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Fussball

Glasgow Rangers - Als Philipp Züfle als Auslandsstudent im Ibrox Park spielte: "Noch nie mit so einem Gefühl warm gemacht"

Von Chris Lugert
Philipp Züfle kam als Student in Schottland in den Genuss, im Ibrox Park spielen zu dürfen. Erinnerungen an einen ganz besonderen Tag.
© getty
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Philipp Züfle kam als Student in Schottland in den Genuss, im Ibrox Park spielen zu dürfen. Erinnerungen an einen ganz besonderen Tag.

50.000 Zuschauer in einem der stimmungsvollsten Stadien Europas, dazu die schottische Mentalität, die in jeder Ecke des altehrwürdigen Ibrox Parks zu riechen ist und ein Gegner, der auf einer Euphoriewelle schwebt - für Borussia Dortmund dürfte das Playoff-Rückspiel in der Europa League bei den Glasgow Rangers am Donnerstagabend (21 Uhr im LIVETICKER) zur Mammutaufgabe werden, vor allem nach der 2:4-Heimpleite im Hinspiel vor einer Woche.

Wie speziell die Atmosphäre bei den Rangers ist, weiß auch Philipp Züfle. Der heute 32-Jährige kickte einst in der vierten Liga in Schottland - und traf dabei auf den Traditionsklub aus Glasgow. Dabei ging es aber nicht um ein Pokalspiel zwischen dem unterklassigen David und dem übermächtigen Goliath, sondern um ein reguläres Ligaspiel.

Denn in der Saison 2012/13 verbrachte der schottische Rekordmeister, der Europapokalsieger früherer Tage, tatsächlich seinen Alltag in der Viertklassigkeit. Vorausgegangen war ein Zwangsabstieg infolge einer Insolvenz des Klubs.

Vom Fanliebling zum Sündenbock

Während die Rangers einen kompletten Neuaufbau vollziehen mussten, rieben sich die künftigen Ligarivalen die Hände. Denn die Spiele gegen die Rangers, so viel war klar, sind ein Erlebnis für die Ewigkeit - für jeden einzelnen Klub und jeden einzelnen Spieler. Das wusste auch Züfle, der damals in Freiburg Student für Sport und Englisch auf Lehramt war und in Schottland ein Auslandsjahr verbrachte.

"Ich habe in der Oberliga gehobenen Amateurfußball gespielt und das Studium damit finanziert. Ich wollte auf jeden Fall ins Ausland gehen und mir wurde empfohlen, geh doch nach Schottland, da gibt's auch eine Schulmannschaft, die sich darüber freuen würde, wenn sie jemand trainiert", berichtet Züfle im Gespräch mit SPOX und GOAL. Und so kam es dann auch.

In Schottland angekommen stellte er schnell fest, was mit den Rangers passiert war. Und so sah er seine Chance gekommen, sein Spiel des Lebens zu erleben. "Über E-Mails und Eigeninitiative und ein bisschen Hartnäckigkeit", wie er es beschreibt, kam Züfle schließlich bei East Stirlingshire unter. Ganz bewusst hatte er sich ein Team aus der Liga der Rangers gesucht und schien lange nirgendwo unterzukommen, bis er sich schließlich beweisen durfte. Seine Spielweise kam bei den Fans gut an, schnell widmeten sie ihm seinen eigenen Ruf: "Zuff, Zuff, Zuff, Zuff, Zuff."

Dann war es schließlich soweit, das erste Spiel gegen die Rangers stand an, zunächst zu Hause. Und in diesem Spiel nahm Züfle eine Hauptrolle ein - allerdings eine unfreiwillige. Beim Stand von 0:1 sah er nach einem Zweikampf die Rote Karte, das Spiel endete 2:6.

Was er danach empfand? "Große Leere, Wut, Enttäuschung, weil ich das auch mit viel Vorfreude wahrgenommen habe. Und das Spiel hatte einfach auch so einen Hype", schildert er. "Man muss sich vorstellen, Schottland ist einfach so ein kleines, fußballbegeistertes Land. Und wenn man dann als ausländischer Spieler etwas exotischer ist, hat man auch etwas Aufmerksamkeit. Dann war es umso enttäuschender, weil die Erwartungen auch hoch waren, zum einen von außen, aber auch von mir an mich selbst", blickt er auf den verhängnisvollen Tag zurück. Selbst an seiner Schule war die Aktion Gesprächsthema.

Erlebnis Ibrox: "Abartige Stimmung"

Seinen Platz im Team hatte Züfle erst einmal verloren - auch, als es zu den Rangers in den Ibrox Park ging. Doch wenngleich er nicht von Beginn an auf dem Feld stand, erlebte Züfle seinen Tag für die Ewigkeit. "Ich weiß noch, dass mein Papa extra da war und er hat mich dann zum Treffpunkt mit der Mannschaft gefahren", schildert er.

Was er vorm Stadion erlebte, kannte er so noch nicht - zumindest nicht als Spieler. "Dieses ganze Bild dann, mit berittener Polizei vorm Stadion. Gefühlt habe ich die Perspektive gewechselt. Normalerweise bin ich der, der ins Stadion reinläuft mit den Zuschauerströmen und auf einmal war ich der, der in die Umkleide gelaufen ist", beschreibt er die besondere Situation.

Das Bild des Traumes, für dessen Erfüllung man seit Kindertagen schuftet - so ganz passt es vielleicht nicht, aber für Züfle war dieser Tag sehr lehrreich, um genau dieses Verlangen zu verstehen. "Ich arbeite jetzt schon eine Weile beim SC Freiburg in der Jugend als Co-Trainer, in der U16. Und es war einfach eine coole Erfahrung, das nachfühlen zu können: Wo wollt ihr hin und wie kann sich das vielleicht auch für einen Moment mal anfühlen", sagt er.

Eine "brutale Euphorie" und "Vorfreude" habe er gespürt, als er im Ibrox auf seinen Einsatz wartete. "Ich habe mich noch nie mit so einem Gefühl vorm Spiel warm gemacht. Das ist einfach etwas ganz Anderes, gerade wenn man aus Freiburg kommt. Klar, wir sind jetzt ins neue Stadion umgezogen. Aber der Ibrox Park ist doppelt so groß wie das alte Dreisamstadion. Das sind einfach ganz andere Dimensionen", stellt er klar. Und dann war da ja noch diese Stimmung, dieser "vibe" im Stadion.

"Ich kam im Rückspiel nur rein und vor der vollgefüllten Haupttribüne habe ich mich warmgelaufen. Dann schaut man immer ein bisschen ungläubig nach links hoch und denkt sich: Wann hören eigentlich die Zuschauerreihen auf?", berichtet er von seiner positiven Fassungslosigkeit. "Das ist schon eine abartige Stimmung. Die ganzen Fahnen, einfach dieses Elektrisierende, das kann man ganz schwer beschreiben. Diese Gesamtstimmung, die dieser Ort hat, ist schon besonders", weiß er.

Mammutaufgabe für den BVB: "Knallharte Aufgabe"

Nun erwartet den BVB und seine Stars diese Atmosphäre. Viele im Team kennen trotz nun zweijähriger Corona-Pandemie die besondere Stimmung im eigenen Dortmunder Stadion oder auch aus anderen Arenen, aber Ibrox ist etwas ganz Eigenes.

"Die Jungs, die da kicken, sind viel gewohnt. Aber ich glaube, gerade dieses Stadion ist für die Rangers ein Glücksfall, dass sie ihre Zuschauer im Rücken haben. Und gerade so ein Momentum kann dann komplett kippen. Es wird eine große Herausforderung, vermutlich eine viel größere als in einem anderen Stadion", glaubt Züfle.

Er selbst werde das Spiel als neutraler Zuschauer verfolgen, hoffe aber darauf, dass der BVB das Ergebnis aus dem Hinspiel noch umbiegen kann. Generell glaubt er an ein Fußballfest - auf den Rängen und auf dem Platz. "Ich glaube, sie dürfen sich auf eine knallharte Aufgabe freuen. Es ist wirklich eine sympathische und zielstrebige Arbeitermentalität, die ich da kennengelernt habe. Also überhaupt nicht unfair, aber kernig und deswegen verspricht es auch ein sehr intensives Spiel zu werden", ist er überzeugt.

Während die Rangers inzwischen längst wieder an der Spitze des schottischen Fußballs angekommen sind und im vergangenen Jahr sogar die Meisterserie von Erzrivale Celtic durchbrechen konnten, ging es für Züfles Ex-Klub East Stirlingshire nach unten. Viel aber, gesteht Züfle, bekommt er nicht mehr mit von seinem Ex-Klub.

"Die Kontakte, muss ich mir leider mit ein bisschen Wehmut eingestehen, gerade auch mit den Jungs, mit denen ich gekickt habe, die sind über die Jahre weniger geworden, weil ich auch überhaupt keine sozialen Medien habe", erklärt er. Die Erinnerungen aber sind geblieben - an ein besonderes Jahr und einen besonderen Tag in Glasgow.

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