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Fussball

DFB-Team - Hansi Flicks Co-Trainer Danny Röhl im Interview vor der WM: "Ich kann mir Offensive und Defensive Coordinator im Fußball vorstellen"

Danny Röhl spricht im Interview über seinen bemerkenswerten Karriereweg.

Danny Röhl ist mehr als ein gewöhnlicher Co-Trainer, der 33-Jährige ist seit einigen Jahren die rechte Hand von Hansi Flick. Erst beim FC Bayern, jetzt bei der Nationalmannschaft. Röhl ist ein analytisches Mastermind, das in jungen Jahren schon einen bemerkenswerten Karriereweg hingelegt hat. Er begleitete das Projekt RB Leipzig von der Stunde null an, er machte Erfahrungen in der Premier League, er gewann mit den Bayern das Triple.

Im großen Interview mit SPOX und GOAL spricht Röhl vor dem Start der WM in Katar (DFB-Team vs. Japan, 23. November, 14 Uhr) über das Kennenlernen mit Flick und philosophiert über Themen wie Videoanalysen, die Wichtigkeit von Daten im Fußball und besondere Fähigkeiten, die ein Trainer haben muss.

Außerdem beschreibt Röhl das Ausmaß seiner Fußball-Verrücktheit und erklärt, welchen Trend er bei der WM erwartet.

Herr Röhl, Sie haben mit gerade mal 33 Jahren schon eine interessante Vita im Trainerbereich vorzuweisen. Was hat eigentlich eine größere Spielerkarriere verhindert?

Danny Röhl: Ich hätte selbstverständlich nichts gegen eine größere Spielerkarriere einzuwenden gehabt. Ganz talentfrei war ich auch nicht, würde ich behaupten. Ich war in der Jugend ein schneller Typ, der die Außenbahn rauf und runter gerannt ist. Mein großes Problem war, dass ich in den entscheidenden Jahren, in denen du den Sprung nach oben schaffen musst, zwischen der U16 und der U18, acht oder neun Operationen hatte. Ich war die ganze Zeit über wirklich nur verletzt. So ist der Zug Richtung Profifußball ohne mich abgefahren. Ich habe zwar dann neben meinem Sportwissenschafts-Studium in Leipzig noch in der Oberliga gekickt, aber als ich mir das Kreuzband gerissen habe, war es endgültig vorbei. Ich empfand dieses Ende aber gar nicht als so dramatisch.

Warum denn nicht? War es nicht Ihr Traum?

Röhl: Andere und auch ich selbst haben früh erkannt, dass ich ein Spiel ganz gut lesen konnte. Ich habe mit 16 Jahren schon gesagt, dass ich Trainer werden will. Und es war schon am Anfang meines Studiums mein Ziel, mit 30 Jahren in der Bundesliga zu arbeiten. Mir war sehr früh sehr klar, was ich will. Mein Glück war, dass genau zum richtigen Zeitpunkt das Projekt RB Leipzig entstanden ist.

Dort sind Sie im Jugendbereich eingestiegen.

Röhl: Ich war der erste Videoanalyst bei RB im Nachwuchsbereich und habe gleichzeitig auch bei verschiedenen Jugend-Mannschaften von RB als Co-Trainer gearbeitet. Ich liebe es, Praxis und Theorie miteinander zu verbinden. Für mich war es immer extrem wichtig, nicht nur irgendwo im Keller den ganzen Tag lang Videos anzuschauen und Analysen zu erstellen, sondern auch auf dem Platz zu stehen und die verschiedenen Bereiche miteinander zu verknüpfen. Die Video- und Spielanalyse war für mich der Theorie-Teil. Wir dürfen nicht vergessen, wie klein dieses Thema damals noch war, als ich angefangen habe. Ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen.

Bitte.

Röhl: Wir haben 2013 eine Studienreise zu Manchester City unternommen, die damals unter Manuel Pellegrini Meister geworden waren. Ich war fast schockiert von den Strukturen und der Manpower, die ich dort gesehen habe. Für die erste Mannschaft haben damals schon fünf Videoanalysten gearbeitet, sogar jede einzelne Nachwuchsmannschaft hatte einen eigenen Analysten. Das ist Standard in England. Als ich später in Southampton gearbeitet habe, bin ich jeden Tag in den Trakt gelaufen, in dem die Scouting- und Analyseabteilung sitzt. Dort haben 30 Personen an ihren Rechnern gearbeitet. Das ist eine ganz andere Dimension. Im Vergleich dazu steckt das Thema in Deutschland heute noch in der Entwicklung, auch wenn sich inzwischen schon einiges getan hat.

Danny Röhl: "Machst Du noch diese Filme?"

Wie viel Wert wurde denn damals in Deutschland auf Videoanalysen gelegt?

Röhl: Ich erinnere mich noch gut an die ersten Sätze oder Fragen, die ich an den Sportplätzen zu hören bekam, wie "Machst Du noch diese Filme?" (lacht) Heute haben alle großen Trainer ihren eigenen Analysten im Stab, bei vielen ist die Beziehung schon im Jugendbereich entstanden, aber damals hielt sich die Wertschätzung noch in Grenzen. Im Endeffekt war das zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als eine Zusammenstellung von banalen Highlights. Da waren wir weit weg von Scouting-Feeds. Das Interesse der Spieler war auch noch gar nicht so vorhanden. Erst seit der Entstehung der Akademien fordern die Spieler selbst, dass auch auf diesem Gebiet mit ihnen gearbeitet wird.

Sie haben sich dann bei RB immer weiter nach oben gearbeitet. Alexander Zorniger war es, der Sie in Vollzeit zur ersten Mannschaft geholt hat. Da waren Sie gerade mal 23.

Röhl: Ich habe bei RB mit ganz vielen interessanten Persönlichkeiten zusammenarbeiten dürfen. Bei Alex Zorniger war die Konsequenz, mit der er seine Spielidee verfolgt hat, beeindruckend. Bei Ralf Rangnick, ohne den RB niemals diesen Weg hätte gehen können, war es spannend zu sehen, wie er bei jeder einzelnen Mitarbeiter-Auswahl auf höchste Qualität geachtet hat. Ralf war enorm fordernd, aber auch fördernd. Er hat jeden Mitarbeiter durch seine Führungsweise weiterentwickelt. Und dann war Ralph Hasenhüttl natürlich ganz entscheidend für mich. Er ist ein unglaublich empathischer Mensch und schafft es dadurch auch, ein sehr leistungsförderndes Klima zu schaffen. In dieser Zeit als zweiter Co-Trainer neben Zsolt Löw habe ich mich noch einmal sehr gut weiterentwickeln können, weil Ralph mir die Chance dazu gegeben und mir viel Vertrauen geschenkt hat, wenn es zum Beispiel um die Gegner-Vorbereitung ging.

Was es zu erwähnen gilt: Sie haben irgendwie nebenher noch an der Sporthochschule in Köln studiert. Wie haben Sie das alles unter einen Hut bekommen?

Röhl: Es war schon sehr viel. Neben dem normalen Bundesliga-Geschäft noch eine Masterarbeit zu schreiben, hat mich an meine Grenzen gebracht. Aber ich wollte es unbedingt. Ich hatte diesen Ehrgeiz. Mir war immer sehr bewusst, dass ich ohne Fleiß nicht an den Job komme, den ich eines Tages machen möchte. Also habe ich eben Nachtschichten eingelegt. Ich bin aber auch von Natur aus einfach sehr perfektionistisch veranlagt. Gut reicht mir nicht, es muss perfekt sein.

Danny Röhl: "Zwischen 0.15 Uhr und 3 Uhr habe ich mir Aufnahmen vom FC Chelsea angeschaut"

Was heißt das konkret?

Röhl: Wenn wir beispielsweise über das Verschieben auf dem Platz sprechen, dann kann ich nicht sagen, dass ein, zwei Meter nicht den ganz großen Unterschied machen. Doch, sie machen den Unterschied. Sie entscheiden nämlich im Zweifel darüber, ob der Pass in die Schnittstelle möglich ist, oder eben nicht. Mit dieser Akribie lebe ich und gehe ich an meine Aufgaben heran. In Southampton hatten wir in der Weihnachtszeit so viele Spiele, dass Silvester für mich praktisch ausfiel. Wir haben um Mitternacht angestoßen und zwischen 0.15 Uhr und 3 Uhr habe ich mir Aufnahmen vom FC Chelsea angeschaut. So ticke ich. (lacht)

In Ihrer Masterarbeit haben Sie sich mit dem Thema "Zusammenhang von taktischen Systemen und der Häufigkeit erzielter Tore im Sportspiel Fußball" beschäftigt. Was war das Ergebnis?

Röhl: Ich habe dafür eine Saison von Borussia Dortmund unter Trainer Thomas Tuchel analysiert und untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen dem System, also ob man mit einem, zwei oder drei Stürmern spielt, und der Anzahl der erzielten Tore und der Qualität der Torchancen gibt. Das Resultat war, dass ich keinen signifikanten Zusammenhang herleiten konnte. Allerdings muss ich sagen, dass die Studie noch nicht tief genug ging. Ich bin immer nur von der Startaufstellung und der erwarteten Grundordnung ausgegangen, aber im nächsten Schritt müsste man es sich noch detaillierter anschauen. Waren es wirklich zwei Stürmer? Oder hat einer von ihnen nicht doch mehr wie ein Zehner agiert? Wie aktiv waren die Achter im 4-3-3? So weit bin ich in meiner Arbeit dann nicht gegangen.

Sie sind dem Ruf von Ralph Hasenhüttl nach Southampton gefolgt. Warum haben Sie Leipzig verlassen?

Röhl: Es gab zwei Gründe. Zum einen habe ich nach neun Jahren in Leipzig gemerkt, dass ich gerne eine neue Erfahrung machen möchte. Es war an der Zeit. Zum anderen hatte ich die Chance, in eine etwas anders gelagerte Rolle zu schlüpfen. Als Assistant Manager konnte ich deutlich mehr Verantwortung übernehmen als in meinen vorherigen Rollen. Egal, ob es um Transfers, Aufstellung oder Trainingssteuerung ging, ich war in alles eingebunden. Mein Aufgabengebiet war noch einmal deutlich vielfältiger als vorher, das hat es so reizvoll und spannend gemacht.

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