Fussball

Roberto Carlos, Ronaldo, Sammer und Co.: Als Inter Mailand Weltmeister im Geldverbrennen war

Roberto Carlos, Ronaldo, Matthias Sammer: Drei Stars der 1990er bei Inter Mailand

Stars teuer einkaufen - und sie woanders zu Superstars werden zu lassen: Von vielen zweifelhaften Geschäftsmodellen im Fußball war das von Inter Mailand in den 1990er Jahren eines der zweifelhaftesten. Spieler wie Roberto Carlos, Dennis Bergkamp und Matthias Sammer gaben sich die Klinke in die Hand, glücklich wurden sie nicht.

Auch nach seinem Karriereende hatte Roberto Carlos Roy Hodgson noch nicht verziehen. Der englische Trainer habe ihn schließlich "fast zerstört", als sie einst zusammenarbeiten mussten. Roberto Carlos sagte dies 2017. Hodgson, der frühere englische Nationalcoach, hatte bei Crystal Palace soeben seine 20. Trainerstation angetreten. 22 Jahre zuvor, im November 1995, hatten sich die Wege der beiden in Mailand gekreuzt.

Hodgson war 48 und als Trainer bereits in Schweden, England, der Schweiz und Italien tätig gewesen. Roberto Carlos war 22, ein aufstrebender Linksverteidiger mit strammen Waden und ebenso strammem Schuss, Stammspieler der brasilianischen Nationalmannschaft und einer von 14 Neuzugängen von Inter Mailand in jener Saison. 3,5 Millionen Euro hatten die Mailänder an Palmeiras nach Brasilien überwiesen.

Und jetzt das: "Hodgson hat mir gleich zu Beginn gesagt, dass er mich nicht als Außenverteidiger sieht. Ich hätte verstehen können, wenn er mich dann auf dem Flügel eingesetzt hätte. Aber Hodgson hat mich als zweite Spitze in den Sturm gestellt. Ich meine, ich bin 1,68 Meter! Die Bälle flogen ständig über mich hinweg."

Roberto Carlos machte immerhin fünf Tore in seinen 30 Einsätzen in der Serie A für Inter, drei davon als linker Verteidiger in der Zeit vor Hodgson, zwei als Stürmer unter dem Engländer. "Ich hatte menschlich kein Problem mit ihm, aber Hodgson hatte einfach wenig Ahnung von Fußball", lautete Roberto Carlos' bittere Einschätzung. Im Sommer wechselte der Brasilianer frustriert zu Real Madrid.

Inter Mailand als Duchlauferhitzer von Spielern

Immerhin: Inter machte Gewinn, Real zahlte sechs Millionen Euro Ablöse für den kommenden Weltstar. Angesichts von Roberto Carlos' Kariere dennoch fast ein Schnäppchen für Real. Für Inter war es, wenn der Gewinn nicht gewesen wäre, ein typischer Transfer jenes Jahrzehnts.

Stars entdecken und teuer einkaufen können viele Klubs. Viel zu schnell die Geduld zu verlieren mit ihnen oder die Spieler in Rekordzeit zu vergrätzen, diese an andere Klubs zu verscherbeln und dann dabei zusehen, wie die Spieler dort zu Weltstars werden - das war Inters Spezialität in den 1990er Jahren. Ein Durchlauferhitzer von Spielern, der nie abgedreht wurde.

Die Liste der Profis, die bei Inter nicht glücklich wurden, reicht von Matthias Sammer, Dennis Bergkamp und Roberto Carlos über Paul Ince, Andrea Pirlo, Fabio Cannavaro, Roberto Baggio, Mikael Silvestre, Robbie Keane bis Hakan Sükür. Und dann wäre da noch Ronaldo! Der zwar kein klassischer Fehleinkauf war, in seinen fünf Jahren ab 1997 bei Inter auch nicht richtig unglücklich war und endgültig zum Fenomeno wurde, aber eben auch oft verletzt war. Und erst bei Real Madrid wurde er 2002 zu einem Galaktischen - erst bei Real wurde der Weltmeister und damals beste Spieler der Welt auch Meister.

Inter spielte Anfang der 90er biederen Rumpelfußball

Eng verbunden mit dem erratischen Geschäftsgebahren Inters in den 1990ern ist der Name Massimo Moratti. Im Sommer 1995 hatte der Mailänder Ölunternehmer Inter gekauft. Moratti übernahm einen Klub, der nach dem Scudetto 1988/89 unter Trainer Giovanni Trapattoni und dem UEFA-Cup-Triumph 1991 ein wenig den Faden verloren hatte. Zwar rumpelte sich Inter 1994 im Finale gegen Austria Salzburg noch mal zum Gewinn des UEFA-Cups, doch in der Serie A, der damals stärksten Liga der Welt, verlor die Mannschaft den Anschluss.

Wo der AC Milan mit Trainer Fabio Capello noch von der taktischen Revolution Arrigo Sacchis und der Genialität von Spielern wie Ruud Gullit, Paolo Maldini, Marco van Basten oder George Weah profitierte und Juventus sich von der Magie Roberto Baggios, Alessandro del Pieros und später auch Zinedine Zidanes die notorische Lust am Zynismus nehmen ließ, spielte Inter biederen Rumpelfußball.

Massimo Moratti zahlte Inters Rechnungen

"L'Inter dei record" hatte man die große Inter-Mannschaft der späten 1980er und ganz frühen 1990er Jahre um Lothar Matthäus, Andreas Brehme, Giuseppe Bergomi, Walter Zenga, Nicola Berti, Aldo Serena und später auch Jürgen Klinsmann genannt, weil sie so fleißig Punkte sammelte. Doch mehr und mehr Rekordmänner spielten längst woanders.

Rekorde brechen wollte Moratti auch. Der hatte vom Fußball insofern große Ahnung, als dass sein Vater Angelo Jahrzehnte zuvor auch schon Patron bei Inter gewesen war. Also brach er die Rekorde zunächst auf dem Transfermarkt.

Massimo Morattis Losung war simpel: Ihr sorgt für die Titel, ich zahle die Rechnung. Und Moratti zahlte. Schier unvorstellbare 1,2 Milliarden Euro soll Moratti in den am Ende 21 Jahren seiner Eignerschaft investiert haben. Natürlich nicht alles aus seiner Privatschatulle, natürlich profitierte er auch von den Einnahmen. In den Nuller-Jahren gewann Inter Mailand immerhin Titel en masse, allein fünf Scudetti in Serie (davon einen am Grünen Tisch nach Juves Zwangsabstieg) und 2010 das Triple. In den 1990ern gelang dagegen kein einziger Scudetto.

In den 1990ern war Inter aber eher eine monströse Geldverbrennungsmaschine. 60 Milliarden Lire, rund 30 Millionen Euro, gab Inter schon im ersten Calciomercato unter Moratti 1995/96 aus, unter anderem eben für Roberto Carlos.

Paul Ince: Für 21 Millionen Euro gekommen, für 6,3 verkauft

Teuerster Einkauf war damals ein Engländer: 21 Milliarden Lire, umgerechnet 10,5 Millionen Euro, zahlten die Mailänder an Manchester United für Paul Ince. Ein Transfer, der als Blaupause dient für viele Abenteuer Inters auf dem Transfermarkt in jener Zeit. Der Mittelfeldspieler blieb zwei Spielzeiten, spielte oft, obgleich nicht immer so dominant wie erhofft, ehe es ihn zurück auf die Insel zog - der FC Liverpool zahlte immerhin noch 6,3 Millionen Euro.

Besser investiert waren die 6,5 Millionen Euro an CA Banfield für einen jungen argentinischen Rechtsverteidiger namens Javier Zanetti. Inter sah zwar von dem Geld nichts wieder, dafür wurde Zanetti Kapitän, Legende, Titelsammler, Rekordspieler und Vizepräsident des Klubs - in dieser Reihenfolge.

Man sieht: Wenn sich Spieler die Klinke in die Hand geben, sind durchaus auch ein paar Treffer dabei. Diego Simeone etwa wurde 1999 nach drei Jahren mit fast fünf Millionen Euro Nettogewinn zu Lazio Rom verkauft (wo er prompt Meister wurde). Doch meistens lief es eben so wie bei Ince oder auch Igor Shalimov: Für zwölf Millionen Euro 1992 von Foggia gekauft, nach zwei Jahren an den MSV Duisburg verscherbelt.

Matthias Sammers sechs Monate ein einziges Missverständnis

Inter Mailand unter Massimo Moratti in jener Zeit war so etwas wie Weltmeister im Geldverbrennen. Begonnen hatte die mehr oder weniger blinde Einkaufswut aber schon zuvor. Matthias Sammer etwa kam 1992/93 als Deutscher Meister vom VfB Stuttgart für sechs Millionen Euro - und verließ die Lombarden nach sechs Monaten bereits wieder für 4,5 Millionen Richtung Borussia Dortmund. Weil Sammer beim VfB im Meisterjahr neun Tore in 33 Bundesligaspielen erzielt hatte, war man bei Inter davon ausgegangen, einen offensiven Spielmacher verpflichtet zu haben.

Dennis Bergkamp hielt es von 1993 an immerhin zwei Jahre in Mailand aus, ehe der Edeltechniker die defensiven Rumpelfüßler gen Arsenal, wo sie eine neue Art von passlastigen Angriffsfußball ausprobieren wollten, verließ. Der Rest ist Geschichte.

Fast unnötig zu erwähnen, dass Bergkamp zum Zeitpunkt seines Wechsels nach Mailand mit rund zehn Millionen Euro Ablöse der teuerste Spieler der Welt war (wie es 1997 auch die Inter-Erwerbung Ronaldo mit fast 30 Millionen Euro und 1999 Christian Vieri mit 45 Millionen Euro Ablöse werden sollten). Ebenso fast unnötig zu erwähnen, dass der Spieler, den Moratti als Nachfolger für Bergkamp auserkoren hatte, floppte. 7,5 Millionen Euro zahlte Inter 1995 für einen jungen Brasilianer namens Caio, der Jahre später einmal in der Saison 2004/2005 15 Zweitligaspiele für Oberhausen machen sollte. Ein Tor gelang dem Stürmer dabei - und somit eines mehr als für Inter in 26 Spielen in der Serie A.

Pirlo: Der Inter-Fan, der beim Erzrivalen zur Legende wurde

Inter gelang es in dieser Zeit sogar, einen glühenden Fan des Vereins zu verschmähen und so ausgerechnet dem Lokalrivalen zu einem Säulenheiligen zu verhelfen. Andrea Pirlo ist der Inter-Fan, der bei Milan zur Legende wurde. Als Jugendlicher war Pirlo Stammgast im San Siro gewesen. In der Curva Nord, der Fankurve Inter Mailands. 1998 holte Inter den 19-Jährigen, der bereits drei Jahre zuvor in der Serie A debütiert hatte, für 5,5 Millionen Euro aus Brescia. Pirlo war noch nicht die Ikone der Fußball-Hipster späterer Tage, auch weil es Hipster noch gar nicht gab. Aber er hatte schon die gleiche Frisur, mit der er auch mehr als 20 Jahre später als Fußball-Rentner nonchalant durch die Gegend watschelt, diesen melancholischen Pirlo-Blick, dieses Gefühl für den richtigen Moment im Fuß.

Doch bei Inter sahen sie wieder mal nur einen Spieler, der ihnen auch keinen Scudetto bescherte. Zweimal liehen sie ihn aus, nach Reggina und zurück nach Brescia. Dort traf Pirlo Roberto Baggio wieder, den Inter auch weggeschickt hatte. Sofort begannen die beiden in Brescia Wunderdinge zu machen, die Inter ihnen mangels Einsatzzeiten verwehrt hatte. Nach der Saison fragte Milan wegen Pirlo an, Moratti sah 17 Millionen Argumente und gab Milan so die Legende, von der die Blauschwarzen geträumt hatten. "Mein schlimmster Fehler", sollte Moratti später zugeben. Einer von vielen.

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