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Fussball

FC Bayern: Dubiose Verzweigungen und drohender Knast - gut, dass Neymar nie kam

Von Justin Kraft

Der FC Bayern München soll 2010 und 2013 Gespräche über einen Transfer von Neymar geführt haben - laut einem Berater gab es sogar ein Angebot. Dass der Wechsel nach Deutschland aber platzte, ist aus Sicht des Rekordmeisters aber überwiegend positiv zu bewerten. Über dubiose Zahlungen, Skandale und eine Entscheidung für Mario Götze, die letztendlich einfach rational war.

Noch bevor Jupp Heynckes sich zum ersten Triple-Trainer der Klubgeschichte gekrönt hatte, liefen die Planungen für die folgende Saison auf Hochtouren. Teil der Zukunftsideen: Ein Jahrhunderttalent verpflichten und den Anspruch auf Europas Thron untermauern.

Pep Guardiola hatte dafür Neymar im Sinn, die Bayern holten letztendlich Mario Götze vom BVB. Angesichts der unterschiedlich verlaufenen Karrieren eine folgenschwere Fehlentscheidung - könnte man meinen. Doch gleich mehrere Gründe sprechen dafür, dass die Münchner alles richtig gemacht haben.

Ein Rückblick auf das, was war und das, was hätte sein können - und auf dubiose Zahlungen, Gerichtsverfahren und eine Ablösesumme, die über die Jahre immer höher wurde.

FC Bayern: Wann war Neymar ein Thema?

Angeblich soll der FC Bayern aber auch schon 2010 vorgefühlt haben. Glaubt man den Worten des Spielerberaters Pedrag Racki, habe es sogar ein Treffen mit dem damaligen Sportdirektor Christian Nerlinger gegeben. Das sagte er der kroatischen Zeitung Novi List. 18 Millionen Euro Grundablöse und sechs Millionen Euro Bonuszahlungen waren den Bayern für einen 17-Jährigen demnach aber zu viel.

Pep Guardiola übernahm dann 2013 an der Säbener Straße das Ruder - und das stand bereits ein halbes Jahr vor Saisonende fest. Dementsprechend liefen die Kaderplanungen ein halbes Jahr lang auf Hochtouren. Und wieder bewegte sich einiges in Richtung Brasilien.

Guardiola verriet 2016 auf einer Pressekonferenz, dass er Neymar einst persönlich angerufen hatte, um ihn von einem Wechsel zum FC Barcelona zu überzeugen - obwohl er längst nicht mehr für die Katalanen arbeitete. "Rosell (Barcas ehemaliger Präsident, Anm. d. Red.) hatte mich darum gebeten. Später als ich dann in New York war, haben sie mir gesagt, dass Neymar sich nicht ganz sicher war", erzählte der mehrfache Champions-League-Sieger.

Also habe Guardiola ihn nochmal für Bayern angerufen: "Ich habe mit ihm gesprochen und ihm gesagt, wenn er bei Barca unterschreiben kann, soll er das tun, aber wenn nicht ..."

FC Bayern: Wieso war Neymar ein Thema?

Klingt nicht gerade nach "Neymar oder nix". Dass sich die Münchner mit dem damals 21-Jährigen auseinandergesetzt haben, ist aber weder ein Geheimnis noch verwunderlich. Beim FC Santos entwickelte sich der Brasilianer zum Shootingstar einer ganzen Nation. Sein Tempo, seine Dribblings und seine spektakulären Tore gingen in den sozialen Netzwerken viral.

Auch in Europa wurde der Hype um den Youngster immer größer. In der Saison 2012/13 wurde nahezu der halbe Kontinent mit ihm in Verbindung gebracht - und so auch die Bayern. Neymars Ex-Berater Wagner Ribeiro behauptete 2020, dass sogar ein Angebot aus München vorgelegen hätte.

"Wir erhielten Angebote aus aller Welt. Von Chelsea kam eine offizielle Offerte, als wir am Tag von Neymars Länderspiel-Debüt für Brasilien im Jahr 2010 gerade in New York waren", sagte er bei ESPN: "Später gab es Angebote von Bayern München und Juventus." Neymar war der gefragteste junge Spieler der Welt. Und heute wissen auch alle, warum das so ist. Doch der Brasilianer entschied sich schlussendlich doch für den FC Barcelona.

FC Bayern: Wieso scheiterte der Wechsel von Neymar?

Die Katalanen sprachen damals öffentlich von rund 57 Millionen Euro, die sie für Neymar bezahlt hätten. Angesichts des enormen Talents also ein Schnäppchen? Nicht ganz. Schon 2015 rechnete die Marca alle Kosten für den Transfer zusammen, die im Anschluss entstanden sind. Die spanische Zeitung stellte die von Barca kommunizierte Ablösesumme nicht infrage. Rund 17,1 Millionen Euro wären an den FC Santos geflossen, 40 Millionen Euro an die Eltern des Spielers (Firma N&N).

Hinzu gekommen wären allerdings noch zehn Millionen Euro Handgeld für Neymar sowie ein weiterer Bonus von zwei Millionen Euro, weil der Brasilianer es auf die erweiterte Liste beim Ballon d'Or geschafft hatte. 4,5 Millionen Euro kamen demnach für ausgemachte Freundschaftsspiele mit dem FC Santos dazu und 13,5 Millionen Euro sollen die Katalanen 2014 vorsorglich an das Finanzamt gezahlt haben.

Weitere 7,9 Millionen Euro soll der FC Santos für das Vorverkaufsrecht an drei weiteren Spielern bekommen haben, 8,5 Millionen Euro wären an die Stiftung "Neymar Jr." geflossen sowie für einen Scouting- und Agentenvertrag mit N&N verwendet worden.

Und dann habe es noch eine Berater-Provision über 2,7 Millionen Euro für den Vater gegeben. Hinzu kamen bis heute etliche juristische Strafzahlungen. Allein das dürfte erklären, warum der FC Bayern München den Transfer nicht realisieren wollte - selbst wenn er gekonnt hätte. In Deutschland wären all diese Verzweigungen nicht ohne ein immenses juristisches Nachspiel möglich gewesen. Zumal mit Mario Götze ein deutsches Top-Talent auf dem Markt war, das nicht nur günstiger, sondern ebenfalls sehr vielversprechend für die Zukunft war.

FC Bayern: Wieso ist es gut, dass Neymar nicht kam?

Bei all den Verstrickungen rund um Neymar fällt es schwer, dem FC Bayern und seinen Entscheidungen zu widersprechen. Noch heute gibt es gerichtliche Auseinandersetzungen wegen des Wechsels nach Barcelona. Im Oktober wird sich der Superstar vor Gericht verantworten müssen. Der Vorwurf: Korruption und Betrug. Der brasilianische Investitionsfonds DIS, der zum Zeitpunkt des Wechsels 40 Prozent der Spielerrechte besaß, hatte schon 2017 Klage eingereicht.

Der Fonds behauptet, er habe lediglich 40 Prozent der an den FC Santos überwiesenen 17,1 Millionen Euro erhalten. Die Staatsanwaltschaft fordert spanischen Medienberichten zufolge eine zweijährige Haftstrafe und eine Geldstrafe von 10 Millionen Euro. DIS wolle insgesamt eine Entschädigung von mehr als 150 Millionen Euro und fordere wohl eine Haftstrafe von fünf Jahren für Neymar.

Unabhängig davon, wie die Konditionen bei einem Wechsel zum FC Bayern ausgesehen hätten: Bei so vielen unterschiedlichen Parteien, die sich rund um den Spieler versammelten, war es unmöglich, einen Betrag zu verhandeln, mit dem der Rekordmeister sich hätte arrangieren können. Neymar wird bis heute von den Vorwürfen begleitet, dass er mehrere Millionen Euro an Steuern hinterzogen habe. 2016 wurde sogar Eigentum von ihm eingefroren. Im Ausland gab es bereits zahlreiche Fußball-Profis, deren Urteil wegen Steuerhinterziehung verhältnismäßig mild ausfiel.

In Deutschland musste Uli Hoeneß für 21 Monate ins Gefängnis, eine ähnliche Strafe hätte die Karriere des Brasilianers nachhaltig beschädigen können. Zumal auch sportlich die Frage gestellt werden muss, wie groß der Bedarf tatsächlich war. Mit Arjen Robben und Franck Ribéry standen bereits zwei Flügelspieler unter Vertrag, die zwar anfällig für Verletzungen, rein vom Leistungsniveau aber unantastbar waren. Guardiola hätte Neymar allenfalls als Falsche Neun einsetzen können.

FCB: Die Entscheidung würde wohl wieder auf Götze fallen

Dass der Brasilianer eine Rolle im System des Katalanen gefunden hätte, ist bei seiner Qualität wohl unstrittig. Angenommen, Bayern hätte einen Weg gefunden, ihn mit legalen Mitteln zu holen oder die grenzwertigen Verstrickungen zumindest zu verstecken. Und angenommen, Neymar hätte Lust auf einen Wechsel nach Deutschland gehabt.

Das anzunehmen, ignoriert aber alles, was den Neymar-Transfer - mittlerweile sogar die Neymar-Transfers begleitet. Denn auch Paris Saint-Germain soll laut Football Leaks deutlich mehr bezahlt haben als die ohnehin schon astronomische Summe von 222 Millionen Euro.

Insofern war es nur rational, sich für Mario Götze zu entscheiden. Den ganz großen sportlichen Durchbruch mag der zwar in München nie erlebt haben. Doch das Risiko war mit Blick auf die 37 Millionen Euro Ablösesumme eben überschaubar. Der FC Bayern würde aus sehr guten Gründen jederzeit wieder so handeln. Zumal es auch ohne Neymar sportlich nicht so schlecht lief - und wirtschaftlich sowieso.

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