FC Schalke 04 - Finanz-Vorständin Christina Rühl-Hamers im Interview: "Der Fußball muss sich in Sachen Diversität ganz sicher verändern"

Christina Rühl-Hamers arbeitet seit 2010 beim FC Schalke 04.
© imago images
Cookie-Einstellungen

 

 

Wie sahen diese Regeln konkret aus, können Sie zumindest zu den Grundzügen ein paar Details nennen?

Rühl-Hamers: Das Budget des Kaders inklusive des Funktionsteams war grob eingeteilt. Wir haben es aber auch auf jeden einzelnen Kaderplatz heruntergebrochen und somit jede Position budgetiert. Das ganze System war natürlich sehr dynamisch. Konnten wir einen Spieler unterhalb des budgetierten Wertes verpflichten, war ein entsprechend höheres Budget für andere Positionen da. Wir haben auch Regeln zum zeitlichen Ablauf aufgestellt. Was die Kaderzusammenstellung betraf, hieß das: Lieber erst einmal die Achse beisammen haben und nicht direkt drei Stürmer kaufen. Die Maßgabe war, zum Trainingslager die ersten Elf an Bord zu haben, damit die Mannschaft ein Gesicht bekommt. Bis dahin musste aber auch eine gewisse Anzahl an Abgängen stattgefunden haben. Rouven hat das mit seinem Team und in der Zusammenarbeit mit Finanzen hervorragend umgesetzt. Das war für alle ein Marathon.

Wie sehr fiebert man denn da mit, gerade wenn es um Spielerverkäufe geht: Sind Sie öfter einmal zu Schröder gegangen und haben nachgefragt, ob für Spieler X schon ein werthaltiges Angebot eingetroffen ist?

Schalke 04 - Rühl-Hamers: "Schröder war der Königstransfer"

Rühl-Hamers: Wir haben sehr regelmäßig gesprochen. Er musste natürlich nicht mit jeder Idee ankommen, sondern dann, wenn sich etwas konkretisiert hat oder man eine Taktik besprechen wollte: Wie geht er hinaus auf den Markt, welche Zielvorstellung haben wir, wie geht man die Verhandlungen strategisch an? Rouven hat schnell gezeigt, wie autark er arbeiten kann. Er ist unheimlich stark in den Verhandlungen mit den Vertragspartnern. Im Zusammenspiel mit ihm ist nie eine Situation eingetreten, in der man ihm sagen musste: Das geht jetzt aber nicht! Er wusste immer genau, in welchem Rahmen er agieren kann - und das hat uns sehr viel Sicherheit gegeben.

S04 hat trotz des Abstiegs und der Corona-Pandemie die Schulden im Geschäftsjahr 2021 um 33,5 Millionen Euro gesenkt. Auch der Personaletat der Profimannschaft ging von 80 auf 20 Millionen Euro herunter. War Schröder als Sportdirektor der Schalker Königstransfer?

Rühl-Hamers: Ja, weil er die Aufgabe dermaßen angenommen und sich mit all seiner Energie reingeworfen hat. Um in diesem schwierigen Geschäft so viele Kaderbewegungen abzuwickeln und Personalentscheidungen zu treffen, dafür braucht man ganz viel Eigenmotivation und Leidenschaft. Daher kann man das absolut so über ihn sagen.

Glauben Sie, das hätte Ralf Rangnick auch so gut hingekriegt?

Rühl-Hamers: (lacht) Das kann ich nicht beantworten.

Wäre Rangnick wie beabsichtigt zu Schalke gewechselt, hätte er wohl viel Macht auf sich vereint und wäre in jedem Fall eine dominante Persönlichkeit gewesen. Ist es für den Verein vielleicht doch besser gewesen, dass es nicht so gekommen ist?

Rühl-Hamers: Die erfolgreiche Arbeit von Ralf Rangnick an verschiedenen Standorten ist unbestritten. Ich habe nie mit ihm zusammengearbeitet, deshalb kann ich nicht einschätzen, wie er in dieser Situation in das Konstrukt Schalke gepasst hätte. Wie besprochen hat der Fußball den Hang zu diesen starken Persönlichkeiten und sehnt sich manchmal sogar richtig nach ihnen - in der Hoffnung, dass ein vermeintlicher Heilsbringer schon alles regelt. Ich frage mich, ob das nicht auch viel zu viel Verantwortung für eine einzelne Person ist. Wir haben zumindest die Erfahrung gemacht, dass es auch sehr erfolgreich sein kann, wenn man die Aufgaben gut aufteilt und sie als Team angeht.

Als Sie diese Zahlen im März vorstellten, sagten Sie: "Wir sind auf dem richtigen Weg." Wie sehr steht Schalke dennoch weiterhin am Abgrund?

Rühl-Hamers: Die wichtigste Aussage ist: Schalke ist stabil und handlungsfähig. Wir sind aber noch lange nicht da, wo wir einmal hinwollen. Deshalb ist auch noch lange nicht alles gut, und vor uns liegen immer noch viele Herausforderungen. Die Krisen, durch die wir gehen mussten und die auch noch nicht vorbei sind, haben uns eines ganz klar aufgezeigt: Man muss ein Unternehmen so aufstellen, dass es widerstandsfähig ist, wenn es solche Krisen gibt. Wir haben uns eine gewisse Stabilität und Resilienz erarbeitet, aber brauchen noch ein viel dickeres Fundament.

Schalke 04 - Rühl-Hamers: "Kleine Schritte wären gesünder"

Wie gelingt das?

Rühl-Hamers: Wir sind mit Vorerkrankungen in die Pandemie gegangen - eine toxische Kombination. Du musst gesund sein, dann kannst du auch eine Krise besser abfedern. Deshalb ist für mich auch nicht die Höhe der Verbindlichkeiten ausschlaggebend, sondern die Verbindlichkeiten in ihrer Struktur. Insbesondere die Fälligkeitsstruktur muss so sein, dass sie einen in einer Krise nicht so belastet und in der Handlungsfähigkeit einschränkt, dass man die Krise nicht bewältigen kann. Für uns heißt es daher, die Stellschrauben zu identifizieren, um unser Fundament dicker zu bekommen. Wenn wir es dem Plan folgend schaffen, uns in der Bundesliga zu etablieren, dann wird das auch Schritt für Schritt gelingen - weil Schalke so groß ist und eine unheimliche Strahlkraft besitzt, die vieles möglich macht. Wir haben einen Plan und einen glasklaren Weg vor Augen.

Würden Sie auch einen sehr großen Schritt nehmen oder wäre es sinnvoller, sich in kleinen Etappen in der Bundesliga zu etablieren, um widerstandsfähiger zu werden?

Rühl-Hamers: Von unserer Herangehensweise wäre Letzteres gesünder. Es ist aber auch toll, wenn man einmal große Schritte machen und Stufen überspringen kann. Das ist nicht ausgeschlossen und ich würde mich sportlich auch nicht dagegen wehren. Entscheidend ist bei alledem die Balance.

Sollte Schalke in den nächsten Jahren in der Bundesliga bleiben, wie lange wird es dann ohne größere Ausreißer nach oben oder unten dauern, bis sich die Finanzen erholt haben?

Rühl-Hamers: Das lässt sich nicht seriös prognostizieren, dazu ist der Fußball zu volatil und die gesellschaftlichen Herausforderungen, die wir alle gerade spüren, zu groß. Wir wollen in den nächsten zwei Jahren den Klassenerhalt schaffen, weil uns in dieser Zeit die finanziellen Belastungen der Altlasten in der Handlungsfähigkeit weiter einschränken werden. Anschließend kann Schalke wieder zu seiner Kraft zurückkommen. Wenn man sich anschaut, welche Kraft in unserer Umsatzposition, der Anzahl der Mitglieder oder der Sponsoren steckt, das ist ja Wahnsinn. Dies müssen wir nur auf die Bahn bringen und mit unseren Werten leben - dieser Gleichklang ist extrem wichtig. Auf diesem Weg haben wir in den vergangenen Monaten wichtige Schritte bewältigen können. Die kommenden zwei Jahre werden nicht einfach, aber für danach hätte ich ganz viel Fantasie. (lacht)