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NFL - Buffalo Bills: Die beachtliche Entwicklung von Josh Allen - Prototyp oder Anomalie?

Josh Allen legte eine beachtliche Entwicklung 2020 hin.

Quarterback Josh Allen schaffte in dieser Saison bei den Buffalo Bills den Sprung von einer Wundertüte zum Topspieler in der NFL. Seine Entwicklung könnte beispielhaft für künftige und aktuelle junge QBs sein. Doch lässt diese sich überhaupt übertragen? Oder ist Allen eine große Ausnahme?

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Die wichtigste Position im Football ist der Quarterback. Mit einem Top-Quarterback ist Erfolg in der NFL nahezu vorprogrammiert. Doch wie kommt ein Team an einen solchen heran? Die Free Agency ist in diesem Zusammenhang nur selten hilfreich, da Superstar-QBs in der Regel nicht auf den Markt kommen. Auch Trades für diese Art Spieler sind selten.

Folglich bleibt nur der Draft, der per se immer auch eine Art Lotterie ist. Und selbst wenn es gelingt, eines der Top-Prospects zu ergattern, ist dies noch lange keine Garantie für irgendwas. Ein Team, das mit der Auswahl seines Rookie-Quarterbacks offensichtlich richtig lag, sind allerdings die Buffalo Bills, die am kommenden Wochenende auf die Baltimore Ravens - ein Team, das mit Lamar Jackson ebenfalls eine gute Entscheidung getroffen hat - in den Playoffs treffen.

Die Bills haben sich 2018 mit dem siebten Pick des Drafts zur Überraschung vieler für Josh Allen entschieden, für den sie von Position zwölf mit den Buccaneers hoch getradet hatten. Damals warf diese Entscheidung fragen auf, denn Allen war laut den Bills zwar "einer der schlausten Quarterbacks seiner Klasse", wie General Manager Brandon Beane seinerzeit bekundete. Er war aber auch einer der ungenausten Passer im damaligen Draft. Allen komplettierte am College gerade mal etwas mehr als 56 Prozent seiner Pässe.

Allen galt als guter Athlet, aber keineswegs als guter Pocket-Passer. Und es dürfte ihm kaum jemand zugetraut haben, seine Präzision im Passspiel gravierend zu verbessern. Diese signifikant zu steigern, gilt allgemeinhin als nahezu unmöglich.

Allen war einer von fünf Quarterbacks, die 2018 in Runde 1 gezogen wurden. Am Ende der Saison 2020 muss die Frage gestellt werden, ob er nicht sogar der beste von ihnen ist.

NFL: QB-Draft-Klasse 2018

SpielerTeamDraftposition 2018Spiele 2020QBR 2020
Baker MayfieldCleveland Browns1.1672,0
Sam DarnoldNew York Jets3.1240,4
Josh AllenBuffalo Bills7.1681,7
Josh RosenArizona Cardinals*10--
Lamar JacksonBaltimore Ravens28.1573,7

Freilich legte Lamar Jackson 2019 eine fulminante MVP-Saison hin, doch dies war zum einen hauptsächlich seiner Rolle als Runner geschuldet, zudem machte er 2020 einen Schritt zurück. Allen dagegen war 2020 einer der effizientesten Passer der Liga und zählt in dieser Saison zum engeren Kreis der MVP-Anwärter.

Allens Leistungssprung von 2018 zu 2020 ist enorm. Er legte etwa die größte Steigerung der Passquote im Zeitraum von drei Saisons überhaupt hin. Brachte er 2018 noch 52,8 Prozent seiner Pässe an, waren es 2020 69,2 Prozent. Er übertrumpfte damit auch den früheren Seahawks-QB Jim Zorn, der 1977 noch auf 41,1 Prozent kam und sich 1979 auf 56,4 Prozent gesteigert hatte.

Natürlich kam diese Leistungssteigerung nicht über Nacht. Vielmehr liegt detaillierte, akribische Arbeit hinter Allen, den die Bills seinerzeit im Wissen gedraftet hatten, dass er ein Projekt sei und keineswegs ein fertiger Spieler.

In den Offseasons arbeitet Allen bereits sein längerem mit dem privaten QB-Coach Jordan Palmer zusammen, seines Zeichens selbst einstiger QB in der NFL und Bruder vom früheren Star-Quarterback Carson Palmer. Hatten beide in der Offseason 2019 noch an der Beinarbeit Allens gearbeitet, wurde 2020 vor allem die Mechanik im Arm und die Wurfbewegung mithilfe von Highspeed-Kameras analysiert und verfeinert.

Buffalo Bills: GM lobt Josh Allens Spielverständnis

Intensives Training allein jedoch ist nicht die Ursache für den Leistungssprung. Beane verweist auf einen noch wichtigeren Aspekt als die physische Komponente: Spielverständnis. "Ich denke, viele Leute sehen Genauigkeit im Passspiel einfach darin, dass man zurückfällt, seine Füße richtig stellt, Schulter und seinen Arm in die richtige Position bringt. All sowas eben. Diese Dinge sind wichtig, das will ich nicht absprechen, aber wenn Sie nicht wissen, wie man in das gegen die aktuelle Defense richtige Play wechselt oder wer die Hot Route läuft, dann ist das alles egal", sagte der GM im Herbst zu The Ringer.

Beane betonte zudem, dass die Bills-Offense "kompliziert" sei, weshalb die lange Entwicklungszeit von Allen nicht überraschen sollte. Hier kam also Allens Intelligenz zum Tragen, gepaart mit seiner Arbeitseinstellung und der damit einhergehenden akribischen Arbeit, um sich im Laufe der Zeit zu verbessern.

Doch das allein kann nicht reichen, um eine so deutliche Weiterentwicklung im dritten Jahr in der NFL zu erzeugen. Beispiele wie die weiteren Erstrundenpicks von 2018, Mayfield und vor allem Darnold, zeigen das recht gut. Was also hat Allen, was ein Darnold nicht hat?

"Das Beste, was Sie für einen jungen Quarterback tun können, ist ihm Kontinuität zu geben", sagte Beane und fuhrt fort: "Wir haben das hier - beginnend mit demselben Head Coach, demselben Offensive Coordinator und demselben Quarterbacks Coach ab Jahr 2, wir haben hier also sehr viel Stabilität für ihn."

Stabilität - Ein Faktor, von dem Mayfield und Darnold in Cleveland und New York bisher nur träumen konnten. Gleiches gilt auch für einen ebenfalls noch recht jungen QB wie Marcus Mariota, der in vier Jahren in Tennessee drei verschiedene Offensive Coordinators hatte. Mayfield hatte sogar drei verschiedene Head Coaches und ein Darnold kann von guten Umständen generell nur träumen.

Buffalo Bills erweisen sich als sehr geduldig

Bei den Bills kommt hinzu, dass sie eine Qualität an den Tag legten, die in der NFL vielerorts ein rares Gut ist: Geduld. Sie wussten, dass Allen nicht vom Start weg brillieren würde, sie hielten auch an ihm fest, als Jahr 2 nicht wahnsinnig viel besser wurde als Jahr 1. Und sie wurden letztlich dafür belohnt.

Doch auch an diesem Punkt ist nicht abschließend geklärt, warum Allen diesen Leistungssprung gemacht hat. Sicher half es, dass er in seiner gesamten Karriere stets mit OC Brian Daboll zusammenarbeiten durfte und dessen System über Jahre hinweg aus erster Hand lernte. Grundlegend nämlich fehlte noch ein weiteres enorm wichtiges Element: Die Mitspieler.

Beane verriet vor kurzem: "Einige der Probleme, die wir im ersten Jahr hatten - und Josh würde das nie öffentlich zugeben -, waren, dass wir Receiver hatten, die nicht immer die richtigen Routes gelaufen sind." Mehr noch: "Wir werden diese Leute nicht öffentlich kritisieren, aber es gab genügend Fälle, in denen die Öffentlichkeit Josh für etwas kritisiert hat, was einfach nicht sein Fehler war."

Um das zu beheben, taten die Bills das einzig Richtige: Sie verstärkten das Team nach und nach. Bereits 2019 kam mit Cole Beasley ein für jeden QB hilfreicher zuverlässiger Slot-Receiver dazu, zudem mit John Brown ein Speedster, den man auch mal tief schicken kann. Der Königstransfer jedoch gelang vor der Saison 2020: Der Trade für Stefon Diggs, ein echter X-Receiver, der für den Unterschied sorgen kann.

Diggs hob die Offense und auch Allens Spiel auf ein anderes Level. Er selbst führte die Liga in seinem ersten Jahr in Buffalo in Receptions (127) und Receiving Yards (1535) jeweils klar an und nahm gleichzeitig Druck von den Nebenleuten, zu denen der ebenfalls sehr zuverlässige Rookie Gabriel Davis zählt. Hinzu kommt obendrein eine Offensive Line, die ebenfalls seit Jahren zusammenspielt und entsprechend stabil daher kommt.

Buffalo Bills: Beispielhaft in der Spielerentwicklung

Unterm Strich haben die Bills der Liga gezeigt, wie es am ehesten gelingen kann, einen talentierten jungen Quarterback - auch wenn er vielleicht am Drafttag noch recht roh wirken mag - zu einem Topspieler zu entwickeln. Es geht mit Geduld, Stabilität und Kontinuität in der Organisation und im Trainerstab sowie akribischer Arbeit und natürlich guten Umständen auf dem Feld, sprich: guten Mitspielern um ihn herum.

Darnold oder Mayfield hatten viele dieser Faktoren lange nicht, angefangen bei der Kontinuität. Die Qualität um sie herum wiederum wurde nach und nach verbessert, doch Coaching scheint eben doch darüber zu stehen.

Was das nun beispielsweise für einen Tua Tagovailoa bedeutet, wird sich zeigen müssen. In puncto Kontinuität zumindest muss schon nach einem Jahr nachgebessert werden, denn OC Chan Gailey hat das Team verlassen. Die Qualität um ihn herum allerdings dürfte im kommenden Draft weiter angehoben werden. Und seine Arbeitsmoral braucht niemand infrage zu stellen, wenn man bedenkt, wie schnell er sich nach seiner schweren Hüftverletzung am College wieder zurückgearbeitet hatte.

Stellt sich die Frage, wie es mit der Geduld in der Organisation aussieht. Spekulationen darüber, ob nicht doch mit dem dritten Pick (von Houston) ein weiterer Quarterback gezogen werden könnte, gibt es bereits. Doch würden die Dolphins damit die Chance vergeben, einen echten Gamechanger ins Team zu holen. Denn traut man Tua den Sprung zu, wäre es naheliegend, zum Beispiel seinen früheren Alabama-Teamkollegen Wide Receiver DeVonta Smith zu holen, um das Gesamtniveau zu heben und dem QB mehr Unterstützung zukommen zu lassen.

Darnold hängt nach drei Jahren in der Schwebe, auch weil die Jets eine chaotische Organisation sind. Mayfield hatte Licht und Schatten in seiner bisherigen NFL-Karriere und muss in den kommenden Jahren noch nachweisen, wirklich die langfristige Lösung für die Browns zu sein, während Tagovailoa noch ganz am Anfang steht und noch keinerlei Fragen beantwortet hat.

Allen dagegen könnte ein Paradebeispiel für die Entwicklung eines jungen Quarterbacks sein. Ein Prototyp, wenn man so will. Um aber in ein paar Jahren als mehr als eine Anomalie - der positiven Art - angesehen zu werden, braucht es nun Nachahmer. Tua könnte ein solcher sein, für Darnold und Mariota kommen die Bills'schen Erkenntnisse wohl schon etwas zu spät.

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