Fussball

FC Bayern München und die Folgen von Hansi Flicks Verlängerung: Der erste Dominostein

Hansi Flicks Vertrag beim FC Bayern München wurde bis 2023 verlängert.

Vom treuen Helfer zum mächtigen Chef: Hansi Flicks Aufstieg beim FC Bayern war ebenso rasant wie spektakulär. Ebenso schnell könnte der Club nun die weiteren Personalentscheidungen treffen. Für einige Spieler könnte es eng werden.

Den wichtigsten Schritt, um für den Tag X gewappnet zu sein, den Tag also, an dem der Ball wieder rollt, ist der FC Bayern schon vor ein paar Tagen gegangen, bevor am Montag die ersten Profis in Kleingruppen wieder am Klubgelände an der Säbener Straße in München trainierten.

Schien der Rekordmeister noch am Donnerstag aufgrund der Coronakrise komplett im "Pausemodus", wie es ein Spielervermittler, der schon lange und oft mit den Münchnern zusammenarbeitet, im Gespräch mit SPOX und Goal formulierte, ist durch die langfristige Verlängerung mit Trainer Hansi Flick bis zum 30. Juni 2023 der erste Dominostein gefallen.

Die Fragen, wann, wie und ob überhaupt die laufende Saison wieder aufgenommen werden kann, kann weiterhin niemand seriös beantworten. Fakten und Perspektiven für die Zukunft des eigenen Vereins dürften die Münchner aber bereits in den kommenden Tagen schaffen.

Hansi Flick: Die verblüffendste Trainerkarriere bei einem Weltklub

Was die Vertragsverlängerung für Hansi Flick bedeutet: Der 55-Jährige hat die - wohl auch für ihn selbst - verblüffendste Trainerkarriere der letzten Jahre bei einem Weltklub hingelegt. Vom ewigen Co-Trainer und treuen Assistenten zum loyalen Helfer in der Not zum einzig logischen und mit viel Macht ausgestatteten Cheftrainer in nur acht Monaten.

Dass Flick vor seinem im Oktober 2019 zunächst auf zwei Spiele angelegten Einspringen nach dem Abgang von Niko Kovac zuletzt im Jahr 2005 als Cheftrainer gearbeitet hatte - und da mit der TSG Hoffenheim gerade viermal am Aufstieg in die Zweite Bundesliga gescheitert war - spielte angesichts seiner Arbeit und Ergebnisse vom ersten Tag an keine Rolle.

Nun hat Flick, der also zumindest als Cheftrainer noch einmal deutlich unerfahrener ist als sein Vorgänger und Kurzzeitchef Niko Kovac, sogar eine Machtfülle, von der Kovac nicht mal träumen durfte: Flick wurde von den Bossen ausdrücklich ein Mitspracherecht bei Transfers eingeräumt - das Flick vor der Vertragsverlängerung auch eingefordert hatte. "Hansi hat ein Mitspracherecht, das ist doch klar. Die Meinung des Trainers spielt bei unseren Personalentscheidungen eine Rolle. Er muss ja mit den Spielern arbeiten", sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge der Bild.

Ein Privileg, das nicht alle Trainer beim FC Bayern in dieser Form hatten. Trainer wie Kovac oder auch Felix Magath etwa hatten relativ wenig Mitspracherechte bei Transfers, sogar Pep Guardiola musste einst "Thiago oder nix" fordern, um seinen Lieblingszugang zu bekommen. Als die Bosse sich später mit Toni Kroos nicht über einen neuen Vertrag einigen konnten und ihn zum Leidwesen Guardiolas zu Real Madrid ziehen ließen, musste der Trainer dem Vernehmen nach schon sein gesamtes diplomatisches Geschick aufbringen, um die Verantwortlichen von der Idee abzubringen, den dynamischen Kämpfer Sami Khedira als 1:1-Nachfolger für den Pass- und Taktgeber Kroos zu verpflichten.

Würde Flick, der noch dazu von Spielern, Bossen und Vorgängern wie Jupp Heynckes geschätzt wird und somit auch über viele Fürsprecher und eine entsprechende Hausmacht bei Bayern verfügt, seinen Vertrag erfüllen, wäre er übrigens am Ende länger bei Bayern als es Guardiola war. Die Ära Flick?

Thiago vor Verlängerung, Fragezeichen bei Manuel Neuer

Was die Flick-Verlängerung für die Verhandlungen mit aktuellen Spielern bedeutet: Grundsätzlich sind Klubs und Spieler mehr denn je daran interessiert, in diesen unsicheren Zeiten so große Klarheit wie möglich zu schaffen. Einerseits ist der Transfermarkt so unaufgeregt und erkaltet wie lange nicht mehr im April - ohne Einnahmen keine neuen Stars. Andererseits könnten Klubs womöglich bald eher große Kader brauchen. Je länger die Zwangspause dauert und die Saison nicht komplett abgebrochen wird, desto wahrscheinlicher werden viele Spiele in sehr kurzer Zeit - und dann winkt nach einer kurzen Pause bereits die neue Saison.

Wer kann - und seinen aktuellen Klub nicht unbedingt verlassen möchte -, dürfte also darauf drängen, auslaufende Verträge so schnell wie möglich zu verlängern. Zumal bei einem Klub wie Bayern, bei dem es "keinen Corona-Discount" geben wird, wie Rummenigge der Bild sagte.

Die 2021 auslaufenden Verträge und Thiago, der dem Bayernspiel gemeinsam mit Joshua Kimmich unter Flick gleichzeitig Statik und Dynamik verlieh, könnten bereits in den kommenden Tagen verlängert werden. Laut kicker seien nur noch Details zu klären. Die Vertragsverlängerung bis 2023 mit Thomas Müller, ein absoluter Flick-Gewinner, verkündete der FC Bayern bereits am Dienstag.

David Alaba, von Flick zum unumstrittenen Abwehrchef in der Zentrale gemacht, dachte nach mehr als zehn Jahren Bayern zumindest vor der Coronakrise einigermaßen offensiv über eine Luftveränderung nach. Nun müsste aber schon ein absolutes Traumangebot eines absoluten Traumklubs wie Barcelona kommen, um Alaba von einem Weggang aus München zu überzeugen.

Etwas komplizierter scheint die Lage bei Manuel Neuer zu sein. Hansi Flick bezeichnete ihn zuletzt als "weltbesten Torwart". Klar ist: Bayern will den Vertrag des Torhüters und Kapitäns verlängern. Jedoch wohl nur für zwei Jahre - auch, weil man dem bereits verpflichteten Alexander Nübel eine Perspektive bieten möchte. Neuer soll aber zunächst fünf Jahre gefordert haben. Da sind Kompromisse von beiden Seiten nötig. Denkbar wäre etwa eine Verlängerung um drei Jahre und eine Leihe Nübels. Sollten kommende Saison Neuer und Nübel im Kader stehen, dürfte Sven Ulreich, dessen Vertrag ebenfalls 2021 ausläuft, den Klub verlassen.

Javi Martinez hat bei Bayern schon länger das (Luxus-)Problem, bei aller Wertschätzung von allen Trainern vorwiegend als Spieler angesehen zu werden, dessen besondere Kämpferqualitäten nur bei vier, fünf Gelegenheiten pro Saison unbedingt gebraucht werden. Der 31-Jährige kam in dieser Saison bisher nur zwölfmal zum Einsatz. Er darf weg und wird wohl auch weg sein, wenn er ein adäquates Angebot bekommt. Athletic Bilbao träumt von einer Rückkehr des verlorenen Sohnes, doch der einstige 40-Millionen-Mann müsste bei seinem Heimatverein Abstriche machen.

Jerome Boateng: Der Verteidiger war im Grunde schon die vier vergangenen Transferperioden auf dem Absprung, doch es kam immer etwas dazwischen. Sein Satz zuletzt, dass er nicht "auf Teufel komm raus weg" müsse von Bayern, spricht für sich. Wartet auf Angebote, steht im Schaufenster.

Philippe Coutinho und Co. ohne Zukunft bei Bayern

Was die Flick-Verlängerung für die Leihspieler bedeutet: Philippe Coutinho konnte seine Klasse nur punktuell aufblitzen lassen. Auch dann noch zu teuer, wenn der FC Barcelona die festgeschriebene Ablöse von 120 Millionen Euro senken würde. Die 80 bis 90 Millionen Euro, über die der Evening Standard zuletzt spekulierte, wird Bayern in diesem Sommer eher nicht ausgeben. Und wenn, dann nur für einen Spieler, von dem man absolut überzeugt ist.

Rechtsverteidiger Alvaro Odriozola (nur zwei Einsätze bisher) und Flügelspieler Ivan Perisic können zurück zu Real Madrid respektive Inter Mailand. Auf beiden Positionen sucht Bayern Hochkaräter.

Weitere Verzahnung zwischen Nachwuchs- und Profibereich

Was die Flick-Verlängerung für Leroy Sane und Timo Werner bedeutet: Der eine war der absolute Traumspieler, der andere die meistdiskutierte Absage des FC Bayern in der letzten Sommertransferperiode. Sanes Wechsel platzte 2019 nicht zuletzt an seinem Kreuzbandriss - und nun allein schon an seinem Preisschild? Klar ist: 100 Millionen - oder noch mehr - werden die Münchner weder für Sane, noch für Kai Havertz, noch für irgendeinen anderen Spieler ausgeben. Da bräuchte es also einen Corona-Discount. Von Manchester City und dem Spieler, der die Bayern jedoch Anfang des Jahres vor den Kopf gestoßen haben soll, als er nach seinem Beraterwechsel zur Agentur Lian Sports den Rekordmeister gebeten haben soll, doch die bereits ausgehandelten Konditionen neu zu verhandeln. Zudem soll Flick dem Transfer nicht die allergrößte Priorität einräumen - anders als dem von Werner.

Sportchef Hasan Salihamidzic und Ex-Trainer Kovac blockierten im Sommer den erwarteten Wechsel von Leipzigs Werner nach München. Beide waren nicht vollends davon überzeugt, dass der pfeilschnelle Stürmer ins System passe. Was aus damaliger Sicht durchaus Sinn ergab. Flick gilt als Fan des Torjägers. Für den gebürtigen Bad Cannstatter spricht zudem, das er sich unter Trainer Julian Nagelsmann nicht nur als Torjäger, sondern auch und vor allem taktisch und technisch weiterentwickelt hat. Werners Positionsspiel ist variabler, seine Ball-Mit- und Weitergabe ist exakter geworden. Er könnte nun bei Bayern nicht nur als 1:1-Ersatz von Robert Lewandowski in Frage kommen, wenn der Pole mal eine Pause braucht, sondern auch als Vertreter oder andere Option mit etwas anderen Qualitäten auf den Flügeln und hinter der Spitze. Klar ist aber: Werner wäre nun deutlich teurer als im Sommer 2019: Seine festgeschriebene Ausstiegsklausel beträgt nunmehr 60 Millionen Euro und keine 25 Millionen Euro mehr.

Was die Flick-Verlängerung für die Talente bedeutet: Alphonso Davies schaffte es schon unter Niko Kovac in die Mannschaft, unter Flick aber startete die Linksverteidigerentdeckung erst seinen Höhenflug. Stürmer Joshua Zirkzee belohnte das Vertrauen mit Toren. Flick setzt im täglichen Training auf Talentförderung, mindestens vier Spieler aus der U23 und U19 sind immer beim Profitraining dabei. Nun könnte ab kommender Saison auch noch Weltmeister Miroslav Klose, derzeit U17-Trainer, zum Co-Trainer Flicks befördert werden. Klose, der sich auch für den Fußballehrer-Lehrgang angemeldet hat, könnte sich in einem solchen Modell verstärkt um die Verzahnung zwischen Nachwuchs- und Profibereich kümmern.

Was die Flick-Verlängerung für die Bosse bedeutet: Die erste große Personalentscheidung ohne Beteiligung von Uli Hoeneß verlief in zuletzt eher seltener Einmütigkeit und Harmonie. Nicht nur wollten alle Bosse mit Flick verlängern, alle wollten dies auch aus den gleichen Gründen und mit der gleichen Überzeugung. Vor allem für den designierten Sportvorstand Hasan Salihamidzic könnte der Arbeitsalltag jedoch noch komplizierter werden. Muss er doch sich in seinem Aufgabenbereich künftig schließlich nicht nur mit dem neuen Vorstand Oliver Kahn, sondern auch mit Trainer Hansi Flick absprechen und koordinieren.

Dass Trainer und Sportchef zuletzt in Transferfragen - im Winter, aber nun auch bei Sane/Werner und in Fragen einzelner Vertragsverlängerungen - nicht immer komplett einer Meinung waren, ist per se kein Problem. Reibung erzeugt Energie, das wissen altgediente Bayernrecken wie Kahn, Salihamidzic und Flick. Jedoch liegt beim FC Bayern traditionell jede Handlung wie unter einem Brennglas: Dass, wie die Bild berichtete, Kahn und Flick den Profis vor der Wiederaufnahme des Trainings an der Säbener Straße ein Motivationsvideo - inklusive Sicherheitsabstand zwischen den beiden - geschickt haben sollen, wäre in anderen Vereinen einfach nur die Meldung, dass zwei Verantwortliche ein Motivationsvideo geschickt haben.

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