Joti Chatzialexiou vom DFB im Interview: Das sind die Probleme des deutschen Fußballs

Joti Chatzialexiou sieht Nachholbedarf im deutschen Fußball.
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Sie haben von Benchmarking gesprochen. Welche Nation beeindruckt Sie am meisten, was Nachwuchsarbeit betrifft?

Chatzialexiou: Ich bin ein Freund des spanischen Fußballs. Ich habe dort häufig hospitiert und bin beeindruckt davon, wie die Spanier ihre Spieler entwickeln und auch in jungen Jahren in ihre Trainingseinheiten miteinbeziehen. Da machen die Trainer der U-Nationalmannschaften ein Konzept, gehen anschließend in die Kabine und besprechen es mit den Jungen oder Mädchen. Die Trainer fragen 13-Jährige, worauf sie Lust haben und welche Inhalte sie für wichtig erachten, um ihr Spiel zu verbessern. Außerdem legen die Profivereine großen Wert darauf, ihre Spieler so lange wie möglich zu begleiten, im Idealfall von den Bambinis bis zur ersten Mannschaft. Der Trend geht in Spanien sogar dahin, dass Vereine neben einer zweiten Mannschaft auch eine dritte Herren-Mannschaft einführen, weil sie der Meinung sind: Wir haben die Expertise, wir bilden unsere Spieler auch bei uns aus anstatt sie zu verleihen oder in der ersten Mannschaft auf die Bank zu setzen. Und was machen viele Profivereine in Deutschland? Sie schaffen ihre zweiten Mannschaften ab.

Sie klingen nicht begeistert.

Chatzialexiou: Ich persönlich halte das für einen großen Fehler, auch wenn es mir nicht zusteht, über die Pläne einzelner Vereine zu urteilen. Dennoch: Ein junger Profi benötigt so viel Spielpraxis wie möglich. Die kann er sich in der zweiten Mannschaft holen, ohne seinen Verein und sein Umfeld zu verlassen. Schauen Sie sich doch einmal an, was für eine Entwicklung Luca Waldschmidt, Marco Richter oder die beiden Eggesteins in den vergangenen zwei Jahren genommen haben. So etwas ist nur möglich, wenn man als Verein Geduld mit seinen Talenten aufbringt, wenn man sie spielen und auch mal Fehler machen lässt. Man muss nicht gleich Talente aus England oder Frankreich holen, die physisch etwas weiter sind als unsere Spieler im U16- oder U17-Bereich. Die U21-Europameisterschaft hat gezeigt, dass wir uns nicht verstecken müssen.

Joti Chatzialexiou kritisiert Jugendtrainer - Lob für Klose

Vielen Vereinen fehlt offensichtlich die Geduld.

Chatzialexiou: Wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft, in der primär Ergebnisse zählen. Allerdings muss ich leider feststellen, dass der Druck bereits in den Jugendleistungszentren Züge annimmt, die nicht mehr förderlich sind. Ich habe das Gefühl, Fehlervermeidungsstrategien stehen schon bei U14- oder U15-Teams mehr im Vordergrund als das Wagnis, befreit nach vorne zu spielen. Dabei zeigt der Trend der vergangenen Jahre, dass die Offensive den Unterschied macht. Physisch stark sein, sich hinten reinstellen und die Räume engmachen - das kann heutzutage fast jeder.

Soll heißen, dass auch die Trainer umdenken müssen?

Chatzialexiou: Die Trainerausbildung hat sich verändert, weil sich der Fußball und die Gesellschaft verändert haben. Früher haben wir immer nur im Bereich der Sport- und Trainingswissenschaft ausgebildet, heute sind viel mehr interkulturelle Kompetenzen gefragt. Ein Trainer ist heutzutage auch ein Manager, er muss bestenfalls auf mehreren Sprachen kommunizieren können und ein Gefühl für den Umgang mit Medien haben. Deshalb versuchen wir gerade in unseren U-Nationalmannschaften viele Ex-Profis einzubinden, die das Geschäft kennen. Peter Hermann, Christian Wörns, Hanno Balitsch, Heiko Westermann - um nur wenige Beispiele zu nennen.

Auch Miroslav Klose hat beim DFB gearbeitet. Inzwischen ist er beim FC Bayern. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?

Chatzialexiou: Viele Jugendtrainer sind sehr karriereorientiert, wollen schnell aufsteigen. Miro ist das perfekte Gegenbeispiel. Er könnte mit seinem Namen problemlos im In- oder Ausland als Profitrainer arbeiten, aber er überstürzt nichts, sondern macht in aller Ruhe seine Erfahrungen. Er sagt sich: Ich muss mich in der Ansprache und in der Trainingssteuerung verbessern, ich muss auch Fehler machen. Dass er sich beim FC Bayern jetzt bewusst gegen die U19 und für mindestens ein weiteres Jahr bei der U17 entschieden hat, spricht für ihn. Ein guter Ex-Profi ist nicht automatisch ein guter Trainer.