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Fussball

Kolumne Auswärtsspiel: Sogar der Co-Trainer macht Ärger! Warum Lucien Favre in Nizza im Chaos versinkt

Lucien Favre, so hieß es zuletzt aus Frankreich, soll beim OGC Nizza vor dem Aus stehen - nach nur acht Spieltagen in der Ligue 1. Die Meldung wurde zwar vom Klub dementiert, aufatmen kann der Ex-Trainer des BVB deshalb aber nicht. Und das hat auch mit dem FC Chelsea und verletzten Eitelkeiten zu tun.

Als gäbe es nicht schon genug schlechte Nachrichten, musste sich Lucien Favre in den letzten Tagen auch noch mit Justizfragen beschäftigen. Weil sein Co-Trainer Arjan Peço vor dem Liga-Spiel in Ajaccio eine Rezeptionistin im Teamhotel unangemessen behandelt haben soll und nun laut korsischen Medien eine Anzeige am Hals hat, musste Favre zur Stelle sein.

Peço ist ein vom 64-Jährigen durchgedrückter Assistent, den er vor Jahren bereits zu Borussia Mönchengladbach holen wollte. In der Saison 1999/2000 hatte Favre den Albaner in Yverdon selbst noch trainiert. Wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und es genügend Indizien für eine Anklage gibt, könnte Favre also bald ohne Co-Trainer dastehen.

Wobei an dieser Stelle die Frage gestattet sein muss, ob Favre dann überhaupt noch einen Co-Trainer braucht.

Der Schweizer war zu Saisonbeginn zum OGC Nizza zurückgekehrt. Dort, wo er bei seiner ersten Ankunft in der Saison 2016/17 sensationell Dritter wurde. Seither verehren ihn die Fans, auch heute noch. Doch der Klub hat sich grundlegend verändert.

OGC Nizza gab über 200 Millionen Euro für Transfers aus

2019 war der Chemiekonzern Ineos bei Nizza eingestiegen und den zahlreichen Vorbildern in England, Italien und Frankreich gefolgt. "Dass sich Ineos unseres Fußballvereins annimmt, ist ein großer Schritt vorwärts, nicht nur für uns, sondern auch für die französische Liga", sagte Favres damaliger Nachfolger Patrick Vieira - und klang eher wie ein Marketingchef als ein Fußball-Lehrer: "Die Marke Ineos ist so bekannt. Sie wird unseren Ehrgeiz beflügeln. Wir haben erfahrene Leute, die in der Geschäftswelt erfolgreich waren."

Flügel bekam dann auch Vieira: Der Weltmeister musste gehen, als er nicht gleich Erfolg hatte. Für seinen Nachfolger zahlten die neuen Bosse mal eben fünf Millionen Euro Ablöse: Christophe Galtier kam von Meister OSC Lille. Eine enorme Investition, aber nur ein Bruchteil dessen, was Nizza seit dem Einstieg der Investoren an Ablösen bezahlt hat. In diesem Sommer übertraf man die 200-Millionen-Euro Grenze.

"Mit einem vernünftigen Investment wollen wir es ermöglichen, dass sich Nizza regelmäßig für europäische Wettbewerbe qualifiziert", sagte Jim Ratcliffe, Chef des Investors und angeblich reichster Engländer der Welt.

Es ist nicht sein erstes Engagement im Sport. 2017 kaufte er den Schweizer Klub FC Lausanne, dazu ist er Investor des Radsportteams Sky und Formel-1-Fans dürften sein Unternehmen von den Aufklebern der Mercedes-Boliden kennen. Doch Geld heißt nicht gleich Erfolg. Ratcliffe gab einst zu: "Bei Lausanne haben wir einige Fehler gemacht, aber wir lernen schnell. Diese Fehler wurden korrigiert und die Vorteile sind bereits erkennbar."

Fehler, die vor allem durch Personalwechsel berichtigt wurden. Auch in Nizza scheut man sich nicht vor dem Austausch der Angestellten. Favre ist schon der dritte Trainer in der Ineos-Ära. Noch weitreichender war der Wechsel in der sportlichen Führung: Nach elf Jahren im Klub ging mit Julien Fournier der sportliche Macher.

Ex-Bayern-Profi Dante kritisiert den Klub

Fournier hatte zunehmend Probleme, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen und verlor in Präsident Jean-Pierre Rivère auch einen wichtigen Fürsprecher. Dieser passte sich lieber vollends dem neuen Weg an, als Fournier weiter zuzuhören. Als Fournier dann nahezu ein Hass-Verhältnis zu Galtier entwickelte, war klar, dass es keine Zukunft mehr gibt.

Mit Fourniers Abschied verschwand auch die sportliche Kompetenz. Transfers, die in Planung waren, wurden annulliert. Das Vakuum machte sich bemerkbar, Nizza wirkte trotz eines Ausgabevolumens von 70 Millionen Euro planlos. Viele Wechsel gingen erst in letzter Minute über die Bühne.

"Es gab Abgänge im Verein, die uns wehgetan haben. Und heute spürt man das. Der Verein ist immer noch auf der Suche nach einem Sportdirektor. Jemand, der den Trainer unterstützt", schimpfte zuletzt Dante. Der frühere Verteidiger des FC Bayern ist noch ein Überbleibsel aus der ersten Favre-Zeit - und spricht das aus, was viele im Umfeld des Klubs denken.

Daher kann Dante nicht verstehen, warum Favre für die sportliche Krise in Nizza verantwortlich gemacht wird. Nach acht Spieltagen ist die Bilanz in der Tat katastrophal: Zwei Siege, zwei Unentschieden und vier Niederlagen stehen zu Buche. Es gab noch keinen Heimsieg, selbst die beiden errungenen Dreier müssen mit Vorsicht genossen werden. Gegen Lille war viel Glück dabei, Ajaccio ist Tabellenletzter.

Nizza-Investor Ineos wollte den FC Chelsea kaufen

Dass in der ungeliebten Conference League nach zwei Spielen erst zwei Punkte auf dem Konto stehen, ist den ambitionierten Investoren obendrein zu wenig. Sie wollen international glänzen - und das am liebsten sofort. Daher wollten sie im Sommer unbedingt den FC Chelsea kaufen, als der Klub nach dem Aus von Roman Abramowitsch zu haben war.

Dass man trotz unermesslicher Möglichkeiten das Nachsehen gegen Todd Boehly hatte, verletzte offenbar einige Eitelkeiten. Der zweite Anlauf von Ratcliffe bei Manchester United kommt entsprechend nicht überraschend. Dabei wollen die Glazers überhaupt nicht verkaufen.

Es wird vorerst nichts anderes übrig bleiben, als mit Nizza Erfolg zu haben. Das baut Druck auf. Und Druck hilft im Fußball häufig nicht unbedingt weiter. Schon gar nicht bei einem Trainertypen wie Lucien Favre, der seit jeher als Denker und Entwickler gilt, und nicht so sehr für "sofortigen Erfolg, auf Teufel komm raus" steht. Mit seinen Methoden war er während seiner ersten Zeit in Nizza erfolgreich, so funktionierte es in Zürich, Mönchengladbach und zumindest teilweise auch in Berlin.

Wird Mauricio Pochettino der Nachfolger von Lucien Favre?

Gescheitert ist Favre dagegen beim BVB - und womöglich jetzt in Nizza. Es ist nicht sein Ding, einen unausgewogenen Kader zu trainieren. Einen Kader, der förmlich nach Misserfolg schreit. Dessen Leistungen letztlich von Leuten bewertet werden, die nicht vom Fach sind.

Als es zu Beginn der Länderspielpause ein klärendes Gespräch zwischen Klub und Trainer gab, saß auf der anderen Seite Dave Brailsford. Der Brite ist Sportchef des Konzerns und eine Koryphäe in der Welt des Radsports. Aber er ist eben kein Fußball-Fachmann. Dennoch muss Brailsford die Geschicke leiten, weil immer noch kein Nachfolger für Julien Fournier gefunden wurde.

Dass jetzt schon sehr konkret Mauricio Pochettino als Nachfolger von Favre gehandelt wird und der Argentinier anscheinend Interesse an der Aufgabe signalisiert, ist kein gutes Zeichen für den Schweizer. Am Wochenende trifft er mit Nizza auf PSG. Dort wurde sein potentieller Nachfolger im Sommer entlassen.

Ligue 1: Die aktuelle Tabelle

PlatzTeamSp.ToreDiffPkt.
1.PSG826:42222
2.Olympique Marseille816:51120
3.Lorient817:12519
4.Lens816:7918
5.Monaco813:12114
6.Olympique Lyonnais816:10613
7.Lille816:16013
8.Rennes814:8612
9.Montpellier819:15412
10.Troyes814:16-210
11.Clermont89:13-410
12.Toulouse89:13-48
13.Nizza85:9-48
14.Angers SCO89:18-98
15.Nantes88:11-37
16.Auxerre88:19-117
17.Reims810:17-76
18.Strasbourg86:9-35
19.Brest88:18-105
20.Ajaccio84:11-74
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