PSG und das Superstar-Projekt: Umdenken im Land der Revolutionen?

psg-1200
© getty

Paris Saint-Germain hat mit seiner Superstar-Strategie zwar nicht die Champions League gewonnen, dafür aber immerhin viel Aufmerksamkeit generiert. Folgt auf die jüngste Eskalation ein Umdenken?

Anzeige
Cookie-Einstellungen

Frankreich ist bekanntlich ein Land der Revolutionen und der Bürgerproteste. 1789 markierte der Sturm auf die Bastille von Paris den Beginn der französischen Revolution. Seit Wochen gehen Millionen Menschen gegen die Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron auf die Straßen. Am Mittwoch wagten schließlich Fans von Paris Saint-Germain den Aufstand gegen die katarische Klub-Führung und deren Superstar-Projekt.

Sie versammelten sich vor der Geschäftsstelle sowie Neymars Villa und ließen ihrer Wut freien Lauf. "Messi, du Hurensohn!" war zu hören. Oder: "Neymar raus!" Und auch: "Wir haben die Söldner satt!" Schmährufe gab es darüber hinaus gegen die Klubführung um Präsident Nasser Al-Khelaifi, dem die PSG-Ultras schon vor Wochen in einer Stellungnahme "Sportpolitik ohne wirkliche Richtung" vorgeworfen haben.

Der teuerste Fußballer der Geschichte (Neymar) und der womöglich beste (Messi) gelten vielen PSG-Fans als Parade-Söldner. Spätestens seit seinem Transfer-Spielchen mit Real Madrid samt des von PSG obszön teuer erkauften Meinungsumschwungs sollte man den besten der Gegenwart (Kylian Mbappé) eigentlich auch dazuzählen. Warum er bei den aktuellen Protesten verschont wurde? Weil er anders als seine Kollegen wenigstens konstant gute Leistungen bringt.

Neymar ist seit Wochen verletzt. Messi sammelt zwar viele Scorerpunkte, gibt dem Spiel von PSG ansonsten aber wenig. Für negative Schlagzeilen abseits des Platzes sorgt das Trio dagegen verlässlich: Mal verspielt Neymar als Marketing-Aktion eine Million Euro im Casino, mal legt sich Mbappé mit dem eigenen Klub wegen eines Social-Media-Videos an, mal reist Messi unerlaubt nach Saudi-Arabien.

Lionel Messi bei PSG: Erst suspendiert, dann weg

Auslöser der aktuellen Fan-Proteste sind der sportliche Abwärtstrend sowie eben jener Trip von Messi. Nach dem vorzeitigen Scheitern des Serienmeisters in der Champions League und im Pokal droht nun auch noch der Verlust des Meistertitels. Am Wochenende verlor PSG zuhause 1:3 gegen den Mittelfeldklub FC Lorient, es war die dritte Pleite in den vergangenen vier Heimspielen. Fünf Spieltage vor dem Saisonende beträgt der einst komfortable Vorsprung auf Verfolger Olympique Marseille nur noch fünf Punkte.

Der heillos überfordert wirkende Trainer Christophe Galtier bestellte die Mannschaft daraufhin am Montag zu einem Straftraining, an dem der gegen Lorient wirkungslose Messi aber nicht teilnehmen konnte. Er musste schließlich unbedingt nach Saudi-Arabien fliegen, um seinem Nebenjob als offizieller Botschafter der Bewerbung des Königreichs für die WM 2030 nachzukommen.

PSG suspendierte Messi daraufhin für zwei Wochen und strich ihm für diesen Zeitraum auch das Gehalt. Der Verlust von rund 1,5 Millionen Euro wird ihn aber nicht allzu sehr schmerzen. Als Saudi-Arabiens Botschafter kassiert er schließlich dem Vernehmen nach 25 Millionen Euro pro Jahr. Den katarischen PSG-Eigentümern dürfte dieser Deal generell nicht gefallen, gilt Saudi-Arabien doch in vielerlei Hinsicht als Rivale des Emirats.

Lange besteht dieser Interessenskonflikt aber eh nicht nicht mehr: Messi wird PSG zum Ende der Saison ablösefrei verlassen, nach Ablauf seiner Suspendierung somit höchstens noch drei Spiele absolvieren. Wo es für ihn dann hingeht? Wahrscheinlich nach Saudi-Arabien, wo bereits sein langjähriger Rivale Cristiano Ronaldo spielt. Ansonsten vielleicht in die USA oder zu seinem Ex-Klub FC Barcelona.

psg-1200
© getty

Superstars bei PSG: Es geht nicht nur um den CL-Titel

Während seiner zwei Jahre bei PSG sammelte der mehrmalige Weltfußballer in 71 Pflichtspielen zwar hervorragende 65 Scorerpunkte, verhalf dem Klub aber nicht zum heiß ersehnten Champions-League-Titel. Die wütenden Fan-Proteste sind nun die traurige Begleitmusik zu Messis Abschied - und womöglich auch zu einem Umdenken seines Noch-Arbeitgebers.

Seit der Übernahme im Jahr 2011 investierten die katarischen Investoren fast zwei Milliarden Euro in den Kader. Statt mit diesen gewaltigen finanziellen Mitteln eine ausbalancierte Mannschaft zusammenzustellen, lag der Fokus auf den Verpflichtungen von Superstars. Gebracht haben einst David Beckham oder Zlatan Ibrahimovic und nun Messi, Neymar oder Mbappé zwar keinen Champions-League-Titel, dafür aber weltweite Aufmerksamkeit - für PSG und den Staat Katar. Zumindest in dieser Hinsicht hat die Strategie somit Sinn gemacht.

Zur Wahrheit gehört nämlich auch: Wer in der heutigen auf Stars statt Klubs fixierten Fußball-Welt Messi, Neymar und Mbappé in seinem Kader weiß, der verkauft viele Trikots. Verdammt viele. Das bringt ungeachtet des immer wieder verpassten Champions-League-Titels und der stetigen Querelen in Paris einerseits Geld und andererseits Werbung.

Werbung für den WM-Ausrichter Katar, weil auf jeder Trikot-Brust "Qatar Airways" prangt. Werbung für PSG, weil darüber natürlich auch das Klub-Logo zu sehen ist. So wurde aus einer nationalen Größe ein Weltklub. Gut fand man das zunächst auch in Paris, endlich hatten die lange Erfolgs-abstinenten Fans etwas zu feiern. In den vergangenen Jahren und Monaten wuchs der Unmut über das Vorgehen aber vor allem bei den aktiven Fans. Die Eskalation vor der Geschäftsstelle und Neymars Villa ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.

PSG: Steht nun ein Umdenken bevor?

Nach jedem weiteren Champions-League-Aus war in den vergangenen Jahren medial von einem Scheitern des Projekts PSG die Rede gewesen. Geändert hat sich am Vorgehen bis heute aber bekanntlich nichts, wieder und wieder versuchten es die Eigentümer mit den gleichen Mitteln. Nun ist PSG aber gewissermaßen zum Umdenken gezwungen. Weniger, weil die aktuelle Strategie nicht die erhofften sportlichen Triumphe gebracht hat. Sondern, weil es aktuell kaum entsprechende Superstars im Angebot gibt.

Ronaldo ist längst über seinen Zenit, Erling Haaland dürfte Manchester City zumindest in näherer Zukunft eher nicht verlassen - und wenn doch, dann wohl Richtung Spanien. Und sonst? Schwierig. Ein ähnliches Interesse wie Messi, Neymar oder Mbappé ruft abgesehen von den beiden Genannten derzeit niemand hervor. Kein Jude Bellingham, der wohl ohnehin zu Real Madrid wechseln wird. Kein Vinicius Junior, der dort bleiben wird. Kein Victor Osimhen, an dem PSG angeblich interessiert ist.

Ein weltweit öffentlichkeitswirksamer Transfer im Stile von Messi, Neymar oder Mbappé wird PSG im kommenden Sommer als Reaktion auf den bevorstehenden Messi-Abgang kaum gelingen. Was passiert mit den verfügbaren finanziellen Ressourcen? Federführend verantwortlich dafür ist der seit Sommer 2022 amtierende Sportdirektor Luis Campos. In seiner ersten Transferphase verzichtete er zwar auf gröberen Transfer-Irrsinn, seine Nischen-Neuzugänge entpuppten sich aber auch nicht als echte Verstärkungen.

Womöglich treibt PSG die Superstar-Strategie nun aber auch einfach auf eine neue Spitze: Ronaldo zurück nach Europa holen und damit Messi und Saudi-Arabien richtig einen auswischen. Oder José Mourinho als Trainer.

Artikel und Videos zum Thema