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Fussball

Lukas Görtler im Interview: "Ich habe Pep Guardiola nach jedem einzelnen Training genervt"

Lukas Görtler ist einer der spannendsten deutschen Fußballprofis. Der 28-Jährige hat sich als Kapitän beim FC St. Gallen zu einem der besten Spieler in der Schweiz entwickelt - er beschäftigt sich aber auch mit der Geschichte der Menschheit, Schlafforschung und Umweltthemen.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Görtler über seinen Karriereweg und verrät, warum Pep Guardiola ihn einmal wahnsinnig machte und welches Telefonat ihn für immer mit Uli Hoeneß verbinden wird.

Außerdem Thema: Der Klimawandel und wie er persönlich versucht, die richtige Balance zu finden.

Herr Görtler, welches Buch lesen Sie gerade?

Lukas Görtler: Momentan ist es ein bisschen schwierig, weil ich Französisch lerne. Deshalb stecke ich meinen Kopf gerade vor allem in Französisch-Lehrbücher statt in Romane. Ich lese generell sehr viel, aber meistens geht es bei mir in Richtung Sachbücher. Ich mag Bücher, die mir etwas über die Welt erklären und aus denen ich etwas lernen kann. Mein Lieblingsbuch ist "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Noah Harari, einem israelischen Historiker. Was hat die Menschheit zu dem gemacht, was sie ist? Warum haben wir uns so entwickelt? Was sind wir morgen? Er stellt viele interessante Fragen, mit denen ich mich beschäftige. Ich habe auch weitere Werke von ihm gelesen, die auf dem ersten Buch aufbauen. In "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" geht es dann wirklich um das Hier und Jetzt. Das finde ich total spannend. Was mir auch gut gefallen hat, ist "Das große Buch vom Schlaf" von Matthew Walker.

Haben Sie danach etwas umgestellt?

Görtler: Ich schlafe seit der Lektüre auf jeden Fall viel regelmäßiger und länger, ich habe danach erst so richtig die Bedeutung eines gesunden Schlafs für unser Leben verstanden. Wie verdammt wichtig es ist, jeden Tag zwischen sieben und neun Stunden Schlaf zu haben, für das allgemeine Lebensgefühl, aber auch um Verletzungen oder Krankheiten zu verhindern. Mir sind meine acht Stunden Schlaf pro Tag seitdem extrem wichtig. Generell versuche ich, immer zu schauen, wie ich Dinge in meinem Leben optimieren kann. Wie ich mir gute Gewohnheiten aneignen und die schlechten Gewohnheiten ablegen kann. Ich habe zum Beispiel auch zwei Bücher über das Atmen gelesen. Wie atmen wir? Wie sollten wir atmen? Du kannst oft durch kleine Umstellungen dein Leben schon um einiges verbessern.

Sie sind sehr umtriebig und sollen sogar Vorlesungen an der Uni St. Gallen besuchen, zu denen jetzt nicht jeder freiwillig gehen würde.

Görtler: (lacht) Das stimmt. Einmal war ich bei einer Vorlesung zur Relativitätstheorie von Albert Einstein. Die Uni bietet regelmäßig sehr interessante Vorlesungen an, auch für Menschen, die dort nicht studieren. Ich habe ein Faible für naturwissenschaftliche Themen und die Relativitätstheorie habe ich noch nie begriffen, also bin ich mal hin und habe es mir angehört. Meine Interessen sind da wirklich sehr breit gefächert. Auch das Thema Glücksforschung ist etwas, mit dem ich mich immer wieder gerne beschäftige.

Was ist denn das größte Glück, das Ihnen je widerfahren ist?

Görtler: Das ist eine schwierige Frage. Ich kann kein Erlebnis benennen, für mich ist das größte Glück wohl tatsächlich, dass ich gesund bin. Dass ich eine tolle Familie habe, die auch gesund ist. Dass ich in einer so privilegierten Situation bin, frei leben und als Fußballprofi meiner Leidenschaft nachgehen kann. Wobei ich das Dasein als Fußballprofi vom Glücklichsein ausklammern würde, das wäre ja schlimm, wenn ich nur als Fußballprofi glücklich wäre. In jüngerer Vergangenheit ist sicher die Beziehung zu meiner Frau ein großes Glück. Aber meine Nichten und Neffen haben mir auch schon viele glückliche Momente geschenkt.

Warum hat Uli Hoeneß Sie dahingehend so sehr geprägt?

Görtler: Es hat nicht direkt etwas mit dem Thema Glück zu tun, mehr mit Begriffen wie Menschlichkeit und Nächstenliebe. Als ich beim FC Bayern war, saß Uli Hoeneß noch im Gefängnis und durfte dann in der Nachwuchsabteilung als Freigänger arbeiten. Ich hatte einen Termin bei ihm, weil ich ein Angebot aus Kaiserslautern vorliegen hatte und gerne wechseln wollte. Ich kam in sein Büro und durfte mich schon mal setzen, er musste aber noch ein Telefonat zu Ende führen. Es ging um einen ehemaligen Bayern-Spieler aus der zweiten Mannschaft, der Schulden hatte, für den sich aber niemand mehr interessiert hat, wenn man ehrlich ist. Außer Uli Hoeneß. Er hat mit dem Banker telefoniert und aus seiner privaten Tasche die Schulden beglichen. Wenn du da auf dem Stuhl sitzt und das mit anhörst, macht das schon etwas mit dir. Er hat das nicht gemacht, um irgendwie gut dazustehen. Er hat es gemacht, weil er einfach helfen wollte. Das hat mich sehr inspiriert.

Wie lief denn dann Ihr Gespräch?

Görtler: Erstmal nicht so gut für mich. Er hat mir in einem langen Monolog sehr deutlich gesagt, dass die Bayern meinen Wechselwunsch nicht erfüllen können. Das war hart für mich. Ich war am Boden zerstört. Für mich war die Chance, Profi zu werden, zum Greifen nahe. Für mich war das nicht selbstverständlich. Ich hatte zu der Zeit gerade mein erstes Spiel für die Profis gemacht und ich habe das alles nur geschafft, weil ich es durch viel Einsatz erzwungen habe. Mir ist nie etwas zugeflogen. Dann kam die Gelegenheit, endlich nicht mehr in der 4. Liga zu spielen und dann sollte es aber nicht sein.

Görtler: "Uli Hoeneß hier, schläfst Du noch?"

Wie ging es weiter?

Görtler: Ich bin mit meinem Berater zum Essen gegangen und war unendlich traurig. Ich habe es mir nochmal durch den Kopf gehen lassen und entschieden, dass ich das so nicht stehen lassen kann. Ich konnte das so nicht akzeptieren. Also habe ich allen Mut zusammengenommen, bin wieder hingefahren, diesmal ohne Berater, und habe nochmal bei Uli Hoeneß an der Tür geklopft, ob er nochmal ein paar Minuten für mich hat. Ich habe ihm dann meine ganze Geschichte erzählt, wie ich vor zwölf Monaten noch im Büro gearbeitet habe und dass ich mir jetzt meinen großen Traum erfüllen könnte. Es hat ihm wohl imponiert, wie ich dafür gekämpft und mein eigenes Glück in die Hand genommen habe. Er hat mir versprochen, dass er mich gehen lässt, wenn sie einen Nachfolger finden und er mich dann anrufen würde.

Und er hat angerufen.

Görtler: Ja, das muss zwei Wochen später gewesen sein. Ich war am Abend davor mit meinen Kumpels in Bamberg unterwegs und habe noch gepennt, als am nächsten Morgen um 9 Uhr das Handy klingelte. Unbekannte Nummer. Ich dachte, dass es bestimmt meine Oma ist, die mich fragen will, ob ich zum Essen vorbeikomme. Aber am anderen Ende der Leitung hieß es: "Uli Hoeneß hier, schläfst Du noch?" Ich glaube, ich bin noch nie so aus dem Bett aufgesprungen. "Nein, nein, ich bin schon länger wach", habe ich geantwortet. (lacht) Da hat er mir dann erzählt, dass ich gehen darf, wenn es für mich noch relevant ist.

Sie sprechen Ihren etwas untypischen Karriereweg an. Welchen Bürojob hatten Sie?

Görtler: Ich habe zweieinhalb Jahre lang eine Ausbildung zum Informatik-Kaufmann gemacht und dann eineinhalb Jahre als kaufmännischer Projektleiter gearbeitet. Ich muss mal überlegen, was ich damals konkret gemacht habe. (lacht) Es ging um die Einführung von IPads in die Fertigung. Zu der Zeit war es sehr unsicher, wie es für mich weitergehen würde. Natürlich wollte ich Profi werden, aber wenn du mit 19, 20 Jahren nur in der Regionalliga aktiv bist, dreimal pro Woche trainierst und am Wochenende feiern gehst, ist das jetzt nicht zwingend der Weg zur Profikarriere. Zum Glück habe ich aber meine Chance bekommen.

Lukas Görtlers Karrierestationen

SaisonVerein
2012-2014FC Eintracht Bamberg
2014-2015FC Bayern München II (1 Bundesligaspiel)
2015-20171. FC Kaiserslautern
2017-2019FC Utrecht
seit 2019FC St. Gallen
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