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Fussball

Eintracht Frankfurt und der Europa-League-Triumph: Ein Märchen mit vielen Helden

Eintracht Frankfurt, Europa League, Finale, Pokal

Der Triumph von Eintracht Frankfurt in der Europa League ist eine Erfolgsgeschichte einer Mannschaft, die es verstanden hat, eng zusammenzustehen. Und dennoch hat die sensationelle Europa-Reise auch viele neue Helden für die Ewigkeit hervorgebracht.

Eine kleine Reise zurück zum 2. August 2021: In der Besprechung vor dem Testspiel gegen den AS St. Etienne fragte Oliver Glasner, neuer Trainer von Eintracht Frankfurt, seine frisch zusammengestellte Mannschaft, wer denn künftig die Elfmeter schießen will.

"Da war es erstmal ruhig, keiner hat etwas gesagt", erzählte Glasner damals - bis einer die Stille brach: Rafael Borre. "Er hat aufgezeigt. Er war der Einzige. Das zeugt von Selbstbewusstsein und zeigt, dass er hier Verantwortung übernehmen will."

Im Spiel gab es dann tatsächlich einen Elfmeter, den erst der junge Aymen Barkok schießen wollte, bis ihm Martin Hinteregger einen bösen Blick zuwarf und Borre den Ball gab. Der Kolumbianer verwandelte zu seinem ersten Tor für die Eintracht.

Viele Monate später übernahm Borre wieder Verantwortung, eine deutlich größere natürlich, und schoss die Eintracht "zum größten Moment der Vereinsgeschichte", wie es Präsident Peter Fischer auf dem Rasen des Estadio Ramón Sánchez Pizjuán unter Tränen ausdrückte. Die Eintracht hat 42 Jahre nach dem letzten Triumph den Europapokal wieder nach Frankfurt geholt.

Es war eine unfassbare Reise mit 13 Spielen ohne Niederlage. In der K.o.-Phase über Betis, Barcelona, West Ham United ins Endspiel gegen die Rangers aus Glasgow. Dort wurde beim 5:4 im Elfmeterschießen Geschichte geschrieben. Eine, die man zu Beginn der Saison nicht erwarten konnte, als der Klub den Erfolgssportvorstand, den Erfolgstrainer und den besten Torjäger verlor - und zu allem Überfluss in der ersten Pokalrunde an Waldhof Mannheim scheiterte.

Eintracht Frankfurt: Es ist ein Triumph der Geschlossenheit

Aber die Frankfurter Mannschaft zeigte am Mittwochabend final, was möglich ist, wenn man den Zusammenhalt nicht nur predigt, sondern ihn auch lebt. Wenn sich Glasner im dritten Satz seiner ersten Worte nach dem Triumph bei den Spielern bedankt, die nicht so oft spielten und sogar für die Europa League überhaupt nicht nominiert wurden, weil "sie immer an der Mannschaft waren", sagt das viel aus.

Es ist ein Triumph der Geschlossenheit, aber auch ein Märchen, das viele Helden geschaffen hat, die, egal was jetzt noch kommt, auf ewig im Gedächtnis bleiben werden.

Da ist vielleicht allen voran Glasner selbst zu nennen, der - wie man nun auch wieder gesehen hat - den anscheinend untrainierbaren VfL Wolfsburg in die Champions League geführt hat und dann nach Frankfurt kommt und die Europa League holt.

Es zeugt von großer Klasse, wie der Österreicher die durchaus häufig aufkommenden Widrigkeiten gekonnt wegmoderierte. Wer Glasner am Dienstag bei der Pressekonferenz sah, welche Entspanntheit er vor dem wichtigsten Tag vieler Menschen, die die Eintracht in ihren Herzen tragen, vorlebte, der war beeindruckt.

Er musste viele neue Spieler integrieren, ein neues Fundament schaffen und auch, wenn es in der Bundesliga nicht so lief, wie man es sich in Frankfurt vorstellte: In Europa schrieb er Geschichte.

Eintracht: Borre, Rode und Co. werden zu ewigen Helden

Mit einem Borre eben, der trotz anfänglichem Selbstvertrauen bei Elfmetern durchaus Probleme hatte, reinzukommen. Mit einem Jesper Lindström, der zu Saisonbeginn aus Bröndby kam und wenn man den einschlägigen Seiten über Transfers glaubt, in Frankfurt seinen Marktwerkt einfach mal verdoppelte. Aufzuzählen sind auch Ajdin Hrustic und Krstijan Lakic, die sich in Sevilla ins Zeug warfen, als viele andere schon keine Kräfte mehr hatten.

Glasner moderierte auch die Situation um Filip Kostic hervorragend. Es waren empfindliche Zeiten, in denen mit jedem falschen Wort vieles auf ewig kaputt gehen konnte. Der Linksfuß blieb, obwohl er eigentlich gehen wollte und auch bei den Fans einiges an Kredit verspielte. Aber was der Serbe auf dem Weg ins Finale absolvierte, mit welchem Elan und Charakter er vorwegging, war beeindruckend. Im schottischen Radio kamen die Experten gar nicht mehr aus dem Staunen heraus - und dabei war es noch nicht mal das beste Spiel Kostics.

Aber man muss auch über die Heldengeschichte von Sebastian Rode sprechen. Als er schon nach vier Minuten des Endspiels von Rangers-Hobbywrestler John Lundstram am Rande der Körperverletzung am Kopf getroffen wurde, war es nicht normal, dass er einfach weitermachte. Es gibt Fußballer, die für weniger eine Auswechslung fordern. Aber Rode bekam einen Turban und eigentlich musste diese Geschichte ein Happy End finden. Oder schon mal einen traurigen Turban-Träger auf dem Platz gesehen?

"Ich habe direkt an Schweini gedacht, WM 2014, von daher war es ein gutes Omen", sagte Rode nach dem Spiel. Bastian Schweinsteiger eroberte bei der WM damals in Brasilien die Herzen, als er komplett ramponiert die Mannschaft anführte und Deutschland zum WM-Titel moderierte. Rode kam ebenfalls zurück und spielte auf höchstem Niveau. Er genoss ohnehin schon ein hohes Ansehen in Frankfurt, seit Mittwochabend ist er unsterblich.

Eintracht: Kevin Trapp und eine Glanztat für die Ewigkeit

Das gilt auch für Kevin Trapp. Klar, es gab eine Unterbrechung mit dem Abstecher nach Paris. Wem will man es verübeln, ein Angebot des Klubs, der sich Neymar, Messi, Mbappe und Co. leisten kann, anzunehmen. Er hat seit 2012 schon viele große Momente im Trikot der Eintracht gefeiert, aber der Europa-League-Sieg? "Das ist der schönste Tag meiner Karriere", sagte Trapp nach dem Spiel und schien dabei immer noch nicht zu glauben, dass man den Titel wirklich geholt hat. Klar, ist es überragend, wie er den Elfmeter von Aaron Ramsey hielt.

Aber seine Glanztat in der 118. Minute gegen - ja, gegen wen war das eigentlich?! - ist pure Legendenbildung. Man wird noch Jahre später über diese Szene sprechen. Man wird erzählen, was man in diesem Augenblick gemacht hat. Wo man genau war. Man wird erzählen, dass irgendjemand aus dem Freundeskreis gegen die Wand gelaufen ist oder Schnappatmung hatte. Oder eben selbst all das erlebt hat.

Und vielleicht spricht man dann auch über Ansgar Knauff. Er spielte noch vor fünf Monaten in der Zweiten von Borussia Dortmund in der 3. Liga. Klar, hatte er schon vorher Bundesliga gespielt, aber da war kein Platz mehr für den Außenbahnspieler. Frankfurt hatte einen Platz für ihn - und auch er ist nun einer dieser Märchenhelden. Seine Tore, seine Tempodribblings, seine Hingabe. Ein sensationeller Neuzugang.

"Ich hatte beim Elfmeterschießen fast einen Herzinfarkt", sagte Knauff nach dem Spiel, aber er sei sich sicher gewesen, "dass Trapp einen Elfmeter hält". Die Glückwünsche für den Europapokal möge man doch bitte auch "Ansgar ausrichten", schrieb der BVB bei Twitter. Sie bekommen ihren Ansgar - wenn überhaupt - 2023 wieder zurück, bis dahin ist er noch ausgeliehen. Sollte er noch in der WhatsApp-Gruppe des BVB sein, kann er ja mal ein Foto eines Pokals reinschicken. Auf so einen wartet man in Dortmund schon länger.

Eintracht Frankfurt: Es ist auch ein Erfolg für die Bundesliga

Und ja, es ist auch Triumph für die Bundesliga. Man ist in einer Zeit, in der man sich immer mehr Sorgen macht, dass die deutsche Eliteliga an ihrer Bedeutung verliert, weil alle anderen so viel Geld haben, dass selbst der FC Bayern seine besten Spieler nicht mehr halten kann oder es inzwischen finanziell lukrativer ist, bei Newcastle United auf der Bank zu sitzen, anstatt in der Bundesliga von Anfang an zu spielen.

Klar, in der Champions League war es dieses Jahr nichts für die Bundesliga. Aber Eintrachts Europa-League-Sieg war laut und deutlich zu hören auf dem Kontinent. Die Hessen zogen europaweit die Fußballliebhaber in ihren Bann. Der Auftritt im Camp Nou bleibt nicht nur sportlich hängen, sondern auch mit der ganzen Dekoration, für die die Fans gesorgt haben.

Und auch sie dürfen sich zu guter Letzt als Helden feiern. Es hat nicht nur sportliche Gründe, dass Eintracht Frankfurt wieder auf der Landkarte des Fußballs zu sehen ist. Die Fanmärsche in all den europäischen Städten. Die weißgefärbten Tribünen, die Choreografien und die Tatsache, die sonst immer sehr stimmungsvollen Rangers-Fans im Finale niedergeschrien zu haben. All das hat so viel Magie erzeugt, dass Frankfurt der Klub geworden ist, auf den man sich freut, wenn er in der nächsten Saison in der Champions League spielen darf. Gesetzt in Topf 1 als Europa-League-Sieger.

"Die Reise ist noch nicht zu Ende. Sie geht in der Champions League weiter", sagte der verletzte Martin Hinteregger nach dem Spiel. Ach ja: Auch so ein Held.

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