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Fussball

Kein Stadion, kein Trainingsgelände: Was Andrea Pirlo beim Istanbuler Fatih Karagümrük erwartet

© getty

Fatih Karagümrük ist ein Klub aus einem Istanbuler Problembezirk, über den es schon Fernsehserien gab. Karagümrük hat kein Stadion und kein Trainingsgelände, aber einen Eigentümer, der sein Hab und Gut verkaufte, um sich einen Traum zu erfüllen - und nun hat er mit Andrea Pirlo - dessen Verpflichtung wurde am Sonntag publik gemacht - einen Trainer, der ihm dabei helfen soll.

Süleyman Hurma ist kein Mann, der für seine Feinfühligkeit bekannt ist. Neulich regte er sich sehr darüber auf, dass Stefan Kuntz seinen Spieler, den Ex-BVB-Kicker Emre Mor, nicht für die Nationalmannschaft der Türkei eingeladen hat.

Der 58-Jährige ließ sich beim türkischen TV-Sender A Spor live zuschalten und seinen Frust mal so richtig freien Lauf. Er sprach davon, dass Kuntz die Türkei für ein "Dritte-Welt"-Land halte und unterstellte dem Deutschen unterschwellig, dass er nach anderen Interessen handle. Welche das sein könnten? Natürlich kein Wort darüber.

Hurma ist immer noch sauer auf Kuntz, das hört man aus seinem Umfeld. Dass die Wortwahl des Eigentümers und Präsidenten des türkischen Erstligisten Fatih Karagümrük SK aber mehr als unglücklich war, wird er wohl inzwischen auch bemerkt haben.

Aber extravagante Kommunikation ist eben sein Ding. Nicht nur, weil er mit Andrea Pirlo einen extravaganten Trainer zu seinem Klub geholt hat. Der ehemalige Juventus-Trainer unterschrieb am Sonntag einen Einjahres-Vertrag bei den Istanbulern.

Aber bei Hurma geht mehr: Als er einst erfolgreicher Manager beim Provinzklub Kayserispor wurde, baute er mit kleinen Mitteln eine Mannschaft auf, die nicht nur richtig ansehnlichen Fußball spielte, sondern auch um die vorderen Plätze die Liga, die damals eigentlich für die Istanbuler Topklubs und Trabzonspor reserviert waren.

Fatih Karagümrük: Der Präsident buchte Werbetafeln, um Spieler zu halten

Diese Klubs fühlten sich von Kayseri angegriffen und buhlten abwechselnd um die besten Spieler des neuen Konkurrenten. Aber Hurma stemmte sich gegen den Verkauf von Stürmer Gökhan Ünal und Mittelfeldspieler Mehmet Topuz. Er musste der Istanbuler Presse fast täglich sagen, dass er nicht verkaufen will. Als die Fragen nicht mehr aufhören wollten, buchte Hurma lukrative Werbetafeln in Istanbul, auf denen "Satmiyoruz" stand: "Wir verkaufen nicht."

Fast drei Jahre hielt er durch, bis er beide Spieler für aberwitzige Summen verkaufte. Bei Topuz hetzte er Besiktas und Fenerbahce derart gegeneinander auf, dass der Spieler, der sich schon im Besiktas-Trikot hatte ablichten lassen, von Fenerbahce in einer Nacht- und Nebelaktion mehr oder weniger entführt und am nächsten Tag als Neuzugang präsentiert wurde.

Elf Millionen Euro soll Kayseri 2009 an dem Transfer verdient haben. Eine unfassbare Summe für damalige Verhältnisse. Topuz wurde bei Fenerbahce kaum glücklich, genauso wie Stürmer Ünal, der weder bei Fenerbahce noch bei Trabzonspor auf sein altes Niveau kommen konnte.

Hurma muss jedes Mal verschmilzt lächeln, wenn er an damals denkt. So geschäftstüchtig ist er noch heute. Doch Sportdirektoren haben in der Türkei keine lange Lebensdauer, weil die meisten Klubs nach wie vor von den mächtigen Präsidenten geführt werden. Sie bringen in den meisten Fällen die Kohle mit und wollen dann auch das Sagen haben. Dass Hurma trotz Erfolge in Kayseri später nicht mehr allzu lange im Geschäft blieb, lag auch daran.

Fatih Karagümrük: Der Bezirk ist stolz auf seinen Verein

Er kehrte zurück zu seinem Job als Reiseverkehrskaufmann, verkaufte Flugtickets, während seine Frau eine Apotheke hatte. Beide Geschäfte baute er mit Krediten auf. "Meine Familie hatte nie viel", erzählte Hurma einmal, sodass er auch früher das eine oder andere Angebot als Sportdirektor ablehnen musste. "Ich wollte nicht auf eine sichere Einnahmequelle verzichten, also lehnte ich ab."

Aber Hurma liebt das Geschäft. Er ist dafür geschaffen, wie man in Kayseri sah. Und er entwickelte die Idee, einen Klub zu übernehmen, um selbst der Chef zu werden. "Für einen Erstligisten fehlte mir das Geld, also sah ich mich in den unteren Ligen um." Er wurde fündig bei Fatih Karagümrük SK.

Karagümrük gilt gemeinhin als Problembezirk der Stadt. "Karagümrük brennt", ist eine Redewendung, die weitläufig bekannt ist. Es gibt Lieder und Fernsehserien, die so heißen. Wahrscheinlich ist der Ruf aber schlechter als die Realität. Die Karagümrüker sind eher stolz auf ihre Verbundenheit zum Viertel und auf den großen Zusammenhalt. Und sie sind stolz auf ihren Klub, der 2018 noch in der 3. Liga rumdümpelte. Genau das richtige Ding für Hurma.

"Ich verkaufte mein Hab und Gut, nahm eine Hypothek auf mein Haus auf und investierte alles, um den Klub zu kaufen", erzählt Hurma. Seine Kenntnisse und seine Spitzfindigkeit setzte er so gut ein, dass dem Klub der Durchmarsch in die Süper Lig gelang. Während es sportlich durchaus sehr ordentlich läuft und Karagümrük mitunter um die internationalen Plätze spielte, ist es organisatorisch noch ein Chaos.

Karagümrük spielt dort, wo Liverpool sein Finale gewann

Der Klub hat weder ein eigenes Stadion noch ein eigenes Trainingsgelände, geschweige denn ein Klubzentrum. Hurma hat ein Büro, aus dem er den Klub mit den Mitarbeitern leitet. Es ist eine ständige Wanderung durch Istanbul. Die meisten Spiele werden im Olympiastadion absolviert, dort wo einst der FC Liverpool das epische Champions-League-Finale gegen den AC Milan gewann.

Aber zum einen ist die Anfahrt in den Norden Istanbuls oft eine große Hürde für die Fans, zum anderen gibt es dann dort auch mal andere Events, sodass Karagümrük dann wieder anderweitig planen muss. Noch schlimmer sind die Trainingsbedingungen. Auch da hilft das Olympiastadion: Auf einem Nebenplatz wird trainiert, einem einfachen Rasen ohne Torlinien, Toren und so weiter. Karagümrük muss sich den Trainingsbetrieb improvisieren.

Seit Jahren kämpft Hurma um eine Dauerlösung, ihm gelingt aber trotz guter Kontakte in die Politik kein Durchbruch. "Es ist mir jedes Mal peinlich, wenn ich der Mannschaft wieder sagen muss, dass wir woanders hinmüssen. Es gab Spieler, die uns deswegen schon verlassen haben, und Spieler, die deswegen nicht gekommen sind."

Sollte es auf Dauer keine Lösung geben, "werde ich aufhören und es jemandem in die Hand geben, der es besser kann als ich", sagt Hurma. Und dennoch hat Karagümrük eine ordentliche Mannschaft. Im Tor steht Emiliano Viviano, der u.a. Klubs wie Inter, Arsenal, Florenz in seinem Lebenslauf stehen hat. Kapitän Lucas Biglia spielte 58-mal für Argentinien. Fabio Borini, ehemals AC Milan, oder Ahmed Musa, 102-facher Nationalspieler Nigerias, sind ebenfalls wichtige Eckpfeiler.

Fatih Karagümrük: Andrea Pirlo ist neuer Trainer

Hurma nutzt vor allem seine guten Kontakte nach Italien, um immer wieder Verstärkungen aus der Serie A zu holen. Außerdem sagt er: "Aus England kriege ich keine Spieler, die verdienen zu viel, aber in der Serie A ist das Gehaltsniveau so, dass ich da gute Spieler bekomme, die uns weiterhelfen können." Er weiß, dass der Standortvorteil Istanbul samt ordentlichem Gehalt und der Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, durchaus gute Argumente bei Transferverhandlungen sind.

Wahrscheinlich hat er diese Argumente nun auch bei der Trainersuche genutzt und auch Andrea Pirlo davon beeindruckt. Der Weltmeister Italiens aus 2006 ist Karagümrüks neuer Trainer. Nachdem schon in den vergangenen Tagen Verhandlungen durchgesickert waren, winkte Hurma noch ab, um im Hintergrund den Deal abzuschließen. Die Überraschung ist selbst in der Türkei groß.

Denn Hurma müsste Pirlo erstmal erklären, dass es nicht klar ist, wo er seine Mannschaft trainieren darf. Und dass es sein kann, dass man tageweise umdisponieren muss. Und er muss ihm auch sagen, dass man in dem Stadion spielt, in dem Pirlo einst die bitterste Niederlage seiner Karriere erlebte.

Für Pirlo, der nach seinem gescheiterten Erstversuch bei Juventus eine ganze Saison ohne Job blieb und sich offenbar wieder versuchen will, waren dies wohl keine Argumente, die gegen einen Neuanfang sprechen. Auch nicht, dass Karagümrük nun keine Bäume auf dem Transfermarkt ausreißen wird.

Denn übertriebene Investitionen will Boss Hurma nicht tätigen, er hat immer noch die Hypothek im Kopf, "die es immer noch gibt." Ein finanzieller Kollaps des Klubs wäre auch sein finanzieller Kollaps.

Dass er sich wegen der Nichtnominierung von Emre Mor für die Nationalmannschaft dermaßen aufregte, hat wohl auch etwas damit zu tun. Nach der ordentlichen Saison hat der Flügelflitzer durchaus wieder einen Markt. Die Rückkehr in die Nationalmannschaft hätte Mors Wert noch einmal gesteigert. Aus dem Spieler, den er zum Nulltarif bekam, will Hurma eben jeden Cent herausholen.

Die Zeiten, in denen er Werbetafeln buchte, um Spieler zu halten, sind vorbei. Das Geld will er dann aber nicht einstecken, um sein Haus "frei" zu bekommen, sondern investieren, um aus Karagümrük einen Klub zu machen, der international spielt. Hurma sagt: "Geld interessiert mich nicht. Es geht für mich darum, ein Erbe zu hinterlassen." Nun mit Pirlos Hilfe.

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