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Fussball

Die besondere Freundschaft von Jude Bellingham und Jamal Musiala: Von der Tischtennisplatte in den Talente-Olymp

Jamal Musiala (l.) und Jude Bellingham verbindet eine enge Freundschaft.
© Privat

Was zeichnet die beiden aus?

Betsy: Sie sind erst einmal sehr wettbewerbsorientiert. Alles, was sie tun, tun sie mit dem Ziel, zu gewinnen und sich zu verbessern, aber auch mit großer Bescheidenheit und Respekt für alles, was sie umgibt. Sie sind auch sehr selbstlos, das macht sie für die Menschen noch sympathischer. Das sind Jungs, die man gerne mit nach Hause nimmt, um sie seiner Familie vorzustellen. Jungs, von denen sich jede Mutter und jeder Vater wünschen würde, dass ihre Söhne zu solchen werden. Vergessen Sie für einen Moment mal den Fußball! Es sind auch zwei wunderbare Menschen.

Beide haben unterschiedliche Wege eingeschlagen.

Betsy: Unterschiedliche, aber kluge. Jamal hat zunächst mit Chelsea alles richtig gemacht, der Verein hat eine fantastische Akademie und sich über die Jahre wirklich sehr gut um ihn gekümmert. Der Wechsel zum FC Bayern war dann auch der richtige Schritt, zumal er und seine Familie eine besondere Bindung zu Deutschland hatten und der Wechsel daher absolut nachvollziehbar war. Der FC Bayern hat ihn auch sehr gut aufgebaut. Zuerst habe ich ihn bei der U17 gesehen, ein paar Monate später war er schon bei der U23 und kurz darauf durfte er bei den Profis mittrainieren. Ich freue mich sehr für ihn und seine Eltern, dass er sein Potenzial ausschöpft und mit Bayern einen Verein gefunden hat, der im Profibereich so sehr auf ihn setzt. Aber seine Entwicklung kommt nicht überraschend. Wir Trainer in England sehen heute genau den Jamal, den wir uns damals vorgestellt haben. Und bei Jude muss man in erster Linie seiner Familie Respekt zollen.

Warum?

Betsy: Denise und Mark, seine Eltern, waren immer geduldig und haben sich nicht vom Glanz und Status anderer Akademien blenden lassen. Jude hatte so viele Angebote, als er 12, 13 war, er hätte zu vielen Topklubs gehen können. Aber sie entschieden sich, in Birmingham zu bleiben, was sich im Nachhinein absolut gelohnt hat. Birmingham hat mit Jude einen unglaublichen Job gemacht, sie haben alles getan, um zu gewährleisten, dass er sich gut entwickelt.

Warum Bellingham zum BVB statt zum FC Bayern wechselte

Er war noch sehr jung, als er in die erste Mannschaft kam, avancierte zum jüngste Spieler in der Geschichte von Birmingham City und absolvierte schon sehr früh fast 40 Profispiele pro Saison.

Betsy: Genau das war entscheidend für seine Entwicklung, denn wie Jamal war auch er nicht immer der Schnellste, auch sein Wachstum brauchte Zeit, und wir mussten seine Spiele und Minuten dosieren. Aber seine fußballerische Intelligenz ist riesig, er ist sehr weit im Kopf und sieht mit und ohne Ball Dinge, die viele andere nicht sehen. Mit 16 Jahren hat er dann auch im körperlichen Bereich einen großen Sprung gemacht. Ich kann mich noch an ein Trainingslager erinnern, da war er 1,77 Meter groß. Im Mai war das. Drei Monate später, im August, kam er dann mit 1,85 Metern zurück. Das war für mich als Trainer toll zu sehen. Er hat sich innerhalb weniger Monate vom Jungen zum Mann entwickelt und seine körperliche Power nahm von Mal zu Mal zu, erst recht, als er für Birminghams erste Mannschaft spielte.

Und dann folgte der Wechsel nach Dortmund.

Betsy: Jude hätte mit 16 Jahren fast jeden europäischen Spitzenverein wählen können, auch den FC Bayern. Dortmund ist bekannt dafür, junge Spieler zu entwickeln, ihnen so viel Spielzeit wie möglich zu geben, sie Fehler machen zu lassen und sie trotzdem beim nächsten Spiel wieder in die Startelf zu stellen. Das hat am Ende den Ausschlag gegeben. Er und seine Familie wollten eine gut durchdachte Lösung, die sich für ihn vor allem fußballerisch lohnt. Das Wichtigste für einen jungen Spieler ist schließlich, dass er viel spielt. Viele Vereine gönnen ihren eigenen Talenten das nicht. Bei Jude kann man sehen, wie gut er sich entwickelt hat. Er ist ein sehr vielseitiger junger Mann. Wenn man ins Ausland geht, in ein Land, in dem man die Sprache nicht spricht, sagt das viel aus über das Selbstvertrauen und die Bereitschaft, seinen Horizont zu erweitern und etwas Neues zu lernen. Allein dieser Schritt gibt Ihnen vielleicht einen Einblick in die Persönlichkeit von Jude Bellingham und was ihn ausmacht.

Bellingham bestreitet beim BVB nahezu jedes Spiel von Anfang an, Musiala hingegen kommt in München meist nur zur Kurzeinsätzen. Wie bewerten Sie das?

Betsy: Beim FC Bayern ist es natürlich ein bisschen schwieriger, sich durchzusetzen. Sie haben so viele Topspieler in ihren Reihen, da ist es normal, dass junge Spieler wie Jamal nicht immer von Anfang an spielen. Aber auch das gehört zur Persönlichkeitsentwicklung eines jeden jungen Spielers. Bei Jamal bin ich mir sicher, dass er jedes Mal, wenn er mit all diesen Weltklassespielern auf dem Platz steht, dazulernt - er hat eine große Leidenschaft für den Fußball, die er permanent vorantreiben möchte. Und ich bin mir sicher, dass er das unter einem so hervorragenden Trainer wie Julian Nagelsmann tun wird. Es wird der Moment kommen, in dem er der "Hauptdarsteller" beim FC Bayern wird, der wichtigste Spieler. Dessen bin ich mir absolut sicher. Denn er wird erstens die Geduld haben. Und zweitens wird es ihn nur noch besser machen, mit solchen Spielern zu trainieren. Und man kann ja sehen, dass er fast immer abliefert, wenn er zum Einsatz kommt. Er versteckt sich nicht, sondern beeinflusst das Spiel des FC Bayern positiv. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, er zeigt große Reife.

Keine Enttäuschung über Musialas DFB-Entscheidung

Was halten Sie als sein ehemaliger Jugendtrainer davon, dass er sich zu Beginn des Jahres gegen die englische A-Nationalmannschaft entschieden hat und für den DFB? War das ein Schlag ins Gesicht?

Betsy: Auf keinen Fall. Unser Plan und Wunsch war natürlich, dass er sich irgendwann für die englische A-Nationalmannschaft entscheidet, aber wir haben ihn in früher immer ermutigt, auch für die deutschen Jugendnationalmannschaften zu spielen, er sollte diese Erfahrung aufsaugen und ein Gespür dafür bekommen, was das Beste für ihn ist. Er hat es mit 15, 16 mal ausprobiert. Aber er hat sich dort nicht so wohl gefühlt wie bei uns, wir hatten eine starke Gemeinschaft, und es war ihm klar, dass er seine Zeit außerhalb der Spiele mit Chelsea mit uns genießen wollte. Wir haben nie Druck auf ihn ausgeübt. Bei allen Gesprächen - auch mit anderen Spielern - ging es immer um die persönliche Entwicklung. Wir haben den Jungs mit Migrationshintergrund nie gesagt: "Du musst aber eines Tages für England spielen", sondern: "Geh deinen Weg hier und höre auf dein Herz, wenn irgendwann der Moment der Entscheidung kommt".

Wie haben Sie auf seine Entscheidung reagiert?

Betsy: Es ist schade für uns, aber ich war mehr froh als traurig, als ich ihn im Achtelfinale zwischen England und Deutschland in Wembley gesehen habe. Es war ein schöner Moment, denn ich wünsche ihm den größten Erfolg der Welt, nur das Beste - egal, für welches Land er spielt, das ist nicht wichtig. Als Trainer ist es meine Leidenschaft, Menschen zu fördern und ihnen zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Ich habe das Glück, ein solches Talent gesehen zu haben und das Vertrauen anderer zu haben, mich um ein so besonderes Talent zu kümmern. Es war ein Privileg für mich. Jamal hat mich zu einem besseren Trainer gemacht.

Was glauben Sie, warum er sich gegen England entschieden hat?

Betsy: Die Deutschen haben es ihm ermöglicht, schon früh für ihre A-Nationalmannschaft zu spielen. In England gab und gibt es aktuell auch so viele Offensivspieler, dass es für Jamal unter Gareth Southgate wahrscheinlich nicht so schnell gegangen wäre. Vielleicht hätte er mehr Geduld haben können, aber es war seine persönliche Entscheidung, die wir hier alle akzeptiert haben. Natürlich ist es schade, dass wir einen solchen Spieler nicht mehr bei den Three Lions sehen werden. Aber wie gesagt: Solange Jamal glücklich ist, bin ich es auch.

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