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Fussball

Italien - England 4:3 n.E.: Azzurri machen es im Elfmeterschießen und sind Europameister

Die italienischen Spieler nach dem EM-Triumph.
© getty

Italien ist zum zweiten Mal nach 1968 Europameister. Im Finale der ersten paneuropäischen EM, das mit fortlaufender Spieldauer einer epischen Schlacht glich, besiegten die Azzurri vor offiziell 60.000 Zuschauern in Wembley dank einer Leistungssteigerung nach der ersten Halbzeit mit 4:3 nach Elfmeterschießen. England verschießt drei Elfmeter.

Luke Shaw hatte die Engländer nach 116 Sekunden einer insgesamt bärenstarken englischen ersten Halbzeit mit dem frühesten Tor eines EM-Finals in Führung gebracht, Italiens Innenverteidiger Leonardo Bonucci war in der 67. Minute der Ausgleich gelungen. Die Entscheidung fiel im Elfmeterschießen. England vergab in seiner Angstdisziplin drei Versuche, der nur für das Elfmeterschießen eingewechselte Marcus Rashford traf den Pfosten, Gianluigi Donnarumma parierte die Elfmeter der ebenfalls eingewechselten Jadon Sancho und Bukayo Saka und machte so die stärkste Mannschaft des Turniers zum Sieger.

"Die Jungs waren grandios. Nach dem frühen Gegentor haben wir ein bisschen gebraucht, aber danach haben wir das Spiel dominiert. Es war ein wichtiger Sieg für alle. Ich hoffe, die Leute in Italien feiern jetzt", sagte der in Tränen aufgelöste Italiens Trainer Roberto Mancini.

"Es war ein wunderschöner Abend, wir haben so lange auf diesen Moment hingefiebert. Wir hatten vom ersten Tag an die Hoffnung, diesen Pokal zu gewinnen. Wir haben nie aufgegeben. Jetzt wollen wir mit ganz Italien feiern", sagte Italiens Linksverteidiger Emerson.

"Wir haben Geschichte geschrieben und wir haben es verdient, weil wir einfach ein tolles Team sind. Wir wissen, wo wir angefangen haben", sagte Gianluigi Donnarumma, der Held des Elfmeterschießens, der anschließend von der UEFA sogar zum Spieler des gesamten Turniers gewählt wurde.

Englands Stürmer Harry Kane meinte in der BBC: "Es war nicht unsere Nacht, aber es war ein fantastisches Turnier und wir sollten unsere Köpfe oben behalten. Es wird eine Weile schmerzen, aber wir sind auf dem richtigen Weg und hoffentlich können wir bei der WM nächstes Jahr noch etwas wachsen". Auf die Frage, was er den Spielern sagen wolle, die ihre Elfmeter nicht getroffen hatten, sagte er: "Wir haben ein fantastisches Turnier gespielt und sollten stolz sein. Jeder kann einen Elfmeter verschießen. Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen. Wir werden lernen und daraus wachsen."

Italien - England: Die Analyse

England ging mit dem frühesten EM-Finaltor der Geschichte in Führung. Nach einer abgefangenen italienischen Ecke kam Shaw im Mittelfeld an den Ball und passte den Ball zu Kane. Der spielte ihn auf den rechten Flügel zu Trippier. Der einzige Neue in der englischen Startelf konnte den Ball unbedrängt über den Strafraum auf die andere Seite auf den ebenfalls völlig unbedrängten Shaw flanken. Shaw, bis hierhin vor allem Englands Vorlagengeber Nr. 1 (drei Assists im Turnierverlauf), schweißte den Ball nach 116 Sekunden im Tor ein.

Die völlig überrumpelten Italiener waren so zum ersten Mal während der EM im Rückstand, insgesamt hatten sie dieses Gefühl sogar schon seit 18 Spielen nicht mehr erleben müssen. Wahrscheinlich lag es aber vor allem an der Leistung der Engländer und der von Trainer Gareth Southgate in der ersten Halbzeit perfekt auf die Azzurri eingestimmte Taktik, dass sie lange nicht in die Partie kamen.

Southgate hatte seine Mannschaft ähnlich wie im Achtelfinale gegen Deutschland mit einer Dreierkette in der Abwehr aufs Feld geschickt und so konsequent die natürlichen Passräume der Italiener dichtgemacht. Englands Abwehr präsentierte sich so ballsicher wie immer, dazu standen die Mittelfeldspieler um den grandios spielenden Declan Rice den Italienern zu Beginn praktisch auf den Füßen, die Offensiven Sterling und Harry Kane ließen sich oft in die Tiefe fallen und erzeugten so noch Überzahlsituationen im Zentrum. Zudem liefen die Three Lions nicht in die berüchtigten italienischen Pressingfallen und hielten im Zweifel einfach ihre Positionen.

Die Italiener wirkten teilweise völlig überwältigt ob der gut geölten englischen Fußballmaschine und konnten aus ihrem Ballbesitz kaum etwas machen, wirkten zu statisch und ideenlos. Ihre beste Chance in der ersten Halbzeit entsprang einer mutigen Einzelleistung Chiesas, der nach einer Balleroberung in der 35. Minute aufs Tor sprintete und aus rund 25 Metern abschloss; sein Schuss ging rund ein Meter am Tor vorbei.

Italien zerstört nach der Pause Englands Struktur

Italiens Trainer Roberto Mancini brachte in der 55. Minute den spielstärkeren Stürmer Berardi für den enttäuschenden Immobile und Cristante für den ebenfalls eher indisponierten Mittelfeldspieler Barella. Italien konnte sich in der Folge besser aus der englischen Umklammerung befreien, hatte noch mehr Ballbesitz als zuvor. Doch für das 1:1 brauchte es schon ein eher zufälliges Tor des Willens. Nach einem Eckball sorgte Innenverteidiger Chiellini ein wenig für Verwirrung im englischen Strafraum, Verrattis Schuss parierte Pickford noch ab, doch Innenverteidiger Bonucci drosch den Nachschuss vehement ins Tor.

Southgate löste nominell die Dreierkette auf, brachte den offensiven Flügelspieler Saka für Trippier. Kylie Walker rückte rechts in die Viererkette. Das Spiel der Three Lions verlor jedoch jegliche Struktur und Kompaktheit, es taten sich riesige Lücken auf zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen, auch weil Shaw seine Position weiter sehr offensiv verstand. Nach 90 Minuten sprachen alle relevanten Daten für Italien: 14:4 Torschüsse, 52,4 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 614 zu 302 Pässe, 89,6 Prozent Passgenauigkeit, 66,5 Prozent Ballbesitz.

Die Verlängerung war wieder etwas ausgeglichener, das Spiel entwickelte sich endgültig zu einer zähen Abnutzungsschlacht. Kalvin Phillips verpasste das Tor (97.), Andrea Belotti verpasste nach Emersons Sturmlauf die Flanke (103.), der eingewechselte Jack Grealish brachte den Ball nicht im Tor unter (107.). Southgate wechselte in der 120. Minute Jadon Sancho für Kyle Walker und Marcus Rashford für den zuvor erst eingewechselten Henderson ein. Southgate, 1996 bei der EM im Elfmeterschießen gegen Deutschland selbst erfolglos vom Punkt, verlor seinen Instinkt. Er wechselte Rashford und Sancho, die er während des gesamten Turniers ziemlich links liegen gelassen hatte, fürs Elfmeterschießene ein. Beide vergaben. Als letzter Schütze eines Elfmeterschießens, bei dem sich auch die Italiener nicht gerade ruhmreich geschlagen hatten, trat dann der erst 19-Jährige Saka an - und scheiterte an Donnarumma. Tragisch.

Italien - England: Die Aufstellungen

Italien: Donnarumma - Di Lorenzo, Bonucci, Chiellini, Emerson (118. Florenzi) - Barella (54. Cristante), Jorginho, Verratti (97. Locatelli) - Chiesa (86. Bernardeschi), Immobile (55. Berardi), Insigne (90. Belotti)

England: Pickford - Walker (120. Sancho), Stones, H. Maguire - Trippier (71. Saka), Phillips, Rice (74. Henderson/120: Rashford), Shaw - Mount (99. Grealish), Kane, Sterling

Italien - England: Die Daten des Spiels

Tore: 0:1 Shaw (2.), 1:1 Bonucci (67.)

Elfmeterschießen:

1:0 Berardi

1:1 Kane

1:1 Pickford hält gegen Belotti

1:2 Maguire

2:2 Bonucci

2:2 Rashford an den Pfosten

3:2 Bernardeschi

3:2 Donnarumma hält gegen Sancho

3:2 Jorginho

3:2 Saka

  • Luke Shaws Tor zum 1:0 nach 117 Sekunden war das schnellste EM-Finaltor der Geschichte.
  • Leonardo Bonucci ist durch sein 18. Spiel bei einer Europameisterschaft Italiens EM-Rekordspieler. Gianluigi Buffon schaffte während seiner langen Nationalmannschaftskarriere 17 EM-Einsätze.
  • Nur Cristiano Ronaldo (6) und Patrik Schick (5) waren während der EM an mehr Toren beteiligt als Luke Shaw (1 Tor, 3 Assists).
  • Mit 34 Jahren und 71 Tagen war Leonardo Bonucci der älteste Spieler, dem in einem EM-Finale ein Tor gelang.
  • Harry Kane war während der regulären Spielzeit nie im italienischen 16-Meter-Raum am Ball.
  • Keins der drei Finalspiele großer internationaler Turniere wurden nach 90 Minuten entschieden.

Der Star des Spiels: Gianluigi Donnarumma (Italien)

Wirkte von Shaws 1:0 völlig überrumpelt, hatte aber keine Chance. Hielt im Elfmeterschießen gegen Sancho und Saka und wurde hinterher sogar von der UEFA - reichlich überhöht - zum Spieler des Turniers gewählt.

Der Flop des Spiels: Ciro Immobile (Italien)

Hing enorm in der Luft, bot sich daher immer wieder tief an, brachte aber kaum etwas Produktives zustande. Hatte zum Zeitpunkt seiner Auswechslung in der 55. MInute die wenigsten Ballaktionen bei den Italienern.

Der Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande)

Pfiff in seinem neunten internationalen Finale entgegen dem Trend der EM eher kleinlich, hatte aber keine Probleme mit den Spielern, blieb insgesamt fehlerlos und kam auch nur mit sechs Gelben Karten aus.

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