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Fussball

FC Liverpool und Darwin Núñez: Mehr Probleme als Lösungen

Von Justin Kraft
Darwin Núñez hat seine Form bei Liverpool noch nicht gefunden.

Darwin Núñez und der FC Liverpool - bisher ist es eine Geschichte voller Missverständnisse. Der Uruguayer ist noch nicht angekommen in der Premier League. Jürgen Klopp nimmt ihn trotz durchwachsener Leistungen in Schutz, muss aber schnellstmöglich Lösungen finden, um den Anpassungsprozess des 23-Jährigen zu verkürzen.

In der Premier League stand Darwin Núñez bisher erst dreimal in der Startelf - auch weil er nach einer roten Karte für drei Partien gesperrt wurde. In neun Pflichtspielen blieb der 23-Jährige mit drei Toren und einem Assist weit hinter den Erwartungen zurück.

Erwartungen, die auch durch die 75 Millionen Euro geschürt wurden, die die Reds im Sommer an Benfica überwiesen hatten.

Mit Erling Haaland gibt es zudem einen weiteren neuen Stürmer in der Premier League, der ein absolutes Kontrastprogramm abliefert. Beim großen Rivalen Manchester City schießt der Norweger ein Tor nach dem anderen.

Liverpool und die Skyblues: Bisher eine Rivalität auf Augenhöhe. In dieser Saison aber kämpft das Team von Jürgen Klopp mit großen Problemen. Ist Núñez eines davon? Und warum scheint er derart stark mit seiner neuen Umgebung zu fremdeln?

FC Liverpool: Darwin Núñez gibt Einblicke in seine Situation

Die offensichtliche Antwort gab er selbst nach dem Champions-League-Spiel gegen die Glasgow Rangers: "Die Wahrheit ist, dass ich ehrlich gesagt nichts verstehe, wenn er redet", sagte der Angreifer über die Kabinenansprachen von Klopp. Núñez spricht kein Englisch. "Später frage ich meine Mannschaftskameraden, was er gesagt hat", erklärte er: "Aber meistens ist es klar, was er für ein Spiel sehen will."

Mit Thiago und Adrián hat der 13-malige Nationalspieler immerhin zwei Kollegen, die sowohl Englisch als auch Spanisch sprechen. Womöglich aber führt die Sprachbarriere dazu, dass Núñez vor allem die Details fehlen, um die Anweisungen des Trainerteams genau umsetzen zu können. Zumindest deuten seine ersten Auftritte darauf hin.

Klopp selbst sagte vor dem Rangers-Spiel auf einer Pressekonferenz, dass er ein "längeres Analyse-Gespräch" mit seinem Spieler geführt habe. Gleichzeitig nahm er Druck von ihm: "Die Mannschaft fliegt nicht und das macht es für einen Stürmer nicht einfacher, schon gar nicht für einen Vollstrecker."

FC Liverpool: Darwin Núñez fehlt der Punch vorm Tor

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Im Vergleich mit Europas Top-Stürmern hat Núñez laut den StatsBomb-Daten von FBref mit 6,33 Abschlüssen pro 90 Minuten die mit Abstand meisten - wenngleich die Stichprobe bei ihm durch mangelnde Einsatzzeit geringer ist. Allerdings bringt er nur 31,6 Prozent seiner Schüsse auf das Tor, was wiederum deutlich weniger ist als bei den Besten der Besten.

Auch sein Expected-Goals-Wert pro 90 Minuten fällt mit 0,87 etwas ab, ist aber immer noch sehr hoch. Mit 0,69 Toren ist der reelle Gegenwert aber unter dem, was erwartbar wäre. Zumal es bei Top-Stürmern normal ist, dass sie ihren Expected-Goals-Wert übertreffen. Denn die Statistik gibt nichts anderes an, als die erwartbare Durchschnittswahrscheinlichkeit für einen Torerfolg, die sich aus tausenden Vergleichsdaten unterschiedlicher Spieler errechnet.

Dass Robert Lewandowski beispielsweise über weite Teile seiner Karriere mehr Tore erzielt hat, als erwartbar gewesen wären, ist also kein Zufall oder Glück, sondern Qualität. Und so müsste der Anspruch an Núñez sein, dass er seine Expected-Goals-Werte ebenfalls übertrifft. Doch das schafft er im Moment trotz vieler Abschlüsse nicht. Der Rechtsfuß braucht zu viele Chancen für einen echten "Vollstrecker".

FC Liverpool: Darwin Núñez im Vergleich mit Europas Top-Stürmern

Statistik pro 90 Minuten (Liga)Darwin NúñezErling HaalandRobert LewandowskiKarim BenzemaKylian MbappéHarry Kane
Einsatzminuten (insgesamt)267751628450706796
Expected Goals0,881,081,111,060,890,69
Tore0,671,81,290,61,020,9
Abschlüsse6,334,584,435,253,41

Schüsse aufs Tor

22,412,711,82,441,48

Darwin Núñez hat Integrationsprobleme beim FC Liverpool

Auf der anderen Seite hat Klopp zu Recht angemerkt, dass der Neuzugang sich immer noch anpasse. "Spieler passen sich immer an", erklärte der 55-Jährige: "Neue Spieler kommen herein und alle reden über sie und wollen, dass sie sofort glänzen - das passiert von Zeit zu Zeit und manchmal nicht."

Bei Núñez ist es definitiv nicht passiert. Und das hat auch Gründe, die absehbar waren. Er ist alles andere als ein starker Kombinationsspieler. Bei den Reds spielt er aktuell rund 13 Pässe pro 90 Minuten und nur 8,33 davon kommen an. Núñez ist pro 90 Minuten 44,7-mal das Ziel eines Passes, aber nur 19-mal bekommt er den Ball. Manchmal ist er schlecht positioniert, manchmal sind die Pässe schlecht. Darüber hinaus sind 26,3 Ballkontakte im Kontext der in der Vergangenheit stets dynamischen Offensivreihe des FC Liverpool recht wenig - um genau zu sein, ist es der geringste Wert des gesamten Kaders.

Roberto Firmino kommt beispielsweise auf 58,5, Diogo Jota auf 47,5. Das muss kein grundsätzliches Problem sein, wie die Situation von Haaland bei City zeigt. Der Norweger hat wenig Ballkontakte, nutzt diese aber sehr effizient. Es ist dann eben doch die andere Hälfte der Wahrheit, dass einer der beiden Stürmer aktuell ein funktionierendes Team um sich herum weiß und der andere nicht.

Mohamed Salah läuft seiner Form schon länger hinterher, im Mittelfeld hat Klopp seit Saisonbeginn mit außergewöhnlich vielen Ausfällen zu kämpfen. Jetzt fehlt in der Offensive auch noch Luis Díaz wegen einer Bänderverletzung im Knie bis Jahresende. Auch der Abgang von Sadio Mané ist für Liverpool vor diesem Hintergrund nur schwer zu kompensieren. Núñez ist niemand, der sich viel ins Mittelfeld fallen lässt, um mit seinen Mitspielern zu kombinieren. Im Moment wird ihm der Ball pro 90 Minuten 1,9-mal von einem Gegenspieler abgenommen, 1,7-mal ist ein technischer Fehler der Hauptgrund für einen Ballverlust.

FC Liverpool: Darwin Núñez im Vergleich mit seinen Mitspielern

Statistik pro 90 Minuten (Liga)Darwin NúñezMohamed SalahRoberto FirminoDiogo Jota
Ballkontakte26,341,958,547,5
Pässe (erfolgreich)13 (8,33)28,8 (22,4)44 (35,2)33,3 (20)
Ziel eines Passes44,753,861,744,2
Angespielt worden1932,445,830,8

Und auch wenn eine solche Spielweise dem Team wohl guttun würde, kann man ihm kaum den Vorwurf machen, dass er seine Rolle im Sturm bisher nie so interpretiert hat. Vermutlich auch deshalb, weil er noch nicht bereit ist für solche weiträumigen Aktionen in einer Liga, in der deutlich schnellerer Fußball gespielt wird. Núñez steht häufiger unter Druck, er muss viel öfter aus seiner Komfortzone herausgehen. Da verwundert es kaum, dass er Probleme hat.

Wenn er die Neunerposition mal verlässt, dann weicht er auf den Flügel aus um sich von dort im Rücken der Gegenspieler an den zweiten Pfosten zu schleichen. Es ist vielleicht genau dieser Ablauf, der bisher am besten funktioniert. Denn aus dieser Position hat Núñez bereits einige Chancen nach Flanken oder Chipbällen gehabt. Ein Strohhalm für Klopp.

Darwin Núñez beim FC Liverpool: Kann Jürgen Klopp ihn verändern?

Die ganz große Frage für die kommenden Wochen wird sein, inwiefern der Trainer den Anpassungsprozess beschleunigen kann. Núñez ist sicher nicht das Hauptproblem des FC Liverpool. Dafür sind andere Bereiche wie die Defensive, das Mittelfeld oder der Ballvortrag insgesamt zu schwerwiegend. Aber Núñez hätte es den Reds einfacher machen können, wenn er mehr von seinen Chancen verwertet hätte.

Doch abseits der reinen Chancenverwertung ist er nicht der Kombinationsspieler, den Liverpool gerade braucht. Vermutlich wäre es einfacher für ihn, die Abläufe zu lernen, würde das Team funktionieren. So aber bereiten sich beide, Núñez auf der einen Seite und seine Mitspieler auf der anderen, eher gegenseitig Probleme, als sich zu helfen.

Dass Klopp ein außergewöhnlicher Trainer ist, steht außer Frage. Der Weg mit Núñez ist aber noch sehr weit. So absehbar diese Anlaufzeit auch war, so sehr hat man sich in Liverpool aber trotzdem einen reibungsloseren Start erhofft. Núñez ist eben kein Haaland. Er ist kein absoluter Ausnahmestürmer, der allen anderen enteilt. In seiner Bestform ist er aber zweifelsohne ein sehr guter Stürmer. Bei ihm menschelt es nur etwas häufiger. Und so brauchen die Reds jetzt vor allem Geduld. Denn so sehr er aktuell Teil des Problems ist, so sehr kann Núñez auch Teil der Lösung sein.

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