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Darts

Darts-WM - Tomas "Shorty" Seyler im Interview: "Wenn der Wirt geklingelt hat, musstest du aufhören, deine Pfeile zu werfen"

Tomas "Shorty" Seyler bei seinem WM-Auftritt im Ally Pally 2013.
© imago images

Tomas "Shorty" Seyler ist seit vielen Jahren absolut Kult als Darts-Experte, bei der am Mittwoch beginnenden WM (alle Sessions live auf DAZN) sitzt der Schleifstein zum Auftakt wieder am DAZN-Mikro an der Seite von Elmar Paulke. Im Interview mit SPOX erzählt der 47-Jährige von der unfassbaren Entwicklung, die Darts in Deutschland genommen hat.

Seyler erklärt, warum das Potenzial dennoch noch lange nicht ausgeschöpft ist und welcher Moment uns nach wie vor fehlt.

Außerdem erzählt er von legendären Kneipen-Turnieren und verrät, wie es mit seinen Comeback-Plänen aussieht.

Herr Seyler, wann haben Sie zum ersten Mal einen Pfeil auf ein Dartboard geworfen?

Tomas Seyler: Da muss ich so 9 Jahre alt gewesen sein. Mein Vater, seines Zeichens ein gefährlicher Linkshänder, hatte bei uns zuhause ein Board aufgehängt und da habe ich immer mal wieder draufgehauen. So richtig los ging es bei mir dann im Alter zwischen 12 und 15. Zu der Zeit hatte ich größere körperliche Probleme, weil mein linkes Bein dreieinhalb Zentimeter länger war als das rechte. Infolge der Behandlung dessen musste ich zweieinhalb Jahre an Krücken laufen und hatte richtig viel Zeit für Darts. Ich habe pausenlos gespielt. So was wie Fußball oder Handball fiel für mich ja eh flach. Ich habe dann auch angefangen, in der Kneipe Nachmittagsturniere zu spielen. Mein Problem war, dass ich meinen Vater zuhause immer schlagen konnte, aber in der Kneipe gegen alle möglichen Leute verlor. Damit konnte ich so gar nicht umgehen. So schlecht, dass mein Vater sagte: Das ist mir zu peinlich mit dir, du musst erstmal lernen, zu verlieren. Aber in der Zeit ging es langsam los bei mir, ich habe dann auch relativ früh in Bremen schon in einer Liga gespielt.

Wie cool war es damals, Darts zu spielen?

Seyler: Cool war da nichts. Du wurdest belächelt, denn du Darts spielst. Wenn ich in der Schule mit meinem Board unter dem Arm ankam, musste ich erstmal erklären, was das überhaupt ist. Und ansonsten war die Reaktion bei den Erwachsenen immer die gleiche. Darts? Jo, spiele ich auch. Um Bierlachs. Um eine Runde Bier. Das war immer der Nachsatz. Darts wurde nullkommanull als ernsthafter Sport wahrgenommen. Es wurde zwar viel gespielt, gerade bei uns in Bremerhaven, wo jede zweite Doppelgarage eine Kneipe war, aber es war nur ein nettes Spielchen, nicht mehr. Das hat sich erst angefangen zu ändern, als die TV-Übertragungen aus England zu uns herüberschwappten. Als mehr Leute sahen: Hey, was ist das denn für ein geiler Hochgeschwindigkeits-Präzisionssport, der da zelebriert wird. Aber im Gegensatz zu anderen Konzentrationssportarten wie Golf musst du es auch noch unter dem Gebrüll der Leute machen. Mit "quiet please" ist da nix.

"Ich kann mich an einen Typen mit Golfhandschuh erinnern"

Was hat Sie persönlich denn so an Darts fasziniert?

Seyler: Mir hat am Anfang sehr gefallen, dass es überhaupt keinen Neid gab. Jeder hat sich über jeden Fortschritt gefreut, den der andere gemacht hat. Jeder hat sich mit dem anderen ausgetauscht. Es war auch generell komplett frei von Stress. Es war ein ganz ruhiger Sport im Warmen mit coolen Typen um dich herum. Das habe ich immer mehr zu schätzen gelernt. Dazu kam, dass ich relativ früh meine ersten Erfolge feiern durfte. Mit 13 habe ich bei uns ein Turnier gewonnen und als Belohnung durfte ich mein erstes Turnier in England spielen. Das war natürlich eine unglaubliche Erfahrung für mich. Damals habe ich auch zum ersten Mal einen Para-Dartsspieler gesehen, der auf Zuruf seines Kollegen blind auf die Scheibe geworfen hat. Da bin ich aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Das ist eine Entwicklung, die kommt bei uns gerade so langsam, in England war das vor über 30 Jahren schon ganz natürlich. Da sieht man mal, wie viel wir noch aufzuholen haben.

Das Spannende ist ja auch, dass Darts überhaupt nicht körperlich ist.

Seyler: Absolut. In anderen Sportarten kannst du dir mit hartem körperlichen Training einen Vorteil verschaffen, im Darts geht das nicht. Du kannst dir nur einen mentalen Vorsprung verschaffen. Was geht in deinem Gedankenpalast ab? Was ist los in deiner Birne? Darauf kommt es an. Dazu haben mich auch schon immer die Persönlichkeiten in den Bann gezogen. Auch die machen Darts aus. Wir müssen uns nur Jonny Clayton anschauen. Das ist ein einfacher Mann aus dem Volk, der bis heute als Verputzer arbeitet. Wenn er Interviews nach großen Erfolgen gibt, sitzt er an der Baustelle im Wagen. Authentischer geht es nicht. Deshalb wird er auch so abgefeiert. Und auf der anderen Seite hast du seinen Kumpel Gerwyn Price, der aus dem Rugby kommt, der aggressiv ist, auch sehr pedantisch, und bei dem die Leute eben nicht das Gefühl haben, dass er einer von ihnen ist. Das ist der Unterschied.

Zurück zu Ihren Anfängen: Wie kann man sich die Turniere vorstellen, die damals stattgefunden haben?

Seyler: (lacht) Da waren die Bedingungen schon etwas anders als heutzutage im Ally Pally. Wir hatten in Bremen eine legendäre Kneipe, in der es eine Neigung von 15 Grad nach rechts oder links gab - je nachdem, wo du stehst. Da hattest du immer das Gefühl, du musst bergauf werfen. Legendär war auch, dass wir Ligaspiele hatten, bei denen der Wirt immer mitten durchs Match laufen musste, wenn er bedient hat. Wenn der Wirt geklingelt hat, musstest du aufhören, deine Pfeile zu werfen, dann ist er kurz durchgelaufen, und dann ging es wieder weiter. Ich kann mich auch an ein Match gegen einen Typen erinnern, der mit einem Golfhandschuh ankam.

Seyler über einen Walkman als Preis und 50 Mark für die Disco

Wie bitte?

Seyler: Ja, ich dachte auch nur: Was hast du denn für Schmerzen? (lacht) Er meinte dann, dass er, wenn er in Wallung gerät, so ins Schwitzen kommt und nicht will, dass seine Darts irgendwie nass werden. Es hat am Ende nicht geholfen - er ist vor die Tür gegangen und hat seinen Handschuh direkt angezündet. Das Beispiel zeigt aber auch sehr gut, wie man sich im Darts in Verrücktheiten verlieren kann, weil man alles Mögliche ausprobieren will und immer auf der Suche ist - zum Beispiel nach den richtigen Darts. Dabei gilt nach wie vor der Spruch: Nicht du suchst dir deine Darts aus, deine Darts suchen sich dich aus. Du kannst Pfeile noch so wunderschön finden, wenn du mit ihnen nichts triffst, bringt es alles nichts. Und wenn du die Pfeile hässlich findest, sie aber reihenweise in die Triple-20 fliegen, dann sind es deine Darts.

Wann haben Sie denn zum ersten Mal mit Darts Geld verdient?

Seyler: Mein erster Preis war tatsächlich ein CD-Walkman. Da war ich noch zu jung, um Geld zu bekommen, deshalb gab es da Sachpreise. Und später ging es dann damit los, dass ich mir zumindest mein Taschengeld verdienen konnte. Bevor ich abends losgezogen bin, habe ich noch ein Turnier gespielt, 50 Mark eingesackt und konnte dann in der Disco den dicken Hermann machen. (lacht)

Sie sind mehrfacher deutscher Meister geworden, Sie waren bei Weltmeisterschaften dabei, Sie mussten aber auch Täler durchschreiten. Wie würden Sie Ihre Karriere bis jetzt einordnen?

Seyler: Es war ein langsamer Aufstieg bei mir. Ich habe ewig gebraucht, bis ich im Herrenbereich erfolgreich war. Mein erstes Turniere habe ich erst gewonnen, als ich Mitte 20 war. Das wurde erst nach und nach alles etwas professioneller und konsequenter bei mir. Wenn ich auf meine Karriere schaue, bin ich zufrieden. Darts hat mir unglaublich viele Erinnerungen geschenkt, die für immer bleiben werden. Ich erinnere mich an meine erste WM, die fand noch in der Circus Tavern statt. Eine Kultstätte. Und dann kam ich dort an und habe festgestellt, dass es eine schnöde Mehrzweckhalle auf einem Autobahnrastplatz ist. Das hatte ich mir irgendwie glamouröser vorgestellt. (lacht) Dafür war ich zwei Jahre später zum ersten Mal im Ally Pally dabei. Es gibt sicher das eine oder andere Match, das meiner Karriere noch einen größeren Schub hätte geben können. Ich habe einmal gegen Martin Adams, immerhin mehrfacher BDO-Weltmeister, 2:0 in den Sätzen und 2:0 in den Legs geführt und danach 45 Minuten nur noch Prügel bezogen. Das hängt mir bis heute nach. Aber insgesamt bin ich glücklich mit meiner Karriere, die ja auch noch nicht vorbei sein muss. Das Schöne am Darts ist auch, dass es kein Ablaufdatum gibt.

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