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Fussball

Auswärtsspiel - die SPOX-Kolumne: Kane und Mbappe haben keine Ahnung von Deutschland

Von Fatih Demireli
WM-Debakel verdrängt? Kylian Mbappe und Harry Kane zählen Deutschland trotz WM-Desaster 2018 und einem 0:6 gegen Spanien zu den EM-Favoriten.

Während in Deutschland das Verhältnis zur Nationalmannschaft seit der WM 2018 erkaltet ist und der Löw-Truppe bei der EURO 2020 nicht viel zugetraut wird, ist das internationale Ansehen nach wie vor sehr groß. Daran hat auch die U21-Nationalmannschaft ihren Anteil.

Eigentlich kann man den Motor jetzt auch abstellen. Als sich das Auto zum letzten Mal bewegt hat, sprach ich mit dem Taxi-Fahrer noch über das Wetter. Für Mahmut sei es viel zu heiß, wenn es 20 Grad hat, erzählte er. Inzwischen sind wir aber beim Thema Fußball angekommen. Klar, vom Wetter zum Fußball. Das geht schnell, wenn man in Istanbul über die Bosporus-Brücke fahren will und mal wieder nichts geht.

Die App sagt, dass die Verkehrsauslastung in Istanbul bei gerade 86 Prozent liegt. 85 Prozent davon sind gerade in meiner Umgebung. Und in der von Mahmut. Mahmut hat Ahnung von Fußball. Zumindest weiß er, dass die Nachwuchsarbeit im türkischen Fußball nicht funktioniert, Frankreich der Favorit bei der EM sei und dass der Fußball früher doch viel schöner war.

Er sagt aber auch, dass Deutschland wieder brutal stark sei und die Franzosen keine Chance hätten, wenn die Mannschaft in Fahrt komme. Ich sage ihm: "Naja, so brutal stark sind sie eigentlich nicht." Als ich ihm die Gründe aufzähle, versteht er kein Wort. "Ach, das sind doch nur Details."

Er zählt die Namen im Kader auf: "Nöyer, Hamils, Kroos, Kimmisch, Ilkay, Havertz, Gerd Müller." Ich habe ihm noch ein, zwei Mal mit meinem Insider-Wissen aus Deutschland versucht, Kontra zu geben, aber Mahmut war nicht zu überzeugen. Nur dass Gerd eigentlich Thomas ist, davon konnte ich ihn dann doch überzeugen. Ansonsten war er sich sicher: Deutschland gehört zu den EM-Favoriten!

EM-Favorit Deutschland? Kane, Mbappe und das einfache Spiel

Das mag sicherlich auch daran liegen, dass in der Türkei seit jeher die deutsche Nationalmannschaft eine besondere Stellung hat. Sie wird wahrscheinlich viel mehr geliebt und gemocht als anderswo. Aber es sind mehr als die Emotionen - und da sind die Türken nicht alleine.

Während wir in Deutschland seit der WM 2018 uns an der Nationalmannschaft abarbeiten und die emotionale Bindung verlieren, ist der internationale Respekt nach wie vor sehr groß. Wenn Harry Kane seine EM-Favoriten aufzählt, kommt Deutschland in der Aufzählung relativ weit vorne. Wenn Kylian Mbappe das macht, ebenso.

Sicherlich sind diese Herren nicht in die Details so sehr eingeweiht wie die deutschen Fußball-Kenner. Sie schauen sich wie Mahmut den Spielerkader an, gehen die Historie durch und küren Deutschland zum Favoriten. Das einfache Spiel.

Kane und Mbappe wissen aber nicht, wie schlampig die WM 2018, die größte Katastrophe der deutschen Fußball-Geschichte, aufgearbeitet wurde. Dass nach vier Wochen "Aufarbeitung" ein paar Statistiken aufgezählt wurden, die man nach Schlusspfiff in jedem Live-Ticker lesen kann. Kane und Mbappe wissen nicht, dass sich im deutschen Fußball seither eigentlich so gut wie nichts verändert hat: Dass die aktuelle Fehlentwicklung in der Nachwuchsarbeit zwar erkannt wurde, aber dagegen nichts unternommen wird.

Und deswegen wird Deutschland vielleicht zum ersten Mal überhaupt in ein Turnier ohne einen glasklaren Stürmer gehen. Sie wissen nicht, dass der DFB seit Jahren eher damit beschäftigt ist, Machtkämpfe auszufechten und so ein desolates Bild abgibt. Sie wissen nicht, dass der größte Fußball-Verband der Welt sich seit Jahren nicht auf sein Kerngeschäft konzentriert.

EM: International wird die deutsche WM-Schmach verdrängt

Aber sie wissen, welchen Kader die deutsche Mannschaft hat. Dass die Startelf und vielleicht noch die eine oder andere Alternative immer noch stark genug sind, so eine Europameisterschaft zu gewinnen. Sie wissen auch, dass erst vor wenigen Tagen die deutsche U21-Nationalmannschaft Europameister wurde, obwohl andere Nationen nominell bessere Mannschaften hatten.

Experten versuchten dann zu erklären, warum es die U21 schafft. Die Erklärungen sind aber dann vielmehr mit Personen verbunden als mit einem System oder einem funktionierenden Apparat. Dem internationalen Publikum ist das natürlich nicht so wichtig: Deutschland hat einen Titel gewonnen - nur das zählt.

Perspektivisch mag es fatal sein, aber im Hier und Jetzt sollte die U21 als Vorbild dienen. So ein Stück "Mia san Mia" ist nicht nur in Bayern zu finden, sondern in der gesamten Fußball-Republik. International hat man die deutsche Schmach von 2018 verdrängt. Wird man den internationalen Erwartungen gerecht und spielt man zumindest ein ordentliches Turnier, wird auch die nationale Verzeihung irgendwann eintreten. Bis dahin habe ich auch hoffentlich die Bosporus-Brücke überquert.

*Fatih Demireli ist Chefredakteur und Herausgeber vom Sportmagazin Socrates. Der frühere SPOX-Redakteur lebt in München und Istanbul.

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