Tennis

Tennis, US Open - Sascha Bajin im Interview: "Sorry, Drake, aber deine Schuhe taugen mir nicht"

Sascha Bajin war lange Zeit als Hitting-Partner an der Seite von Serena Williams.
© getty

Welcher Aspekt ist denn als Coach der wichtigere? Eher das Tennisspezifische, oder eher die Rundherumbetreuung?

Bajin: Das hängt extrem von der Spielerin ab. Es gibt Mädels, die dich nur auf der Anlage und auf dem Platz sehen, dich aber auf keinen Fall beim Abendessen dabei haben wollen. Weil sie immer automatisch an Tennis denken, wenn sie mich sehen und das vermeiden wollen. Das kann ich auch verstehen. Und dann gibt es Spielerinnen, mit denen du auch abseits des Courts viel Zeit verbringst. Als Beispiel: Naomi und ich haben uns von November 2017 bis November 2018 ganze 13 Tage nicht gesehen. 13 Tage. Selbst an freien Tagen sind wir als Team ins Kino gegangen, oder haben sonst etwas unternommen. Ich würde von mir behaupten, dass ich als Coach sehr anpassungsfähig bin und mir das immer geholfen hat, erfolgreich zu sein. Naomi wollte jeden Abend um 19 Uhr zu Abend essen. Mir war das eigentlich zu früh, aber es geht nicht um mich. Es geht nur um sie. Also habe ich meinen Biorhythmus angepasst und wir sind um 19 Uhr zum Abendessen gegangen. Ich muss als Coach bereit sein, alles meiner Spielerin unterzuordnen.

Sie sprechen die Zeit mit Naomi Osaka an, die sehr überraschend zu Ende gegangen ist Anfang des Jahres. Wie bewerten Sie das Ende und die Zeit insgesamt mit etwas Abstand?

Bajin: Ich bin unheimlich dankbar für die Zeit und auch stolz darauf, was wir zusammen erreicht haben. Wir haben außerhalb der Top 70 angefangen und innerhalb von bisschen mehr als einem Jahr ist Naomi die Nummer eins der Welt geworden. Das wird sich so schnell nicht wiederholen lassen. Wenn ich nur an das US-Open-Finale denke, genau für diese Matches und diese Momente, wenn du Teil von Geschichte wirst und auf der ganzen Welt Millionen von Fans zuschauen, lebst du auch als Coach. Ich bin dankbar, dass Naomi mir gefolgt ist und es mir erlaubt hat, ein Teil dieser tollen Reise zu sein. Wir hatten auch unsere Aufs und Abs, es gab zwischendurch auch Phasen, in denen nicht alles Sonnenschein war, aber auch das gehört dazu.

Bajin: "Dann gibt es eben kein Weihnachten, keinen Geburtstag, keine Hochzeit"

Es fällt auf, wie viel auf der Damen-Tour der Coach gewechselt wird.

Bajin: Ich kann es mir selbst nicht so richtig erklären, warum in den letzten vier Jahren so ein Trend entstanden ist. Wenn ich an mich denke, hatte ich einige Male auch Pech. Vika Azarenka ist schwanger geworden, Sloane Stephens hat sich verletzt, diese Dinge passieren, aber die Rotation hat zugenommen, das ist offensichtlich. Mein Ziel ist immer eine langfristige Beziehung, aber ich bin als Coach von der Entscheidung der Spielerin abhängig. Ich hatte mit Caroline Wozniacki ein tolles Jahr mit sieben Finalteilnahmen und ihrem damals größten Erfolg überhaupt mit dem Sieg bei den WTA Finals 2017, aber warum auch immer wollte sie danach nicht mit mir verlängern. Wir haben uns nicht gestritten und es war völlig in Ordnung, wie es abgelaufen ist, aber natürlich ärgert man sich dann und es trifft einen, wenn man so viel investiert hat. So viel Zeit, aber auch so viel an Emotionen. Bei jeder neuen Spielerin muss ich mich beweisen und ihr zeigen, dass ich mehr tue und härter arbeite als andere Trainer. Kiki weiß nicht, was ich alles für Naomi geopfert habe. Naomi weiß nicht, was ich alles für Caroline geopfert habe. Es weiß niemand, dass ich die Hochzeit meiner Mutter für Sloane Stephens verpasst habe.

Sind es vielleicht manchmal zu viele Opfer, die man als Coach bringen muss?

Bajin: Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht in einem Club in Palm Beach Privatstunden gebe und so gutes Geld verdiene, aber ich fühle mich immer noch etwas zu jung dafür. Ich habe immer noch Lust, zu reisen und ich habe immer noch Lust, einer Spielerin dabei zu helfen, ihre Träume zu erfüllen. Und wenn ich diesen Job mache, dann mache ich ihn nicht wie andere Trainer nur für 25 oder 35 Wochen im Jahr. Dann mache ich ihn zu hundert Prozent. Dann gibt es eben kein Weihnachten, keinen Geburtstag, keine Hochzeit. Ich bin Mitte 30 und weit davon entfernt, Kinder zu haben oder irgendeine Art von fester Freundin. Es zehrt an mir, wenn ich die Beerdigung des Vaters einer meiner besten Freunde in Kroatien verpasse, es drückt mich nach unten, aber ich will einer der besten Trainer der Welt sein. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das nur geht, wenn ich wirklich mehr leiste und mehr opfere als andere. Das bin ich auch meinem Vater schuldig.

Bajin: "Ich habe auf der Damen-Tour als Coach einen viel größeren Einfluss"

Was macht das Coaching auf der Damen-Tour aus Ihrer Sicht attraktiv?

Bajin: Ich habe auf der Damen-Tour als Coach einen viel größeren Einfluss. Bei den Herren sind Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer so viel besser als alle anderen, dass es eigentlich nicht möglich ist, die Nummer 40 zu übernehmen und ihn ganz nach oben zu führen. Die Möglichkeiten, was ich mit einem Spieler erreichen kann, sind limitiert. Bei den Damen ist dagegen vieles möglich, man sieht die Resultate der Zusammenarbeit auch schneller. Bei den Damen hängt es unglaublich davon ab, ob sich eine Spielerin gerade in ihrer Komfortzone befindet und vor Selbstbewusstsein strotzt. Deshalb kann ich als Coach viel bewirken, wenn ich mich zu hundert Prozent darauf einlasse und sie emotional stark mache. Das Feld bei den Damen ist so offen, dass es für den Zuschauer einerseits spannend, für den Trainer andererseits aber auch manchmal frustrierend ist, weil in jeder Woche alles drin ist.

Wie besonders ist eine Spielerin wie die erst 19-jährige Bianca Andreescu? Sie scheint das gewisse Etwas zu haben.

Bajin: Andreescu ist das perfekte Beispiel für eine Spielerin, die mental auch mit 19 schon unglaublich weit ist. Wenn sie auf den Platz geht, ist sie total davon überzeugt, dass sie die Beste ist. Dieses Selbstbewusstsein spiegelt sich in ihrer Entschlossenheit und ihren Entscheidungen auf dem Court wider. Da ist kein Zögern erkennbar. Auch wenn sie einen Satz verliert, bleibt sie ihrer Linie treu und macht einfach weiter. Nach einer Verletzungspause zurückzukommen, ist eine der schwierigsten Aufgaben. Und was macht sie? Sie gewinnt sofort in Toronto. Wir brauchen mehr Spielerinnen wie Andreescu, ich bin sehr von ihr begeistert.

Sie scheint auch schon in jungen Jahren die Fähigkeit zu besitzen, selbst Lösungen zu finden.

Bajin: Es ist eine der wichtigsten Fähigkeiten für Spielerinnen, dass sie in der Lage sind, sowohl auf als auch außerhalb des Courts mit Problemstellungen fertig zu werden. Deshalb bin ich auch so ein großer Gegner des On-Court-Coachings. Damit wird der Spielerin dieser Gedankengang der Problemlösung genommen. Dazu kommt, dass es bei einem Grand Slam ohnehin nicht erlaubt ist - und dort wollen wir doch am Ende den Titel gewinnen. Das geht nur, wenn du deiner Spielerin Selbstständigkeit beibringst. Sie muss das Gefühl haben, selbst alles überwinden zu können. Sie darf nicht abhängig von mir sein. Ich achte sehr darauf, dass ich im Training, oder auch mal im Fitnessstudio, meine Spielerin in Situationen bringe, die unangenehm sind. Ich will eine Spielerin mit schwierigen Situationen konfrontieren, damit es im Match ein bekanntes Gefühl für sie ist. Denn egal, wie sehr ich ihr helfe, am Ende ist sie auf dem Platz alleine und muss es ohne mich regeln.

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