Spicken beim Rhythmuserfinder

Von Stefan Rommel
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© Getty

Frankfurt - Es hat sich als ungute Sitte bei Heimspielen der DFB-Elf eingeschlichen, dass die Kundschaft ihre smarten Anfeuerungen mitunter gar nicht den anwesenden Akteuren widmet, sondern jemandem ganz anderen.

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Dem Hauseigentümer, der eigenen Mannschaft - die ja für gewöhnlich an selber Stelle aufspielt.

Auch beim Ländervergleich zwischen Deutschland und Wales in der Frankfurter Commerzbank Arena war das nicht anders. In der 63. Minute stimmten Ost- und Westkurve unisono ihre Lobhudelei auf die Eintracht an, was den DFB-Oberen und natürlich auch den Spielern wenig Freude bereitet haben dürfte.

Für diese lautstarke Unterstützung einer Mannschaft, die gar nicht da war, kann es also nur zwei Gründe geben.

Grund eins: Der Frankfurter Fan liebt seine Eintracht einfach so abgöttisch, dass er mindestens einmal am Tag lauthals und ohne großes Versehen seinen Lieblings-Eintracht-Song anstimmt, um seiner Holden angemessen zu huldigen. Klingt plausibel und könnte am Mittwoch auch so gewesen sein.

Da der Favorit Deutschland aber nicht in der Lage war, einer Mannschaft wie Wales (Zitat Miro Klose: „Schlechter als Zypern") auch nur ein krummes Gegentor einzuschenken, liegt Vermutung Nummer zwei wohl näher: Deutschland hatte einfach einen schwachen Tag erwischt.

Und als Quittung sieht das offizielle Fan-Handbuch in Kapitel 5, Absatz 2 nunmal vor: "Bestrafung durch offen zur Schau gestellte Missachtung." Punkt.

Leidige Erklärungsversuche

Damit wäre der obskure Stimmungswandel der Fan-Schar erklärt. Nicht aber die herzlose Leistung einer deutschen Mannschaft, die uns über das gesamte Jahr gesehen doch so viel Freude bereitet hat und im letzten Spiel "einen tollen Jahresabschluss" schaffen wollte.

Erklärungsversuche gab es viele. "Wir haben die Zweikämpfe nicht angenommen. Wir waren wohl nicht mehr hundertprozentig konzentriert." (Philipp Lahm).

Oder: "Der Gegner hat tief gestanden, wir haben kein Rezept gefunden. Das haben wir uns anders vorgestellt. Wir haben es nicht umsetzen können, was der Trainer wollte." (Tim Borowski).

Auch nicht schlecht: "Wir haben sicherlich im Vorwärtsgang unsere Probleme gehabt. Sie haben eng gestanden und uns das Leben schwer gemacht." (Christoph Metzelder).

Vom Trainer nichts Neues

Befriedigung oder gar Aufklärung konnte man aber auch bei mehrfachem Lesen nicht finden. Doch warum sollte es den Spielern denn anders ergehen als der Mehrzahl der Zuschauer im Stadion und zu Hause auf dem Sofa.

Niemand wusste so recht etwas mit diesem letzten Spiel anzufangen. Schon gar nicht, wenn man die 90 Minuten von Frankfurt im Kontext sieht mit den 90 Minuten von Hannover einige Tage zuvor.

Man könnte also zu dem Schluss kommen, dass wenig bis gar nichts passiert war. Eine Sache war da aber dann doch. Man konnte sie erahnen, beim Statement von Joachim Löw. "Wir wollten alles dafür tun, das Spiel zu gewinnen. Aber Wales hat es schon ganz gut gemacht, sie haben tief gestanden", sagt der Bundestrainer. Alles schon mal gehört, nichts wirklich Neues dabei.

Ein bösartiger Virus

Aber dann: Dieser eine kleine Satz, nur sechs Worte lang: "Wir haben nie den Rhythmus gefunden." Den Rhythmus gefunden... Er offenbart ein Problem, das schon seit geraumer Zeit im DFB-Team dahinsiecht wie ein bösartiger Virus.

Löws Mannschaft hat bewiesen, dass sie mit allen erdenklichen Situationen umgehen kann. Spieltaktisch und systematisch, mit Kampf oder Spielwitz. Was aber, wenn die Essenz fehlt, der Takt. Oder im Fremdwort: der Rhythmus.

Dann hat die Mannschaft keinen Schlüssel für ein vertracktes Spiel. Löws Spieler beherrschen den Überfall perfekt, das haben sie unter Vorgänger Jürgen Klinsmann gelernt. Aber was, wenn der Überraschungseffekt verpufft? Wenn die ersten Aktionen misslingen? Wenn Lukas Podolski nicht vier Mann umspielt und Clemens Fritz per Flugkopfball einnetzt?

Anschauungsobjekt Italien

Es ist ein Mosaiksteinchen, das noch fehlt auf dem Weg ganz nach oben. Einen Gegner auch mal weichkochen zu können. Sich in ein Spiel verbeißen. Abwarten, bis die hundertprozentige Chance kommt und diese dann mit kaltem Herzen nutzen.

Das muss die Mannschaft offenbar noch lernen. Gegen einen Gegner wie Wales hätte es mit ein bisschen Glück auch so zum Sieg gereicht.

Im Sommer 2008 heißen die Kontrahenten aber nicht mehr Wales oder Zypern, sondern Frankreich oder Italien. Und gerade der Weltmeister sollte Anschauungsobjekt genug sein. Die Azzurri sind quasi die Erfinder des Rhythmusfindens. Erst im Juli letzten Jahres musste die deutsche Elf dies auf die schmerzhafteste aller Arten feststellen.

Jogi Löw sollte einfach mal ganz schamlos spionieren und spicken. Wir verraten es auch niemandem.