Der Zirkus um Kylian Mbappé bei PSG geht schon wieder los: Jetzt spielt sogar der FC Bayern München eine Rolle

Von Thomas Hindle und Patrik Eisenacher
Kylian Mbappé
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Es ist mal wieder soweit. Das Wechseltheater um Kylian Mbappé beherrscht die Gerüchteküche und PSG erwarten erneut anstrengende Monate bis zum Sommer. Mittendrin: Trainer Luis Enrique und sogar der FC Bayern München.

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Luis Enrique kann und will es einfach nicht lassen. Bei jedem anderen Verein und vielleicht sogar bei jedem anderen Spieler in Paris wären seine Bemerkungen nachvollziehbar gewesen. Aber nicht bei Kylian Mbappé.

"Ich bin nicht zufrieden mit Kylian Mbappé. An den Toren habe ich nichts auszusetzen, aber er muss dem Team auch auf andere Art und Weise helfen. Kylian ist einer der besten Spieler der Welt - aber wir erwarten mehr von ihm. Er kann mehr machen", hatte der Spanier nach dem 3:0-Sieg bei Stade Reims zum französischen Sender Prime Video Sport erklärt. Musste es wirklich sein, dieses Fass nach Mbappés Dreierpack am letzten Wochenende wieder aufzumachen?

Schließlich geht es hier nicht um einen normalen Verein und nicht um einen normalen Spieler. Mbappé gilt nicht nur als angehender Ballon-d'Or-Sieger, er hat auch den Großteil der letzten drei Spielzeiten damit verbracht, einen Vertragszirkus zu betreiben.

Er hat mindestens einen Trainer aus dem Amt gedrängt, die Transferpolitik beeinflusst und die Pariser bei den Vertragsverhandlungen so effizient manipuliert, dass PSG nach seinem Verbleib in Jubel ausbrach - und nun vor einem teuren Scherbenhaufen steht.

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Wie viel Wahrheit steckt in der Enrique-Kritik an Kylian Mbappé?

Enrique hat Recht mit seiner Kritik nach dem Spiel gegen Reims. Wenn Mbappé am Ball ist oder einer seiner Mannschaftskameraden, ist er Weltklasse - ist der Gegner jedoch in Ballbesitz, stellt er eine Belastung für die Mitspieler dar.

Das Bild des verärgerten Superstar-Stürmers, der nicht mit nach hinten, ist vielleicht etwas übertrieben. Selbst Erling Haaland, Mbappés offensichtlichster Konkurrent um den Titel "Stürmer, der den Ball aus jeder Situation im Netz versenkt", ist bereit für sein Team zu rennen (er war in der Premier League über weite Strecken der Saison 2022/23 derjenige, der nach Ballverlust am meisten Druck ausübte).

Mbappé hingegen gleicht eher Cristiano Ronaldo, er ist ein an der Defensive desinteressierter Megastar. Das wurde bei der WM 2022 deutlich, als sich Trainer Didier Deschamps gezwungen sah, Mbappé vom linken Flügel in die zentrale Position zu versetzen - vor allem, weil dieser den gegnerischen Außenverteidigern in der Defensive nicht folgen wollte - eine Schwäche, die erst England im Achtelfinale und dann Argentinien im Finale ausnutzte.

Bei PSG ist es sogar noch problematischer. Es gibt die aus dem Zusammenhang gerissenen Screenshots in den sozialen Medien, die zeigen, wie Mbappé wegschaut, während ein Verteidiger mit dem Ball am Fuß an ihm vorbeiläuft. Es gibt auch Clips, die ihn dabei zeigen, wie seine Mitspieler zur Defensivarbeit auffordert, dann aber selbst nicht mitmacht.

Und dann sind da noch die Zahlen. Mbappé gehört zu den am schlechtesten pressenden Stürmern in Europa. Gegen Reims machte er keinen einzigen Zweikampf und verzeichnete auch keine einzige "defensive Aktion" (eine Statistik, die Zweikämpfe, abgefangene Bälle und Klärungsversuche umfasst). Gonçalo Ramos, der in der Mitte spielte, führte fünf Zweikämpfe - und Ousmane Dembélé, der auf dem anderen Flügel spielte, kam auf vier Duelle. In den letzten 365 Tagen rangiert Mbappé laut dem Datenlieferanten FBRef bei den Tacklings, Blocks und Clearances im letzten Zehntel.

Mbappé rennt in der Tat ab und zu. Er setzt Verteidiger unter Druck - vorausgesetzt, er ist nah genug dran. Und er ist auch nicht völlig immun gegen das Zurücklaufen. Wenn man dann noch bedenkt, dass er in der Regel für Konter weit vorne bleiben muss, sind seine Zahlen zwangsläufig verzerrt.

Dennoch gibt es einen Mittelweg zwischen seinen spezifischen Anweisungen und den allgemeinen Anforderungen an einen modernen Stürmer. Mbappé neigt dazu, sich aus den Defensiv-Angelegenheiten herauszuhalten.

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Luis Enrique hat komplexe Anforderungen an Kylian Mbappé

Luis Enrique hat in der Vergangenheit nicht gezögert, seine Ideen durchzusetzen. 2011 legte er sich mit dem Veteranen Francesco Totti bei der Roma an und tat selbiges im Jahr darauf bei Celta Vigo öffentlich mit Fanliebling Borja Oubina.

Beim FC Barcelona war er sogar noch konsequenter, indem er sich mit Xavi, Gerard Piqué, Lionel Messi, Jordi Alba und Neymar zoffte. Als spanischer Nationaltrainer strich er Iago Aspas, Koke und Alba aus seinem ersten Kader. Seine erste Aktion als Cheftrainer der Roja bestand darin, mit seiner Mannschaft in einen Escape Room zu gehen und Handys im Hotel und auf dem Trainingsplatz zu verbieten.

Bei PSG ging er nicht anders vor. Er machte keine Anstalten, den verärgerten Neymar zu halten, der prompt zum saudischen Erstligisten Al-Hilal abgeschoben wurde. Klub-Urgestein Marco Verratti wurde ebenfalls abgegeben, während Sergio Ramos und Mauro Icardi sich auch neue Klubs suchen durften

Der Spielstil der Pariser hat sich dementsprechend verändert. Luis Enrique wurde während seiner Zeit bei Barça von Fachleuten und Trainern gleichermaßen dafür bewundert, dass er die Blaugrana zu einem dynamischen Spiel ohne Ball ermutigte. Obwohl seine Mannschaft vor allem für das MSN-Trio bekannt war, leistete das Team auch abseits des Balls eine Menge Arbeit. Indem er Statistiker mit akademischen Abschlüssen als Assistenten einsetzte - und nicht das übliche Barça-Modell von Vereinsveteranen - formte er eine Mannschaft, die das Terrain effizienter abdeckte, als alle vorherigen Blaugrana-Teams.

Das Ergebnis in Paris ist eine laufstarke Mannschaft, die bisweilen lieber hässlich als schön spielt, lieber effizient als spektakulär. Der kampfstarke Manuel Ugarte drängte den unbeweglichen Danilo Pereira aus der Startaufstellung. Auch Fabian Ruiz, der mehr Laufbereitschaft zeigt als der technisch begabte Vitinha, stand in den letzten Wochen in der Startelf.

Luis Enrique hat mit einer 4-2-4-Formation experimentiert, die dem Angriff weniger gut tut - aber dem Pressing hilft.

Dieses System ist definitiv nicht auf Mbappé zugeschnitten.

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Kylian Mbappé will bei PSG "kein Öl ins Feuer gießen"

Doch man muss sagen, dass Mbappé zu verstehen scheint, was sein Trainer von ihm will. Auf die Frage nach der Qualität seiner Leistung am Wochenende - noch bevor er Luis Enriques Kommentare gehört hatte - gab er ein überraschend gemäßigtes Urteil ab: "Das Wichtigste ist, dass ich ein gutes Gefühl im Spiel habe. In aller Bescheidenheit: Ich muss nicht gut spielen, um zu punkten. Was ich will, ist, gut zu spielen und zu punkten. Mein Ziel ist es, meiner Mannschaft so gut wie möglich zu helfen."

Außerdem erklärte der 24-Jährige: "Ob ich meinen Frieden mit dem letzten Sommer gemacht habe? Am wichtigsten ist doch das Fußballspielen. Den Rest macht Ihr (die Journalisten, d. Red.) sehr gut. Ich will darüber nicht sprechen und kein Öl ins Feuer gießen. Es wird ohnehin schon zu viel geredet."

Damit unterscheidet er sich radikal von dem Spieler, der zu Beginn der letzten Saison auf Instagram die Taktik seines ehemaligen Trainers Christophe Galtier gegen Reims kritisiert hatte und gegenüber den Medien zugab, dass seine Mannschaft nicht für die Champions League geschaffen sei. Es ist fast unmöglich zu glauben, dass das immer noch der selbe Mbappé ist.

Der 24-Jährige hat aber wenig Grund zur Klage. PSG steht an der Spitze der Ligue 1 und er schießt im Schnitt mehr als ein Tor pro Spiel. Der Stürmer kann sich nicht über mangelnde Vorlagen oder ein System beschweren, das ihm keine Chancen lässt. Er kann auch nicht über die Neuzugänge meckern, wie seine Spezies Randal Kolo Muani und Ousmane Dembélé.

Die Tatsache, dass PSG in der Champions League Probleme hat - und möglicherweise in die Europa League drohen könnte, wenn die letzten beiden Gruppenspiele nicht gewonnen werden - ist nicht weiter von Belang. Seine Forderungen wurden erfüllt; PSG weiß, dass ein glücklicher Mbappé gut genug spielen wird, um sie in die K.-o.-Phase zu befördern.

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Kylian Mbappé vs. Luis Enrique: Wie lange geht das gut?

Doch trotz der guten Stimmung in den letzten Tagen - oder zumindest dem Fehlen von öffentlichem Dissens - könnte die Kritik der Anfang des Schlechten sein. Galtier machte letztes Jahr um diese Zeit den Fehler, sich zu einem Mbappé-Transfergerücht zu äußern und löste damit einen medialen Feuersturm aus, der sich nie wirklich beruhigte. Galtier wusste nicht, damit umzugehen.

Vielleicht denkt sich Mbappé dann doch, dass er besser zu Real Madrid gehen sollte. Sein Vertrag läuft im Sommer 2024 aus. Wenn er will, kann er um ein weiteres Jahr verlängern. 2024 könnte er trotzdem gehen - die Frage für PSG lautet: mit oder ohne Ablöse?

Bis dahin gilt es, den Frieden zu bewahren. Luis Enrique wird versuchen, seinen Stil durchzusetzen und Mbappé muss sich dem fügen.

Die Herausforderung wird wieder einmal Europa sein, wo die Welt das Pariser Projekt in kleinen Ausschnitten beurteilen, pauschale Aussagen über Mbappés Körpersprache treffen und akribisch beurteilen kann, mit welcher Vehemenz sein Trainer ihn nach einem enttäuschenden Ergebnis bejubelt.

Je mehr Kontroversen Mbappé auslöst, desto wahrscheinlicher ist wohl sein Abgang - und umgekehrt.

Wenn alles gut geht und Luis Enrique seinen Superstar so weit zügeln kann, dass er ihm auch defensiv zu einer guten Saison verhilft, dann hat PSG es geschafft. Galtier beispielsweise forderte Mbappé wohl gar nicht erst zum Verteidigen auf.

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Kylian Mbappé: Plötzlich ist auch der FC Bayern ein Thema

Die nächsten sechs Monate von Mbappés Zeit bei PSG werden zweifellos von Gerüchten und Hörensagen geprägt sein. In den letzten zwei Wochen sind die Transfergespräche wieder in Gang gekommen, nachdem sie zuvor endlich einmal geruht hatten.

In der vergangenen Woche sah sich Real sogar dazu gezwungen, eine Erklärung abzugeben, in der es bestritt, dass man hinter den Kulissen mit Mbappé verhandelt habe. Wenige Tage später berichteten französische und spanische gar, dass die Madrilenen einen Transfer Mbappés im nächsten Sommer ausgeschlossen hätten. Dann, weniger als 48 Stunden nachdem Luis Enrique die Leistung seines Stars kritisiert hatte, gab es eine Meldung, dass Real wolle, dass der Franzose den ersten Schritt macht.

Real ist allerdings nicht der einzige Verein, der an dem 24-Jährigen interessiert ist. Auch Thomas Tuchel vom FC Bayern München und ehemaliger Trainer von Mbappé in Paris, wurde über ein mögliches Engagement der Bayern befragt. Am Montag witzelte er, dass "Mbappé für uns spielen wird" und er ihn im Falle eines Wechselwillens "mit dem Fahrrad" nach München holen wolle. Wirklich realistisch wirkt ein Interesse des FCB nicht, wenngleich Sport1 berichtet, man wolle an der Säbener Straße zumindest mal darüber nachdenken, den Superstar zu holen.

Auch ein erneutes Interesse aus Saudi-Arabien ist nicht auszuschließen, zumal im nächsten Jahrzehnt die Weltmeisterschaft 2034 ansteht. PSG akzeptierte im Sommer ein massives Angebot von 300 Millionen Euro für Mbappé von Al-Hilal, welches ihn zum bestbezahlten Sportler der Geschichte gemacht hätte. Doch der Franzose selbst lehnte ab.

Hinzu kommt das allgegenwärtige Gerede über einen Wechsel in die Premier League zu Chelsea, Arsenal, Liverpool oder sogar Newcastle.

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Ist ein Wechsel zu Real Madrid wirklich unausweichlich?

Im Grunde ist Klar: Mbappé will irgendwann für Real Madrid Tore schießen. Angefangen bei den Bildern, die ihn als Kind mit Cristiano-Ronaldo-Postern an der Wand zeigen, bis hin zu einer selbst verfassten Graphic Novel, die die Geschichte eines Jungen namens Kylian erzählt, der eines Tages für Madrid aufläuft - alles spricht eine klare Sprache.

Das aktuelle weitere Jahr in Paris ist nur eine Übergangslösung. Die anhaltenden Bemühungen, ihm einen weiteren neuen Vertrag zu geben, dienen eher dazu, eine Ablösesumme für ihn zu erhalten. Alles an Luis Campos' Transferpolitik - junge Spieler für die Stürmerpositionen - deutet darauf hin, dass er sich auf eine Welt nach Mbappé vorbereitet.

Mbappé ist ein intelligenter Fußballer und Geschäftsmann. Er wird alles genau abwägen und weiß, dass er zu Real will. Er braucht keine Berater oder seine Mutter, um zu entscheiden. Und er bekommt, was er will.

Auch PSG profitiert von den Trikotverkäufen, Sponsorenverträgen und Spieltagseinnahmen sowie von der Chance auf den CL-Titel.

Einmal gelang es den Hauptstädtern, Mbappés Abschied gen Madrid zu verhindern. Eine Wiederholung wäre extrem unwahrscheinlich - und die Kritik von Luis Enrique hat gewiss nicht geholfen.

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