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Fussball

Leon Goretzka beim DFB-Team: Prädestiniert für das Kapitänsamt

Von Dennis Melzer
Leon Goretzka ist prädestiniert für das deutsche Kapitänsamt.

Leon Goretzka mischte gegen Ungarn nicht lange mit. Lange genug jedoch, um zu zeigen, wie wertvoll er ist - in vielerlei Hinsicht.

Sie hegen einen Groll gegen jeden, der nicht ihrem beschränkten Weltbild entspricht, verabscheuen alles, was über den Rand ihrer runenverzierten Untertasse hinausgeht. Der Begriff Vielfalt ist ihnen fremd, obschon einige ihrer zur Schau gestellten Bäuche viele Falten werfen. Diejenigen, die ihre Oberbekleidung anbehalten, tragen Schwarz. Bunt ist ihnen nicht geheuer, sehen sie einen Regenbogen, schäumen sie vor Wut.

Beim Malen von kopulierenden Strichmännchen auf Plakate ist die Grenze der künstlerischen Befähigung erreicht, die Grenzen ihres Heimatlandes sollen hingegen großzügiger gesteckt werden. Sie wünschen sich "ihr" Großungarn zurück, das 1920, nach Unterzeichnung des Vertrags von Trianon, zwei Drittel seines Territoriums eingebüßt hatte.

Carpathian Brigade: Affenlaute und Hitlergruß

Sie nennen sich "Carpathian Brigade", ihre Ideologie ist streng nationalistisch geprägt, die Presse bezeichnet sie als "Neonazi-Hools". Auf Klubebene sind sie verfeindet, für die Nationalmannschaft werfen sie ihre Differenzen aber über Bord, es herrscht Waffenstillstand für den Zeitraum der Europameisterschaft.

Gemeinsam gegen die Anderen, gemeinsame Märsche durch Budapest, um gegen Black-Lives-Matter und die LGBTQIA+-Bewegung zu hetzen, gemeinsames Imitieren von Affenlauten gegen die französischen Spieler Kylian Mbappe, N'Golo Kante und Paul Pogba, wie übereinstimmend berichtet wurde. Auch der Hitlergruß soll im Duell mit dem Weltmeister gezeigt worden sein.

Leon Goretzkas bedeutungsvoller Jubel gegen Ungarn

Ein Teil dieser Hooligan-Gruppe hatte sich am Mittwoch gen München aufgemacht, die Polizei ging im Vorfeld des Aufeinandertreffens mit Deutschland von rund 200 gewaltbereiten Magyaren aus. Im Stadion postierte sich der schwarze Block gleich hinter dem Tor und skandierte noch vor Anpfiff homophobe Parolen. Hass als Attitüde, das Blut ständig kochend. Ein stummer Schrei nach Liebe?

Sie sollten Liebe bekommen. Als Leon Goretzka das DFB-Team kurz vor Schluss mit einem satten Schuss erlöste und gleichzeitig das EM-Aus der aufopferungsvoll kämpfenden Ungarn besiegelte, machte er sich entschlossen auf in Richtung Gäste-Block, formte seine Hände zu einem Herzen und hielt mit festem Blick den hasserfüllten, geifernden Carpathian-Brigade-Fratzen stand, ehe er unter einer Jubeltraube begraben wurde.

"Spread love", verbreitet Liebe, schrieb er nach Abpfiff bei Twitter und untermauerte seine Botschaft mit einer Regenbogenfahne - dem Symbol für Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt.

Ebenjenem Symbol, das von nationalistischen, rückwärtsgewandten Krawallbrüdern wie der Carpathian Brigade abgelehnt wird, ebenjenem Symbol, das von Uwe Junge, seines Zeichens Politiker in der Rechtsaußen-Partei AfD, jüngst als "Schwuchtelbinde" diffamiert wurde, nachdem Deutschlands Kapitän Manuel Neuer eine regenbogenfarbene Spielführerbinde getragen hatte.

Wer noch Zweifel gehegt haben sollte, dass Goretzka, der in der Vergangenheit immer wieder gegen Rassismus und Diskriminierung seine Stimme erhoben hatte, neben seiner fußballerischen Klasse über einen bemerkenswerten Charakter verfügt, dürfte allerspätestens nach dieser Aktion Gewissheit haben.

Leon Goretzka symbolträchtig: "Kein Fußball den Faschisten"

Der 26-Jährige war erst in der 58. Minute von Bundestrainer Joachim Löw eingewechselt worden, in etwas mehr als einer halben Stunde verbuchte er 15 Ballaktionen, einmal eroberte er die Kugel, dreimal verlor er sie an den Gegner. Keine aufsehenerregenden Zahlen.

Dennoch war es ausgerechnet er, der voranging, der plötzlich richtig stand, sich ein Herz fasste und ein vorzeitiges und blamables Ausscheiden verhinderte. Ausgerechnet Goretzka, derjenige, der jüngst im Deutsche-Bahn-Magazin DB mobil mit einer "kein Fußball den Faschisten"-Fahne posierte und folglich derjenige, dem man die Kühnheit, einen Haufen Rechtsradikaler zu provozieren, durchaus im Vorhinein schon zugetraut hätte. Wenn nicht Goretzka, wer dann?

Peter Neururer arbeitete schon mit Goretzka zusammen, als dessen Karriere noch ganz am Anfang stand, er lernte den seinerzeit 18-Jährigen in Bochum kennen. Schon damals sei Goretzka "ein herausragender Spieler und eine herausragende Persönlichkeit", gewesen, wie Neururer im Gespräch mit SPOX und Goal versichert.

Er ergänzt: "Leon war und ist ein sehr intelligenter, bodenständiger Junge. Er hat sich Altersgenossen gegenüber nie als der große Fußballer inszeniert, sondern trat eher introvertiert auf. Aber, wenn er sich mal zu Wort gemeldet hat, fand das stets auf einem hochintellektuellen Niveau statt."

Neururer: Goretzka "sieht neben dem Platz Dinge, die andere nicht wahrnehmen"

Man habe sich immer "zu hundert Prozent" auf Goretzka verlassen können. "Er geht nicht nur ballkonzentriert durchs Leben, sondern er sieht neben dem Platz, neben seinem Job, viele Dinge, die andere überhaupt nicht wahrnehmen - und genau das zeichnet ihn aus", erklärt Neururer weiter.

Dass sein einstiger Schützling auch immer mehr auf dem Rasen zu glänzen vermag, überrascht ihn indes nicht. "Es war vorhersehbar, dass Leon sich auch fußballerisch derart positiv entwickelt. Neben seinen motorischen Fähigkeiten verfügt er über eine große Spielintelligenz. Er antizipiert Situationen wie kaum ein Anderer und weiß, sich bestmöglich einzubringen. Als ich ihn noch trainiert habe, hat er seine Sache schon außerordentlich gut gemacht. Allerdings war er nicht unbedingt für seine Torgefahr berüchtigt. In diesem Bereich hat er vielleicht sogar den größten Schritt gemacht."

Neururer schwärmt weiter: "Für mich persönlich gibt es auf der Achterposition beziehungsweise in der Rolle des Box-to-Box-Spielers weltweit keinen Besseren als ihn. Wenn er auf der richtigen Position spielt, in der richtigen Mannschaft, im richtigen System, ist er kaum zu übertreffen."

Blitzgescheit, meinungsstark und keine Scheu davor, eine gesellschaftliche Vorbildrolle einzunehmen - zudem mit fußballerischem Talent gesegnet und immerfort darum bemüht, sich weiterzuentwickeln. Goretzka wäre prädestiniert für das Kapitänsamt, sowohl beim FC Bayern als auch in der Nationalmannschaft.

Sollte Neuer, dem Neururer prognostiziert, "der zweite Buffon" werden zu können, solange er fit bleibe, in naher oder auch fernerer Zukunft seinen Posten zur Verfügung stellen, dürften besonders Joshua Kimmich und Goretzka die Optionen auf Neuers Nachfolge sein.

Neururer: "In der der Rubrik der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten ist Leon ganz weit vorne"

"Ich traue ihm das absolut zu", sagt Neururer mit Blick auf Goretzkas potenzielle Kapitänsfähigkeiten. "Er verfügt nicht nur als Fußballer über Anführerqualitäten, sondern auch menschlich. Ich bin seit über 30 Jahren in dem Geschäft und habe viele beeindruckende Persönlichkeiten kennengelernt. Aber in der der Rubrik der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten ist Leon ganz weit vorne."

Der Außergewöhnlichste in Neururers Liga der außergewöhnlichen Gentlemen quasi. Ein Herzensmensch, der die Möchtegern-Herrenmenschen der Brigade zurück in die ungarischen Karpaten schickte.

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