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Leichtathletik

Malaika Mihambo im Interview: "Man kann sich nicht sicher sein, ob man am Monatsende bei Null rauskommt"

Weitspringerin Malaika Mihambo ist das Gesicht der deutschen Leichtathletik: Nach Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio im vergangenen Jahr verteidigte die 28-Jährige Ende Juli bei der Leichtathletik-WM 2022 in Eugene/Oregon ihren Titel. Es war die einzige Goldmedaille für den deutschen Leichtathletik-Verband.

Auch bei den derzeitigen European Championships in München war die alte und neue Weltmeisterin die große Favoritin im Feld, geht aufgrund einer kürzlichen Corona-Erkrankung nun aber geschwächt an den Start.

Am Dienstag qualifizierte sich Mihambo im Olympiastadion allerdings mit der Tagesbestweite von 6,99 m ohne Mühe für das Finale am Donnerstag.

Im Interview mit SPOX lässt Mihambo ihr WM-Gold Revue passieren und erklärt, warum der Anlauf im Weitsprung so knifflig sein kann. Darüber hinaus spricht sie über muskulöse Konkurrenz, Freundschaften in der Weitsprunggrube und darüber, wie sie ihre größte sportliche Krise gemeistert hat.

Außerdem analysiert Mihambo die aktuellen Probleme der deutschen Leichtathletik, zeigt Wege aus der Krise auf und verrät, wo sie sich selbst in der Verantwortung sieht.

Frau Mihambo, Sie haben einmal gesagt, dass Lernen ganz wichtig für Sie ist. Was lernen Sie denn zurzeit?

Malaika Mihambo: (lacht) Vieles, Spanisch zum Beispiel. Manches über mich: Ich lerne mit meiner Geschwindigkeit, die ich jetzt wieder habe, besser zu springen. Ich lerne auch viel über das Loslassen und darüber, Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Also sehr unterschiedliche Dinge.

Gibt es etwas, das Sie bei der Leichtathletik-WM in Eugene gelernt haben und das sich bei Ihnen festgesetzt hat?

Mihambo: Ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass ich derzeit ganz andere Arten von Wettkämpfen bestreiten kann. Zum einen bin ich wieder in der physischen Verfassung von 2019 [bei der WM in Doha gewann Mihambo mit persönlicher Bestleistung von 7,30 m Gold, Anm. d. Red.]. Und ich bin als Mensch noch reifer geworden und weiß, dass ich auf mich vertrauen kann. Eine Situation wie in Eugene nimmt mich heute weniger mit, als es zum Beispiel noch in Doha der Fall war.

Dann lassen Sie uns doch über die Situation in Eugene sprechen. Nach zwei ungültigen Versuchen drohte Ihnen im Finale das vorzeitige Aus - ein weiterer Fehlversuch und die Medaille wäre verloren gewesen. Was ging nach dem zweiten Sprung in Ihnen vor?

Mihambo: Ich habe mich erst einmal hingesetzt, weil mein Trainer noch ein bisschen Zeit brauchte, um herauszufinden, wo das Problem war.

Nämlich?

Mihambo: Ich habe einen technischen Fehler gemacht. Ich bin eigentlich gut angelaufen, habe die letzten drei Schritte vor dem Brett aber zu lang gezogen. Deshalb waren die Versuche ungültig, obwohl sie eigentlich hätten gültig sein müssen. Also wusste ich schon einmal, wo die technische Stellschraube ist, an der ich drehen muss. Gleichzeitig durfte ich mir nicht sagen: "Mach kürzere Schritte." Sonst sind sie am Ende zu kurz und man landet 50 Zentimeter vor dem Brett, springt trotzdem 6,50 m - aber das reicht dann eben nicht, um im Finale dabeizubleiben.

Wie behält man in dieser Situation die Ruhe?

Mihambo: Man muss weiter an sich glauben. Ich habe vor dem dritten Sprung noch einmal kurz meditiert, auch wenn es keine sehr tiefe Meditation war. Aber es hat gereicht, das quasi noch einmal "anzutippen", damit ich mich später mit sehr viel Selbstvertrauen in den dritten Sprung stellen konnte und wusste: Ich kann das - und ich mache das jetzt auch.

In Eugene sagten Sie nach dem Wettkampf: "Mein Trainer hat mir einen sehr großzügigen Anlauf gegeben." Das hat mich überrascht. Muss der Anlauf eigentlich nicht immer gleich sein?

Mihambo: Ich habe schon meinen ungefähren Anlauf, den ich so im Training laufe. Aber da kann ich nicht unbedingt 100 Prozent erreichen, sondern vielleicht nur 95 Prozent. Mit Wettkampfdruck und Publikum ist es einfach nochmal etwas anderes. Es hängt immer von den Verhältnissen ab: Wind, Wetter, Temperatur. Gibt es ein Gefälle auf der Anlage, wie ist der Untergrund? Dazu kommt: Wie sehr kann ich mich am jeweiligen Tag pushen? Wenn ich sehr viel Energie habe, werde ich von meinem Trainer Uli Knapp weiter nach hinten geschickt. In Eugene lag mein Anlauf bei über 41 Metern, fast ein Meter mehr als noch zu Saisonbeginn. Das zeigt, dass mein Training erfolgreich war und ich schneller geworden bin.

Man stellt es sich als Laie so einfach vor: Der Sprung war fünf Zentimeter übergetreten, also geht man im Anlauf fünf Zentimeter zurück und es passt.

Mihambo: So ist es leider nicht. (lacht) Wenn mir mein Trainer einen "großzügigen" Anlauf gibt, bedeutet das, dass ich noch einen halben Fuß als Spielraum habe. So habe ich noch Puffer zum Brett, wenn der Wind stärker bläst oder ich zum Beispiel durch technische Fehler größere Schritte mache. Das Schwierige ist: Bei einem längeren Anlauf muss ich genau so dynamisch loslaufen, genauso druckvoll, obwohl ich weiß, dass ich damit zuvor zu lange Schritte gemacht habe. Es dürfen also auch nur die letzten 4-5 Schritte verändert werden und das auch nur um ein paar Zentimeter. Man darf auch nicht zu viel verändern, sonst landet man trotzdem nicht am Brett.

Sie haben bei Ihrem dritten Sprung fast kein Brett erwischt, es wurden dennoch 6,98 m. Gibt es eigentlich eine Faustregel, wie weit ein solcher Sprung mit Brett gegangen wäre? Verschenkte Zentimeter plus X?

Mihambo: Ein bisschen kann man das schon errechnen, weil auf dem Brett eine andere Reaktivität da ist als auf der normalen Bahn, man springt weiter. Es ist aber auch eine Frage des Flugwinkels: Wenn man sehr nahe am Brett ist und eher kurz setzen muss, kann es besser sein für die Sprungausgangslage, als wenn man zu weit weg ist und dann aufs Brett zieht. Das Brett allein sagt also noch nicht viel darüber aus, wie man damit springen kann. Beim dritten Sprung in Eugene wäre deutlich mehr drin gewesen, aber bei einer Meisterschaft geht es nur darum, die beste Leistung in der Konkurrenz zu bringen. Wenn die nur einen Zentimeter weiter ist als bei den anderen, reicht das ja schon.

Es reichte am Ende tatsächlich zum WM-Gold. Nun ist jeder Mensch als Sieger unterschiedlich: Da gibt es Ekstase, stille Freude, Erleichterung, ... Was sind Sie für ein Typ?

Mihambo: Unterschiedlich. Es kommt immer ein bisschen auf den Wettkampf an und wie man sich gerade fühlt. Sehr emotional war es 2021 in Tokio, weil ich nach meinem letzten Sprung zittern musste: Ich konnte den anderen nichts mehr entgegensetzen. In Eugene wusste ich vor meinem letzten Sprung schon sicher, dass ich gewonnen habe, egal wie weit ich springe. Und es war viel Erleichterung dabei.

Warum?

Mihambo: Den WM-Titel einmal zu erreichen, ist schon schwer genug. Ich habe es jetzt zweimal geschafft, und zwar nicht irgendwann in meiner Karriere, sondern hintereinander. Klar, diesmal ist die Freude eine andere als beim ersten Mal. Was nicht heißt, dass sie weniger wert oder weniger groß ist - es ist einfach anders. Und so ist es auch bei jedem Wettkampf: Wenn er mental sehr anstrengend war, fällt es mir schwerer, im Stadion den Schalter umzulegen und zu einer ekstatischen Freude zu finden. Die ersten zwei Sprünge ungültig zu machen und schon wieder in einer kritischen Situation zu stehen, das kostet mentale Ressourcen. Die fehlten mir dann, um meine Freude nach außen zeigen zu können.

Hatten Sie auch das Gefühl, es den Kritikern gezeigt zu haben? Sie hatten in der Vergangenheit ja unter rassistischen Anfeindungen zu leiden.

Mihambo: Das spielt für mich keine Rolle. Ich begebe mich auf eine innere Reise, dabei will ich mein Bestes geben. Insofern ist es eher eine Bestätigung, dass ich alles richtig mache, dass ich mich als Mensch und als Athlet in die richtige Richtung weiterentwickle. Das motiviert mich. Es wird immer Leute geben, denen irgendetwas nicht passt. Die Gründe sind dabei irrelevant. Von daher versuche ich mich damit gar nicht zu beschäftigen, sondern bei mir zu bleiben und zu schauen, wie ich ein glücklicher Mensch sein kann.

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