Fussball

Bayer Leverkusens Triple-Trauma: "Du denkst nur: Nein, bitte nicht!"

Von Dennis Melzer
Bayer Leverkusen traf im Champions-League-Finale auf Real Madrid.

Bayer Leverkusen hatte 2002 die Chance aufs Triple, stand aber am Ende mit leeren Händen da. SPOX und Goal sprachen mit vier Protagonisten von damals.

Reiner Calmund beschlich am späten Abend des 9. April 2002 ein mulmiges Gefühl, dunkle Gedanken, die sich eigentlich zur Unzeit im Kopf des damaligen Präsidenten von Bayer Leverkusen festsetzten. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte die Werkself nämlich eines der wohl besten Spiele der Vereinsgeschichte abgeliefert, den FC Liverpool, immerhin amtierender englischer Rekordmeister zu jener Zeit, mit 4:2 aus dem Stadion gefegt und somit das Ticket fürs Champions-League-Halbfinale gelöst.

"Campino hat mir nach der Begegnung gratuliert, Michael Schumacher hat mir Glückwünsche geschickt. Aber als wir nach Hause gefahren sind, habe ich zu meiner Frau gesagt: 'Das war's, dieses Spiel wird uns die Deutsche Meisterschaft kosten'", erinnert sich Calmund im exklusiven Gespräch mit SPOX und Goal. Er führt aus: "Für die kommenden Englischen Wochen fehlte uns einfach die Breite im Kader." Seine Intuition sollte ihn nicht im Stich lassen, das Ausmaß an Dramatik, das der Saisonendspurt für Leverkusen noch bereithalten sollte, überstieg aber selbst Calmunds hellseherische Fähigkeiten.

Die ersten Anzeichen dafür, dass Bayer 04 auf den letzten Bundesliga-Metern die Luft ausgehen könnte, muteten zunächst harmlos an. Wenige Tage nach dem Spektakel gegen Liverpool sprang beim zwölftplatzierten Hamburger SV ein mäßiges 1:1 heraus, weil Verfolger Borussia Dortmund aber tags darauf mit 0:1 in Kaiserslautern verlor, deutete dennoch alles auf den ersten, so heiß ersehnten Meistertitel hin.

Bayer 04: Fünf Punkte Vorsprung, aber Unterhaching im Hinterkopf

Fünf Punkte Vorsprung bei noch drei ausstehenden Partien würde sich diese gefestigte Mannschaft, die auf dem Weg unter die letzten Vier der Königsklasse neben Liverpool unter anderem den FC Arsenal und Juventus Turin ausgeschaltet hatte, nicht nehmen lassen. Eine berechtigte Annahme derer, die einen Blick auf die nackten Zahlen warfen und die teils vorzüglichen Darbietungen als Argument anbrachten. Andererseits hatte Leverkusen nur zwei Jahre zuvor in Unterhaching eindrucksvoll bewiesen, wie schnell sich sicher geglaubte Silberware kurz vor der Ziellinie noch in Rauch auflösen kann.

"Ein Punkt hätte uns gereicht, aber wir waren nicht in der Lage, diesen einen Zähler aus München mitzunehmen", hadert Bayers langjähriger Mittelfeldmann Carsten Ramelow mit Blick auf das legendäre 0:2 gegen den Münchner Vorortklub SpVgg Unterhaching, das dem benachbarten FC Bayern zugutekam. "Vielleicht waren einige Spieler dabei, die ihre Leistung nicht abrufen konnten, aus welchen Gründen auch immer. In diesem Spiel kamen Dinge zusammen, die danach nie wieder passiert sind. Zum Beispiel, dass Michael Ballack ein Eigentor geschossen hat. Unterhaching zählte schon zu den bittersten Niederlagen."

Medial wurde ebenjene bittere Niederlage zu einem Trauma hochstilisiert, das Leverkusen bis heute brandmarkt. 2002, als die Rheinländer erst vor heimischer Kulisse gegen Bremen verloren (1:2) und eine Woche später in Nürnberg die Tabellenführung an Dortmund herschenkten (0:1), wurde es erst recht mit großer Schadenfreude aus der noch nicht allzu verstaubten Archivkiste hervorgekramt. Ein gefundenes Fressen, weil Bayer 04 das Fünf-Punkte-Polster aus der Hand gegeben hatte und in der Liga erneut zu scheitern drohte.

Jens Nowotny, zwischen 1996 und 2005 Abwehrchef beim SVB, kann sich vorstellen, dass aufgrund der Negativerfahrungen mitunter Versagensängste ihren Teil zum Dilemma beigetragen haben. "Vielleicht trägt das Unterbewusstsein dazu bei, dass man in einigen Situationen falsche Entscheidungen trifft", sagt der mittlerweile 46-Jährige, als er von SPOX und Goal explizit auf die letztlich entscheidende Niederlage am 33. Spieltag in Nürnberg angesprochen wird.

Sensationeller Einzug ins Champions-League-Finale für "Kaiserslautern"

Aller Haching-Parallelen zum Trotz, sorgte Leverkusen, das sich übrigens schon Anfang März und somit lange vor dem Einbruch in Deutschlands Beletage für das DFB-Pokalfinale qualifiziert hatte, auf internationaler Bühne weiterhin für Furore. Viele Kritiker, die Bayer eine Versagermentalität andichten wollten, dürften sich verwundert die Augen gerieben haben, als die Toppmöller-Truppe im Champions-League-Halbfinale zunächst bei Manchester United ein überraschendes 2:2 einfuhr und nur drei Tage nach der quasi vergeigten Meisterschaft ein 1:1 folgen ließ und die BayArena in Ekstase versetzte.

Der verhältnismäßig kleine Klub von der Dhünn, der von Red-Devils-Coach Sir Alex Ferguson im Vorfeld des Rückspiels gleich zweimal mit "Kaiserslautern" verwechselt worden war, hatte dem nächsten Millionen-Kollektiv die Grenzen aufgezeigt und zog tatsächlich ins Endspiel der Königsklasse ein.

"Wenn ich mir die Erinnerungsstücke in meinem Keller anschaue und sehe, welche Mannschaften wir damals ausgeschaltet haben, macht das stolz", schwärmt Ramelow und ergänzt: "Es hat sich damals in Leverkusen etwas bewegt, auch innerhalb der Fanszene. Abends, unter Flutlicht, die Champions-League-Hymne zu hören, war für die Fans und die Spieler etwas ganz Besonderes. Das hat man auch an der Stimmung gemerkt. Nicht zuletzt deshalb haben wir im eigenen Stadion damals riesige Spiele abgeliefert." Allerdings bezahlte Leverkusen den Erfolg teuer: Nowotny zog sich einen Kreuzbandriss zu, der Brasilianer Ze Roberto handelte sich für das Finale in Glasgow, wo kein Geringerer als Real Madrid wartete, eine Gelbsperre ein.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir ins Finale kommen würden. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht einmal, was das war", sagt Dimitar Berbatov, der die aufregende Saison ebenfalls bei SPOX und Goal Revue passieren lässt. Der Bulgare, der sich später zu einem Weltklassestürmer mausern sollte, war im Vorjahr als 20-Jähriger für 2,5 Millionen Euro von ZSKA Sofia nach Leverkusen gewechselt. "Ich war nur ein kleiner Junge, der auf der Bank saß. Wenn man die Wichtigkeit eines Moments nicht realisiert, macht man sich aber immerhin keine Gedanken, etwas falsch zu machen."

Bevor das Highlight gegen die Königlichen anstand, gab es - passend zur Achterbahnfahrt der Gefühle - jedoch zunächst wieder zwei Nackenschläge. Weil Dortmund sich am letzten Spieltag mit einem 2:1 über Bremen nicht die erhoffte Blöße gab, reichte Leverkusen ein 2:1 gegen Hertha BSC nicht, um doch noch an den Schwarz-Gelben vorbeizuziehen. Die Meisterschale wurde andernorts gen Himmel gestreckt. Mal wieder. "Man muss im Sport mit Niederlagen umgehen können", sagt Ramelow. "Es kann nicht immer positiv laufen, es geht auch mal in die andere Richtung. Ich persönlich habe das immer gut verkraftet und bin dementsprechend noch einmal besonders motiviert ins nächste Finale gegangen."

Niederlage im Pokal-Endspiel, Berbatov hat Angst vor Zidane

Der Optimismus des gebürtigen Berliners schien nicht auf alle Kollegen übergesprungen zu sein, schließlich war am 11. Mai, also nur vier Tage vor dem Champions-League-Duell mit Real, auch die nächste Hoffnung auf einen Titel dahin. Im Berliner Olympiastadion setzte es gegen Titelverteidiger Schalke 04 ein 2:4 im DFB-Pokalfinale. Das zwischenzeitliche 1:0 durch Berbatov hatte Jörg Böhme kurz vor dem Seitenwechsel egalisiert, nach der Pause schraubten Victor Agali, Andreas Möller und Ebbe Sand das Ergebnis zugunsten der Königsblauen in die Höhe, ehe Urgestein Ulf Kirsten sein letztes von insgesamt 238 Pflichtspieltoren für die Farbenstädter erzielte.

Doch all die Enttäuschungen wären vergessen gewesen, hätte Bayer die Galaktischen aus Madrid, die mit dem Starensemble um Zinedine Zidane, Roberto Carlos, Raul und Luis Figo aufwarteten, in der schottischen Fußballmetropole bezwungen.

"Mir hat es keine Angst gemacht, im Finale zu spielen", sagt Berbatov und verrät: "Das, was mir Angst gemacht hat, war die Tatsache, Raul, Zidane, Figo und Roberto Carlos gegenüberzustehen. Man schaut zu ihnen auf wie ein kleiner Fanboy." Aus diesem Grund sei der Angreifer seinen Gegenspielern auch mit einer Spur zu viel Respekt begegnet. "Es war das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist. Ich hatte Angst, diese Jungs zu berühren. Ich sah ihnen dabei zu, wie sie einfach an mir vorbeigingen und dachte mir: 'Berba, was zur Hölle machst Du? Attackier ihn, greif ihn einfach an. Aber es war Zidane, über den wir hier reden. Ich konnte es nicht glauben, gegen ihn zu spielen."

Etwas weniger hochachtungsvoll ging hingegen Ramelow zu Werke: "Ich glaube, dass bei Real jeder Spieler in der Lage war, das Spiel zu entscheiden. Wir wussten, dass wir Real mit Respekt, aber nicht mit Ehrfurcht begegnen müssen. Wir hatten keine Angst, sondern wollten zeigen, dass wir mithalten können."

Ein Vorhaben, das zunächst scheiterte: Raul schoss den haushohen Favoriten nach nur neun Minuten in Front. Einen langen Carlos-Einwurf brachte der Spanier mehr schlecht als recht auf den Kasten von Hans-Jörg Butt, der sich ausgerechnet im Champions-League-Finale einen folgenschweren Patzer leistete und die Kugel passieren ließ. Doch Bayer 04 warf der schnelle Rückstand nicht aus der Bahn, Lucio vergoldete eine Flanke von Bernd Schneider in der 14. Spielminute per Kopf zum 1:1. "Das Tor von Raul war das hässlichste aller Zeiten", sagt Berbatov und räumt ein: "Dafür war das zweite Ding von Zidane das schönste Tor überhaupt."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung