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Fussball

Real Madrid vs. Manchester City: Wie Ancelotti aus Real eine "geisteskranke" Mannschaft formte

Kroos, Ancelotti, Real Madrid, Manchester City
© getty

Real Madrid hat gegen Manchester City auf dramatische Art und Weise ein 3:4 aus dem Hinspiel aufgeholt und steht nach dem 3:1 im Finale der Champions League. Ein Verdienst von Trainer Carlo Ancelotti, der in Madrid einen Zusammenhalt geschaffen hat, der jeden Einzelnen zum Erfolg sensibilisiert. Und Pep Guardiola? Der braucht Zeit.

Als Rodrygo am Mittwochabend ein paar Minuten vor 23 Uhr beim Champions-League-Halbfinal-Rückspiel gegen Manchester City das 1:1 erzielte, war Real Madrid immer noch ausgeschieden. Aber das Tor war eine Vorankündigung für das, was man später abermals als "magisch" bezeichnen sollte.

Für den überragenden Thibaut Courtois war es die Deklaration des Erwartbaren. "Ich würde nicht sagen, dass Citys Spieler nach dem 1:1 Angst hatten", sagte der Torhüter von Real Madrid, der zum Spieler des Spiels gewählt wurde: "Aber sie wussten, dass es passieren würde."

Mit "es" war gemeint, dass Manchester City das 1:0, das man bis in die Schlussminute rettete, noch aus der Hand geben wird.

Und so kam es dann auch: Real Madrid gewann nach der 3:4-Hinspiel-Niederlage mit 3:1 in Madrid und steht nun im Finale der Champions League: Am 28. Mai 2022 geht es in Paris gegen den FC Liverpool.

Real Madrids Toni Kroos: "Waren 26-mal schon raus"

Der Weg dorthin hätte schwer kaum sein können. Ursprünglich war es ja mal Benfica, das Real fürs Achtelfinale zugelost bekam. Aber die UEFA musste die Wahl wiederholen. Dann wurde es eklig: Erst kam PSG, gegen das man sich zurückkämpfte. Dann kam der FC Chelsea, gegen das man sich zurückkämpfte. Und nun Manchester City. Ende bekannt.

"Wir waren in dieser K.o.-Phase gefühlt schon 26-mal raus und haben uns 26-mal zurückgekämpft. Es ist schwer zu erklären, was da in den letzten Minuten manchmal passiert, auch für mich", sagte Toni Kroos nach dem Spiel gegen City.

Das spricht zum einen nicht für einen guten Plan A, dass die Gegner sich zunächst ein vermeintlich vorteilhaftes Ergebnis herausspielen können und eigentlich auch so viele Chancen haben, den Deckel draufzumachen. Macht Riyad Mahrez im Hinspiel die Tore oder Jack Grealish in Madrid, ist der Real-Traum vom Finale geplatzt.

Aber es spricht für die Mannschaft von Real Madrid, dass sie wirklich jedes Mal eine Reaktion auf das bevorstehende Aus zeigen konnte. Es sagt schon sehr viel aus, dass man sich bei einem Zwei-Tore-Vorsprung aus zwei Spielen in der 89. Minute nicht sicher sein kann, dass eine der besten Mannschaften der Welt das Ding nach Hause schaukelt.

Rodrygo hat bei der Einwechslung "nicht zugehört"

Nimmt man beide Spiele gegen Manchester City zusammen, hatte Real Madrid nur 25 Minuten lang in der Verlängerung des Rückspiels einen Zwischenstand, der ihnen das Weiterkommen garantierte. Doch was bringen schon Zwischenstände? Man wird kein großer Klub, weil man mal fast was gewonnen hat oder kurz davorsteht, etwas Großes zu gewinnen, sondern in den entscheidenden Augenblicken dann auch wirklich da ist.

ManCity, PSG und Co. können sich noch so viele teure Stars leisten. Entwickelt man keine nachhaltige Gewinnermentalität, wird man nur zusehen, wie die anderen feiern. "Dieses Trikot hat mich gelehrt, niemals aufzugeben. Selbst, wenn man tot ist", sagte Real Madrids Doppel-Torschütze Rodrygo nach dem Spiel.

An einem Abend, an dem Luka Modric und Karim Benzema diesmal keine Magie ausstrahlen, Toni Kroos und Casemiro schon nicht mehr auf dem Platz stehen, sind es Eduardo Camavinga, Rodrygo und Co. nach Einwechslung, die für die Wende sorgen. Was ihm der Trainer mit auf dem Weg gab? "Ich habe nicht genau zugehört", witzelte Rodrygo. Doch er wusste, was zu tun ist. 20 Minuten unsichtbar, dann zur Stelle, als es sein muss.

"Wir geben nie auf, lassen uns nie aus der Ruhe bringen. Es ist unfassbar, was die Mannschaft heute wieder geleistet hat. Wie sie zurückgekommen ist, ist geisteskrank", feierte der verletzte David Alaba seine Kollegen. Dass Alaba, der vom sehr überzeugenden Nacho vertreten wurde, nicht auf dem Platz war, bedeutete nicht, dass der Österreicher tatenlos zusehen musste.

Modric, Kroos und Co.: Der Einfluss von der Seite

Es mag sein, dass man hinterher immer schlauer ist und Zeichen einfacher deuten kann, wenn etwas geschehen ist. Doch geht man in die Tiefe, wenn man über die Gewinnermentalität spricht, dienen die Bilder von der Seitenlinie als sehr guter Anhaltspunkt, wo die Unterschiede sein könnten zwischen beiden Mannschaften - und das nicht nur im Champions-League-Halbfinale.

Wie die Führungsspieler nach Auswechslung oder gar nicht erfolgtem Einsatz von der Seitenlinie versuchen, Kollegen und Trainer zu helfen, ist bemerkenswert. Sie gehen bei jeder Chance mit, peitschen wort- und lautstark ihre Kollegen an und hat der Trainer mal Fragen, sind sie zur Stelle.

Kroos, der in der 67. Minute für den späteren Helden Rodrygo vom Platz ging, stand neben Trainer Carlo Ancelotti, um auch mit ihm über taktische Dinge zu reden. "Man versucht, noch irgendwie Einfluss zu nehmen. Der Trainer hatte selbst noch ein bisschen Zweifel, wen er jetzt noch bringt und wir draußen haben ja auch schon ein paar Fußballspiele gesehen. Von daher kann man sich da auch ein bisschen austauschen", erzählte der deutsche Mittelfeldspieler bei DAZN.

Kroos hat daher auch viel Lob für Ancelotti übrig: "Der Trainer ist einfach so. Es beschreibt ihn ziemlich gut, dass er da nicht sagt: 'Ich mache das so.' Wenn er leichte Zweifel hat, holt er uns da mit rein. Das beschreibt auch, warum es mit der Mannschaft auch immer gut funktioniert. Das ist überragend!"

Pep Guardiola braucht noch "etwas Zeit"

Wie gut der Zusammenerhalt bei Real Madrid ist, verspürte man immer wieder. Nicht zuletzt auch bei der feucht-fröhlichen Meisterschaft in Spanien. Dass Rodrygo, angesprochen auf den Trainer, von einem "Freund" spricht, ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass der Italiener - wie es so schön heißt - die Kabine im Griff hat.

Das gilt für Führungsspieler wie Benzema, Modric und Kroos, aber auch für die junge Garde mit Vinicius Jr. und eben jenem Rodrygo. Am Ende schießt der Zusammenhalt keine Tore, aber inzwischen weiß man, dass dieses Real Madrid so ziemlich jede aussichtlose Situation meistern kann. Keine Herausforderung ist zu schwer. Das wissen sie bei Real, aber das wissen auch die Gegner.

So wird Pep Guardiola vielleicht auch bei der Videoanalyse, die er sicherlich schon auf dem Rückflug nach Manchester begonnen hat, bemerken, wie allein man in der Coaching Zone sein kann, wenn es ein paar Meter weit weg wie auf dem Jahrmarkt zugeht. Klar ist das Vorgehen bei Real kein Allheilmittel und bei Pep, der ziemlich eigene Vorstellungen hat, die er lieber diktiert als sie diskutiert, wäre so ein Austausch wohl auch kaum zu machen. Zumindest nicht während eines Spiels.

Gespräche wird Guardiola nun viele führen müssen. Mit seinem Team, mit dem Vorstand, mit jedem. Warum es wieder nicht geklappt hat, muss er erklären - sich selbst und den anderen. Im Hinspiel hatte er noch darauf verzichtet, etwas völlig Neues auszuprobieren. Wie in den Jahren zuvor, als es dann doch nicht klappte. Nun spielte Guardiola das, was seine Mannschaft vorgibt, spielen zu können und ManCity hatte so viele Chancen gegen Real wie fast alle Gegner zuvor gesammelt.

Im Rückspiel nahm Guardiola seiner Mannschaft aber ein wenig den Spielwitz, ließ kein Risiko eingehen und die richtigen Könner der Citizens blieben blass. Es könnte das schwächste Spiel des Kevin de Bruyne im Trikot von Manchester City gewesen sein. "Ich brauche Zeit, um das zu verarbeiten", sagte Guardiola nach dem Spiel.

Spätestens, wenn das Finale am 28. Mai stattfindet, wird alles wieder hochkommen. Dann wird er zusehen, wie seine größten Rivalen in der Liga (FC Liverpool) und sein größter Rivale von einst (Real Madrid) um die Trophäe spielen.

Es wird interessant, wenn nun diesmal zwei Mentalitätsmonster in Paris aufeinandertreffen. Eine mannschaftliche Geschlossenheit, die nicht zu brechen ist und eine emotionale Intensität, die vom Trainer gelebt wird, das ist Liverpool. Aber auch sehr viel Real. Am Ende werden wohl die Nuancen entscheiden. Vielleicht sogar der Aberglaube: Als Real Madrid letztmals ein Champions-League-Endspiel verlor, war es 1981. Der Finalgegner damals: Liverpool. Spielort: Paris. Gibt es eine Wiederholung?

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