Cookie-Einstellungen
Mehrsport

Reaktionen auf Corona-Maßnahmen: Angst vor Pleitewelle - Frust und Unverständnis über Politik

Von SPOX/sid
Leere Sportstätten kann sich außer den potenteren Fußballklubs eigentlich kein Sportverein über einen längeren Zeitraum leisten.
© imago images / christian schroedter

Angesichts der erneut verschärften Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus warnt Handball-Ligachef Frank Bohmann vor einer Pleitewelle im deutschen Sport, DOSB-Chef Alfons Hörmann sieht die Vielfalt mehr denn je bedroht. SPOX hat weitere Reaktionen und Nachrichten aus der Welt des Sports und der Politik gesammelt.

SPORTPOLITIK - Hörmann fürchtet um Sportvielfalt

Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), vollzog nach den einschneidenden Entscheidungen von Bund und Ländern einen Gefühls-Spagat. Einerseits wolle er die Beschlüsse solidarisch mittragen, das falle andererseits aber nicht leicht, "weil sich die bereits sichtbaren und die für viele noch unsichtbaren Corona-Schäden in Sportdeutschland durch diese pauschale Maßnahme der Politik nochmals deutlich verstärken."

Entscheidend für Hörmann ist nun der angekündigte Rettungsschirm des Bundes, der den betroffenen Bereichen der Gesellschaft zehn Milliarden Euro zur Verfügung stellen wird. Er fordert "im Bereich der angekündigten Nothilfen, dass der Sport in seiner ganzen Vielfalt unproblematisch daran teilhaben kann." Ansonsten stehe der Sport vor einem Aderlass.

So bangen laut einer vom DOSB in Auftrag gegebenen Studie zwei Drittel der Spitzensportverbände in den kommenden 15 Monaten um ihre Existenz, sollte sich die Lage nicht grundlegend ändern. Den Vereinen droht ein Schwund von bis zu vier Millionen Vereinsmitgliedern. Der temporäre Lockdown, der ab Montag gilt, befeuert diese Ängste.

Hörmann sieht die Vielfalt des Sports mehr denn je bedroht. "Ganz klar und eindeutig: ja!", sagte er. Die Befürchtungen sind konkret: Immer weniger Mitglieder und immer weniger Einnahmen führen zu einem weiter eingeschränkten Angebot in den Vereinen. Beispiel SSF Bonn. "Uns wird die Corona-Krise 800 bis 1000 Mitglieder bis zum Jahresende kosten", sagte Harald Göbels als Vereinsvorsitzender des einst 8000 Mitglieder starken Traditionsklubs dem Generalanzeiger.

HANDBALL - "Furcht und Gefahr sind ganz konkret"

Für den Handball skizzierte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann ein düsteres Bild. "Die Luft wird dünner. Ich hoffe, dass wir erstmal bis Weihnachten alle durchkriegen. Das kann ich mit Bestimmtheit aber heute noch gar nicht sagen", so Bohmann gegenüber dem sid: "Das ist kein leeres Gerede, die Furcht und die Gefahr sind ganz konkret." Ein Spielstopp wie im Frühjahr komme für den Profi-Handball nicht infrage. "Wenn wir die Klubs für ein halbes Jahr wegschließen, würden nicht mehr viele wiederkommen", sagte Bohmann.

Der Spitzen-Funktionär erneuerte seine Kritik an der von der Politik getroffenen Entscheidung. Sie sei "mit Sicherheit nicht auf Basis von Fakten getroffen worden. Gesundheit bleibt an erster Stelle, das ist das klare Anliegen auch des Sports. Aber wir glauben, dass es der falsche Weg ist, die Gesellschaft zuzumachen. Das kann nicht der Weg sein, wie wir für die nächsten anderthalb Jahre leben", sagte Bohmann.

Er äußerte die "Befürchtung, dass wir Ende November eine niedrigere Zahl an Neuinfektionen haben, dann öffnen wir für zwei, drei Wochen und dann müssen wir wieder abschließen", so Bohmann: "Dann wird man viele, viele Strukturen kaputt machen und dann werden wir ganz andere Krisen erleben. Wirtschaftlich, aber auch gesundheitlich. Es hat Implikationen, wenn wir die Leute in ihren Wohnungen wegschließen."

POLITIK - Freitag reagiert mit Unverständnis

Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag hat mit Unverständnis auf die neuen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus im Sportbereich reagiert. "Ich bin nicht sehr glücklich damit", sagte die SPD-Politikerin dem Deutschlandfunk: "Mir sind aus dem Sportbereich keine Veranstaltungen der letzten Wochen bekannt, die sich im Nachgang zu einem Hotspot oder Superspreader entwickelt hätten."

Man habe gesehen haben, dass die strengen Hygienekonzepte funktioniert hätten. "Meine große Sorge ist, dass wir mit solchen weitreichenden Beschlüssen schon Akzeptanz in der Bevölkerung verlieren werden."

Der umfangreiche Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung der Pandemie, der ab Montag greift, beinhaltet unter anderem, dass der Breiten- und Freizeitsport bis auf Weiteres komplett zurückfahren muss. Die großen Ligen müssen trotz rasant steigender Corona-Infektionszahlen nicht in den erneuten Lockdown, Zuschauer sind im November aber ausgeschlossen.

EISHOCKEY - Krupp vermisst Anerkennung seitens der Politik

Der ehemalige Bundestrainer Uwe Krupp (55), derzeit Cheftrainer der Kölner Haie, hadert mit den Entscheidungen der Politik, die Hygienekonzepte der Profisportvereine während der Corona-Pandemie nicht genügend zu würdigen und zu berücksichtigen. "Dass es im Moment eine frustrierende Zeit für den Profisport ist, bleibt unbestritten", sagte der einstige NHL-Profi und Stanley-Cup-Champion im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Man verbringe sehr viel Zeit damit, Konzepte und Pläne aufzustellen: "Das wird aber im Moment von der Politik überhaupt nicht anerkannt. Mit einem Beschluss, einer Pressekonferenz, wird alles über den Haufen geworfen." Dennoch gibt sich der einstige Weltklasse-Verteidiger optimistisch: "Ich glaube, dass wir einen Weg finden werden, mit diesem Virus zu leben. Und dass wir auf kurz oder lang auch Lösungen finden für den Profisport wie für alle anderen Bereiche."

Die Haie haben am Mittwoch eine Unterstützungskampagne in Köln gestartet und unter dem Motto "#immerwigger" virtuelle Tickets zum Stückpreis von 10 Euro angeboten. Der achtmalige deutsche Meister hofft auf den Verkauf von 100.000 Karten, um eine Million Euro zu erlösen.

Krupp glaubt, dass der Appell des KEC in der Domstadt gut aufgenommen worden ist. "Die Leute verstehen, dass unser Problem nicht selbst verschuldet ist, sondern durch die Umstände, also die Zuschauerrestriktionen in der Pandemie, verursacht wurde", betonte der Eishockeylehrer. Wenn man vor null Zuschauern spielen müsse, "was absehbar und wahrscheinlich die einzige Art zu planen ist, dann ist deine Haupteinnahme weg. Deshalb haben wir um finanzielle Unterstützung gebeten. Unser Hauptziel ist es, überhaupt eine Mannschaft an den Start bringen zu können".

LEICHTATHLETIK - Stars zwischen Hoffen und Bangen

Die deutschen Stars blicken mit gemischten Gefühlen auf den November-Lockdown im Sport. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler weiß noch nicht, wie sich die neuen Corona-Einschränkungen auf seine Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokio im nächsten Jahr auswirken werden. "Im Worst Case sitze ich Montag wieder zu Hause", sagte der 29-Jährige dem sid: "Aber bei drei Grad draußen frieren mir beim Krafttraining auf der Auffahrt die Hände an der Hantelstange fest."

Röhler hofft auf nach den Beschlüssen vom Mittwoch "auf kluge Entscheidungen und darauf, dass den Athleten, die damit ihr Geld verdienen, der Zugang zu den Sportstätten weiterhin gewährt wird." Klar sei aber auch: "Die Gesundheit aller geht vor."

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul (22) und der deutsche Speerwurf-Rekordhalter Johannes Vetter (27) gehen derzeit nicht von Beeinträchtigungen aus. "Ich habe in dieser Hinsicht noch nichts gehört", sagte Kaul dem sid: "Wir gehen davon aus, dass wir als Kaderathleten ganz normal weiter trainieren können."

Auch Vetter ist "Stand jetzt entspannt", auch wenn er das gemeinsame Training in einer größeren Gruppe gerade in dieser anstrengenden Trainingsphase natürlich vermissen werde. Doch als Individualsportler und Kaderathlet rechnet er damit in einer Zweier-Gruppe, also mit seinem Trainer, weiter relativ normal trainieren zu können.

"Aber es kommt natürlich darauf an, was die einzelnen Bundesländer und Kommunen noch entscheiden", sagte Vetter, der sich der Signalwirkung von Ausnahmeregelungen an die Gesellschaft sehr bewusst ist: "Ich weiß, dass es in dieser Situation schwierig ist für Leistungssportler eine Extra-Wurst zu fordern, nur weil wir uns auf Olympia vorbereiten."

Für den Breiten- und Vereinssport seien die Maßnahmen "schon ziemlich krass, der lebt ja von seinen Mitgliedern, vom Miteinander, sagte Vetter und appellierte: "Jetzt gilt, dass wir zusammenhalten müssen, um uns da durchzubeißen."

RINGEN - 15 von 26 Klubs sind schon weg

Der Ringer-Bundesliga gehen in der Corona-Krise die Vereine aus, der höchsten deutschen Kampfklasse droht durch die neuen Maßnahmen der Abbruch. Keine vier Wochen nach dem Saisonstart haben bereits 15 von 26 Mannschaften in der dreigleisigen Liga ihren Rückzug erklärt. In der Nordwest-Staffel stehen der ASV Mainz und KSK Neuss bereits als Viertelfinal-Teilnehmer fest - alle anderen Team haben schon zurückgezogen.

"Wir sind bereit, werden in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt nur noch mit maximal zehn Leuten gleichzeitig trainieren", sagte Fatih Cinar, Sportlicher Leiter der Neusser, der Neuß-Grevenbroicher Zeitung. Dass sein KSK aber in der K.o.-Runde noch einmal ran muss, ist sehr fraglich.

Am Montag meldeten mit dem KV Riegelsberg, ASV Hüttigweiler, den Wrestling Tigers Rhein/Nahe und dem AV Germania Markneukirchen gleich vier Vereine ihre Teams ab. Vorjahres-Halbfinalist SV Alemannia Nackenheim folgte am Dienstag, der KSV Witten hatte kurz vor Beginn der Meisterschaftsrunde das Handtuch geworfen. All das noch vor Bekanntwerden der neuen Corona-Maßnahmen, die vor allem den Kontaktsport hart treffen.

Diese sowie die wirtschaftliche Situation sind hauptursächlich für die Klubflucht aus dem Wettkampfbetrieb. Zuletzt waren schon teilweise nur noch 100 Personen zu den Kampfabenden zugelassen. Abzüglich der Aktiven, Betreuer und Helfer blieben kaum 30 zahlende Zuschauer. Da die Klubs keine TV-Gelder erhalten, wird der Liga-Betrieb ein nicht aufzufangendes Minus-Geschäft.

Die verbliebenen Teams nehmen den Deutschen Ringer-Bund in Sachen Saisonfortsetzung in die Pflicht. "Vom DRB sollte ein klares Statement kommen", sagte Vorsitzender Reimund Heeg vom Südost-Bundesligisten KSC Hösbach, dem Main-Echo.

BASKETBALL - Hoffen auf Unterstützung vom Bund

Stefan Holz, Geschäftsführer der Basketball Bundesliga (BBL), hat ein Auge auf die für November geplante außerordentliche Wirtschaftshilfe der Bundesregierung geworfen. "Das müssen wir mal prüfen. Wir brauchen jeden Euro, der bereit gestellt wird", sagte Holz dem sid.

Der Bund will Vereinen 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats zahlen, wenn sie von temporären Schließungen betroffen sind. Ob das auch für Profiklubs gilt, die zwar weiterspielen, aber keine Zuschauer in die Hallen lassen dürfen, ist bislang unklar.

"Es gibt ja die berühmte Coronahilfe für den Sport, maximal 800.000 Euro pro Klub. Da haben wir ja gelernt, dass das subsidiär ist", sagte Holz: "Das wird auch immer auf andere Hilfen angerechnet. Von daher ist zu klären, kommt sowas on top oder ersetzt das eine andere Hilfe. Dann wäre es wieder egal."

Die große Mehrzahl in der BBL wolle sich die Coronahilfe sichern. "Am Montag werden wir die Klubs befragen, wer wirklich einen Antrag gestellt hat. Ich gehe davon aus, dass abgesehen von ein paar Einzelfällen jeder das beantragen wird."

Die Entscheidung, im November keine Zuschauer zuzulassen, sieht Holz weiter "etwas ambivalent. Auf der einen Seite finde ich es ernüchternd, dass man uns Konzepte aufträgt, die wir uns höchst aufwändig erarbeiten, dann macht man einen Testbetrieb. Den macht man üblicherweise um zu sehen, ob es funktioniert. Der Testbetrieb hat funktioniert, und trotzdem dreht man die Zuschauer ab", sagte der BBL-Boss.

Grund für den Schritt seien "einfach keine fachlichen Gründe, sondern es sind übergeordnete politische Gründe. Auf der anderen Seite haben wir natürlich auch Verständnis für die Gesamtsituation. Wir sind eine der Branchen, die überhaupt geöffnet bleiben. Die Gastronomie würde gern mit uns tauschen."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung