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Handball

HBL - Rhein-Neckar Löwen - Andy Schmid im Interview: "Ich habe versucht, Kobe Bryants Crossover-Dribblings zu machen"

Andy Schmid wurde fünfmal in Serie zum MVP in der HBL gewählt.
© getty

In dieser Woche feiert ein absoluter Superstar seinen Abschied aus der Handball-Bundesliga: Andy Schmid. Nach zwölf Jahren bei den Rhein-Neckar Löwen, zwei Meisterschaften und fünf MVP-Awards kehrt der 38-Jährige in seine Schweizer Heimat zum HC Kriens-Luzern zurück. Im SPOX-Interview lässt der Messi des Handballs seine große Karriere Revue passieren.

Schmid spricht vor seinem letzten Heimspiel mit den Löwen gegen den THW Kiel (Mittwoch, 19.05 Uhr im LIVETICKER) offen über seinen "beschissenen" Start bei den Löwen und erklärt, warum damals sogar das Maskottchen wichtiger war als er.

Der Spielmacher verrät außerdem, warum ein Wechsel zum FC Barcelona oder zu PSG für ihn nie infrage kam und warum er sich manchmal mehr Anerkennung gewünscht hätte.

Schmid blickt auch in die Zukunft und erzählt von seinen Zielen als Trainer, von seiner NBA-Leidenschaft und von Veränderungen, die er gerne im Handball sehen würde.

Herr Schmid, am Mittwoch steht Ihr letztes Heimspiel mit den Löwen auf dem Programm. Wie ist die Gefühlslage so kurz vor dem Ende einer Ära?

Andy Schmid: Es ist schon ein bisschen Wehmut dabei, das muss ich ehrlich sagen. Es gab in letzter Zeit viele Momente, bei denen ich dachte: Das ist jetzt echt das letzte Mal. Bald ist es vorbei. Auf der anderen Seite habe ich die Entscheidung, in die Schweiz zurückzukehren sehr bewusst und relativ früh gefällt. Das hat mir erlaubt, dass ich über eine längere Zeit einen Prozess des Loslassens durchmachen konnte. Deshalb fällt es mir alles nicht ganz so schwer. Und die Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt, den ich gemeinsam mit der Familie beginnen werde, spüre ich auch enorm. Ich freue mich auf das, was kommt. Aber klar, wenn du zwölf Jahre da warst, ist es immer emotional, tschüss zu sagen.

Sie haben in der Schule gerne Aufsätze geschrieben. Wenn Sie einen Aufsatz über Ihre Karriere schreiben würden, was wäre die Überschrift?

Schmid: Gute Frage. Ich würde sagen: Mit Anlaufschwierigkeiten zum Erfolg. Das trifft es ganz gut.

Der erste große Karriereschritt war der Wechsel von der Schweiz nach Dänemark zu Silkeborg. Klingt erstmal unspektakulär, aber das war kein kleiner Schritt.

Schmid: Nein, das war ein großer und schwieriger Schritt für mich damals. Ich habe für den Wechsel nach Dänemark mein Studium unterbrochen, das macht man als Schweizer nicht mal so leicht. Wir Schweizer sind da etwas anders gepolt als ihr Deutschen. Bei uns steht eine Karriere im Spitzensport nicht so im Vordergrund, bei uns steht die Ausbildung und ein sicherer Lebensweg über allem. Das ist wirklich extrem wichtig bei uns, so werden wir auch erzogen. Auch wenn ich gewusst habe, dass ich weich lande, falls ich nach dem Dänemark-Abenteuer wieder nach Hause zurückkehren würde, haben mich Zweifel geplagt. Es gab viele Stimmen, die mir von diesem Wechsel abgeraten haben.

Was haben die Leute gesagt?

Schmid: Viele haben auch gesagt, dass ich doch sofort in die Bundesliga wechseln müsse. Dass man mich in Dänemark vergisst, dass ich dort untergehen werde. Nach außen habe ich zwar auch so getan, als ob ich mir ganz sicher wäre mit meiner Entscheidung, aber ehrlich gesagt finde ich, dass man so etwas im Leben einfach gar nicht sagen kann. Das ist einfach gelogen. Du weißt es nie zu hundert Prozent. Ich hatte ein gutes Bauchgefühl, weil Nikolaj Jacobsen mein Trainer wurde in Dänemark. Ich hatte ein gutes Gefühl, dass es aufgehen könnte, aber sicher war ich nicht.

Schmid: "Das Maskottchen war fast wichtiger als ich"

Es folgte ein sehr gutes Jahr in Dänemark, nach dem Sie den Schritt zu den Löwen in die HBL wagten. Was dann aber erstmal folgte, war eine schwierige Zeit.

Schmid: Eine beschissene Zeit. Man muss es wirklich so klar sagen.

Sie spielten unter dem damaligen Trainer Gudmundur Gudmundsson anfangs quasi keine Rolle und entwickelten sich zum "Fehleinkauf" und "Absteiger".

Schmid: Mir ging es wirklich schlecht. Ich bin mit Bauchschmerzen zum Training gefahren und zu den Spielen. Das Problem war ja für mich, dass ich nicht in Deutschland war, um das schöne Heidelberg zu genießen. Ich war in Deutschland, um Handball zu spielen. Um meinen Beruf auszuüben. Sonst wegen nichts. Ich wollte mich in der HBL durchsetzen und das hat überhaupt gar nicht funktioniert. Die Löwen waren damals ein aufstrebender Verein, der viele teure Spieler geholt und so ein bisschen nach Namen und Torschützenliste eingekauft hat. Mein Name hat da nicht so richtig reingepasst in das Konstrukt, ich war zur falschen Zeit im falschen Verein. Und mir hat es wahrscheinlich auch nicht geholfen, Schweizer zu sein. Wir sind einfach keine große Handball-Nation, damals noch viel weniger als heute, wir hatten wenige Spieler im Ausland, dagegen hatte ich auch anzukämpfen.

Das Schlimme war ja, dass Sie meist überzählig waren.

Schmid: Das stimmt. Ich durfte mich bei den Heimspielen aufwärmen und dann durfte ich mich hinter die Bank verziehen, als es losging. Das war schon heftig. Und es war mir auch unangenehm, weil die Familie, viele Freunde oder einfach Schweizer Fans oft in die Halle kamen, um mich spielen zu sehen. Aber sie haben nur gesehen, wie ich hinter der Bank saß. Zu der Zeit war das Maskottchen bei den Spielen fast wichtiger als ich.

Wie haben Sie es geschafft, diese Zeit zu überstehen?

Schmid: Wahrscheinlich war es mein Ehrgeiz, meine Besessenheit. Ich wollte nicht aufgeben. Irgendwas war in mir drin, das mich durch diese Zeit gebracht hat. Was dazu führte, dass ich mich gegen diese persönliche Niederlage wehren konnte. Und es wäre eine große persönliche Niederlage gewesen, wenn ich sofort wieder abgehauen wäre. Aber es war nicht so, dass ich jeden Tag vor dem Spiegel stand und zu mir gesagt habe: Ich schaffe das. Ich schaffe das. Es war hart und es war knapp davor, dass ich aufgegeben hätte.

"Das Schlimmste, was mir in meiner Karriere passiert ist"

Arno Ehret, ein ehemaliger Trainer von Ihnen, meinte ganz früh in Ihrer Karriere mal: "Noch bist du eine Katze. Aber du kannst ein Tiger werden." Waren Sie zu brav?

Schmid: Absolut, das geht in die gleiche Richtung, wie ich es vorhin schon einmal erzählt habe. Es ist einfach das Naturell von uns Schweizern, dass wir brav, zurückhaltend und nicht so vor Selbstbewusstsein strotzend sind. Das ist aber im Spitzensport nicht gerade förderlich. Die deutsche Mentalität a la "Ich tue Gutes und spreche darüber" ist da viel hilfreicher. Uns so zu exponieren haben wir aber so gar nicht in die Wiege gelegt bekommen. Das führt dann dazu, dass jemand wie Roger Federer in der Schweiz nicht unumstritten ist. Natürlich liebt ihn die Mehrheit, aber es gibt auch immer wieder andere Stimmen. Leute, die sagen, dass er sich zu sehr exponiert, dass er zu viel Geld verdient. Und im Fußball sehen wir das in der Schweiz auch. Die Secondos wie ein Granit Xhaka zum Beispiel, die einen großen Anteil am Erfolg unserer Nationalmannschaft haben, reißen eher mal die Schnauze auf. Aber meistens werden sie dann von der Schweizer Bevölkerung sofort zurückgepfiffen. Das wird in der Schweiz nicht gerne gesehen.

Nach dem so schwierigen Start ging es dann Schritt für Schritt nach oben für Sie persönlich, aber ein Titelgewinn mit den Löwen war noch sehr weit weg, oder?

Schmid: Für mich persönlich war es schön, dass ich immer mehr Sicherheit bekommen habe, ich hatte endlich das Gefühl, gebraucht zu werden. Aber einige Jahre schien es für mich undenkbar, dass wir Meister werden könnten. Wenn wir gegen den THW Kiel gespielt haben, war das für mich wie eine andere Sportart. Das war ein Level, das wir nie erreichen würden, dachte ich.

2014 waren Sie aber dann ganz knapp dran, aber am letzten Spieltag wurde den Löwen von Kiel der Titel entrissen. Aufgrund der schlechteren Tordifferenz. Wegen zwei Toren.

Schmid: In der Nachbetrachtung war es das Surrealste und Schlimmste, was mir in meiner Karriere passiert ist. Das war furchtbar. Es war ja nicht nur der letzte Spieltag, auch davon waren die Spieltage völlig absurd. Ich weiß noch, wie Kiel in Lemgo mit 22 Toren Vorsprung gewonnen hat, wir haben in Eisenach mit 23 gewonnen - das war echt aberwitzig. Du hattest am Ende das Gefühl, dass dir jemand etwas weggenommen hat, was eigentlich dir gehört. Daran hatte ich sehr lange zu knabbern. Ich dachte, dass wir jetzt auf keinen Fall nochmal Meister werden. Wenn du es da nicht schaffst, wann willst du es dann schaffen? Gleichzeitig hat es den Ehrgeiz und die Besessenheit noch mehr gefördert. Als wir dann endlich die erste Meisterschaft gewannen, war es in erster Linie eine große Erleichterung, die ich gespürt habe. Natürlich war die Freude auch groß, aber das perfide war, dass im ersten Moment das Gefühl, endlich durchatmen zu können, klar stärker war. Endlich war der Druck weg und wir mussten diesem Titel nicht mehr hinterherrennen.

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