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NFL

Top 10: Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Wildcard-Playoff-Runde

Für die Pittsburgh Steelers, die Seattle Seahawks und die Tennessee Titans endet die Saison deutlich früher als noch vor einigen Tagen gedacht - und die drei gestürzten Schwergewichte gehen mit ganz unterschiedlichen Aufgaben in die Offseason. Die könnten auch unangenehm daherkommen. Außerdem: Was ist los bei den Houston Texans? Und worauf kommt es in der nächsten Playoff-Runde an? SPOX-Redakteur Adrian Franke bringt Euch am Montag mit seinen zehn wichtigsten Punkten und Einschätzungen zum vergangenen NFL-Wochenende auf Stand.

1. Die Seahawks müssen die richtigen Lehren ziehen

Dass die Rams für die Seahawks kein einfaches Matchup werden würde, war klar. Dafür hatte man sich nur das Duell zwischen diesen beiden Teams vor zwei Wochen zu Gemüte führen - oder einen genaueren Blick auf die Seahawks-Offense über die letzten Wochen selbst werfen müssen.

Was ist der Takeaway? Ja, Seattle hat in der ersten Saisonhälfte begeistert. Aber davon sollte man sich in der Selbstevaluierung nicht blenden lassen; zu offensichtlich und zu konstant waren die Probleme. Allen voran darin, dass Wilson massive Probleme hatte, aus der Pocket zu spielen.

Defenses passten sich an die Seahawks-Offense an und bereiteten Wilson insbesondere mit 2-High-Looks deutliche Schwierigkeiten, weil so die vertikalen Pässe schwieriger wurden. Das lässt sich auch statistisch untermauern: Im Vergleich zu Single-High-Coverages fallen Wilsons Werte gegen 2-High-Defenses bei der Touchdown-Quote (8,7 Prozent auf 4,8 Prozent), den Yards pro Pass (8,32 auf 7,34), den Expected Points Added pro Passversuch (0,18 auf 0,11) und die Interception-Quote geht hoch (1,4 auf 2,4 Prozent).

Das führte dazu, dass er zögerlicher wurde, dass er in der Pocket hektisch spielte, regelmäßig in den Druck lief, offene Passfenster verstreichen ließ und sich auf ein Timing-Kurzpassspiel einlassen musste, das er nur bedingt in seinem Arsenal hat. Das ist nicht Wilsons Stärke und war es auch noch nie, sein Spiel steht und fällt mit den Big Plays. Und die Offensive Line spielte zunehmend schlechter.

Diese Probleme schaukelten sich gegenseitig hoch, das Ergebnis war eine Offense ohne Baseline, ohne ein konstantes Passspiel, die vor allem von individuellen - und zu häufig improvisierten - Big Plays abhängig war. So auch gegen die Rams. Wilson hatte ein ganz schwaches Spiel, längst nicht zum ersten Mal dieses Jahr, und an diesem Punkt muss man vielleicht auch einfach die Frage stellen, ob man sich darauf verlassen kann, dass er sich schon selbst da wieder raus zieht.

Seahawks: Wilsons Defizite eingestehen - und adressieren

Bei den Seahawks sagen wir seit Jahren - häufig war die Kritik aber auch überzogen - dass mehr in die Offensive Line investiert werden muss. Aktuell ist die Aussage aber wieder zutreffend, gerade in die Interior Line. Wilson benötigt eine viel sauberere Interior Pocket - und muss dann auch daraus noch deutlich konstanter spielen. Und es muss ein noch größerer Fokus der Offense sein, Wilson per Design über Rollouts und dergleichen in Bewegung zu bringen.

Dieses Playoff-Spiel war desolat gecoacht, auf beiden Seiten des Balls, und die Seahawks, mit all ihrer Erfahrung, präsentierten sich in vielerlei Hinsicht wie ein Team, das gerade erstmals Playoff-Luft schnuppert. Ein Team, das über die zweite Saisonhälfte in seinem Ansatz konservativer wurde und keine Antworten fand, um die Passing-Offense wieder in die Spur zu bringen. Das geht maßgeblich auf Brian Schottenheimer, der auch am Samstagabend gehörig angezählt wurde, zurück.

Der drastische Umbruch in Seattle wird ausbleiben. Aber mit einer enorm enttäuschenden Leistung, die man zumindest in Teilen schon seit Wochen kommen sehen musste, endet eine letztlich bittere 12-Siege-Saison. Aus der gilt es, im Rahmen des denkbaren Umbruchs, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und das beinhaltet auch, sich Wilsons Defizite einzugestehen und diese bestmöglich zu kaschieren. Womöglich mit einem anderen Offensive Coordinator.

2. Die Titans: An der eigenen Sturheit gescheitert

Ein spannender Ansatz, um auf ein Team nach dem Playoff-Aus zu blicken, ist für mich immer: Was bleibt hängen? Was hat das Playoff-Aus definiert - und lässt sich die Antwort hierauf womöglich auf die gesamte Saison projizieren? Bei den Titans trifft genau das für mich zu.

Meine Kernkritik zu Tennessee im Laufe der Saison - abgesehen von der schlechten Pass-Defense, insbesondere dem enttäuschenden Pass-Rush - bezog sich fast immer darauf, dass Tennessee zu stur beim Run Game blieb, auch wenn es nicht funktionierte. Selbst wenn Henry dann im 20. Versuch einen langen Run durchbrach, wie viele Drives hatte es die Titans bis zu diesem Punkt gekostet? Wie häufig musste man über lange Third Downs gehen, weil man immer wieder an Henry bei First Down festhielt?

Nach der Niederlage gegen Baltimore blieb genau das bei mir hängen. Tennessee hatte früh Erfolg durch die Luft, allen voran A.J. Brown war direkt ein schwieriges Matchup. Insbesondere, wenn die Ravens in ihre aggressive Eins-gegen-Eins-Coverage gingen; und Baltimore blitzte von Anfang an aggressiv, obwohl Tannehill den Blitz einige Male schlug.

Doch was passierte Tennessee wieder? Die Titans gaben Henry abermals den Ball, erneut und erneut. Und das obwohl die Ravens konstant die Box vollpackten, wohlwissend, dass Tennessee beim Run Game bleiben würde. Henry lief 72 (!) Prozent seiner Runs gegen acht oder mehr Verteidiger in der Box. In der Regular Season kam er hier auf 28 Prozent.

Es dauerte bis tief in die zweite Hälfte, ehe Tennessee sein erstes First Down per Run kreierte - per QB-Sneak wohlgemerkt. Die Titans beendeten das Spiel mit -0,26 Expected Points Added pro Run bei First und Second Down, und mit 0,14 Expected Points Added pro Pass bei First und Second Down. Tennessee verzeichnete im Schnitt keine 2,5 Yards pro Run bei Early Down, ihr schlechtester Schnitt in dieser Saison. Und trotzdem blieben die Titans dabei, callten 18 Early-Down-Runs, bei 19 Pässen.

Diese Sturheit bereitet nichts vor, es öffnet nicht das Passspiel, es bringt Henry nicht ins Rollen - und wenn man schon so spielt, dann sollte man wenigstens auch wann immer es sich halbwegs sinnvoll anbietet mit vier statt drei Downs spielen. Doch Tennessee präsentierte sich auch hier wieder viel zu rückständig, puntete in absurden Situationen. Laut dem Surrender Index gelang so unter anderem auch der "feigste Punt" dieser Saison. Vrabel erklärte später, dass er auf Field Position spielen wollte, was nicht für sein Situationsverständnis spricht.

Tennessee hat kein schlechtes Team, ganz im Gegenteil. Aber dieses Spiel war ein Musterbeispiel dafür, wie man offensiv zu unflexibel und bei den In-Game-Entscheidungen komplett ohne Gefühl für die Situation agieren und sich so ein Spiel kosten kann. Und das eben längst nicht zum ersten Mal in der Vrabel-Ära in Tennessee.

3. Die Houston Texans mit Volldampf ins Debakel

Zugegeben, dieser Punkt gehört nicht direkt zum Playoff-Wochenende; und doch bestimmte er am Sonntag die Schlagzeilen.

Es brodelte bereits gehörig rund um die Houston Texans, ehe sich schließlich am Wochenende auch die großen ESPN-Insider zu Wort meldeten: Adam Schefter vermeldete, dass Quarterback Deshaun Watson laut einer Quelle auf einer Skala "nach dem Trade von DeAndre Hopkins auf einer 2 war. Jetzt ist er bei 10." Chris Mortensen fügte hinzu, dass die Berichte korrekt sind, Watson höchst unzufrieden sei und ein Trade womöglich zu den Miami Dolphins eine denkbare Option sein könnte.

Wie unfassbar dämlich - sofern die Berichte stimmen - die Texans die Sitution um Deshaun Watson gemanagt haben, das grenzt schon an Selbstsabotage. Watson hatte um gar nicht viel gebeten, es ging ihm in erster Linie darum, dass sein Input bei der Suche nach einem neuen Head Coach und einem neuen GM gehört wird. Die Texans verzichteten darauf.

Als ob das nicht schlimm genug wäre, taten sie es angeblich, obwohl sie Watson zugesagt hatten, dass sie dessen Input mitnehmen. Und das sollte sowieso ein No-Brainer sein, unabhängig von möglichen Zusagen: Der wichtigste Spieler deiner Organisation sollte grundsätzlich in derartige Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden.

Das heißt nicht, dass Watson den neuen Coach aussucht und vorgibt, welche GM-Kandidaten in Frage kommen. Aber das fällt für mich eher in die Kategorie gesunder Menschenverstand und vernünftiges Leiten einer Organisation. Warum solltest du nicht Watsons Input haben wollen? Und wenn er gerne mit Eric Bieniemy arbeiten würde - solltest du dir dessen Pitch nicht wenigstens anhören? In Zeiten, in denen ein Head-Coach-Interview keine Tagesangelegenheit in den Büros ist, sondern ein Zoom-Call über ein paar Stunden?

Die Antwort für mich ist ein klares Ja, und bei den Texans, beginnend mit der Personalie Jack Easterby, bekommt man mehr und mehr den Eindruck, dass Machtspielchen und persönlicher Machthunger gerade die Richtung der Franchise vorgeben. Vielleicht kann Nick Caserio die Segel in eine andere Richtung setzen - Watson zu verlieren wäre das absolute Horrorszenario.

Was bleibt den Texans jetzt? Watson ist erstmal im Urlaub und vermutlich ist es der beste Weg für Houston, die Situation abkühlen zu lassen und sich dann wieder zusammen zu setzen, um all das, was sich über die letzten Tage angesammelt hat, im Idealfall aus der Welt geschaffen werden kann. Ultimativ rechne ich Stand heute auch trotz allem nicht damit, dass es wirklich zum Bruch in Form eines forcierten Trades kommt.

Natürlich hat Watson gerade seinen neuen Vertrag unterzeichnet. Aber man wäre naiv, wenn man die Situation mit Verweis auf Watsons mangelnde Druckmittel abtun würde. Wenn Watson weg will, und das fernab finanzieller oder vertraglicher Unzufriedenheit, dann wird es schwer für die Texans sein, das trotzdem hinzubekommen.

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