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Fussball

Dänemarks Kapitän Simon Kjaer: Von Magaths Buhmann zum Weltenbummler und Lebensretter

Simon Kjaer ist Kapitän der dänischen Nationalmannschaft.

Beim schrecklichen Zusammenbruch von Christian Eriksen verhinderte dessen Teamkollege Simon Kjaer (32) mit seinem beherzten Eingreifen womöglich Schlimmeres. Der Kapitän der dänischen Nationalmannschaft hat eine bewegte Laufbahn hinter sich, vom großen Krach mit Felix Magath beim VfL Wolfsburg bis hin zu seinem aktuell dritten Frühling beim AC Mailand. Eine Qualität zieht sich allerdings wie ein roter Faden durch die Karriere des Innenverteidigers.

Im stets nach Superlativen Ausschau haltenden Sportjournalismus gehört der "Held" längst zum guten Ton, vom "Held des Abends" über "Ronaldo war mein Held" bis hin zu reflektierteren Aussagen wie "Du kannst heute der Held sein und morgen der Loser. Und übermorgen wieder der Held." Der inflationäre Gebrauch ist längst nicht mehr aufzuhalten, und ganz sicher kann sich auch dieser Autor von diesem Vorwurf nicht freisprechen.

Zu unserer Ehrenrettung sei gesagt: Manchmal wenden wir die Bezeichnung trotz allem noch korrekt an. Wie bei Simon Kjaer. Der Kapitän der dänischen Nationalmannschaft wurde weltweit für sein beherztes, umsichtiges und ja, "heldenhaftes" Eingreifen gefeiert, als sein Teamkollege Christian Eriksen am Samstag im EM-Gruppenspiel gegen Finnland kollabierte. Kjaer sprintete zu Eriksen, stellte sicher, dass dieser seine Zunge nicht verschluckt hatte, organisierte seine Teamkollegen anschließend als Sichtschutz um Eriksen herum und tröstete dessen Partnerin Sabrina, die in Tränen aufgelöst zum Spielfeldrand gelaufen war.

"Ich war nicht überrascht, dass Simon da die Initiative übernommen hat und direkt wusste, was zu tun ist. Wenn nicht er, wer dann", sagt Roman Neustädter, der mit Kjaer gemeinsam bei Fenerbahce in Istanbul spielte und bis heute ein sehr gutes Verhältnis zu ihm hat, exklusiv zu SPOX und Goal. "Die Aktion zeigt, was für ein großartiger Mensch er ist. Die ganze Welt ist stolz auf ihn, dass er einen kühlen Kopf bewahrt hat."

Simon Kjaer: "Ein Held ist einer, der tut, was er kann"

Er selbst habe die Szene geschockt am Fernseher miterlebt, erklärt Neustädter, der seit 2019 für Dynamo Moskau spielt: "Ich selbst weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Man sagt zwar, dass man wahrscheinlich genauso gehandelt hätte, aber man ist so geschockt, dass man gar nichts wirklich mitbekommt." Er habe wegschalten müssen, "weil ich mir das nicht ansehen konnte."

"Ein Held ist einer, der tut, was er kann", sagte der französische Literatur-Nobelpreisträger Romain Rolland einmal. Kjaer tat im wahrsten Sinne des Wortes genau das, und wer will es ihm verdenken, dass er wenige Minuten nach Wiederanpfiff der Partie schließlich nicht mehr konnte und sich auswechseln ließ? "Du bist ein richtiger Held. Du hast deinem Freund Christian Eriksen das Leben gerettet", lobte ihn sein Berater und Ex-Fortuna-Köln-Profi Mikkel Beck später auf Twitter.

(Rollands Zitat geht übrigens noch weiter: "Ein Held ist einer, der tut, was er kann. Die anderen tun es nicht." Man kann der UEFA, die das dänische Team offenbar mehr oder minder dazu nötigte, das Spiel zu beenden, nur ermutigen, darüber einmal zu meditieren.)

Simon Kjaer beim VfL Wolfsburg: "Bereits in jungen Jahren ein Leader"

Dem deutschen Publikum ist Kjaer vor allem aus seiner Zeit beim VfL Wolfsburg bekannt. Fast elf Jahre ist schon her, dass Dieter Hoeneß das international umworbene Talent, damals noch mit langer blonder Mähne unterwegs, von einem Wechsel zu den Wölfen überzeugen konnte. Zuvor hatte sich der beim FC Midtjylland ausgebildete Innenverteidiger bei US Palermo auf sich aufmerksam gemacht.

Und sich trotz seiner erst 21 Jahre als jemand etabliert, der vorangeht. "Simon ist nicht nur ein sehr guter, aggressiver Abwehrspieler, sondern trotz seines jungen Alters bereits eine Persönlichkeit auf dem Platz", lobte Hoeneß, der sich Kjaer zwölf Millionen Euro kosten ließ, bei der Verpflichtung. Er hatte nicht zu viel versprochen: Beim VfL erinnert man sich bis heute an einen Spieler, der von Beginn an die Ärmel hochkrempelte. "Er war bereits in jungen Jahren ein Leader, der sich in den Dienst der Mannschaft gestellt und seine Kollegen geschützt hat", sagt Neustädter: "Er ist sehr offen, lieb und kommt mit jedem Einzelnen aus."

Dass Kjaers Aufstieg in Niedersachsen ins Stocken geriet, könnte auch an der Umständen gelegen haben: Nur ein Jahr nach der sensationellen Meisterschaft 2009 spielte Wolfsburg plötzlich gegen den Abstieg und verschliss mit Steve McLaren und Pierre Littbarski gleich zwei Trainer, bevor Felix Magath im März 2011 das Ruder übernahm.

"Zum ersten Mal musste ich persönlich Rückschläge einstecken. Das war eine unglaublich lehrreiche Zeit für mich, wo ich erleben durfte, was eine Auslands-Karriere bieten kann, wenn man mitten im Chaos eines abstiegsbedrohten Klubs steht", erinnerte sich Kjaer 2017 im Interview mit Jyllands-Posten. Er habe angesichts von sechs Trainern und drei Sportdirektoren in zwei Jahren "auf die harte Art und Weise eine mentale Stärke" aufbauen müssen.

Simon Kjaer: "Felix Magath wollte meine Karriere zerstören"

Vor allem mit Magath passt es nicht. Ist er im ersten Jahr in Wolfsburg trotz teils schwankender Leistungen noch Stammspieler, schiebt der neue starke Mann Kjaer plötzlich aufs Abstellgleis. Zunächst darf Kjaer per Leihe für ein Jahr zum AS Rom flüchten - und richtet von dort im Mai 2012 im kicker aus, "dass ich nicht nach Wolfsburg zurückkehren und nie mehr für Magath spielen werde". Doch weil er für die Roma zu teuer ist, geht es wenig später zurück nach Niedersachsen.

Bei Magath ist er endgültig unten durch. "Magath wollte mich nicht wechseln lassen und hat, ich weiß nicht wie vielen Transfers einen Riegel vorgeschoben. Ich konnte mich einfach auf die Tribüne setzen", sagte Kjaer. "Es hatte den Anschein, dass es sein Ziel war, meine Karriere zu zerstören." Magath wird im Oktober 2012 entlassen, Kjaer spielt die kommenden zehn Bundesligaspiele über die vollen 90 Minuten.

"Beim ersten Treffen in Istanbul sind wir direkt ins Gespräch gekommen und haben über Felix Magath gesprochen", erinnert sich Neustädter bei SPOX und Goal. "Die Geschichten darf ich eigentlich gar nicht erzählen, man sieht sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben", sagt er und lacht. Wobei er selbst die Zeit des legendären Schleifers auf Schalke verpasste und lediglich mit dessen Fitnesstrainer Markus Zetlmeisl vorliebnehmen musste. Trotzdem: Geteiltes Leid ist halbes Leid. "Da war das Eis zwischen uns direkt gebrochen", sagt Neustädter.

Simon Kjaers Karriere: Die Heimkehr des Weltenbummlers

In den kommenden Jahren wird Kjaer zum Weltenbummler. Von Wolfsburg geht es zum OSC Lille (2,5 Millionen Euro Ablöse), später heuert er bei Fenerbahce und schließlich in Sevilla an. "Als sich unser Keeper Volkan Demirel verletzt hat, wurde Simon Kapitän", erzählt Neustädter. "Das hat natürlich einigen Türken nicht so gut geschmeckt. Ihm war es aber egal, denn er geht immer vorweg und sagt seine Meinung."

Nicht überall ist Kjaer Stammspieler, denn wo der 1,91 Meter große Däne auf der einen Seite ein knallhartes Verteidigen mit Kopfballstärke und benannten Führungsqualitäten vereint, so häufen sich auf der anderen Seite zu oft grobe Schnitzer. Sein wirkliches Zuhause ist in dieser Zeit vor allem die Nationalmannschaft. Dort ist er gesetzt, für keinen Verein absolviert er so viele Spiele wie für sein Land (mittlerweile 108).

Richtig glücklich wird Kjaer eigentlich nur in der Serie A, und so zieht es ihn immer wieder dorthin zurück. Erst Palermo und die Roma, dann Atalanta Bergamo und im Januar 2020 schließlich eine Leihe zum AC Mailand. "Milan war schon immer ein besonderer Klub für mich", sagt er damals zu SPOX und Goal. "Ich habe meinem Berater schon vor zwölf Jahren in Palermo gesagt, dass ich eines Tages gerne in diesem schwarz-roten Trikot spielen würde."

Für Milan ist es ein Geschäft ohne großes Risiko. Kjaers Rolle ist klar: "Die gleiche wie für Dänemark. Mit meiner Erfahrung soll ich Verantwortung auf und neben dem Platz übernehmen. Das genieße ich als Spieler und als Mensch."

Simon Kjaer: Kapitänsamt und Karriereende beim AC Mailand?

Dass es auf dem Platz so gut läuft, ist dann fast eine Überraschung: Von 14 Ligaspielen in der Rückrunde mit Kjaer verliert Milan nur ein einziges, folgerichtig zieht der Verein die Kaufoption. Kjaer unterschreibt für zwei Jahre und ist auch in der abgelaufenen Saison, in der das Team lange um den Scudetto mitspielt, gesetzt. Im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League trifft er gegen Manchester United - und jetzt, nach seinem Einsatz für Inter-Star Eriksen, fordern die eigenen Fans für ihn im neuen Jahr die Kapitänsbinde.

Es würde zu dem Mann passen, der sagt, dass er seine Karriere gerne in Mailand beenden würde - auch wenn ihm die Binde nie etwas bedeutet hat, wie Neustädter betont: "Er hätte gegen Finnland auch ohne Kapitänsbinde so reagiert. Ich denke, dass sein Wort in Milan ohnehin Gewicht hat."

Nach seiner langfristigen Unterschrift dort hatte Kjaer übrigens folgendes gesagt: "Es ist ein schöner Gedanke nach all diesen Jahren im internationalen Fußball, dass die kommenden zwei Jahre die aufregendsten meiner Karriere werden könnten; bei meinem Traumklub und mit Dänemark bei der EM und den Gruppenspielen daheim im Parken Stadion."

Man kann ihm nur wünschen, dass er nach den Ereignissen am Samstag den größten Aufreger bereits hinter sich hat.

Simon Kjaer: Stationen seiner Karriere

ZeitraumVereinPflichtspiele
01/2007 - 07/2008FC Midtjylland19
07/2008 - 07/2010US Palermo65
07/2010 - 08/2011, 07/2012 - 07/2013VfL Wolfsburg63
08/2011 - 07/2012AS Rom (Leihe)24
07/2013 - 07/2015OSC Lille79
07/2015 - 07/2017Fenerbahce88
07/2017 - 09/2019FC Sevilla64
09/2019 - 01/2020Atalanta Bergamo (Leihe)6
seit 01/2020AC Mailand (Leihe, dann Kauf)58
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