-19-Trainer Stefan Sartori ist Fußballlehrer, U-23-Trainer Martin Schmidt macht gerade seinen Fußballlehrer und für U-17-Trainer Meikel Schönweitz steht dies im kommenden Jahr an. Sie müssen in der Lage sein, die Profiinhalte trainingsspezifisch und altersgerecht in ihren Jahrgängen auf höchstem Niveau umzusetzen und zu lehren. Sie müssen aber auch pädagogischen Ansprüchen genügen.

Thomas Tuchel im SPOX-Interview: "In Mainz ist etwas Herausragendes gewachsen"

SPOX: Geht das konkreter?

Tuchel: Bei Mainz 05 sollen keine Spieler beleidigt, gewisse Umgangsformen gewahrt und eine gewisse Grunderziehung gewährleistet werden.  Der Trainer leistet eine absolute Vorbildfunktion. Die Spieler sollen hier nicht nur gute Fußballer, sondern auch gute Menschen werden. Das fängt mit der Vermittlung von Werten und Umgangsformen wie Grüßen an und geht über Höflichkeit, Gesprächsführung, Annahme und Verarbeitung von Kritik bis zum Umgang mit und innerhalb der Gruppe. Und das ist auch die Anforderung an die Trainer: Neben der Individualität der Spieler sollen auch gewisse Grundprinzipien, für die Mainz steht, vorgelebt und in aller Klarheit eingefordert werden.

SPOX: Sie betonen die Bedeutung Ihres Mentors Hermann Badstuber für Ihre Entwicklung als Trainer und Mensch. Sind Sie mittlerweile so weit, dass Sie für die Mainzer Nachwuchstrainer eine ähnliche Vorbildfunktion ausüben können? Oder fehlt Ihnen noch etwas?

Tuchel: Hermann Badstuber war eigentlich nur ein Jahr lang mein Trainerkollege in Stuttgart, aber durch unseren täglichen Austausch, der auf einer besonderen und freundschaftlichen Basis stattfand, wurde er zu einer Art sportlichen Vaterfigur. Zwischen uns herrschte eine unheimliche Vertrautheit. Er hat mich als Mentor begleitet und weiterentwickelt. Natürlich möchte ich mich hier in Mainz auch in die Entwicklung der Nachwuchstrainer einbringen, insbesondere inhaltlich. Aber ich erwarte und erhalte auch Feedback von den Nachwuchstrainern selbst und so entsteht eine rege Form des Austauschs. Ob ich ein Vorbild bin, das müssen Sie die Trainer selbst fragen. Ich will mich nicht künstlich zu einem machen. Ich lerne jeden Tag dazu und empfinde es als normal, dass auch ich mich stets weiterentwickeln muss.

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