Basketball

Deja-vu in der Turnhölle

Von Robert Heusel
Die Baskets verwandeln die s.oliver Arena regelmäßig in ein Tollhaus
© imago

Die vergangenen fünf Jahre glichen für die s.oliver Baskets Würzburg einer Achterbahnfahrt. 2011 stieg man in die BBL auf und erreichte auf Anhieb das Halbfinale. Zwei Jahre später mussten die Franken von wirtschaftlichen Sorgen gebeutelt zurück ins Unterhaus; es gelang der sofortige Wiederaufstieg. Seitdem mischen die Jungs von Doug Spradley die BBL mächtig auf: ein Deja-vu?

Würzburg eilt von Sieg zu Sieg. Der Aufsteiger steht nach sieben Spieltagen mit nur einer einzigen Niederlage auf Platz 4 der BBL und untermauert bereits nach einem knappen Viertel der Saison seine Ansprüche auf die Playoffs. Die Würzburger Turnhölle ist praktisch immer ausverkauft, die Stimmung kocht regelmäßig über und das Team begeistert mit furiosen Leistungen.

Dabei sah es vor noch gar nicht allzu langer Zeit noch ganz schön dunkel aus am Würzburger Basketballhimmel. Finanzielle Sorgen, sportlicher Abstieg und eine dubiose Trennung von Erfolgstrainer John Patrick bestimmten die Schlagzeilen in der Heimatstadt von Dirk Nowitzki.

Der Erfolgscoach muss gehen

"Die s.oliver Baskets feuern John Patrick!" Die Meldung vom 31. Mai 2012 schlug in Basketball-Deutschland ein wie eine Bombe. Patrick hatte den Traditionsstandort Würzburg erst 2011 nach dem Aufstieg aus der ProA übernommen und direkt in die Playoffs geführt. Dort schalteten die Franken sensationell Titelfavorit Alba Berlin aus und zogen ins Halbfinale ein. In der Folgesaison stand Platz 9 zu Buche - für einen Aufsteiger wahrlich keine schlechte Bilanz der ersten beiden Jahre.

Zu den Gründen für die Entlassung wurden seitens des Vereins keine Angaben gemacht. Patrick selbst erfuhr von seiner Entlassung aus den Medien. "Falls es stimmt und nicht nur ein Gerücht ist, kann ich es mir nicht erklären. Wir haben eine großartige Saison gespielt. Ich habe keine Idee, warum mich die Würzburger feuern sollten", so der Coach damals. Es stimmte jedoch tatsächlich. Mit Marcel Schröder wurde Patricks Vorgänger gleichzeitig sein Nachfolger.

Gute zwölf Monate später war von der Patrick-Euphorie nur noch wenig zu spüren, auch wenn man sich noch an Durchhalteparolen versuchte. "Wir sind unverändert fest davon überzeugt, dass die aktuell herausfordernde Situation mit Hilfe aller Beteiligten sowohl sportlich als auch finanziell in den Griff zu bekommen ist", so Steffen Liebler, Geschäftsführer in Würzburg, vor fast exakt zwei Jahren.

Sportlich war die Situation in der Saison 2013/14 nach zwei Trainerwechseln nicht mehr in den Griff zu bekommen - erneut musste Würzburg den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Immerhin ermöglichten die Finanzen diesmal einen geregelten Neustart in der ProA.

Alles auf eine Karte: #WUEAREBACK

"Wir haben uns in Abstimmung mit den Gesellschaftern dafür entschieden, in der ProA wieder voll anzugreifen. Wir sind sportlich abgestiegen und wollen auch auf sportlichem Weg so schnell wie möglich zurück in die BBL. Das sind wir unseren treuen Fans, den Sponsoren und der Region schuldig", gab Liebler kurz vor Saisonbeginn 2014 die Marschroute vor.

Bei der Kaderplanung gingen die Franken etwas ins Risiko und setzten voll auf die Karte 'sofortiger Wiederaufstieg'. Als Architekt des Teams konnte mit Doug Spradley ein BBL-erfahrener Coach verpflichtet werden und auch das Spielermaterial war erstklassig. Vor allem die Verpflichtung von Darren Fenn, seines Zeichens fünfmaliger BBL-Allstar, sorgte für mächtig Aufsehen.

Die Mannschaft konnte die in sie gesteckten Erwartungen erfüllen, marschierte unaufhaltsam durch die Hauptrunde und zog problemlos ins Halbfinale ein. Dort galt es allerdings die schwerste Schlacht zu schlagen. Gegen Gotha sah es lange Zeit nach einem entscheidenden fünften Spiel aus, ehe ein Würzburger Dreierregen doch den vorzeitigen Finaleinzug und somit den Wiederaufstieg perfekt machte. Die Finalniederlage gegen Gießen verbuchten die Baskets als verschmerzbaren Betriebsunfall.

Spradley baut ein Playoff-Team

Und in der BBL knüpfen sie nahtlos an die letzte Saison an. Neuzugänge aus Finnland und Japan können ziemliche Wundertüten sein, doch Spradley und sein Team haben bei ihren Transfers ganz genau hingeschaut. Brendan Lane beispielsweise kam von den - festhalten - Mitsubishi Diamond Dolphins Nagoya an den Main und gehört auf Anhieb zu den besten Centern der Liga.

Ein weiterer Steal gelang Spradley mit der Verpflichtung von Forward Lamonte Ulmer. "Bei Lamonte denkt man nach dem Spiel, dass er nicht viel gemacht hat und sieht dann in der Statistik 16 Punkte und 8 Rebounds stehen", so der Coach vor der Saison. Und er sollte Recht behalten. Ulmer passt wie die Faust aufs Auge ins Würzburger Team und ist eine wichtige Stütze.

Der perspektivisch interessanteste Spieler im Kader ist aber wohl US-Boy Seth Tuttle. Auf Grund seiner herausragenden Leistungen am College wurde Tuttle ins "All America 2nd Team" und somit unter die zehn besten Collegespieler der USA gewählt. Der 23-Jährige sieht Würzburg als optimales Sprungbrett für seine weitere Karriere und entschied sich daher, seinen ersten Profivertrag in Deutschland zu unterschreiben.

Joyce als Denker und Lenker

Unangefochtener Anführer auf dem Feld wiederum ist der älteste Spieler des Teams. Dru Joyce gehört seit Jahren zu den besten Aufbauspielern der Liga. Dass er auch mit 30 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen gehört, zeigt Joyce, dessen Trauzeuge übrigens niemand Geringeres als LeBron James ist, Woche für Woche. Gut 8 Assists zaubert der quirlige Wirbelwind pro Spiel aufs Parkett - mehr als jeder andere BBL-Spieler.

Zusammen mit Heimkehrer Maurice Stuckey, der nach einem Abstecher nach Oldenburg wieder das rote Trikot trägt, lässt Joyce das Würzburger Publikum regelmäßig jubeln. Und das ist Programm: Die Kulisse in Würzburg ist ein großer Trumpf der Baskets. Über 3.000 Zuschauer verwandeln die s.oliver Arena, die unter der Woche als Schulturnhalle fungiert, in einen wahren Hexenkessel.

Es passt alles zusammen

Betrachtet man das Gesamtbild aus Kader, Trainer und Umfeld, dann passt bei den Baskets in dieser Saison bislang unheimlich viel zusammen. Es werden noch so einige Teams in Würzburg Punkte lassen und wenn der Höhenflug weiter fortgesetzt werden kann, dann ist die Teilnahme am Pokal-Viertelfinale der besten sechs Teams nach der Hinrunde auf jeden Fall möglich.

Coach Spradley dämpft aber vorerst die Erwartungen und misst dem Ziel Klassenerhalt die oberste Priorität zu: "Ich bin natürlich sehr froh über unseren guten Saisonstart. Wir wollen aber erst einmal zwölf Siege haben, um sicher in der Liga zu bleiben. Dann sehen wir weiter." Gegen mehr als zwölf Siege hätte der Coach aber bestimmt auch nichts einzuwenden.

Einzig Verletzungen scheinen das Team von Spradley aufhalten zu können. Zuletzt verletzte sich Center William Coleman, aber mit Devin Searcy, der vergangene Saison in Bremerhaven überzeugen konnte, stand sofort passender Ersatz Gewehr bei Fuß. Die finanziellen Rahmenbedingungen scheinen also auch zu passen, denn ein Kaliber wie Searcy nachzuverpflichten, ist als klare Ansage an die Konkurrenz zu verstehen.

Ein Deja-vu-Erlebnis für die Unterfranken: Wie schon 2012 könnten die Baskets als Aufsteiger in die Playoffs einziehen. Nur auf den Abwärtstrend der Folgejahre würden die Würzburger Fans mit Sicherheit künftig gerne verzichten.

Die s.oliver Baskets im Überblick

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung