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Fussball

Alexander Zorniger von Apollon Limassol im Interview: "Das war für viele weit mehr als ein Meistertitel"

Nach dem Gewinn der Meisterschaft wird Alexander Zorniger von den Apollon-Fans gefeiert.

Nach über zwei Jahren ohne Job heuerte Alexander Zorniger im Sommer 2021 bei Apollon Limassol an. Der 54-Jährige führte den Verein zum ersten Meistertitel seit 2006, wurde zu Zyperns Trainer des Jahres gewählt und spielt in der kommenden Saison erstmals in seiner Karriere eine Gruppenphase eines internationalen Wettbewerbs.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Zorniger über die Gründe für den Wechsel nach Zypern, sein ungewöhnliches Co-Trainerteam und zu kritische Analysen.

Der ehemalige Trainer von RB Leipzig und dem VfB Stuttgart erzählt zudem von der Meister-Party, seinem Kommando zum Trinken und erklärt, wie er seine Zukunft sieht.

Herr Zorniger, im Oktober 2020 sagten Sie im Interview mit SPOX und GOAL hinsichtlich Ihrer Zukunft als Trainer: "Mir geht es einzig und allein um die richtige Aufgabe." Wieso war Apollon Limassol anders als die zahlreichen Angebote, die Ihnen zwischenzeitlich vorlagen, die richtige Aufgabe?

Alexander Zorniger: Um dies zu beantworten, muss ich etwas ausholen und auch den Entwicklungsprozess ansprechen, den ich durchgemacht habe.

Legen Sie los!

Zorniger: Als ich 2016 nach Dänemark ging, war mein Fokus viel enger. Ich dachte, ich müsse in Deutschland bleiben und dort zeigen, dass ich es auch erfolgreicher kann als unmittelbar zuvor beim VfB. Diesen Blick habe ich irgendwann geweitet. Ich sprach kürzlich mit einem deutschen Trainer, der auch in Dänemark arbeitete. Der hat das meiste dort eher negativ wahrgenommen.

Bei Ihnen war es das genaue Gegenteil - Sie haben sich regelrecht in das Land verliebt und auch dort noch gewohnt, als Sie nicht mehr Trainer von Bröndby IF waren.

Zorniger: Genau. Wir Deutschen haben die Tendenz, im Ausland zu sagen: Jetzt machen wir es mal lieber so, wie es für uns Sinn ergibt, weil es so schließlich auch funktioniert! Es ist in meinen Augen wichtig, dass man sich im Ausland als das sieht, womit wir teilweise Probleme haben - nämlich als Ausländer. Als jemand, der Dinge dort aufzunehmen hat und dafür offen, vielleicht auch bereits ein bisschen darauf vorbereitet sein muss.

Apropos vorbereitet: Apollon soll ohnehin bereits zuvor bei Ihnen einmal angefragt haben.

Zorniger: Ja, das war im September 2019, ein halbes Jahr nach meinem Aus bei Bröndby. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass mein Fußball dort richtig hinpasst. Dazu war die Saison bereits im Gange und ich hätte keine Vorbereitungsphase gehabt. Das war für mich ein Ausschlusskriterium.

Hatten Sie den Eindruck, dass man bei Apollon genau wusste, welche Art von Fußball und welchen Charakter als Trainer man bekommt, wenn man Sie verpflichtet?

Zorniger: Ja. Als sich Apollon im Frühjahr 2021 wieder bei mir meldete, hatte ich auch Gespräche mit Vereinen in der MLS, in Deutschland, England, Belgien, Österreich oder der Niederlande geführt. Dabei stellte ich immer wieder fest: Die wussten gar nicht, welche Art Trainer sie eigentlich wollten. Jemand sagte mal zu mir, er möchte wie Jürgen Klopp spielen lassen, aber mit extrem viel Ballbesitz...

Wie hat Apollon Sie also genau für sich gewonnen?

Zorniger: Dort war das ganz anders. Man wusste genau, was man mochte und auch, was man mit mir bekommen würde. Das zeigte sich in den Gesprächen und wurde auch davon untermauert, dass man nach einer gewissen Zeit ja noch einmal auf mich zukam und das Thema offensichtlich noch nicht abgehakt hatte. Dazu sportlich um Titel zu spielen, war für mich spannend. Ich habe in Leipzig und bei Bröndby festgestellt, dass das ganz gut zu mir passt.

Die Vollzugsmeldung hat gewiss einige überrascht. Inwiefern hatten Sie den Gedanken, dass ein Wechsel nach Zypern von der Öffentlichkeit möglicherweise kritisch beäugt wird?

Zorniger: Gar nicht. Ich habe alles in der Tiefe mit meiner Familie, meinem Berater und zwei meiner besten Kumpels durchgesprochen. Mir tat es gut, dass sie die Sache ziemlich nüchtern und uneitel gesehen haben. Dass es eventuell nicht so gut aussehen könnte, nach Zypern zu gehen, hat auch sie kein bisschen interessiert. Darum habe ich in der finalen Phase der Gespräche mit Apollon auch noch einem deutschen Klub abgesagt.

Alexander Zorniger: Seine Karriere als Trainer im Überblick

VereinZeitraum
1. FC Normannia Gmünd2004-2009
VfB Stuttgart (Co-Trainer)2009
SG Sonnenhof Großaspach2010-2012
RB Leipzig2012-2015
VfB Stuttgart2015
Bröndby IF2016-2019
Apollon Limassolseit 2021

Apollon verfolgt seit längerer Zeit so etwas wie ein Titel-Trauma: Der Verein scheiterte oftmals kurz vor dem Ziel, wurde einige Male nur Zweiter und schien es immer dann zu versemmeln, wenn es darauf ankam. Was erwartete man von Ihnen - tatsächlich den ersten Meistertitel seit 16 Jahren?

Zorniger: Ja, am Anfang schon. Das war auch nachvollziehbar. Man wurde im Vorjahr mit fünf Punkten Rückstand Zweiter und nahm gutes Geld für ein neues Trainerteam in die Hand. Da konnte man nicht sagen, dass Platz fünf auch okay sei. Das hat sich jedoch gewandelt, als wir loslegten und zwei Drittel des Kaders ausgetauscht haben. Wir hatten nicht das höchste Budget, nicht den höchsten Transferwert der Spieler, ein neues Trainerteam - es ergab keinen Sinn zu verkünden, man wolle nun Meister werden. Bei einer solchen Erwartungshaltung wäre jeder Rückschlag viel massiver gewesen.

Sie haben ein ungewöhnliches Co-Trainerteam zusammengestellt: Der künftige Schalker Beniamino Molinari war zuvor beim TSV Essingen und hatte noch nie auf Profiniveau gearbeitet, Jurek Rohrberg war einst Spieler in der Regionalliga, zuletzt aber einige Jahre Reporter bei Sky. Wieso diese Wahl?

Zorniger: Mit Beni habe ich noch in der 4. Liga in Bonlanden zusammengespielt, dazu war er mit mir sieben Jahre lang in Schwäbisch Gmünd. Ich kenne ihn gut und er meinte einmal im Spaß zu mir: Dann nimm' doch mich mit! Irgendwann dachte ich: Warum eigentlich nicht? Ich bin damals im A-Lizenz-Lehrgang doch auch irgendwie dem Markus Babbel aufgefallen und er hat mir später die Möglichkeit gegeben, in den Profibereich zu kommen.

Rohrberg bekleidete hingegen eine Position, die heute Performance Manager genannt wird.

Zorniger: Ich habe das Buch von Roger Schmidt und seinem Assistenten Jörn Wolf gelesen. Als ich mich mit Roger unterhielt, sprach er sehr positiv über die Position des wie auch immer gearteten Performance Managers. Für mich sollte er eine Organisationsposition einnehmen. Ich hatte dann sehr gute Gespräche mit Jurek. Mir ging es nicht darum, ihn fachlich abzuchecken, sondern ich wollte spüren, dass er mit mir diese Aufgabe angehen möchte. Man merkt schon, dass grundsätzlich viele an diese interessanten und gut bezahlten Jobs im Fußball heranwollen. Doch bei einer solchen Entscheidung sind wiederum einige nicht bereit, auch wirklich etwas dafür zu investieren.

Ihr Start in Limassol verlief alles andere als glücklich: In der Vorbereitung wurde kein einziges Spiel gewonnen und man scheiterte in der 2. Runde zur Conference-League-Qualifikation an MSK Zilina. Wie erging es Ihnen da?

Zorniger: Ich merkte schnell, dass in Zypern Ergebnisse zu jeder Zeit über allem stehen, auch in der Vorbereitung. Nach Zilina war direkt viel Getöse da: Warum braucht es einen deutschen Trainer, wenn man so schlecht aussieht? Mir wurde auch klar, dass das internationale Geschäft für kleinere Klubs mit einem Etat von acht oder zehn Millionen Euro eine sehr hohe Wertigkeit hat. Man verdient dort direkt ab der ersten Runde Geld, das ist in Deutschland anders. Unser Aus war daher schon eine Art Albtraum, danach herrschte ein wenig Weltuntergangsstimmung.

Wie reagierte die Vereinsführung?

Zorniger: Sie wollte Antworten, auch wenn man mir zuvor versicherte, dass auch Rom nicht an einem Tag erbaut worden sei. Darauf bin ich auch nach der Saison noch einmal zurückgekommen. Es hieß, man dachte durchaus, dass alles Zeit bräuchte - aber man dachte halt nicht, dass man ausscheiden würde. Es ist in Zypern sehr wichtig, wie man nach außen wahrgenommen wird. Jeder Vereinsverantwortliche steht unter Druck, in Zypern ist das noch einmal etwas potenziert. Ich kann daher nicht verhehlen, dass bei mir in dieser Anfangsphase auch mal der Gedanke auftauchte, ob das denn wirklich die richtige Aufgabe sei, als die ich sie angesehen hatte.

Wie sind Sie damit klargekommen, dass die äußere Wahrnehmung dort so wichtig erscheint?

Zorniger: Das betraf Themen innerhalb des Fußballs, die aber nicht mit einem wesentlichen Baustein meiner Philosophie verbunden waren. In dem Maße war mir das nicht bekannt und ich reagierte darauf auch zunächst mit Argwohn. Als ich merkte, dass dies zu Diskussionen führte und auch sofort ein Leistungsabfall spürbar wurde, versuchte ich, eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden. Auch aufgrund der in Stuttgart und Dänemark gewonnenen Erkenntnis, dass man sich nicht zu viele Baustellen gleichzeitig öffnen sollte.

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