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Fussball

WM 2022 - Eindrücke aus Katar: Wie ein Messe-Publikum auf einem Musik-Festival

"Exit this way, metro that way." Viel spielte und spielt sich bei der WM zwischen Absperrgittern ab.

Zweieinhalb Wochen habe ich für SPOX und GOAL von der Weltmeisterschaft in Katar berichtet. Ich habe das deutsche WM-Debakel verfolgt und Spiele in allen acht Stadien besucht, ich war beim offiziellen Fan Festival, bei der Gastarbeiter-Fanzone und bei einem Container-Lager. Abgesehen von diesen konkreten Erlebnissen blieben bei mir vor allem vier ganz allgemeine Eindrücke hängen.

 

WM 2022: Kälte in der Wüste

Eine Weltmeisterschaft in der Wüste dürfte heiß sein, sollte man zumindest meinen. Aber nein: Meistens war ein Pullover bitter nötig und manchmal sogar eine Jacke, daran hatten beim Packen aber natürlich nur die wenigsten gedacht. Das kleine Land Katar leidet nicht nur unter Größen-, sondern auch unter Klimatisierungswahn.

In Innenräumen und Verkehrsmitteln laufen die Klimaanlagen gerne auf 15 Grad Celsius. In den offenen Stadien wird es offiziell zwar immerhin bei 20 Grad belassen, die sich im direkten Luftzug des Gebläses aber deutlich kälter anfühlen. Von Fans, Journalisten und Betreuern, von Spielern und ihrem Anhang - von allen Seiten kamen schon Beschwerden über die Klimatisierung.

Während die deutsche Nationalmannschaft ihr Auftaktspiel gegen Japan verlor, meldete sich beispielsweise Matthias Ginters Ehefrau Christina Raphaella bei Instagram zu Wort. Nicht, um sich über den Bankplatz ihres Gatten zu beklagen - sondern über die Temperaturen. Sie postete ein Bild von ihrem gänsehäutigen Arm und schrieb dazu: "Wie sehr kann man ein Stadion runterkühlen? Katar: Ja!"

Im Laufe des Turniers fielen bereits mehrere Spieler wegen Erkältungen aus. "Ich habe mich für einige Tage schlecht gefühlt. Das waren die Klimaanlagen", erklärte der Brasilianer Antony und berichtete, dass "auch andere Spieler Husten und Halsschmerzen" hätten. Bei Brasilien erwischte es noch Neymar, bei der deutschen Nationalmannschaft Kai Havertz.

Von der Energieverschwendung gar nicht erst zu reden, war die Klimatisierung in den Stadien generell reichlich unnötig: Tagsüber hat es zwar gerne mal um die 30 Grad Celsius. Die meisten Spiele finden aber erst nach Einbruch der Dämmerung statt, wenn perfekte Sport-Bedingungen herrschen.

Womöglich will sich Katar mit dem Klimatisierungswahn aber auch einfach nur für die Austragung von Olympischen Winterspielen positionieren. Ein Eishockeyfeld gäbe es immerhin schon - und zwar neben dem Khalifa-Stadion in einem Einkaufszentrum, das abgesehen von der Eisfläche ansonsten detailgetreu einem italienischen Städtchen nachempfunden ist. Inklusive Palazzi und Kanälen samt Gondoliere.

WM 2022: Immer zwischen Absperrgittern

Von den zwei präsentesten Trikots dieser Weltmeisterschaft gehört keines zu einer teilnehmenden Nation. Es sind die türkis-lila Leibchen der Volunteers und die schwarzen der Sicherheitsleute. Egal wo man sich in Katar aufhält, ein Vertreter mindestens einer dieser beiden Spezies ist gewiss in Sichtweite.

Ihre Hauptaufgabe: Dafür zu sorgen, dass alle Gäste den vorgegebenen Wegen folgen und nur ja nichts Ungeplantes tun. Extra für die WM wurden die touristisch erschlossenen Gegenden mit abgesperrten Routen durchzogen, die es unbedingt zu befolgen gilt. Herumspazieren ist schwer möglich, fast nirgends kann man sich treiben lassen, stattdessen wird man getrieben - zum Fan Festival, zur U-Bahn oder zu einem Stadion.

Die Vertreter in türkis-lila oder schwarz bewachen die abgesperrten Routen und zeigen sicherheitshalber zusätzlich mit bloßen Händen, überdimensionalen Pappfingern oder Leuchtstäben den Weg an. Als Begleitmusik gibt es oftmals Hinweis-Rufe, entweder live oder voreingesprochen über Mikrofone. "Exit this way, metro that way", beispielsweise. Aber nicht nur einmal, sondern wieder und wieder und wieder. Pausenlos: "Exit this way, metro that way."

Auf einer geraden Route hört man solche Ansagen vielleicht nur neun-, zehnmal. Vor vielen U-Bahnstationen oder Stadien gibt es aber etliche Absperrgitter-Serpentinen zu absolvieren, wodurch man für 100 Meter Luftlinie gerne mal mehrere Minuten braucht, am extremsten wohl an der zentralen Station DECC. "Exit this way, metro that way."

Selbst wenn sonst niemand zugegen ist, sind Fragen nach einer Ausnahmegenehmigung für ein rasches Überklettern oder die Nutzung eines Serpentinen-losen Seiteneingangs zwecklos. Hausverstand ist nicht so die Sache dieser in türkis-lila oder schwarz gekleideten Menschen, aber wer will es ihnen verdenken. Sie wurden offensichtlich so eingewiesen und haben gehörige Angst vor ihren Einweisern, unsichtbare Gestalten mit dem Titel "Supervisor". Der Supervisor habe gesagt, dass jeder hier gehen muss und der Supervisor sieht alles. Ende der Diskussion.

WM 2022: Messe-Publikum auf einem Musik-Festival

Los geht es immer eine Stunde vor Anpfiff mit einem schrillen Schrei ins leere Stadion: "Are you reeeaaady?" Anschließend legt ein cooler DJ mit Sonnenbrille bis kurz vor Anpfiff die immer gleichen coolen Lieder auf. "Live is Life", "I like to move it" und so weiter. Es ist so laut, dass Unterhaltungen unmöglich und Fangesänge zwecklos sind.

In den sogenannten "Fan Experience Areas" vor den Stadien schallen unterdessen die identischen Lieder aus den Boxen, dazu heizt meistens eine Moderatorin auf der Bühne mit wilden Tänzen ein. Rundherum wandeln verkleidete Stelzengänger, Trommler auf Segways oder ähnliche dubiose Wesen. Es gibt Stationen zur Gesichtsbemalung und alle möglichen Sponsoren-Stände, wo man zum Beispiel auf Torwände schießen kann.

Die meisten Gäste filmen und fotografieren diese riesengroße Choreografie in beachtlicher Ausdauer. Statt selbst Akzente zu setzen, lässt man sich hier lieber unterhalten. Wenn ganz vereinzelt doch mal ein paar Fans in Eigenregie singen oder andere lustige Sachen machen, richten sich in Sekundenschnelle Dutzende Handys in ihre Richtung.

Das Stadion-Erlebnis bei der WM in Katar hat kaum etwas mit einer authentischen Fußball-Atmosphäre zu tun. Stattdessen wirkte es so, als hätte sich ein Messe-Publikum auf ein Musik-Festival verirrt. Ein bisschen hier probieren, ein bisschen dort schauen, als Andenken neben tausenden Fotos vielleicht noch ein Gratis-Fähnchen mitnehmen - und im Hintergrund ohrenbetäubende Chartmusik. Zum Abschluss noch ein Fußballspiel.

WM 2022: Die Argentinier waren die große Ausnahme

Und nun zu den Ausnahmen: Einige wenige Fangruppen schafften es tatsächlich, die Choreografien zu durchbrechen und für eine authentische, emotionale Atmosphäre zu sorgen. Anhänger aus den arabischen Teilnehmerländern Marokko, Tunesien und Saudi-Arabien, Mexikaner, vor allem aber Argentinier. Nach den Volunteers und Sicherheitsleuten sind sie die drittgrößte in Katar anwesende Spezies.

Die Argentinier kamen nicht nur mit Trommeln und Fahnen, sondern sogar einer berühmten Sehenswürdigkeit ihrer Hauptstadt, dem Obelisco de Buenos Aires. Im Vorfeld des Gruppenspiels gegen Mexiko stellten sie eine erstaunlich große Stoffversion dieses Denkmals vor dem Lusail-Stadion auf, tanzten und sangen rundherum. Im Stadion drinnen machten sie genau so weiter. Es herrschte eine Gänsehaut-Atmosphäre, wie sie in Katar sonst nur Klimaanlagen schaffen.

Dass ausgerechnet die Argentinier in Katar positive Akzente setzen, hat wohl mehrere Gründe. Generell handelt es sich bei ihnen um ein grundemotionales Volk. Eines, wo der betuchtere Fan, der sich die teure Reise nach Katar leisten kann, auch mal bei wilden Anfeuerungen mitmacht. Für eine zusätzliche Ladung Emotionalität sorgt der Umstand, dass es sich um die letzte WM von Nationalheld Lionel Messi handeln dürfte.

Hemmende Bedenken über Katars Umgang mit Menschenrechten spielen in Argentinien unterdessen keine Rolle, wie eigentlich überall sonst auch außer in (Nord-)Europa. Auf dieses Thema angesprochen, lachte ein argentinischer Journalist nur und legte seine Hände links und rechts an die Schläfen: das international gültige Scheuklappen-Zeichen.

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