Cookie-Einstellungen
Fussball

WM 2022 - Kommentar zum DFB-Aus: Deutschland ist nicht mehr Deutschland

Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft nach der Gruppenphase der WM 2022 in Katar ist eine weitere Blamage und somit die Bestätigung eines bedenklichen Trends. Mit Blick auf die Leistungen der vergangenen Monate präsentierte sich das DFB-Team in Katar fast sogar schon überraschend gut. Ein Kommentar.

Während Joshua Kimmichs Jugend galt Deutschland als sogenannte Turniermannschaft. Egal was passierte: Irgendwie ging es immer mindestens bis ins Halbfinale, zwischen 2006 und 2016 sogar sechsmal in Folge. Das bis dato letzte erfolgreiche Turnier war Kimmichs erstes als Aktiver, seitdem hat er - zuletzt auch als Führungsspieler - einen erstaunlichen Niedergang mitzuverantworten.

Auf das Ausscheiden in der Gruppenphase bei der WM 2018 in Russland folgte das Achtelfinal-Aus bei der EM 2021. In Katar ist nun wieder nach der Vorrunde Schluss, die nächste Blamage. Deutschlands 4:2-Sieg gegen Costa Rica reichte am dritten Spieltag nicht zum Weiterkommen, weil Japan zeitgleich Spanien besiegte.

Lange nach Mitternacht schritt Kimmich in die Mixed Zone des Al-Bayt-Stadions und sprach den Tränen nahe vom "schwierigsten Tag meiner Karriere". Er habe gar Angst, "in ein Loch zu fallen". Kimmichs leerer, ratloser Auftritt stand sinnbildlich für den Zustand der deutschen Nationalmannschaft.

Trotz etlicher Triple-Helden vom FC Bayern München, weiteren Champions-League-Siegern (Kai Havertz, Antonio Rüdiger) oder dem Kapitän der aktuell womöglich weltbesten Klubmannschaft Manchester City (Ilkay Gündogan) entwickelte sich das DFB-Team in den vergangenen Jahren zu seinem eigenen Gegenteil. Zu einer Anti-Turniermannschaft.

Deutschland erreichte den besten xG-Wert der Gruppenphase

Früher kam Deutschland gerne glücklich weiter. Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen die Deutschen und so. In Katar war es umgekehrt: Das Vorrundenaus ist für sich zwar eine gehörige Blamage, mit Blick auf die Statistiken und die einzelnen Auftritte aber gewissermaßen unverdient. Zurecht betonte Thomas Müller, dass die Mannschaft "mit einem deutlich erhobenerem Haupt" als 2018 heimfahren würde.

Über die ganze Gruppenphase betrachtet kam Deutschland auf einen xG-Wert von 10,44, die mit Abstand beste Ausbeute aller Nationen (acht können noch nachlegen). Zieht man die zu erwartenden Gegentore ab, steht eine fiktive xG-Tordifferenz von 7,25. Auch das ist absoluter Bestwert im Teilnehmerfeld, aber um bedenkliche 6,25 Tore schlechter als in der Realität.

Das DFB-Team spielte gegen Japan eine Stunde lang ansehnlichen Fußball, ehe es den Sieg wegen individueller Patzer in der Abwehr und eines Wechselfehlers von Hansi Flick (Leon Goretzka für Ilkay Gündogan) herschenkte. Gegen Spanien war Deutschland zwar spielerisch unterlegen, hatte aber Chancen auf den Sieg. Und gegen Costa Rica erschien bei der Fülle an Torgelegenheiten tatsächlich sogar ein 8:0 möglich, das Deutschland unabhängig vom Ergebnis im Parallelspiel ins Achtelfinale befördert hätte.

DFB-Probleme: Abwehr-Patzer und Chancenwucher

Mit Blick auf die teilweise desillusionierenden Leistungen der vergangenen Monate und bei der WM-Generalprobe im Oman präsentierte sich das DFB-Team in Katar eigentlich überraschend gut. Die Mannschaft scheiterte in erster Linie nicht an ihrer Spielstärke, sondern am eigenen Unvermögen. An individuellen Abwehrfehlern und einer verheerenden Chancenverwertung. Exemplarisch hierfür steht Jamal Musiala, der zwar bisweilen glänzte, aber keinen seiner zwölf Torschüsse versenkte.

Die Unsicherheiten in der Abwehr ziehen sich schon durch die vergangenen Jahre. Bei einem Turnierspiel letztmals ohne Gegentor blieb Deutschland im EM-Achtelfinale 2016 gegen die Slowakei. Im laufenden Kalenderjahr spielte das DFB-Team nur gegen Israel und den Oman zu Null. Auch in Ermangelung an Außenverteidigern von internationalem Format schaffte es Flick in seiner bisher eineinhalbjährigen Amtszeit nicht, eine stabile Defensive zu formen.

WM 2022: Störgeräusche abseits des Platzes

Ein Faktor beim WM-Aus in Katar dürften auch die zahlreichen Störgeräusche abseits des Platzes gewesen sein: Das dilettantische Verhalten der DFB-Führung um Präsident Bernd Neuendorf bezüglich der letztlich verbotenen One-Love-Binde, die darauf folgende Mund-zu-Geste beim Mannschaftsfoto gegen Japan, die FIFA-Strafe wegen eines fehlenden Spielers bei der Pressekonferenz vor der Partie gegen Spanien.

Hinzu kam eine Mischung aus Desinteresse und Negativität in der Heimat, was mehrere Spieler bemängelten. Zurückzuführen ist diese Stimmung einerseits auf die umstrittene WM-Ausrichtung in Katar, andererseits auf die von Geschäftsführer Oliver Bierhoff seit Jahren vorangetriebene Kommerzialisierung der Nationalmannschaft, die künftig immerhin nicht mehr "Die Mannschaft" heißt.

Alle Beteiligten - Präsident Neuendorf, Geschäftsführer Bierhoff, Trainer Flick sowie das Team - stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, diese Stimmung bis zur Heim-EM in eineinhalb Jahren umzukehren. Sofern sie bis dahin noch in ihren Funktionen tätig sein dürfen.

DFB-Team: Die Abschlusstabelle der Gruppe E

#MannschaftSp.SUNToreDiff.Pkt.
1Japan32014:316
2Spanien31119:364
3Deutschland31116:514
4Costa Rica31023:11-83
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung