Cookie-Einstellungen
Fussball

FC Bayern: Wäre Harry Kane wirklich die Lösung aller Probleme?

Von Justin Kraft
Harry Kane zum FC Bayern München? Der Engländer bringt reihenweise Stärken mit - aber an einem Punkt dürften die Münchner ins Zweifeln kommen.

Der FC Bayern München hat in den letzten Wochen zahlreiche Großchancen liegen gelassen. Dementsprechend wurden auch die Diskussionen um einen neuen Stürmer wieder angeheizt. Harry Kane ist ein Name, der seit dem Sommer im Umfeld des Klubs kursiert. Doch wäre der Engländer die Lösung aller bayerischen Probleme?

Robert Lewandowski, Karim Benzema, Erling Haaland, Kylian Mbappé - unabhängig von der Reihenfolge sind das die vier Stürmer, die aktuell am häufigsten genannt werden dürften, wenn es um die besten Neuner der Welt geht. Einer davon spielte jahrelang beim FC Bayern München.

Ein Blick in die StatsBomb-Daten von FBref offenbart das derzeit größte Problem der Bayern: Aus 92 Abschlüssen, elf Großchancen und 8,8 erwartbaren Toren erzielten sie in den letzten vier Bundesliga-Spielen nur vier Tore.

Schon weil die Liste an Weltklasse-Stürmern so kurz ist, entschieden sich Hasan Salihamidzic und die Kaderplaner dafür, die Saison ohne einen echten Neuner zu beginnen. Dabei wäre wohl einer verfügbar gewesen, der in der Weltspitze nahezu chronisch unterschätzt wird: Harry Kane.

Der Engländer schießt für Tottenham seit vielen Jahren zuverlässig Tore. In 395 Pflichtspielen traf er 254-mal und bereitete 60 Treffer vor - alle 99 Minuten ist er direkt an einem Tor der Spurs beteiligt. Wäre der 1,88 Meter große Stürmer die Lösung für die derzeitigen Probleme des deutschen Serienmeisters?

FC Bayern: Die Kane-Chronologie - was ist dran?

"Er ist ein brillanter Spieler, einer der besten Stürmer der Welt", adelte Julian Nagelsmann den 29-Jährigen im Sommer. Damals berichteten erste Medien davon, dass die Münchner Interesse am Kapitän der englischen Nationalmannschaft hätten. "Ich kenne den genauen Preis nicht, aber es ist sehr hart für Bayern", gab der FCB-Coach gleichermaßen zu: "Wir werden sehen, was in der Zukunft passiert."

Sport1 berichtete von einem astronomischen Finanzpaket im dreistelligen Millionenbereich. Ganz vom Tisch scheint die Geschichte dennoch nicht zu sein. Denn Kanes Vertrag bei den Spurs läuft 2024 aus. Im kommenden Sommer hat Tottenham also die letzte Möglichkeit, eine hohe Ablösesumme zu kassieren.

Sky bezeichnete Kane sogar als "Transferziel Nummer eins" des FCB und es habe sogar schon einen ersten Kontakt gegeben. Der Stürmer könne sich demnach vorstellen, nach München zu wechseln.

Und auch die Bild berichtete zuletzt davon, dass Bayern dem Engländer geraten habe, seinen Vertrag in Nord-London nicht voreilig zu verlängern. Denn das große Ziel von Tottenham ist es, das Arbeitspapier um weitere Jahre zu erweitern. Das grundsätzliche Interesse des FC Bayern lässt sich angesichts der vielen Meldungen zu diesem Thema wohl kaum leugnen. Bleibt die große Frage: Passt Harry Kane zum Rekordmeister?

FC Bayern: Ist Harry Kane das fehlende Puzzleteil?

Ein Blick auf die oberflächlichen Zahlen genügt, um zumindest mal Nagelsmanns These zu stärken, dass Kane wohl auch in der Bundesliga viele Tore schießen würde. Selbst in der vergangenen Saison, die für den Rechtsfuß Höhen und Tiefen hatte, kam er auf 0,47 Tore und 0,25 Assists pro 90 Minuten. In der aktuellen Spielzeit steht er durchschnittlich bei 0,87 Treffern und 0,14 Vorlagen.

Harry Kane und Robert Lewandowski im Datenvergleich

Statistik pro 90 Minuten (nur Liga)Kane 21/22Kane 22/23Lewandowski 21/22
Tore0,470,871,07
Assists0,250,140,09
Expected Goals (xG)0,560,681
Expected Assists (xA)0,250,190,17

Schüsse

3,653,484,8
xG pro Schuss0,150,20,21
Tore pro Schuss0,120,250,22

An Robert Lewandowski kommt er damit nicht heran, aber Kane ist dennoch ein sehr abschlussstarker Spieler, der regelmäßig seine Expected-Goals-Werte übertrifft. Was oft fälschlicherweise als "Überperformance" abgetan wird, ist im Gegenteil auf Dauer ein Merkmal großer Klasse. Denn Expected-Goals-Modelle ermitteln aus einer Vielzahl an vergleichbaren Abschlüssen auf der ganzen Welt eine durchschnittliche Torwahrscheinlichkeit für einen Schuss. Dass Weltklasse-Spieler überdurchschnittlich sind, sollte nicht überraschen.

Kane ist definitiv überdurchschnittlich. Dass er in der Diskussion um die besten Stürmer der Welt oft keine oder nur eine kleine Rolle spielt, liegt maßgeblich an seinem Umfeld. Tottenham zählt nicht zu den Top-Klubs in Europa. Die Spurs hatten in den letzten Jahren gute und schlechte Phasen, nahmen 2019 sogar am Champions-League-Finale teil. Einen Titel gewannen sie aber nicht. Für jeden Spieler der Welt wäre es eine große Herausforderung, derart konstant Tore und Torvorlagen zu liefern, wie es Kane seit Jahren macht. Aber er kommt eben nicht auf jene Quoten, die bei einem Top-Klub vielleicht eher möglich wären.

Für den Spieler würde es dementsprechend Sinn ergeben, seine vielleicht letzte große Chance auf einen Wechsel zu einem großen Klub zu nutzen. Der FC Bayern wäre nicht nur wegen der vakanten Neunerposition im Kader eine Top-Adresse, sondern auch wegen der bisher in jedem Jahr guten Chancen, international lange im Wettbewerb vertreten zu sein.

Harry Kane: Ein unterschätzter Spielmacher

Fußballerisch könnte Kane auch deutlich mehr anbieten als nur die reine Torquote. Wegen seiner Statur und seinen oftmals etwas schwerfällig wirkenden Bewegungen wird der Stürmer oft in die Schublade des reinen Zielspielers gesteckt, der mit Flanken und Pässen gefüttert werden muss.

Zudem ist Kane nicht gerade schnell, was es in offensiven Umschaltsituationen erschweren würde, ihn in entsprechende Abschlusspositionen zu bringen. Aber der gebürtige Londoner ist ein unterschätzter Spielmacher. In den letzten Jahren hat er sich zunehmend vom Abschlussspieler zum mobilen Angreifer entwickelt. Er weicht häufig in die Halbräume aus oder lässt sich ins Mittelfeld fallen, um sich an der Ballzirkulation zu beteiligen, Gegenspieler zu binden und so Räume für Mitspieler zu öffnen.

Kane kann Bälle festmachen, sie kontrollieren und solide weiterverteilen. Er ist dahingehend sogar aktiver ins Spiel eingebunden als es Lewandowski in München war. Der Vize-Europameister spielte in den letzten Monaten mehr Pässe mit einem vertikalen Raumgewinn von mindestens neun Metern, er hat durchschnittlich mehr Ballkontakte und von diesen auch mehr im Mittelfeld. Außerdem spielt er fast fünfmal so viele Schnittstellenpässe im Vergleich zum Polen.

Harry Kane und Robert Lewandowski im Datenvergleich

Statistik pro 90 Minuten (nur Liga)Kane 21/22Kane 22/23Lewandowski 21/22
Pässe (erfolgreich)26,5 (18,4)26,4 (19,7)23,5 (18)
Pässe mit Raumgewinn > 9 m3,264,641,71
Vertikaler Raumgewinn103,5 m133 m46,7 m
Torschussvorlagen1,361,881,22
Schnittstellenpässe0,530,580,12

Pässe unter Druck

7,085,366,45

In den meisten Statistiken, die nicht mit Abschlüssen, Toren oder dem gegnerischen Strafraum zu tun haben, hat Kane höhere Werte anzubieten als Lewandowski. Vor allem deshalb, weil er bei Tottenham weiträumiger eingesetzt wird als der Pole in München.

Harry Kane: Hier sollte der FC Bayern genauer hinschauen

Die Daten zeigen, dass der Engländer deutlich vielseitiger ist als ihm oft unterstellt wird. Sollte er zum FC Bayern wechseln, bestünde die größte Herausforderung dennoch darin, mit deutlich weniger Raum zurechtzukommen. Nicht nur ist das Pressing in der Bundesliga qualitativ ein anderes als in England, sondern auch die Spielweise der Münchner wäre für Kane eine große Umstellung.

Harry Kane und Robert Lewandowski im Datenvergleich

Statistik pro 90 Minuten (nur Liga)Kane 21/22Kane 22/23Lewandowski 21/22
Ballkontakte39,939,336,7
Ballkontakte im Mittelfelddrittel20,422,514,9
Ballkontakte im Angriffsdrittel18,416,121,9
Ballkontakte im gegnerischen Strafraum5,44,648,35
Dribblings (erfolgreich)2,84 (1,73)2,61 (1,3)1,99 (1,04)
Ball an Gegenspieler verloren2,032,751,8

Nagelsmann positioniert viele Spieler im Zentrum, wodurch der Raum für einen Neuner noch mal enger wird. Robert Lewandowski wurde in der letzten Saison nur 1,8-mal pro 90 Minuten vom Ball getrennt. Kane passiert das häufiger. Eine berechtigte Sorge der Bayern sollte sein, dass er seine Stärken in diesem System möglicherweise nicht ausreichend einbringen kann.

Denn dass Kane beispielsweise mehr Mittelfeldkontakte hat oder er mit seinen Pässen mehr vertikalen Raumgewinn erzeugt als Lewandowski, liegt auch daran, dass Tottenham seltener gegen tief gestaffelte Abwehrketten spielen muss und sich insgesamt mehr auf die offensiven Umschaltmomente konzentrieren kann. Kane müsste seine Spielmacherqualitäten also dann auch deutlich häufiger gegen tief gestaffelte Gegner zeigen und damit tat er sich in der Vergangenheit durchaus schwer.

Kane hat dennoch einige Qualitäten, die den Bayern gerade ganz offensichtlich fehlen. Es würde primär gar nicht darum gehen, dass er die Tore von Lewandowski im Alleingang auffangen kann. Vielmehr wäre er mit seinen Fähigkeiten als robuster und mobiler Stürmer ein Mehrwert, indem er Bälle festmacht und Schnittstellen für die restlichen Angreifer öffnet, weil er Gegenspieler bindet. Auch seine Kopfballstärke würde das Bayern-Spiel wieder etwas variabler machen.

Je länger die Ergebniskrise andauert, desto häufiger wird der Name von Harry Kane an der Säbener Straße kursieren. Seine Vorzüge sind für den FC Bayern verlockend. Gleichwohl spielen die Zweifel daran eine Rolle, ob er im engmaschigeren Positionsspiel der Münchner funktionieren kann. Insbesondere mit Blick auf die finanziellen Kehrseiten.

FC Bayern: Die finanziellen Kehrseiten des Harry Kane

So gilt Daniel Levy als harter Verhandlungspartner. Der Präsident ist nicht gerade dafür bekannt, jemandem einen Gefallen zu tun. Schon als Kane 2021 zu Manchester City wechseln wollte, blieb der 60-Jährige konsequent bei seiner Entscheidung, ihn zu halten. Er lässt sich dabei nicht unter Druck setzen.

Dementsprechend dürfte der Preis für Kane auch im kommenden Sommer sehr hoch sein. Angesichts der Tatsache, dass der Stürmer nächstes Jahr 30 wird, müssen die Bayern also gut überlegen, ob der sportliche Mehrwert ausreicht, um die notwendigen Ausgaben zu rechtfertigen.

Zumal noch nicht absehbar ist, wie gut sich die Münchner ohne echten Stürmer schlagen werden. Vor allem der weitere Verlauf bis zur Winter-Weltmeisterschaft in Katar wird wohl entscheidenden Einfluss darauf nehmen, inwiefern die Bayern bereit sind, bei Kane tatsächlich ernst zu machen.

Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung