Timothy Tillman im Interview: "Ich fand es zu hart, jemandem in diesem Alter so etwas vorzuwerfen"

Timothy Tillman spielte von 2015 bis 2020 für den FC Bayern München - Pflichtspieleinsatz für die Profis gelang ihm aber keiner.
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Timothy Tillman galt einst als eines der vielversprechendsten Talente Deutschlands, heute ist er 24 und spielt beim MLS-Klub Los Angeles FC. Im Interview mit SPOX und GOAL spricht er über seinen kontroversen Wechsel zum FC Bayern, Interesse vom FC Barcelona, Carlo Ancelotti, Uli Hoeneß und Lionel Messi.

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Herr Tillman, Sie sind im Winter von der SpVgg Greuther Fürth zum Los Angeles FC in die nordamerikanische MLS gewechselt. Wie gefällt es Ihnen bisher?

Tillman: Ich fühle mich sehr wohl. Der Klub und meine Kollegen haben mir das Einleben leicht gemacht. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin. Bis dahin habe ich mein ganzes Leben in Bayern verbracht. Die Nähe zu meiner Familie und meinen Freunden hat meine bisherigen Wechsel-Entscheidungen immer beeinflusst. Ich musste mal raus aus meiner Komfortzone.

Nach wenigen Monaten standen Sie mit Ihrem neuen Klub im Champions-League-Finale, das gegen den Club Leon aus Mexiko aber verloren ging.

Tillman: Sie waren uns leider spielerisch und mental überlegen. Das muss man anerkennen. Trotzdem war das ein besonderes Erlebnis, vor allem das Auswärtsspiel. Die mexikanischen Fans waren krass drauf. Wir wurden von einer extrem aufgerüsteten Polizei-Kolonne zum Stadion eskortiert. Drinnen war die Atmosphäre unglaublich, sowas hatte ich davor noch nie erlebt. Auch die Stadt ist mir in Erinnerung geblieben: Seit ich Leon gesehen habe, weiß ich noch mehr zu schätzen, wie es bei uns zuhause in Deutschland oder auch in LA aussieht.

Wie ist die Stimmung in Los Angeles im Stadion?

Tillman: Viel besser, als ich es erwartet hatte. In LA gibt es eine große lateinamerikanische Community, deshalb haben wir viele Latinos im Stadion. Die machen richtig gut Stimmung.

Der LAFC hat neulich eine Kooperation mit Ihrem Ex-Klub FC Bayern abgeschlossen. Bekommen Sie davon etwas mit?

Tillman: Aktuell sind ein paar Spieler unserer zweiten Mannschaft in München. Letztens haben Leute vom FC Bayern bei einem Spiel von uns zugeschaut. Unsere Offiziellen haben mich auch schon ausgefragt. Sie wollten alles mögliche wissen, zum Beispiel, was mein Lieblingsrestaurant in München ist.

Und?

Tillman: Ich habe den Spice Bazaar empfohlen. Der ist in der Nähe vom P1.

Lionel Messi wechselt im Sommer zu Inter Miami. Wie wurde der Transfer in den USA aufgenommen?

Tillman: Das ist eine Sensation für die ganze Liga. Jeder Spieler freut sich auf das Duell mit ihm. Für mich persönlich ist es etwas ganz Besonderes, bald gegen ihn zu spielen.

Timothy Tillman (links) wechselte im Winter von der SpVgg Greuther Fürth zum Los Angeles FC. Mit seinem neuen Klub qualifizierte er sich fürs Champions-League-Finale, das aber gegen den Club Leon verloren ging.
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Ein kleiner Blick zurück: Sie sind 2015 im Alter von 16 Jahren von Fürth zum FC Bayern gewechselt. Wie war das für Sie?

Tillman: Davor war ich das größte Talent eines ganzen Klubs, in München dann einer von vielen. Die Ansprüche und Erwartungen waren sehr hoch, aber ich habe die Herausforderung genossen.

Sie kamen gemeinsam mit Ihrer Mutter und Ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Malik nach München.

Tillman: Der Wechsel hat uns als Familie gut getan. Das hat uns noch enger zusammengeschweißt. Meine Mama war extrem stolz auf uns. Sie hat den Umzug aber auch als persönlichen Neuanfang empfunden. Wir drei haben einen engen Draht zueinander. Für mich gibt es nichts wichtigeres als die beiden.

Ihr Bruder hat in der vergangenen Saison leihweise beim Rangers FC in Glasgow gespielt. Haben Sie ihn schon besucht?

Tillman: Während der deutschen Winterpause war ich mit meiner Mutter zu Besuch, in Großbritannien wird ja durchgespielt. Wir haben uns zu dritt eine schöne Weihnachtszeit in Glasgow gemacht. Demnächst kommt Malik bei mir vorbei.

Er steht noch beim FC Bayern unter Vertrag, seine Zukunft ist aber unklar. Wie geht es mit ihm weiter?

Tillman: Das weiß ich nicht. Aber ihm gefällt es in Glasgow und bei den Rangers super.

Zurück zu Ihnen und Ihrem Wechsel nach München. Fürths Präsident Helmut Hack übte damals öffentliche Kritik. Sobald der FC Bayern Interesse zeige, würde bei jungen Spielern wie Ihnen "der Verstand aussetzen", meinte er. Wie haben Sie das damals aufgenommen?

Tillman: Es hat mich mitgenommen, diese Worte aus Fürth zu hören. Ich fand es zu hart, jemandem in diesem Alter so etwas vorzuwerfen. Aber für Fürth war es natürlich auch schade. Wir als Familie haben dadurch früh gelernt, wie das Fußball-Business funktioniert. Unsere Mama hat versucht, alles von uns abzuhalten. Da hat der übliche Mama-Beschützer-Instinkt zugeschlagen. Sie war diejenige, die sich die meisten Sorgen gemacht hat - und dann haben mein Bruder und ich sie wieder beruhigt.

Hat Helmut Hack diese Vorwürfe auch im persönlichen Gespräch geäußert?

Tillman: Nein, wir haben nie darüber gesprochen.

Gratulationen von der Mutter und von Bruder Timothy: Malik Tillman (Mitte) kam in der Bundesliga-Saison 2021/22 viermal zum Einsatz und darf sich deutscher Meister nennen.
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Fünf Jahre und ein kurzes Intermezzo beim 1. FC Nürnberg später sind Sie 2020 nach Fürth zurückgekehrt. War Ihr einstiger Abschied noch ein Thema?

Tillman: Ich habe mit Rachid (Geschäftsführer Sport Rachid Azouzi, Anm. d. Red.) viel darüber gelacht. Ab und zu musste ich mir einen Spruch anhören, aber nur im lustigen Rahmen und nie boshaft. Im Nachhinein konnten alle verstehen, warum ich damals diesen Schritt gegangen bin. Wegen des Bayern-Wechsels hatte ich mir vor meiner Rückkehr ohnehin keine Sorgen gemacht. Schon eher, dass ich zwischendurch in Nürnberg war. Aber auch das war kaum ein Gesprächsthema.

Eineinhalb Jahre nach Ihrem Wechsel zum FC Bayern wollte Sie der FC Barcelona abwerben. Angeblich hat aber Uli Hoeneß höchstpersönlich interveniert und einen Abschied verboten.

Tillman: Es gab Interesse von Barcelona. Ich hätte mir die Anlage auch gerne angeschaut, aber das haben mir die Bayern untersagt.

Haben Sie Hoeneß persönlich kennengelernt?

Tillman: Ja, die Treffen mit ihm habe ich noch sehr gut in Erinnerung. Er ist eine krasse Persönlichkeit. Als ich in meinem jungen Alter vor ihm gesessen bin, war ich eingeschüchtert.

Eine andere große Persönlichkeit hat Sie in der Sommer-Vorbereitung 2017 zu den Profis hochgezogen: Trainer Carlo Ancelotti. Wie haben Sie ihn erlebt?

Tillman: Er weiß, wie man mit Stars umgehen muss. Den Jungen gegenüber war er aber nicht der Gesprächigste. Trotzdem hat er einem immerhin das Gefühl gegeben, dazuzugehören. Fußballerisch habe ich mich dank der Trainingseinheiten bei den Profis unglaublich weiterentwickelt.

Die darauffolgende Saison haben Sie hauptsächlich für die Reserve in der Regionalliga Bayern gespielt. War das Ihrer Entwicklung zuträglich?

Tillman: Es hat mir schon geholfen, weil Herren-Fußball etwas anderes ist als Jugend-Fußball. Da geht es nicht um Qualität, sondern um Mentalität und Erfahrung. Ich hatte Gegenspieler, die athletisch bei weitem nicht auf meinem Level waren - mich aber trotzdem komplett abgezogen haben.

Warum haben Sie den FC Bayern anschließend mit nur 19 Jahren verlassen?

Tillman: Ich wollte so hoch wie möglich spielen. Bei Bayern gab es leider keine Aussichten auf Spielzeit bei den Profis.

Timothy Tillman spielte von 2015 bis 2020 für den FC Bayern München - Pflichtspieleinsatz für die Profis gelang ihm aber keiner.
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Sie haben lange für deutsche U-Nationalmannschaften gespielt, den Sprung zum A-Team aber nicht geschafft. Künftig wollen Sie für die USA auflaufen. Wie ist der Stand?

Tillman: Die Bürokratie ist erledigt. Bei der vergangenen Länderspielphase war ich im vorläufigen Kader, dann ist mir aber eine Verletzung dazwischengekommen.

Ihr Vater stammt aus den USA. Wie groß war Ihr Bezug zu dem Land vor Ihrem Wechsel?

Tillman: Ich habe zwar keinen Kontakt zu meinem Vater, meine amerikanischen Wurzeln spüre ich aber. Die Musik und das Essen fand ich immer schon gut. Mit der MLS habe ich mich erst beschäftigt, als es in die ersten Gespräche mit LA ging. Vergangenes Jahr war ich in den USA im Urlaub. Da habe ich gemerkt, wie sehr mir der Lifestyle und die Mentalität gefallen. Damals habe ich beschlossen, dass ich hier irgendwann leben möchte. Dass es so schnell passiert, hätte ich aber nicht gedacht.

Timothy Tillman: Seine Karriere-Stationen

ZeitraumKlubSpieleToreAssists
2917 bis 2018FC Bayern II3167
2018 bis 20191. FC Nürnberg (Leihe)6--
2020 bis 2023SpVgg Greuther Fürth8528
seit 2023Los Angeles FC1832