Cookie-Einstellungen
Fussball

Zum Tod von Bayern-Legende Gerd Müller: Auch für seine Rivalen der Beste

Müller erzielt in 427 Bundesligaspielen 365 Tore, Rekord! 1971/72 gelingen ihm 40 Tore, diese Marke knackt erst Robert Lewandowski in der Saison 2020/21
© imago images

Gerd Müller war nicht nur für Franz Beckenbauer der "wichtigste Spieler in der Geschichte des FC Bayern München". Über einen unerreichten Torjäger, der sich seinen Mythos nicht anmerken ließ. Ein Nachruf.

Lange bevor Robert Lewandowskis Torquote stratosphärische Höhen erreichte, gehörte der Gang zu Gerd Müller an die Säbener Straße in München bis ungefähr 2011 zu einer Art Initiationsritus für junge Bayern-Reporter.

Irgendein Stürmer des FC Bayern München traf das Tor über die Jahre ja immer mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Wenn sich die Toranzahl des jeweiligen Angreifers langsam Richtung Zweistelligkeit bewegte (sogar Lewandowski reichten 2013/2014 noch 20 Treffer für die Torjägerkanone), wenn den Chefs nichts Besseres einfiel oder wenn man ihm zufällig am Trainingsgelände über dem Weg lief - Gerd Müller war ja praktisch immer an der Säbener - fragte man ihn halt: "Herr Müller, ist Luca Toni einer wie Sie?" - "Herr Müller, kann Miroslav Klose ihren Rekord brechen?" - "Gerd, dieser junge Müller-Thomas da - ist er der Rückennummer 13 gewachsen?"

Und Gerd Müller, der sich solche und ähnliche unsinnige Fragen wirklich sehr oft anhören musste im Laufe seines Lebens, antwortete immer zurückhaltend, schüchtern und höflich: "Ich würde es ihm gönnen, er soll mich ruhig überholen."

Dabei ist klar, dass Gerd Müller einmalig und unerreicht ist. Ebenso klar ist, dass ihm nicht einmal Lewandowski das Wasser reichen kann. Als der in der vergangenen Saison Müllers Fabelrekord von 40 Toren pro Saison knackte, huldigte er dem Bomber mit einem Shirt mit der Aufschrift "4EVER Gerd".

Gerd Müller: Der wichtigste Spieler der Bayern-Geschichte

Das sagte zwar noch mehr aus über den Kommerz-Fußball unserer Zeit, aber es wirkte trotzdem aufrichtig. Denn Gerd Müller, das ist das Besondere an ihm, wurde auch zu aktiven Zeiten von seinen Konkurrenten als Bester der Besten bezeichnet.

Es gibt diese Legenden, die ihren eigenen Mythos wie eine Monstranz vor sich hertragen, deren Anwesenheit man irgendwie schon spürt, ehe man sie bewusst wahrnimmt. Wenn Franz Beckenbauer bis vor wenigen Jahren einen Raum betrat, wurde es schlagartig leiser.

Gerd Müller, den nicht nur Beckenbauer als "wichtigsten Spieler in der Geschichte des FC Bayern" bezeichnete, betrat eher ungern Räume mit zu vielen Menschen. Der Bomber der Nation - Europameister und Europameistermacher, Weltmeister und Weltmeistermacher, mehrmaliger Meister, Meistermacher, Europapokalsieger und Europapokalsiegermacher, Bundesligaspieler des Jahrhunderts, 365 Tore in 427 Bundesligaspielen, 68 Länderspieltore in 62 Länderspielen, siebenmal Torschützenkönig - stand schon zu Spielerzeiten ungern im Mittelpunkt. Er war außerhalb des Spielfelds eher unsicher und schüchtern.

Freundlich und schüchtern - das war Gerd Müller

Wer Gerd Müller erst als Co-Trainer der zweiten Mannschaft des FC Bayern München (1992-2014) kennenlernen durfte, erlebte eine Legende, die sich ihren Mythos und Status nicht anmerken ließ. Bis auf das Lächeln erinnerte bei diesem freundlichen wie schüchtern auftretenden Herrn mit dem grauen Vollbart nichts an "kleines, dickes Müller", an den wohl explosivsten und treffsichersten Torjäger in der Geschichte der Bundesliga, Hintern raus, kurze Drehung, Schuss, Bumm.

Bekannt waren die überstürzten, unglücklichen und beleidigten Abschiede des gebürtigen Nördlingers von der Nationalmannschaft unmittelbar nach dem WM-Gewinn 1974 und von Bayern München 1979.

Bekannt, oft erzählt und in Echtzeit dokumentiert wurden auch der Absturz nach seiner Zeit bei Bayern, die finanziellen Sorgen nach der Zeit in Florida bei den Fort Lauderdale Strikers, die Flucht in den Alkohol und die von seinem früheren Mannschaftskameraden Uli Hoeneß initiierte Rückkehr in die Familie des FC Bayern München nach Müllers erfolgreichem Alkoholentzug. Müller, ohne den es den heutigen FC Bayern nicht geben würde, musste sich erst selbst retten, ehe er bei Bayern wieder zu sich selbst finden konnte.

Gerd Müller bis 2014 Co-Trainer der zweiten FCB-Mannschaft

Als Müller 2011 während eines Trainingslagers der zweiten Mannschaft in Italien aus dem Mannschaftshotel verschwand und erst nach 15 Stunden verwirrt von Carabinieri aufgegriffen wurde, hatte er die bittere Diagnose Demenz bereits erhalten. Die Pressestelle des FC Bayern bat mit Nachdruck, das Wort Alzheimer nicht zu verwenden.

Man wollte Müller so lange wie möglich ein weitgehend normales Leben mit seinen geliebten Routinen ermöglichen. So gut wie alle eingeweihten Journalisten entsprachen der Bitte, übten sich höchstens in vagen Umschreibungen. Wäre es nicht um Gerd Müller gegangen, die Diskretion wäre vielen sicher schwerer gefallen.

Bis 2014 konnte Müller noch als Co-Trainer der zweiten Mannschaft arbeiten, die letzten Jahre verbrachte er in einem Pflegeheim. "Er schläft langsam seinem Ende entgegen", sagte seine Frau Uschi, die ihn bis zuletzt pflegte, anlässlich Müllers 75. Geburtstag am 2. November 2020.

Am frühen Sonntagmorgen ist Gerd Müller für immer eingeschlafen. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter.

Gerd Müller: Leistungsdaten der Karriere

WettbewerbSpieleToreVorlagen
Bundesliga427365101
DFB-Pokal6278-
Pokal der Landesmeister35343
Pokal der Pokalsieger2520-
Aufstiegsr. 1. BL66-
UEFA-Cup64-
UI-Cup65-
UEFA Super Cup33-
Weltpokal21-
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung