Tennis

Tennis, US Open - Sascha Bajin im Interview: "Sorry, Drake, aber deine Schuhe taugen mir nicht"

Sascha Bajin war lange Zeit als Hitting-Partner an der Seite von Serena Williams.
© getty

Daran anschließend: Sie bringen bald in Japan Ihr erstes Buch auf den Markt, in dem es auch um Mentalcoaching geht. Wer sollte sich dieses Buch kaufen?

Bajin: Es ist an jeden gerichtet, es hat im Grunde gar nichts mit Tennis zu tun. Es geht darum, wie ich mir mein Leben leichter machen kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Jeder Mensch geht jeden Tag zur Arbeit und hasst schon alleine den Weg dorthin.

Vollkommen korrekt.

Bajin: Eben. Mein Tipp lautet: Stehe doch zehn Minuten früher auf und nehme einen Umweg in Kauf, aber dann siehst du etwas Neues. Ich habe das selbst auf der Tour erlebt. Eine der größten Qualitäten der besten Spieler ist es, dass sie Langeweile perfektionieren. Wenn du drei Wochen beim Grand Slam bist und jeden Tag den gleichen Weg vom Hotel zur Anlage und wieder zurück siehst, dann macht dich das fertig. Kommen wir nach einem Grand Slam zum nächsten Turnier, habe ich oft gemerkt, wie viel größer die Motivation plötzlich wieder war. Nur, weil es eine neue Stadt war, ein neues Hotel, ein neuer Platz. Neue Eindrücke machen einen großen Unterschied.

Bajin: "Tauschen Sie mal die Lampe aus, stellen Sie anderen Fotos auf"

Also soll ich morgen eine andere S-Bahn nehmen?

Bajin: (lacht) Ja. Oder fahren Sie doch die ersten vier Stationen mit dem Fahrrad und steigen dann in die Bahn ein. Es kostet vielleicht ein bisschen mehr Zeit am Morgen, aber es lohnt sich. Ähnliches gilt für den Arbeitsplatz. Tauschen Sie mal die Lampe aus, stellen Sie andere Fotos auf. Oder zuhause: Wie viele Menschen wissen, was in Ihrer Matratze drin ist? Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens mit Schlafen, wissen aber mehr über den Fernseher als über mögliche Giftstoffe in unserer Matratze. Und dann wundern wir uns, wenn wir schlecht schlafen und akzeptieren lieber Rückenschmerzen, als dass wir etwas ändern. Das gibt es doch nicht. Nach so vielen Jahren auf der Tour weiß ich genau, in welchen Hotels ich gut schlafen kann. Um solche Kleinigkeiten, die eine große Wirkung haben können, geht es in dem Buch in erster Linie.

Wenn wir bei Kleinigkeiten sind: Welche Details fehlen denn aktuell Ihrer Spielerin Kiki Mladenovic zur Weltklasse?

Bajin: Ich bin total davon überzeugt, dass Kiki das Potenzial hat, um jede Spielerin zu schlagen und die größten Turniere zu gewinnen, sonst würde ich auch nicht mit ihr zusammenarbeiten. Daran glaube ich fest. Bei Kiki ist es so, dass sie auf gewisse Weise zu viele Waffen und zu viel Variation in ihrem Spiel hat. An sich ist das ihre große Stärke, aber manchmal wird ihre große Stärke dann auch zur Schwachstelle. Weil sie dann zu viele Möglichkeiten im Kopf hat und den Stopp in einem Moment spielt, in dem sie ihn lieber nicht spielen solte. Oder dass sie ans Netz geht in einem Moment, wo sie besser hinten geblieben wäre. Das versuchen wir gerade in die richtige Richtung zu lenken.

Bajin über die Big Three: "Du musst zur Maschine werden"

Kiki Mladenovic ist mit Dominic Thiem liiert. Was trauen Sie ihm in NY zu?

Bajin: Dominic hat das Zeug, den Tennissport in Zukunft zu dominieren. Nicht nur auf Sand, sondern auch auf schnellen Hartplätzen, das hat er mit seinem Sieg in Indian Wells bewiesen. Er ist sicher einer der Favoriten für die US Open und potentiell jemand, der das Turnier auch gewinnen kann, absolut. Dominic ist aber vor allem ein geiler Typ. Ein echtes Vorbild für jeden. Es ist total schön mitanzusehen, was für eine wundervolle Beziehung Kiki und er haben und wie sie miteinander umgehen. So eine Beziehung kann man jedem nur wünschen.

Thiem ist auf jeden Fall einer der Top-Kandidaten, um die unfassbare Dominanz der Big Three zu durchbrechen. Was beeindruckt Sie denn am meisten, wenn Sie an Djokovic, Nadal und Federer denken?

Bajin: Das Zauberwort heißt Konstanz. Und damit meine ich gar nicht die Matches oder das Training. Auch diese Jungs trainieren nicht großartig anders als alle anderen, du kannst Tennis nicht mehr komplett neu erfinden. Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt. Der Punkt ist, dass diese Jungs jeden verdammten Tag alles zu hundert Prozent machen. Aufwachen, richtig essen, pünktlich beim Training sein, aufwärmen, dehnen, Massage, abends rechtzeitig schlafen gehen. Keiner dieser Jungs sagt auch nur einmal: Heute lasse ich die Massage mal weg und lege mich direkt auf die Couch vor den Fernseher. Du kannst dich jeden Tag für oder gegen die Waffel entscheiden. Novak, Roger und Rafa entscheiden sich immer gegen die Waffel. (lacht) Und zwar an 365 Tagen im Jahr. Nicht an 364 und schon gar nicht nur an 363. Diese Disziplin ist mega-langweilig, aber du musst zur Maschine werden, wenn du auf dieses Niveau kommen willst. Und bei den Damen gibt es mit Serena, oder auch mit Maria Sharapova, ähnlich beeindruckende Beispiele. Das ist Wahnsinn.

Jemand, der genau daran scheitert, und zwar kolossal, ist Nick Kyrgios. Würde Sie es reizen, ihn zu trainieren, oder eher gar nicht?

Bajin: Eher im Gegenteil. Kyrgios zu trainieren, würde mich nicht reizen. Wenn ich schon so viele Opfer bringe, dann will ich das für jemanden machen, der auch bereit ist, all das zu investieren, was ich von ihm verlange. Mich interessiert der Typ, der hart arbeitet, aber aus irgendeinem Grund noch nicht so den Erfolg hat, viel mehr als der Typ, der nicht wirklich Bock hat. Ich bin in keinster Weise in einer Position, ihn zu kritisieren. Es ist sein Leben. Ich habe aber für mich mal entschieden, dass ich nicht eines Tages aufwachen will und mir wünschte, ich hätte mich doch mehr angestrengt. Wird dieser Tag für ihn kommen? Ich hoffe für ihn, er kommt rechtzeitig. Die Entscheidungen im Leben, die du am meisten bereust, sind diejenigen, die du nicht getroffen hast. Wenn du alles probiert hast, kannst du stolz auf dich sein. Aber nochmal, es ist sein Leben. Er muss wissen, was er tut.

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