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Draft Analyse Tua Tagovailoa: Risiko-Pick oder ein neuer Drew Brees?

SPOX beleuchtet für euch die Top-Prospects im kommenden Draft.

Er galt schon als vermeintlich sicherer Nummer-1-Pick - dann verletzte sich Tua Tagovailoa schwer an der Hüfte. Wie sehr wird das in Kombination mit dem Aufstieg von Joe Burrow seine Draft-Aktien fallen lassen? Vor allem aber: Was macht Tua sportlich aus und wo hat er noch Schwächen? SPOX-Redakteur Adrian Franke hat in seiner zweiten In-Depth-Analyse für den Draft 2020 Antworten.

Während die Free Agency zunehmend abebbt, rücken die Draft-Prospects in den Fokus: Was macht Joe Burrow so stark? Wohin passt Tua Tagovaiola? Wie gut ist diese Receiver-Klasse wirklich, und was macht Chase Young so besonders? Die nächsten Wochen hier auf SPOX stehen komplett im Fokus des Drafts 2020! Los geht es dabei mit den Quarterbacks.

Um vorweg meinen Maßstab offen zu legen, wenn in den nächsten Tagen die Quarterback-Analysen allesamt raus kommen - das sind für mich die wichtigsten Eigenschaften eines Quarterbacks, in dieser Reihenfolge, wenngleich einige natürlich zusammenhängen:

  1. Accuracy und Antizipation
  2. Processsing, Reads, Decision-Making
  3. Pocket-Verhalten
  4. Mechanics: Füße, Wurfbewegung, Release
  5. Verhalten gegen Pressure
  6. Off-Script Plays, Improvisieren
  7. Armtalent und Deep Passing
  8. Athletik

Es ist die mit Abstand wichtigste Position auf dem Feld. Jedes Jahr hoffen mehrere Teams, im Draft hier ihren Franchise-Quarterback für die nächsten 15 Jahre zu finden und vergleichsweise selten gelingt das wirklich.

Deshalb startet die SPOX-Draft-Coverage 2020 auch mit dieser Position: Diese Woche steht ganz im Zeichen der Quarterbacks, mit ausführlichen Analysen sowie dem Ranking der Top-10 Quarterback-Prospects im diesjährigen Draft, Hintergrund-Geschichten und mehr.

Nach LSU-Quarterback Joe Burrow zum Auftakt geht es weiter mit dem zweiten spannenden Quarterback-Prospect - mit dem Spieler, der für viele als Favorit auf den Nummer-1-Pick in die vergangene College-Saison gegangen war: Alabamas Tua Tagovailoa.

NFL Draft 2020 Analyse: Tua Tagovailoa, QB, Alabama

Eigentlich schien alles wie für eine Hollywood-Story vorbereitet: Tagovailoa kam als hochdekorierter High-School-Quarterback aus Hawaii nach Alabama und stürmte auf eine Art und Weise auf die College-Football-Bühne, wie man es selten zuvor gesehen hatte.

Im National Championship Game 2018 ersetzte Bama-Coach Nick Saban Starting-Quarterback Jalen Hurts durch den jungen Hawaiianer, als die erste Hälfte so gar nicht zugunsten der Crimson Tide lief und Georgia zur Halbzeitpause mit 13:0 in Führung lag. Tagovailoa riss das Spiel an sich und warf drei Touchdown-Pässe, darunter den Game-Winner in Overtime.

Hurts wurde in der Folge zum Backup degradiert, Tagovailoa brach in der folgenden Saison zahlreiche Alabama-Rekorde - unter anderem legte er die meisten Passing-Yards (3.966) und Passing-Touchdowns (43) in der Geschichte der Schule hin. Doch wurden auch die Probleme präsenter. Tua plagte sich mit Knöchelproblemen herum und musste schließlich operiert werden, die Stimmen der Skeptiker mit Blick auf seine NFL-Aussichten wurden vorsichtig lauter.

Tua Tagovailoa Total Stats 2019:

Completions/AttemptsYards (Average)TD/INTRushing-AttemptsRushing-Yards (TD)
180/252 (71,4%)2.840 (11,3)33/32317 (2)

Tuas Verletzungsanfälligkeit wäre selbst dann ein Thema gewesen, hätte es das Spiel gegen Mississippi State Mitte November nicht gegeben. Der Linkshänder war bis zu diesem Punkt auf einem atemberaubenden Kurs, hatte bereits 33 Touchdown-Pässe geworfen - zwei davon gegen Mississippi State -, als er nach einem Sack so unglücklich zu Boden gedrückt wurde, dass er sich eine schwere Hüftverletzung zuzog. Seine sportliche Karriere hing am seidenen Faden.

Seitdem aber häuften sich die positiven Nachrichten. Tua konnte bei der Combine die Medizinchecks absolvieren, jüngst postete er Videos von seinen Workouts, bei denen er bereits wieder eindrucksvoll mobil wirkte.

Die stark limitierten Möglichkeiten was weitere Checks sowie generell Pro Days angeht, könnten bei Tagovailoa noch ein Thema werden - bis zu diesem Punkt aber deutet vieles darauf hin, dass er medizinisch gesehen für den Start der Saisonvorbereitung fit wäre.

Draft: Tuas Stärken - Accuracy als oberster Trumpf

Müsste man Tua anhand der Eigenschaft beschreiben, die sein Spiel - ob positiv oder negativ - am meisten prägt, dann würde ein Wort reichen: Accuracy.

Wenn der Hawaiianer im Rhythmus ist, wenn er seine Plattform findet und den Ball technisch sauber werfen kann, ist er ein spektakulär akkurater Passer. Das trifft auf das Kurzpassspiel zu, wo er am meisten glänzt und wo er sich auch in einer NFL-Offense schnell wohlfühlen sollte.

Es trifft aber auch auf die vertikaleren Bereiche des Feldes zu. Tagovailoa war bis zu seiner Verletzung insbesondere in der Mid-Range (10 bis 19 Yards Downfield) einer der effizientesten Quarterbacks im College-Football.

Das macht sich in verschiedenen Ausprägungen deutlich. Tagovailoa ist konstant in der Lage, seine Receiver für Yards nach dem Catch in Position zu bringen, indem er den Ball ideal vor sie platziert. Und er wirft den Ball so, dass er außerhalb der Reichweite des Verteidigers und nur erreichbar für den Receiver landet.

Tagovailoa hat eine effiziente Wurfbewegung, es ist zumeist eine fließende, sehr runde Bewegung, sodass der Ball meist mit idealem Timing rauskommt. Das in Kombination mit seiner Fähigkeit, jeden Bereich des Feldes akkurat anzuspielen, macht ihn zu einem spektakulär effizienten Ballverteiler.

Tua Tagovailoa: Advanced Stats 2019

StatistikWert (Platzierung unter College-QBs 2019)
Adjusted Completion Percentage78,8% (Platz 7)
Average Depth of Target8,8 (Platz 73)
Deep Passing Yards704 (Platz 67)
Pressure-Rate22,2% (Platz 6)

Alle Statistiken in dieser Tabelle stammen aus dem Draft Guide von Pro Football Focus. Alle Rankings unter College-Quarterbacks 2019 mit mindestens 300 Dropbacks.

Tagovailoa und der meisterhafte Touch

Die zweite Kernkompetenz in Tagovailoas Portfolio nach der Accuracy wäre neben der sehr sauberen Technik in der Pocket der Touch.

Es gibt wenige zentrale Quarterback-Qualitäten, bei denen sich selbst die 32 NFL-Starter so merklich sichtbar unterscheiden wie beim Touch. Selbst auf dem hohen NFL-Level gibt es Quarterbacks, deren Pässe vor allem mit Power kommen und die Probleme damit haben, etwas Druck rauszunehmen und dem Ball eine andere Flugkurve zu geben, ohne dass der Pass dabei zu lange in der Luft steht.

Andere Quarterbacks wiederum sind meisterhaft darin, Pässe zwischen Verteidiger zu heben und können so mit tödlicher Präzision Fenster anspielen, die einigen ihrer Konkurrenten schlicht verschlossen bleiben.

Dieser Touchdown gegen Auburn ist so ein Beispiel.

Tagovailoa platziert den Ball auf der linken Seite des Receivers, sodass der tiefe Safety nicht auf den Ball gehen kann, perfekt zwischen die beiden verfolgenden Spieler sowie dem zu Hilfe eilenden Safety.

Und das fällt regelmäßig auf. Tua hat nicht nur den Touch, um Bälle hinter Underneath- und vor tiefe Verteidiger zu platzieren, er gibt dem Ball dabei auch noch konstant eine vergleichsweise flache Flugkurve, sodass seine Touch-Pässe noch immer genug Zug haben und ankommen, bevor sich ein Fenster wieder schließen könnte.

Zusätzlich dazu kann Tagovailoa auch innerhalb seines Touch-Repertoires variieren. Regelmäßig etwa fallen Pässe als Jump-Ball mit perfektem Timing über den Verteidiger, wie etwa beispielhaft dieser Touchdown gegen Ole Miss.

Pocketverhalten und der Computer auf der QB-Position

In seinen besten Momenten ist Tua wie eine Art Quarterback-Computer: Der makellos durchgeführte Dropback, ein blitzartiges Scannen des Feldes und dann die richtige Entscheidung, wo er mit dem Ball hingehen muss.

Und die gute Nachricht für die Fans des Teams, das ihn letztlich draftet, lautet: Tua ist häufig in diesen "besten Momenten".

Dann navigiert er auch herausragend durch die Pocket, hält die Augen Downfield und hat ein sehr gutes Gefühl für den Pass-Rush, sodass Pressure gar nicht erst entsteht weil er den Verteidigern - im wörtlichen und im übertragenen Sinne - zwei Schritte voraus ist.

Tua ist bereits außergewöhnlich gut darin, aus einer sauberen Pocket zu spielen, nicht selten kreiert er diese saubere Pocket aber auchselbst. Tagovailoa ist neben Georgias Jake Fromm vielleicht der klassischste Pocket-Quarterback dieser Klasse. Gemeint ist ein Quarterback, der mit Präzision, Spielverständnis und Timing gewinnt.

Der andere eindrucksvolle Part bei diesem Computer-Vergleich ist sein Processing, die Fähigkeit, das ganze Feld zu lesen und genau zu erkennen, wo er mit dem Ball hingehen muss - und das in einem eindrucksvoll schnellen Tempo.

Dabei ist er schon so weit, dass er Defenses regelmäßig manipulieren kann.

Dieser Touchdown gegen LSU verdeutlicht das exemplarisch: Alabama snappte den Ball hier schnell und überraschte die Tigers-Defense. Tua hatte offensichtlich bereits Pre-Snap erkannt, wo er das Matchup hat, das erhaben will - auf der linken Seite der Formation.

In der Folge blickt er nach dem Snap zunächst gezielt ins Zentrum, was den tiefen Safety (Grant Delpit, Nummer 7) in der Mitte hält. Das erlaubt es dem schnellen Devonta Smith auf der linken Seite sein Eins-gegen-Eins-Matchup zu gewinnen und Tagovailoa muss ihn dann für den Touchdown nur noch im Lauf treffen.

Generell sollte man nicht den Fehler machen, Tua als Kurzpass-Westcoast-Quarterback abzustempeln. Er ist nicht nur in der Lage, vertikal zu attackieren - er macht es auch. Bis zu seiner Verletzung hatte er bereits 39 Pässe über mindestens 20 Yards geworfen, davon kamen 19 an - neun davon für Touchdowns.

Zum Vergleich: Burrow warf 2019 mehr als doppelt so viele Pässe (527:250) und landete auch nur knapp bei doppelt so vielen Versuchen über mindestens 20 Yards (83, davon 47 Completions und 26 Touchdowns). Die beiden sind hier also nicht so gravierend auseinander wie man vielleicht vermuten könnte.

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