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Fussball

Kommentar nach dem Beben bei Schalke 04: Schluss mit den Rattenfänger-Argumenten - Schalker verdienen Wahrheit

Jochen Schneider, FC Schalke 04

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider mimt in der auf mehreren Ebenen existenzbedrohenden S04-Krise den starken Mann, seine Analyse ist im Kern nicht verkehrt. Dennoch machen die Schalker Verantwortlichen nicht den Eindruck, als hätten sie wirklich verstanden, dass Grundlegendes geändert werden müsste. Ein Kommentar.

Rund um notorisch aufgeregte Klubs wie Schalke 04 scheint die Sehnsucht nach einer sogenannten starken Hand und sogenannten Klartext-Aussagen der möglichst starken Männer in der Verantwortung noch immer ziemlich virulent.

Insofern hat Sportvorstand Jochen Schneider geliefert, sogar doppelt. Mit Nabil Bentaleb und Amine Harit zwei Spieler suspendiert, Stürmer Vedad Ibisevic ebenso wie den Technischen Direktor Michael Reschke ganz aus dem Vertrag gelassen: Ein solcher Rundumschlag an nur einem Tag war selbst für Schalker Verhältnisse extrem. Dazu noch Schneiders "alle-verstanden"-, "kriegen-verdient-auf-die-Fresse"-, "Egoismen-müssen-raus"- und "auch-ich-habe-Fehler-gemacht"-Ansagen.

Nichts gegen seine Analyse, sie trifft ja zu. Doch Einsicht war gerade in der Führung von Bundesligisten nur in den seltensten Fällen der erste Schritt zur Besserung. Vor allem nicht, wenn den Bundesligisten das Wasser schon in die Nase floss und sie jeder Strampler nur noch tiefer in den Strudel zog. Viel zu oft änderte sich nach der ersten Einsicht in der Krise nämlich: exakt nichts.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre, wenn Schneider und Co. anfangen würden, den Mitgliedern wirklich reinen Wein einzuschenken, wenn sie im besten Wortsinn Klartext reden würden. Schonungslos und nicht nur alibimäßig.

Schalke 04: Fünf existenzielle Krisen auf einmal

"Der Klub durchlebt gleichzeitig eine Finanzkrise, eine Sportkrise, eine Identitätskrise, eine Führungskrise und eine Kabinenkrise. Jede dieser Krisen hat zerstörerische Ausmaße erreicht", schrieb die Süddeutsche Zeitung treffend.

Wer gegen fünf existenzielle Krisen auf einmal ankämpfen muss (und dabei mitunter den Eindruck vermittelt, als ob er schon in der Grube liegen und sich das Grab selbst zuschütten würde), bei dem geht es nicht mehr darum, ob jemand Fehler gemacht hat. Und wahrscheinlich auch nicht mehr um welche genau es waren. Da geht es ums nackte Überleben.

  • Dass Schneider drei Transferperioden Zeit hatte, eine Mannschaft zusammenzustellen, die weniger söldnerhaft daherkommt als die aktuelle?
  • Dass die Trennung von David Wagner zum falschen Zeitpunkt kam? Dass es schon fachlich fundiertere Ideen gab, als den netten Naldo vor allem deswegen zum Co-Trainer von Wagner-Nachfolger Manuel Baum zu machen, weil er eben nett ist?
  • Dass die Differenzen zwischen Schneider und Reschke schon lange groß waren, dass ihnen der königsblaue Anstrich fehlt, dass echte Königsblaue wie Benedikt Höwedes nicht eingebunden werden, dass Aufsichtsratschef Jens Buchta nicht Clemens Tönnies ist?
  • Dass alle Fehler über Fehler gemacht haben?

Völlig richtig, aber eben auch völlig müßig und jetzt gerade im Grunde auch völlig egal.

Schalkes Krise ist kein Betriebsunfall mehr

Das heißt nicht, dass die Schalker jetzt aufgeben sollten, im Gegenteil, noch ist der Patient ja nicht auf der Palliativstation. Das heißt auch nicht, dass die jahrelange Misswirtschaft nicht aufgearbeitet werden müsste. Aber eben richtig, ernsthaft und nachhaltig.

Wenn sie also sagen würden, was die realistischsten Szenarien nach dem Abstieg wären. Ob der Klub ihn überhaupt überleben würde und falls ja, was noch übrig bleiben würde von Schalke.

Momentan tun die Schalker Verantwortlichen ja immer noch so, als ob die Finanzkrise vorwiegend auf Corona zurückzuführen sei, die aktuelle sportliche Misere ein Betriebsunfall wäre und diese auch nur die Verlängerung des Betriebsunfalls der vergangenen Rückrunde. Als ob nach einem Klassenerhalt in dieser Saison - wie auch immer der geschafft werden soll - irgendwie alles wieder gut werden würde.

Schalke 04: Rattenfängerargumente für die Ausgliederung

Die Schalker Mitglieder und Fans verdienen die Wahrheit statt Durchhalteparolen. Sie verdienen schonungslosen Realismus statt Rattenfängerargumente, wie sie etwa Marketingvorstand Alexander Jobst beim Werben um die Ausgliederung verwendet.

"Entweder wir verabschieden uns von unseren langfristigen sportlichen Zielen - dann können wir weitermachen wie bisher. Oder aber wir wollen auch in Zukunft ein ambitionierter Verein sein, dann müssen wir uns mit einer Strukturveränderung beschäftigen", sagte Jobst zuletzt.

Ganz unabhängig davon, wie man zur Ausgliederung steht: Noch mehr Luftschlösser sind wirklich das Letzte, was Schalke gerade braucht.

Schalke 04: Alle Trainer seit 2010

ZeitraumTrainer
seit 10/2020Manuel Baum
07/2019 - 09/2020David Wagner
03/2019 - 06/2019Huub Stevens
07/2017 - 03/2019Domenico Tedesco
07/2016 - 06/2017Markus Weinzierl
07/2015 - 05/2016André Breitenreiter
10/2014 - 06/2015Roberto Di Matteo
12/2012 - 10/2014Jens Keller
09/2011 - 12/2012Huub Stevens
09/2011 - 09/2011Seppo Eichkorn
03/2011 - 09/2011Ralf Rangnick
03/2011 - 03/2011Seppo Eichkorn
07/2009 - 03/2011Felix Magath
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