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Schwimmen

Schwimmen - Michael Groß im Interview: "Das sah schon rattenscharf aus"

Michael Groß mit Sportreporter Harry Valerien vom ZDF:
© imago images

Wann war klar, dass Sie Profi werden?

Groß: War ich ja nicht.

Also gut: Dass Sie Ihr Leben auf den Schwimmsport ausrichten.

Groß: Hab ich auch nie. Ich habe Abitur und Olympia parallel gemacht und über meine gesamte Karriere kein Schuljahr oder Semester versäumt.

Das klingt heute schwer vorstellbar.

Groß: Das ist das größte Problem: Der Sport hat sich in den letzten drei Jahrzehnten weiterentwickelt, aber die meisten Olympiasportler müssen ihn von der Einstellung und auch vom Zugang her als Hobby sehen. Sie müssen sich um einen normalen Beruf kümmern, weil nur die wenigsten mit dem Sport während der Karriere Geld verdienen können, geschweige denn ein Polster anlegen. Durch die Professionalisierung in vielen Ländern ist der Wettbewerbsdruck aber wesentlich größer geworden. Sie können das also gar nicht mehr kombinieren. Das ist zurzeit eine große Herausforderung und der Grund dafür, dass der deutsche Spitzensport weltweit immer weniger Erfolge feiert. Das sieht man an den olympischen Medaillenspiegeln.

Wie viele Stunden haben Sie denn als Teenager täglich investiert?

Groß: Drei, vielleicht dreieinhalb Stunden. Davon zwei bis zweieinhalb im Wasser.

Also hätten Sie mit Ihrem Trainingspensum von damals heute keine Chance?

Groß: Doch, aber: Ich könnte das Pensum heute so kaum machen, selbst wenn ich wollte. Damals war ich relativ flexibel, ich hatte 13 Jahre bis zum Abi und nie nachmittags Schule. Und ich hatte ein Studium, das längst nicht so verschult war wie heute der Bachelor.

Drei Stunden täglich, das klingt für die absolute Weltspitze vergleichsweise überschaubar. Geholfen hat Ihnen, dass Sie im Training für die damalige Zeit neue Wege eingeschlagen haben.

Groß: Nachdem in den 70ern sehr viel im Wasser trainiert worden ist und man über extreme Wasserarbeit kam, hat man in den 80ern gemerkt, dass man das so nicht mehr unendlich steigern kann. Also kam ergänzend Landtraining dazu: Krafttraining, zum ersten Mal auch richtig Gymnastik und Gesamtkoordinationstraining, Grundkonditionierung über Waldläufe. Dank dieser Evolution konnten wir die Technik von Mark Spitz auch mit längeren Hebeln umsetzen. Spitz war mit 1,83 ja relativ klein, wie alle Schwimmer in den 70ern. Zum Ende des Jahrzehnts wurden sie dann größer.

Und heute?

Groß: Da wird das Gleiche passieren. Derzeit sind die Schwimmer im Durchschnitt wieder kleiner als wir früher, haben sich aber technisch weiterentwickelt. Das sieht man als Laie gar nicht: Sie haben eine Technik, die wesentlich kraftraubender ist als unsere früher - aber eben auch schneller. Die nächste Generation wird wieder größer werden und dann die Technik, die Michael Phelps mit 1,93 schwimmen kann, mit über zwei Metern schwimmen. Das sind immerhin rund zehn Zentimeter Unterschied an Hebeln.

Gleichzeitig haben die Sprinter auf den kurzen Strecken im Vergleich zu ihrer Zeit ordentlich an Muskelmasse zugelegt, oder?

Groß: Gut, das war natürlich auch durch die modernen Anzüge bedingt, die mittlerweile verboten sind. Paul Biedermann hat ja ganz klar gesagt: Nachdem die Anzüge weg waren, musste er erst einmal abspecken.

Wieso denn das?

Groß: Weil es durch diese Anzüge einen Auftriebseffekt gab. Dadurch wurde das Körpergewicht, und damit die Muskelmasse, nicht mehr so zum Problem. Wir mussten abwägen: Je mehr Gewicht und Muskelmasse du hast, desto mehr musst du im Wasser rumschleppen. Das ist auch heute wieder so. Deswegen haben Paul Biedermann und viele andere dann abgenommen, nachdem die Anzüge verboten wurden.

Wurde zu Ihrer Zeit schon am Material experimentiert?

Groß: Überhaupt nicht: Badehose und fertig. Die bestanden aus Skinfit-Material, mit einer Passform, die sich eher der Haut anschmiegt. Es gab also nicht mehr diese "Säcke", aber das war letztlich nur eine Weiterentwicklung und ist heute absoluter Standard. Das war vor allem für die Mädchen wichtig - wobei das auch lustig war, weil das Material am Anfang wirklich extrem hauteng war. Die bekamen von der Optik echt Probleme, denn das sah zum Teil schon ziemlich rattenscharf aus. (lacht) Man musste dann etwas tun, weil klar war: So geht es nicht. Sind ja keine Pin-Up-Models.

Wenn wir schon bei den Frauen sind: Bei den Olympischen Spielen 2004 haben Franziska van Almsick und Antje Buschschulte gesagt, dass sie das Wasser "nicht richtig zu fassen bekommen haben". Der Satz ging damals durch die Presse. Was bedeutet das, das Wasser "nicht fassen können"?

Groß: Gemeint ist in diesem Fall die Form. Das muss man sich als Laie so vorstellen: Die Tagesform kann eine halbe Sekunde auf einer Bahn, also auf 50 Meter, ausmachen. Eine halbe Sekunde sind Welten. Als Schwimmer muss man jeden Tag das Wassergefühl schulen. Auch in der Weltklasse: jeden Tag, zehn bis 15 Prozent des Trainingsumfangs. Wenn sie drei, vier Tage aus dem Wasser raus sind, dann verlieren sie das Wassergefühl, was eben eine halbe Sekunde Unterschied macht. Und dieses Gefühl ist entscheidend, weil Schwimmen eben sehr stark feinmotorisch ist. Kleine Winkelbewegungen, etwa eine um zehn Grad andere Handgelenkshaltung, bringen einen gigantischen Unterschied. Das sagt man als Schwimmer eben so geläufig: "Ich konnte das Wasser nicht fassen, habe kein Wassergefühl entwickelt." Das ist der entscheidende Unterschied zwischen "Ich bin in Deutschland gut" und "Ich bin in der Welt gut", hat mit dem Wasser an sich aber nichts zu tun. Was einen Unterschied machen kann, ist zum Beispiel die Beckentiefe.

Ist Ihnen das bei großen Rennen auch passiert?

Groß: Meine Stärke war das "Tapern", also das Zuspitzen der Form. Die Erholungsphasen vor den Wettkämpfen so zu takten, dass man dann körperlich fit ist und über die körperliche Fitness auch das Wassergefühl entwickelt. Wenn man mich ein paar Tage vor Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften im Wasser gesehen hat, war das unterirdisch. Da war ich total platt, obwohl ich wenig gemacht hatte, und hatte kein Wassergefühl.

Und das führt nicht zur Panik?

Groß: Ich musste ruhig bleiben und mir sagen: Das ist genauso getaktet. Sie fühlen in dieser Phase jeden Tag rein: Bin ich so unterwegs, wie ich mir das vorgestellt habe? Sie schwimmen Trainingstests und gucken, was funktioniert. Über ein oder zwei Nächte kommt das dann plötzlich und sie schwimmen eineinhalb bis zwei Sekunden schneller auf 50 Meter. Mit dem gleichen Aufwand. Das Feintuning im Schwimmen spielt eine enorme Rolle.

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