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Fussball

Schalke 04 - Mehmet Can Aydin im Interview: "Wahnsinn, was mein Vater wegen mir durchgemacht hat"

Mehmet Can Aydin spielt seit 2014 für den FC Schalke 04.
© imago

Wie sah damals Ihr Tagesablauf aus?

Aydin: Ich bin morgens um 7 Uhr aufgestanden, zur Schule und gegen 14 Uhr kam dann mein Vater mit dem Auto dorthin, um mich abzuholen. Wenn es gut lief, waren wir in zwei Stunden beim Trainingsgelände. Dann habe ich zwei Stunden trainiert, er hat gewartet und wir sind wieder zwei Stunden zurück.

Sie haben mehr Zeit im Auto als auf dem Platz verbracht.

Aydin: So ist es. Ich habe auf der Autobahn gegessen, geschlafen oder meine Hausaufgaben gemacht. Ich musste die Zeit ja irgendwie nutzen. Für meinen Vater war es purer Stress. Er stand jeden morgen um 5 Uhr auf, ist zur Arbeit und mittags heim, um das Essen zu holen, das meine Mutter vorbereitet hatte. Dann hat er mich abgeholt. Ich muss rückblickend sagen, dass das schon ziemich verrückt war. Ich bin ihm unendlich dankbar und ich glaube, er ist noch glücklicher als ich, dass sich all die Mühen gelohnt haben.

Bestand für Sie nicht die Mögichkeit, ein Internat zu besuchen?

Aydin: Doch, aber das wollten weder ich noch meine Eltern oder mein Bruder. Ich habe zu Hause gelebt, bis ich 18 war. Familie steht bei uns über allem. Ich habe vor allem meine Mutter tagsüber oft sehr vermisst und war überglücklich, als ich sie dann abends gesehen habe. Mein Vater und ich haben uns nach dem Training beeilt, damit wir rechtzeitig vor 21 Uhr nach Hause kommen. Da kam nämlich immer eine türkische Serie, die wir alle zusammen geschaut haben. Das war schön.

Schalke 04 - Aydin: "Ich bin nicht allein Profi geworden"

Gab es Phasen, in denen Ihnen alles zu viel wurde und Sie keine Lust mehr hatten?

Aydin: Nein, schlechte Phasen gehören dazu, aber meine Familie und ich hatten nie konkret einen Plan B im Sinn. Ich weiß nicht, wo ich heute ohne sie stehen würde. Wenn mein Vater mich nicht fahren konnte, fuhr mich mein älterer Cousin. Ich habe auch häufiger bei ihm in Düsseldorf übernachtet. Wir waren und sind bis heute ein Team. Deshalb würde ich auch nie sagen, dass ich allein Profi geworden bin, sondern wir als Familie.

Haben Sie Ihre Familie auch zu Ihrem ersten Heimspiel mit Zuschauern eingeladen?

Aydin: Meinen Vater, meinen Bruder, meinen Onkel. Meine Mutter nicht. Sie sieht eigentlich kaum zu, weil sie Angst hat, dass ich mich verletze. Sie hört lieber von der Küche aus zu, was der Fernsehkommentator erzählt.

Was ging Ihnen bei Ihrem ersten Spiel vor 25.0000 Fans in der Veltins-Arena durch den Kopf?

Aydin: Viele schöne Erinnerungen und vor allem Dankbarkeit. Ich bin seit sieben Jahren auf Schalke und habe so viele wunderbare Menschen kennen gelernt. Das Gemeinschaftsgefühl ist riesig. Was ich sehr cool finde: Die Jugendmannschaften sind auf demselben Trainingsgelände untergebracht wie die Profis. Ich hatte schon als kleiner Junge immer die Veltins-Arena im Blick. Es war einfach mein Ziel und mein Traum, eines Tages dort zu spielen. Und wenn du dann noch Persönlichkeiten wie Raul oder Julian Draxler hin und wieder über den Weg läufst, brauchst du sowieso keine Extramotivation mehr.

Schalke 04 - Aydin: "Ich finde Kimmich absolut überragend"

Haben Sie auch ein Foto mit Raul oder Draxler?

Aydin: Nein. Ich war ein sehr schüchterner Junge und habe mich nicht getraut, sie nach einem Foto zu fragen. Mein erstes Spiel in Arena war ein Champions-League-Spiel gegen Real Madrid. Nach dem Abpfiff stand ich zwei Meter neben Cristiano Ronaldo. Auch da hatte ich Bammel, ihn nach einem Foto zu fragen.

Wer ist Ihr fußballerisches Vorbild?

Aydin: Ich habe kein richtiges Vorbild, orientiere mich aber an Spielern, die auf meiner Position spielen. Man kann sich immer etwas abschauen und mit seinen eigenen Fähigkeiten kombinieren. Ich finde Joshua Kimmich, wenn er auf der rechten Seite spielt, absolut überragend. Gerade offensiv strahlt er sehr viel Gefahr aus. Auch Alexander-Arnold von Liverpool ist ein klasse Spieler. Mir gefallen seine Flanken und seine Ballbehandlung. Ich will in erster Linie natürlich meinen Job als Verteidiger machen, mich aber auch offensiv weiterentwickeln - gerade was Vorlagen und Tore angeht. Denn ich war ja früher mal Stürmer, habe einen guten Schuss und eine gute Vororientierung. Das möchte ich zu meinem Vorteil nutzen.

Was kommt Ihrem Spiel besser zugute: Wenn sie in der Viererkette hinten rechts spielen oder als rechter "Schienenspieler" in der Fünferkette?

Aydin: Ich habe schon beides gespielt und kann auch beides spielen. Klar ist: Bei der Fünferkette muss ich offensiv mehr machen, weil in der Regel keiner vor mir ist, den ich anspielen kann. Manchmal ist es schon angenehmer, jemanden vor sich zu haben, wenn man aufdreht - um eben den Doppelpass zu spielen oder zu hinterlaufen. Das muss aber der Trainer entscheiden und hängt zum Teil auch vom Gegner ab.

Ihre Position ist, so oder so, sehr laufintensiv.

Aydin: Laufen, kämpfen, Zweikämpfe gewinnen - das liebe ich und das passt auch gut zu mir. Für mich war es immer von Vorteil, dass ich in der Jugend meist einen Jahrgang übersprungen habe. Körperlich bin ich auf einem guten Niveau, ich muss aber spielerisch weiter an mir arbeiten.

Schalke 04 - Aydin: "Die Chemie im Team ist sehr gut"

Was trauen Sie der Schalker Mannschaft in dieser Saison zu? Bisher läuft es ja eher holprig.

Aydin: Nach der Niederlage zuletzt (1:2 gegen Karlsruhe; Anm. d. Red.) müssen wir uns natürlich steigern, aber ich muss dennoch sagen, dass Herr (Rouven) Schröder einen sehr guten Job gemacht hat. Er hat trotz finanzieller Probleme viele Spieler geholt und eine starke Mannschaft geformt. Mit Simon (Terodde) und Marius (Bülter) haben wir meiner Meinung nach die zwei besten Stürmer in der zweiten Liga. Die Chemie im Team ist sehr gut, wir verstehen uns untereinander alle. Für uns ist wichtig, dass wir den Fans so viel Freude wie möglich bereiten. Und klar: Ich möchte natürlich nochmal in der Bundesliga für Schalke spielen.

Über Ihr Privatleben ist bislang wenig bekannt. Welche Interessen haben Sie außerhalb des Fußballplatzes?

Aydin: Ich nutze jeden freien Tag, um Zeit mit meiner Familie oder meinen Freunden zu verbringen. Es ist wichtig, abzuschalten. Viele Leute sehen in mir leider nur den Fußballprofi, aber ich bin auch Mehmet Can und will nicht permanent über Fußball sprechen. Eine Runde FIFA zocken, das ist kein Problem, da kenne ich auch keinen besseren Spieler als mich, aber wenn mich jeden Tag jemand fragt, was gerade auf Schalke passiert oder was ich von dem oder dem Spieler halte - so etwas nervt mich. Ich schaue auch nicht jede Woche irgendein Kracherspiel in der Bundesliga oder Champions League. Meine Familie und Freunde haben zum Glück verstanden, dass sich in meinem Leben nicht alles um Fußball dreht.

FC Schalke 04: Die nächsten fünf Spiele in der 2. Bundesliga

DatumUhrzeitGegner
25. September 202120.30 UhrHansa Rostock (A)
3. Oktober 202113.30 UhrFC Ingolstadt (H)
15. Oktober 202118.30 UhrHannover 96 (A)
23. Oktober 202120.30 UhrDynamo Dresden (H)
29. Oktober 202118.30 UhrFC Heidenheim (A)
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