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Fußball-Kolumne - Show-Präsident Gianni Infantino: "Der größte Clown des Fußballs"

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FIFA-Präsident Gianni Infantino steht wegen undurchsichtiger Machenschaften seit langem in der Kritik, aktuell vor allem wegen der WM in seiner neuen Heimat Katar. Trotzdem sitzt der Schweizer im Weltverband ganz sicher im Sattel. Die Fußball-Kolumne.

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Etwas mehr als sechs Jahre ist es her, da hatten zumindest einige Menschen kurzzeitig Hoffnung auf einen Neuanfang im Welt-Fußball. Im Februar 2016 war Gianni Infantino zum Nachfolger des abgewirtschafteten Sepp Blatter an die Spitze der von Korruptionsvorwürfen geschüttelten FIFA gewählt worden.

"Ich will eine neue Ära bei der FIFA einläuten, bei der der Fußball wieder ins Zentrum rückt", sagte Infantino danach und kündigte Reformen an. Unter anderem installierte er in der Afrikanerin Fatma Samoura erstmals eine Frau als Generalsekretärin, die künftig den Weltverband hauptamtlich führen sollte. Er selbst werde dafür zurücktreten und als Vorsitzender des FIFA-Councils nur noch als Chefkontrolleur agieren.

Doch es dauerte nicht lange, ehe die FIFA wieder auf die alten Pfade von Vetternwirtschaft, Machtspielchen und unklaren Geldflüssen zurückkehrte. "In den Fußstapfen von Blatter", schrieb die Neue Zürcher Zeitung schon nach wenigen Wochen über den Kurs Infantinos, der sich allen Ankündigungen zum Trotz den Verband Stück für Stück zum Untertan machte.

Auch DFB-Vertreter klatschten Infantino 2019 zur Wiederwahl

Auch deshalb, weil bis heute keine ernsthafte Opposition aus den 211 Mitgliedsverbänden zu vernehmen ist. 2019 wurde der Schweizer ohne Gegenkandidaten und Abstimmung lediglich per Akklamation wiedergewählt - auch die deutschen Vertreter klatschten nach vorheriger einstimmiger Zustimmung des DFB-Präsidiums mit.

Auf dem aktuellen Kongress im WM-Austragungsort Katar, wo am Freitagabend die Auslosung der Endrunde stattfindet (18 Uhr im LIVETICKER), klatschten die Deutschen wieder für Infantino. Zumindest tat dies sichtbar ihr Vertreter in der FIFA-Exekutive, der erst kürzlich als DFB-Präsidentschaftskandidat gescheiterte Peter Peters.

Trotz skandalträchtiger Bilanz: Infantino vor Wiederwahl

Dabei gibt es für jegliche Art von Zustimmung zu Infantino nach wie vor keinen Grund. "Seit 2016 führt der Schweizer die FIFA, diese Phase wurde zur skandalträchtigsten in einem an Skandalen allzeit reichen Weltverband", fasste die Süddeutsche Zeitung die verheerende Bilanz zusammen.

Und ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Auf dem Kongress am Donnerstag kündigte der 52-Jährige an, sich im kommenden Jahr zum dritten Mal zur Wahl zu stellen, womit er dann endgültig in die Fußspuren seines Landsmanns und Langzeit-Regenten Blatter treten dürfte.

"Krieg, Katar, Kritik - doch Infantino-Show soll weitergehen"

Dabei bot Infantinos erneuter Auftritt zum Fremdschämen einmal mehr genug Argumente gegen ihn. Seine Rede: Substanzlos und inhaltsleer, relativierend gegenüber Kriegstreiber Russland, beschönigend gegenüber dem Gastgeber, dafür aber wie üblich ohne jegliche Selbstkritik. "Krieg, Katar, Kritik - doch die Infantino-Show soll weitergehen", titelte der Sport-Informations-Dienst.

Trotzdem halten sich die Kritiker nach wie vor vornehm zurück, das galt auf dem Kongress einmal mehr für die großen Verbände. Der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf machte seine Missbilligung des FIFA-Gebahrens nur medial deutlich, ließ die Chance zum Klartext auf offener Bühne aber ungenutzt.

Norwegens Präsidentin Lise Klaveness attackiert Infantino

Das tat einzig und alleine eine junge Norwegerin, die dem Präsidenten mit deutlichen Worten den Spiegel vorhielt. "Wenigstens eine mutige Frau greift Katar und Infantino frontal an", kommentierte der kicker die Passivität der anderen Nationen.

Lise Klaveness, erst Anfang März zur Verbandspräsidentin gewählt, wies in ihrer bemerkenswerten Rede auf die zahlreichen Defizite in Infantinos FIFA hin. Etwa den fehlenden politischen Druck gegen Russland, das trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine bei der Versammlung sogar mit einer Delegation vor Ort sein durfte.

Vor allem aber die nach wie vor zu Recht umstrittene Weltmeisterschaft in Katar. Die Vergabe sei 2010 unter "inakzeptablen Umständen und mit inakzeptablen Konsequenzen" erfolgt, erklärte die ehemalige Nationalspielerin: "Menschenrechte, Gleichheit, Demokratie und das Kerninteresse des Fußballs waren nicht in der Startelf. Diese Basisrechte wurden vom Feld auf die Ersatzbank geschoben."

FIFA-Präsident Gianni Infantino steht wegen undurchsichtiger Machenschaften seit langem in der Kritik,
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FIFA-Präsident Gianni Infantino steht wegen undurchsichtiger Machenschaften seit langem in der Kritik,

Klaveness spricht Katar das Recht als Austragungsort ab

Schonungslos sprach die 40-Jährige auch die verstorbenen Arbeitsmigranten auf den Stadionbaustellen an und Katar damit das Recht als Austragungsort ab: "Es gibt keinen Platz für Gastgeber, die nicht die Sicherheit der WM-Arbeiter sicherstellen. Keinen Platz für Führungsfiguren, die keine Frauenspiele ausrichten. Keinen Platz für Ausrichter, die nicht die Sicherheit und den Respekt für die LGBQT-Plus-Bewegung gewährleisten."

Klaveness machte überdeutlich, was alles bei der FIFA im Argen liegt. "Nachhaltige Werte in alle Entscheidungen einbeziehen, Transparenz einführen, null Toleranz in Sachen Korruption und das Spiel für die Frauen fördern", forderte sie: "Ich fürchte, dass unsere Stadien in Zukunft leer sein werden, wenn wir die Dringlichkeit des gegenwärtigen Augenblicks übersehen. Die Zeit zum Handeln ist jetzt gekommen."

Fast schon ein Eklat auf offener Bühne, entsprechend beleidigt reagierte der katarische WM-Organisator Hassan Al-Thawadi. "Frau Präsidentin kommt in unser Land und hat nicht versucht, uns zu kontaktieren und hat nicht versucht, einen Dialog zu starten", sagte er mit scharfem Ton. Ein Vorwurf, den Klaveness wenig später zurückwies: Man habe sehr wohl mit den Organisatoren gesprochen und sei "sehr gut informiert".

Infantino zur WM in Katar: "Die größte Show der Welt"

Infantino hingegen machte das, was er am besten beherrscht: Er schwieg. Was er vom Wüstenstaat und seiner Winter-WM hält, hat er ja schon mehrfach klar geäußert. "Das wird die beste Weltmeisterschaft der Geschichte, die größte Show der Welt", schwärmte er auf dem Kongress: "Diese Weltmeisterschaft wird etwas ganz Besonderes, etwas Unvergleichliches."

Was der FIFA-Boss damit freilich nicht meinte, sind die "unvergleichlichen" Rahmenbedingungen, auf die vor Klaveness schon lange Menschenrechtsorganisationen immer wieder hingewiesen haben: Ausbeutung von Arbeitsmigranten, Einschränkungen der Meinungsfreiheit und die Diskriminierung von Frauen sowie lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen.

Die FIFA trage "eine Mitschuld am Leid der Migranten", sie decke die "Selbstgefälligkeit der Regierung", kritisierte Human Rights Watch. Und deren Sprecher Wenzel Michalski sagte bei Sky: "Infantino verhält sich wie ein Propagandaschau-Sprecher der katarischen Regierung."

Gianni Infantino: Bizarrer Auftritt vor dem Europarat

Was unter anderem Ende Januar bei dessen bizarrem Auftritt vor dem Europarat zu sehen war. Unter anderem wies er die Recherchen des britischen Guardian über rund 6500 auf den Baustellen verstorbenen Arbeitern ins Reich der Fabeln zurück. Das sei nicht wahr, erklärte Infantino: "Es sind drei. Drei sind immer noch zu viel, aber zwischen drei und 6500 ist ein großer Unterschied."

Vielmehr seien die Arbeitsbedingungen vergleichbar mit denen in Europa und dieser Wandel sei ein "Verdienst des Fußballs". Denn: "Ohne die Projektionsfläche dieser WM hätten alle Veränderungen nicht stattgefunden."

Infantino: Von Putin mit Freundschaftsorden ausgezeichnet

Wie wahr dieses von FIFA und IOC immer wieder benutzte Narrativ ist, zeigen die miserablen Zustände in China ebenso wie in Russland. Dort fand bekanntlich vor vier Jahren die letzte WM statt. Die völkerrechtswidrige Invasion auf der Krim spielte damals ebenso wenig eine Rolle wie die Menschenrechtsverletzungen im Land. Als Dank erhielt Infantino Anfang 2019 von Wladimir Putin den russischen Freundschaftsorden.

Da verwundert es kaum, dass es der Präsident in Doha tunlichst vermied, den russischen Angriffskrieg auch als solchen zu bezeichnen und gleichzeitig das Geschehen trotz seines Friedensappells noch relativierte. Es seien "schreckliche Ereignisse" in der Ukraine, sagte Infantino: "Aber es gibt schreckliche Kriege und Konflikte auch in anderen Teilen der Welt, das dürfen wir nicht vergessen. Orte, wo hilflose Menschen leiden und sterben."

Weit eindringlicher war da die Videobotschaft des aus der zerstörten Heimat in einer schusssicheren Weste zugeschalteten ukrainischen Verbandspräsidenten Andrij Pawelko. "Wir möchten keinen Luftalarm hören, wir wollen wieder Fangesänge. Wir wollen wieder volle Stadien statt zerbombter Städte" , sagte er unter anderem.

FIFA-Kongress: "Wie auf der Kaninchenzüchterversammlung"

Doch die Botschaft verhallte beim Kongress, weil Infantino danach sofort wieder zur Tagesordnung überging. "Wie auf der jährlichen Kaninchenzüchterversammlung. So routiniert wie emotions- und belanglos", kommentierte die Sportschau.

Für den Schweizer gibt es offensichtlich wichtigeres, vor allem die Anbiederung an den Gastgeber. Schon Anfang der Woche hatte er beim Start des Volunteer-Programms zur WM einen weiteren absurden Vortrag abgeliefert, als er sich im Trainingsanzug bei den Helfern einschmeicheln wollte ("Ja, als FIFA-Präsident werde ich bezahlt, aber wir sind alle Freiwillige"). Peinlicher Höhepunkt war der krampfhafte Versuch, das Publikum zunächst zu Katar- und dann noch zu FIFA-Sprechchören zu animieren.

Zum Fremdschämen geriet auch seine Lobhudelei für den katarischen Premierminister Scheich Khalifa bin Abdulaziz Al Thani, dem er am Donnerstag auf großer Bühne ein Trikot mit der Nummer 22 überreichte und ihn als "mein Bruder" ansprach.

Infantino: Lebensmittelpunkt nach Katar verlegt

Wobei die Verbrüderung zwischen dem Ölstaat und dem Weltverbands-Präsidenten ins Bild passt, denn schon im vergangenen Herbst war Infantino mit seiner Familie auf die arabische Halbinsel umgezogen. Die FIFA hatte entsprechende Recherchen der Schweizer Boulevardzeitung Blick zunächst lange dementiert, dann im Januar schließlich bestätigt.

Infantino werde seinen steuerlichen Wohnsitz in der Schweiz behalten und "seine Zeit zwischen Zürich, Doha und dem Rest der Welt aufteilen, um so nah wie möglich an den Aktivitäten rund um die Weltmeisterschaft zu sein, während er seine Präsidentschaftspflichten wahrnimmt. Er wird bei Bedarf bis zum Ende des Turniers mit anderen FIFA-Mitarbeitern in unserem Büro in Doha zusammenarbeiten", schrieb die FIFA.

Nach Angaben des Blick ist der Verbandsboss hingegen zum Ärger der FIFA-Mitarbeiter kaum noch an seinem Amtssitz vor Ort und zeige sich vielmehr hauptsächlich auf Empfängen und anderen repräsentativen Veranstaltungen in der neuen Heimat.

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"Klebrige Nähe zum Land auf der Arabischen Halbinsel"

"Sein neuer Lebensmittelpunkt in Doha zeigt einmal mehr die klebrige Nähe des FIFA-Bosses zum Land auf der Arabischen Halbinsel. Seit Jahren steht Infantino in der Kritik, weil er einen allzu freundschaftlichen Umgang mit dem Emirat und dessen autoritären Herrschern pflegt", kommentierte das Blatt und zog eine Verbindung zu den Ermittlungen gegen ihn in der Schweiz.

Seit Sommer 2020 läuft dort nämlich ein Strafverfahren aufgrund von Infantinos Treffen mit dem Bundesanwalt Michael Lauber, der damals gegen die FIFA unter anderem wegen Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der WM an Katar ermittelte. Der extra eingesetzte Sonderstaatsanwalt sieht Anzeichen für die Anstiftung zu einem strafbaren Verhalten wie Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses und Begünstigung. Laut Blick fanden die besagten Treffen in einem Sitzungszimmer des Berner Hotels Schweizerhof statt, das direkt neben der katarischen Botschaft liegt und obendrein dem Emirat gehört.

Die Süddeutsche Zeitung beschrieb Infantino vor diesem Hintergrund kürzlich so: "Ein Selbstdarsteller, gegen den in der Schweiz strafrechtlich ermittelt wird; ein FIFA-Boss, der sich an einen Zweitwohnsitz nach Katar verflüchtigt hat, angeblich, weil er dort die WM-Werbung begleiten muss. Auch dies ein Vorwand, der den Verstand beleidigt."

Plant Infantino die Zerschlagung der FIFA?

Und weiter: "Der FIFA-Boss aus dem Alpendorf, erfüllt von imaginierter staatsmännischer Bedeutung, ist ein Experte für toxische Verbindungen. Gerade ist er dabei, die FIFA zu zerschlagen. Ein Teil wird in die USA ausgelagert, andere Teile wurden von Zürich nach Paris umgesiedelt, wo Staatschef Macron dem Fußballpersonal sogar Steuern erlassen will. (...) Dass die FIFA mit einem Teilumzug nach Moskau geflirtet hat, lässt auf ebenso stille wie bedrohliche Abhängigkeiten ihres Chefs schließen."

Wenig verwunderlich, dass diese Aktivitäten Infantino anscheinend so in Beschlag nehmen, dass er sportlich bislang wenig in seinen sechs Jahren Amtszeit bewirkt hat. In Doha musste er mangels Erfolgsaussichten den seit einem Jahr vehement vorangetriebenen Vorschlag kassieren, die WM alle zwei Jahre durchzuführen.

Dies sei auch nie sein Vorschlag gewesen, behauptete er sogar. Dabei hatte er vor dem Europarat vor zwei Monaten noch die Flüchtlingskrise für die Idee instrumentalisiert. "Wir müssen den Afrikanern Hoffnung geben, damit sie nicht mehr über das Mittelmeer kommen müssen, um vielleicht ein besseres Leben zu finden oder, wahrscheinlicher, den Tod im Meer", behauptete Infantino da tatsächlich.

Infantino ködert Verbände mit zusätzlichen Millionen

Seine eigentlichen Argumente aber für die vehement von den Topligen abgelehnte WM-Verdoppelung sind, einmal mehr, die zusätzlichen Einnahmen von laut FIFA 4,4 Milliarden Dollar. Davon sollten dann 3,5 Milliarden für Entwicklungsprojekte im Fußball eingesetzt werden, jeder der 211 Mitgliedsverbände hätte demnach rund 19 Millionen Dollar zusätzlich erhalten. "Am Ende des Tages wird jeder profitieren: die Kleinen und die Großen, die Armen und die Reichen", sagte Infantino.

Mit dieser Großzügigkeit hält er die übergroße Mehrheit von Beginn an auf seiner Seite, schon bei seiner ersten Wahl gab gerade bei den kleineren Nationen auch die angekündigte Verdoppelung der Entwicklungshilfezahlungen den Ausschlag.

Zwar nimmt in den großen Fußball-Ländern niemand den Show-Präsidenten Infantino wirklich ernst, ein Insider nennt ihn sogar "den größten Clown, der den Weltfußball je repräsentiert hat". Aber da die Kontinentalverbände Europas und Südamerikas in der FIFA nicht mal über ein Drittel der Stimmen verfügen, sitzt Infantino ganz sicher im Sattel.

Daher schließen Beobachter auch nicht aus, dass der Mann aus dem Wallis auch noch ein viertes Mal zur Wiederwahl antreten könnte, obwohl er selbst als eine der ersten Handlungen eine Begrenzung der Amtszeit des Präsidenten auf zwölf Jahre eingeführt hatte. Doch beim Blick zurück wird deutlich, dass gerade für Infantino der legendäre Satz des erst mit 87 Jahren als Bundeskanzler abgetretenen Konrad Adenauer gilt: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern."

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