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Fussball

Hertha-Boss Fredi Bobic im Interview: "Ich habe den Schlüssel in den Decoder gesteckt und NFL geschaut"

Fredi Bobic hat als Hertha-Boss die wohl schwierigste Herausforderung seiner Karriere angenommen. Nach dem Fast-Abstieg in der letzten Saison läuft es in Berlin auch zum Start der neuen Spielzeit bescheiden - Pokal-Aus in Braunschweig, dazu die Derby-Pleite gegen Union am ersten Spieltag.

Im Interview mit SPOX und GOAL erklärt Bobic, warum sich die Lage bei der Hertha trotzdem verbessert hat und warum der eingeschlagene Weg auch bei weiteren Niederlagen nicht mehr verlassen wird.

Außerdem spricht der 50-Jährige über seine große NFL-Leidenschaft, erinnert sich an sein erstes Azubi-Gehalt und verrät, was sich die Hertha von seinem Lieblingsklub, den San Francisco 49ers, abschauen kann.

Herr Bobic, die Bundesliga-Saison hat wieder begonnen, aber auch der Start der NFL-Saison rückt endlich wieder näher. Sonntage haben endlich wieder einen Sinn, oder?

Fredi Bobic: (lacht) Das stimmt. Ich habe schon geschaut, wir spielen mit der Hertha nicht sonntags an den beiden ersten NFL-Spieltagen, das ist gut. In meiner Frankfurter Zeit hatten wir wegen unserer Europa-League-Einsätze viele Spiele am Sonntag, da habe ich immer gehofft, dass wir das 15.30-Uhr-Spiel haben und nicht später. Wenn doch, habe ich natürlich die ersten zwei Stunden der Red Zone verpasst. Aber zum Glück geht die Red Zone ja bis in die Nacht hinein und meine 49ers spielen eh immer spät. Wobei ich zugeben muss, dass ich die Night Games manchmal nicht schaffe, das ist schon hart. Aber dann schaue ich mir wenigstens die Highlights in Ruhe am nächsten Tag an.

Sie sind ja jetzt schon seit über 30 Jahren bei der NFL dabei. Wie ging das alles los?

Bobic: Tele5 war damals einer der wichtigsten Sender auf meiner Fernbedienung. Sie übertrugen zwei Sachen, die aus Amerika nach Deutschland rüber geschwappt sind - Wrestling und American Football. Zwei Jahre lang habe ich mir auch Wrestling reingezogen, aber das war mir dann irgendwann doch zu viel Show.

Ich habe letztens erst nochmal den SummerSlam 1994 angeschaut.

Bobic: Eine Zeit lang hat mich das auch gepackt, aber die Liebe zum American Football war viel größer und ist bis heute geblieben. Am Anfang hatte ich wenig Ahnung von den Regeln und musste mich einlesen. Das war gar nicht so einfach, aber es gab damals zum Glück schon Zeitschriften über American Football, die man sich besorgen konnte. Zeitschriften, das ist das mit dem Papier, für die Jüngeren an dieser Stelle. (lacht) Nicht jeder Kiosk hatte es im Angebot, aber wenn man am Bahnhof ganz hinten in der Ecke schaute, konnte man ein paar Schätze entdecken. Die haben aber auch ein paar Mark mehr gekostet damals.

Ihre 49ers-Liebe lag natürlich schnell auf der Hand, das war ja die große Zeit von Joe Montana, Jerry Rice und Co. - woran erinnern Sie sich spontan?

Bobic: Der erste Super Bowl, den ich gesehen habe, war 1989. 49ers vs. Bengals. Da könnte ich Ihnen bis heute fast jeden Spielzug noch nacherzählen. Wie Montana kurz vor Schluss den Pass auf Taylor zum 20:16-Sieg wirft. Da war's um mich geschehen. Joe Montana ist der Grund, weshalb ich diesen Sport so verehre.

Wie ging es weiter?

Bobic: Ich habe mir von meinem ersten Azubi-Gehalt einen Premiere-Decoder gekauft. Das war eine große Investition. Ich stand ganz am Anfang meiner Karriere und habe in der Oberliga für Ditzingen gespielt. Premiere (Vorgänger von Sky, Anm. d. Red.) hatte damals noch gar keinen Fußball, der kam erst später. Aber ich habe den Schlüssel, wer erinnert sich noch, in den Decoder gesteckt und in meiner Bude NFL geschaut - rauf und runter. Mit dem legendären Günther Zapf als Kommentator. Als ich jetzt in der Corona-Zeit ein bisschen ausgemistet habe zuhause, ist mir ausgerechnet dieser Vertrag wieder in die Hände gefallen. Echt witzig. Eine unvergessene Zeit für mich.

Bobic: "Es war arschkalt und ich bin fast erfroren"

Können Sie auf den Punkt bringen, was Sie so fasziniert hat?

Bobic: Ich hatte sehr früh einen Bezug zum US-Sport, weil ich in Bad Cannstatt, einem Stuttgarter Stadtteil, aufgewachsen bin, nicht weit entfernt vom Militärstützpunkt der Amerikaner. Da sind wir als Kids immer vorbeigelaufen und haben gespickt, was die Amerikaner so an Sportarten machen. Irgendwann haben wir dann angefangen, ihnen nachzueifern und haben zum Beispiel Baseball gespielt. Aber mit Tennisbällen, weil die richtigen Bälle zu teuer waren. Insofern hatte ich generell einen Bezug zum US-Sport. Beim Football war es dann aber vor allem der taktische Aspekt, der mich so sehr faszinierte. Wenn du das Spiel das erste Mal siehst, siehst du ja nur Büffel, die wild aufeinander zu rennen und irgendwie so ein komisches Ei durch die Gegend werfen. Aber je mehr du dich mit dem Spiel beschäftigst, desto faszinierender wird es. Allein zu verstehen, wie verdammt schwer es ist, diese zehn Yards für ein neues First Down zu erzielen, ist total spannend. Und dann hat sich für mich nochmal viel verändert, als ich das erste Mal ein Spiel live vor Ort gesehen habe.

Was war Ihr erstes Spiel vor Ort?

Bobic: Das war Mitte der 90er Jahre, Jets vs. Patriots im alten MetLife-Stadium in den Meadowlands. Im Winter. Es war arschkalt und ich bin fast erfroren. Aber es war vor allem eine wahnsinnige Erfahrung, den Speed und das ganze Spiel mal mit den eigenen Augen zu sehen. Mit der Zeit fuchst du dich immer tiefer in die Materie rein, die ganzen Spielzüge gehen in Fleisch und Blut über. Bis zu dem Zeitpunkt, das kennt wahrscheinlich jeder NFL-Fan, ab dem du denkst, du wärst der bessere Offensive Coordinator und anfängst, die Spielzüge anzusagen. Die verrückteste Erfahrung war aber eine andere.

Erzählen Sie.

Bobic: Lustigerweise war vieles ähnlich zu meinem ersten Spiel. Es war wieder Jets vs. Patriots. Es war wieder Winter, am zweiten Weihnachtsfeiertag, und es war wieder schweinekalt. Und die Jets haben natürlich wieder verloren, so wie sie gefühlt ja fast immer verlieren. (lacht) Das Coole war aber, dass bei den Patriots ein neuer junger Quarterback auf dem Feld stand namens Tom Brady. Das Spiel war auch klasse, aber das Problem war wirklich die Kälte. Ich war mit einem Kumpel beim Spiel und wir hatten beide unsere Töchter dabei. Irgendwann im dritten Viertel mussten wir leider die Segel streichen, sonst wären unsere Mädels echt erfroren. Die haben nur noch gebibbert, das war schon grenzwertig. Also sind wir aus dem Stadion ... finde mal ein Taxi da in New Jersey vor dem Stadion, das war auch noch ein Abenteuer. Das Ende von der Geschichte war, dass wir den Rest des Spiels noch im Hotel angeschaut haben. Aber das gehört für mich auch irgendwie zu der Faszination dazu, dass die NFL eigentlich bei jedem Wetter spielt, so eklig es auch sein mag. Früher war das ja beim Fußball auch noch so.

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