Cookie-Einstellungen
Fussball

Paradoxes Österreich: Ohne Euphorie zum größten Erfolg seit 1982

Österreich steht erstmals in der Geschichte in der K.o.-Runde einer Europameisterschaft.

Österreich steht erstmals seit der Weltmeisterschaft 1982 in der K.o.-Runde eines großen Turniers. Dass das einerseits überraschend und andererseits gar nicht überraschend kam, hat mit dem deutschen Teamchef Franco Foda zu tun.

"Boah", sagt Andreas Grasmann ganz langsam und zieht dieses "Boah" dramatisch in die Länge, vielleicht um etwas Zeit zu gewinnen für eine halbwegs diplomatische Antwort: "Boooaaaah!" Mit welcher Erwartungshaltung er in die EM gegangen sei, lautete die Frage: "Ich habe gehofft, dass wir die Vorrunde überstehen, war aber doch ein bisschen skeptisch."

Andreas Grasmann ist Mitglied des Teamfanclubs Pielachtal, einer der drei großen Unterstützergruppen der österreichischen Nationalmannschaft. "Nicht nur bei uns im Fanclub war keine Euphorie da, sondern in der ganzen Bevölkerung", erinnert sich Grasmann im Gespräch mit SPOX und Goal. Ein bisschen Pessimismus hier, ein bisschen Gleichgültigkeit dort. Euphorie: Fehlanzeige.

Und nun? Achtelfinale! Wie groß dieser Erfolg tatsächlich ist, zeigt eine Einordnung in den historischen Kontext. Österreich überstand erstmals seit 1982 die Vorrunde eines großen Turniers, bei einer EM sogar erstmals überhaupt. Das Achtelfinale gegen Italien am kommenden Samstag (21 Uhr) wird das erste echte K.o.-Spiel seit der WM 1954 sein, bei den Turnieren 1978 (Cordoba!) und 1982 (Gijon!) schaffte es Österreich jeweils in die damals angewandte zweite Gruppenphase.

Österreich siegt gegen die Ukraine: Anders als in Gijon

Vor dem abschließenden Vorrundenspiel gegen die Ukraine am Montag in Bukarest war die Ausgangslage durchaus vergleichbar mit der Situation bei der WM 1982: Damals reichte Österreich und Deutschland ein 0:1 beim direkten Duell im spanischen Gijon zum Weiterkommen, was auf Kosten von Algerien bekanntlich auch allzu mühelos vollbracht wurde.

Diesmal hätte ein Remis beiden Nationen wieder gereicht, mit vier Punkten wäre Österreich hinter der Ukraine als einer der vier besten Gruppendritten weitergekommen. Österreich taktierte aber nicht, sondern spielte von Beginn an dominant und mutig. Der 1:0-Sieg war eine der besten Leistungen unter dem seit 2017 amtierenden Teamchef Franco Foda. Spötter könnten sagen: Das war auch nicht allzu schwer.

Warum Franco Foda in Österreich in der Kritik steht

Foda ist nämlich nicht bekannt für mutige Offensiv-Feuerwerke, sondern für eine abwartende Spielphilosophie. Der ehemalige Verteidiger denkt den Fußball aus der Defensive heraus. So führte er seinen langjährigen Klub Sturm Graz einst zu einem Pokalsieg und einem Meistertitel - und daran änderte er auch als Trainer des österreichischen Nationalteams nichts. Entsprechend wird dem 55-jährigen Deutschen vorgeworfen, die beste Fußballergeneration Österreichs in taktische Fesseln zu legen und damit ihr unbestritten großes Potenzial zu vergeuden.

Bei der mit Legionären aus der deutschen Bundesliga gespickten Nationalmannschaft stieß Fodas Spielphilosophie von Beginn an auf Widerstand. Exemplarisch klagte Borussia Mönchengladbachs Stefan Lainer mal, er könne "nicht wie im Verein spielen, weil der Trainer damit wohl nicht einverstanden wäre". Statt hoch zu pressen müssten sich die Spieler "zurücknehmen und den Laden dicht halten".

Die Beziehung zwischen Mannschaft und Trainer kränkelte, Unverständnis soll es nicht nur über Fodas Spielphilosophie, sondern auch über dessen Umgangsformen geben. Vor dem Turnierstart unkte der langjährige Nationalstürmer Marc Janko: "Ich höre, dass die Stimmung nicht gut sein soll." Das letzte Pflichtspiel vor der EM endete dann auch in einer 0:4-Heimniederlage gegen Dänemark in der WM-Qualifikation.

EM 2016 und EM 2021: "Wie Tag und Nacht"

Vergleicht Fan Grasmann die Stimmung vor diesem Turnier mit 2016, spricht er von "Tag und Nacht". Damals spielte Österreich unter dem allseits beliebten Schweizer Teamchef Marcel Koller begeisternden Fußball. Fans, Spieler, Trainer: eine Einheit. Bei den entscheidenden Qualifikationsspielen war das Wiener Ernst-Happel-Stadion schon lange vorher ausverkauft. "Jeder hat geglaubt, wir kommen ins Viertelfinale oder noch weiter", sagt Grasmann. Trotz der Euphorie schied Österreich aber schon in der Vorrunde hinter Ungarn, Island und Portugal sieglos aus.

Diesmal gab es bei den EM-Qualifikationsspielen auch an der Abendkasse noch reichlich Tickets und keine großen Erwartungen, letztlich aber den Einzug ins Achtelfinale. Womöglich gerade wegen der fehlenden Euphorie? Das erste Gruppenspiel gegen Nordmazedonien gewann Österreich mit etwas Glück dank später Tore der eingewechselten Michael Gregoritsch und Marko Arnautovic mit 3:1 gegen Nordmazedonien, das zweite ging völlig chancenlos mit 0:2 gegen die Niederlande verloren und beim dritten gelang der überzeugende 1:0-Sieg gegen die Ukraine.

Entscheidend dafür waren vor allem zwei Maßnahmen: Foda stellte vom viel kritisierten 5-3-2-System auf ein mutigeres 4-2-3-1 um und beorderte den Kapitän und Star der Mannschaft David Alaba links in die Viererkette. Dorthin also, wo er sich selbst eher nicht sieht, ihn die meisten Fans und Experten aber als am wertvollsten für die Mannschaft erachten. Anders als auf Außen gibt es auf Alabas Lieblingsposition in der Zentrale reichlich Alternativen.

Achtelfinale: Wohl keine österreichischen Fans in London

Mit dem Achtelfinal-Einzug erreichte Foda das sportliche Ziel - einmal mehr, muss man sagen. Und genau das ist das Paradoxe an seiner Amtszeit: Trotz aller Kritik und fehlender Euphorie arbeitet er äußerst erfolgreich. Foda weist nach 38 Spielen einen starken Punkteschnitt von 1,95 auf, führte Österreich souverän zur EM, in einer Gruppe mit Norwegen, Rumänien und Nordirland zum Aufstieg in die Liga A der Nations League und nun eben ins EM-Achtelfinale. Was denn noch?

Passenderweise machte es Foda den mitreisenden österreichischen Fans mit dem Sieg gegen die Ukraine tragisch-komisch aber auch wieder nicht recht. "Es hat sich jeder riesig gefreut", sagt Grasmann und lacht: "Aber insgeheim hat jeder von uns gehofft, dass wir ein Unentschieden holen und dadurch vielleicht wieder in Bukarest spielen und hinreisen können."

Als Gruppendritter hätte die Möglichkeit auf ein weiteres Spiel in Bukarest bestanden, als Gruppenzweiter muss Österreich sein Achtelfinale gegen Italien im Wembley-Stadion in London austragen. Wegen geltender Quarantäne-Bestimmungen ist eine Reise nach Großbritannien für die österreichischen Fans Stand jetzt unmöglich. "Das tut extrem weh und dämpft die Freude."

EM 2021: Die Abschlusstabelle der Gruppe C

PlatzTeamSUNTGDP
1Niederlande30082+69
2Österreich20143+16
3Ukraine10245-13
4Nordmazedonien00328-60
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung