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Fussball

Munas Dabbur von der TSG 1899 Hoffenheim im Interview: "Das hätte mich als Mensch wirklich zerstören können"

In Hoffenheim konnte sich Munas Dabbur noch nicht als Stammspieler etablieren.

Munas Dabbur spielt seit 2020 bei der TSG 1899 Hoffenheim, doch so wie zuvor bei Grashoppers Zürich und Red Bull Salzburg hat der Stürmer in der Bundesliga noch nicht gezündet.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Dabbur ausführlich über seinen Karriereweg, der einst als Torwart begann. Der Israeli erzählt von 150 Toren in einer Saison, dem tragischen Tod seines Vaters und Funkstille mit dem Opa.

Zudem äußert sich der 30-Jährige zum irren Ablauf seines Wechsels nach Europa, dem "großen Bruder" Marco Rose und dem kalten Sevilla-Trainer Julen Lopetegui.

Herr Dabbur, Sie wurden 1992 in Nazareth geboren - der Stadt in Israel, in der Jesus geboren sein soll. Wie sind Sie dort aufgewachsen und zum Fußball gekommen?

Munas Dabbur: Ich bin der jüngste von fünf Söhnen. Wir hatten alle eine schöne Kindheit, auch wenn uns ein paar Dinge, die anderswo vielleicht normal erscheinen, gefehlt haben. Da mein Opa zu den Gründungsmitgliedern von Maccabi Ahi Nazareth gehörte und mein Vater dort Geschäftsführer war, stand bei uns der Fußball stets im Vordergrund. Wir haben ständig davon gesprochen, Spiele geschaut und selbst gekickt. Allerdings gab es keinen geeigneten Bolzplatz. Es existierte lediglich ein wirkliches Fußballfeld, aber das haben sich fünf Vereine im Umkreis von Nazareth geteilt. Entsprechend sah der Rasen aus. Dort war immer extrem viel los.

Sie sollen sich erst 2003 mit elf Jahren Ihrem ersten Verein Maccabi Ahi Nazareth angeschlossen haben. Wieso nicht schon früher?

Dabbur: Das ist etwas ungewöhnlich: Ich habe schon mit vier Jahren in der Fußballschule von Nazareth angefangen. Die gehört dem Klub, Maccabi Ahi. Dort gibt es jedoch keine Mannschaft für unter Elfjährige - bis heute nicht. Die unter Elfjährigen trainieren dafür dreimal wöchentlich in der Fußballschule. Erst wenn man elf ist, spielte man in einer Mannschaft und einem Ligabetrieb.

Wer waren Ihre fußballerischen Vorbilder?

Dabbur: Ich war großer Fan vom FC Arsenal. Dennis Bergkamp und Thierry Henry waren meine Lieblingsspieler. In meiner Familie wurde sehr viel internationaler Fußball geschaut. Live habe ich über viele Jahre hinweg jedoch nur die Erste von Maccabi Ahi spielen sehen. Daher war es immer mein großer Traum, eines Tages dort aufzulaufen.

Spielten Sie von Beginn an als Stürmer?

Dabbur: Nein. Ich war ja eigentlich Torhüter! Allerdings nur während meiner ersten zwei Jahre. Mir hat das gefallen. Wenn wir zu Hause gekickt haben, stand ich immer im Kasten. So ist es bis heute, bei einem Fünf-gegen-Fünf gehe ich gerne ins Tor. Ich kann mich aber absolut nicht mehr daran erinnern, wie oder weshalb ich schließlich zum Feldspieler wurde. Es könnte gut damit zu tun haben, dass ich meist den Ball auf den Boden gelegt und mit Dribblings nach vorne gestürmt bin. (lacht)

Sie haben bis zu Ihrem 18. Lebensjahr 2010 in Nazareth gespielt. Ab wann war Ihnen klar, dass es für den Profibereich reichen könnte?

Dabbur: Als ich zehn war, spielten wir sehr viele Turniere, bei denen auch Mannschaften aus Europa teilnahmen. Wir waren wirklich gut, ich schoss immer sehr viele Tore. Auf einmal bekam ich von Ajax Amsterdam eine Einladung zu einem Probetraining. Ich habe heute noch den Zeitungsartikel, der dazu über mich geschrieben wurde. Meine Mutter hat es mir aber nicht erlaubt. In den folgenden Jahren, bis ich 15 war, habe ich weiter unglaublich viele Tore gemacht. Also wirklich verrückt viele, ich kam mal auf 150 Tore in einer Saison. Dazu war mir mein Vater eine sehr große Hilfe. Er stand mir stets bei und motivierte mich, den Fußball immer ernster zu nehmen und professioneller zu werden. In dieser Zeit entstand der Glaube, dass ich es schaffen werde, eines Tages für Maccabi Ahi zu spielen.

Das klappte dann erstmals in der Saison 2009/2010: Mit 17 kamen Sie für die Profis in der israelischen ersten Liga zum Einsatz. Wie erinnern Sie sich daran?

Dabbur: Das ist eine witzige Geschichte. Der Engländer John Gregory, der zuvor vier Jahre Aston Villa coachte, war der Trainer. Die Saison war weit fortgeschritten und der Abstieg stand quasi fest. Es war damals alles andere als üblich, sich nach jungen Spielern im eigenen Nachwuchs umzuschauen. Gregory hat dann ein Testspiel zwischen seiner ersten und der zweiten Mannschaft ausgemacht. Dabei schoss ich zwei Tore. Nach dem Spiel meinte er: 'Warum kickt der Junge nicht bei uns?'

Danach hat er Sie dann gleich bei den Profis eingesetzt?

Dabbur: Nein. Eine Woche später, ich hatte wegen Prüfungen in der Schule gar nicht trainiert, wurde nochmal dasselbe Spiel vereinbart - und ich traf wieder doppelt. Danach zog er mich zu den Profis hoch und ließ mich zum Saisonende hin noch fünf Mal spielen, jeweils um die 20, 30 Minuten.

Wieso sind Sie dann nach dieser Spielzeit zu Maccabi Tel Aviv gewechselt?

Dabbur: Nach dem Abstieg hatte ich die Möglichkeit, zu Maccabi Haifa, Maccabi Petach Tikwa oder Maccabi Tel Aviv zu gehen - jeweils in die zweite Mannschaft, weil ich noch jung war und dort weitere zwei Jahre hätte spielen können. Das muss ich auch erklären: Es gibt in Israel keine U23, die zweiten Mannschaften sind U19-Teams. In Tel Aviv bekam ich einen Profivertrag über sechs Monate mit der Option für ein weiteres halbes Jahr, war aber Teil der zweiten Mannschaft.

Wieso haben Sie sich dafür entschieden, wenn doch Ihr großes Ziel war, für die erste Mannschaft in Nazareth zu spielen?

Dabbur: Ich habe es nicht selbst entschieden, das hat mein Opa gemacht. Nachdem mein Vater starb, war er das Familienoberhaupt. Er war so etwas wie mein Berater. Mein Opa hatte 40 Jahre Erfahrung im Fußball, kannte jeden und sagte: 'Geh' nach Tel Aviv.' Ich konnte nicht nein sagen, aber Maccabi Tel Aviv ist natürlich auch ein großer Verein mit einer tollen Akademie, dazu gab es ein ordentliches Gehalt. Das war das erste Geld, das ich mit dem Fußball verdient habe. Zuvor in Nazareth hatte ich zwar das Glück, dass ich dank meines Opas und meines Vaters in guten Händen war, aber ich hatte dort keinen Vertrag.

Ihr Vater starb bereits im Jahr zuvor mit nur 37 Jahren bei einem Autounfall. Stimmt es, dass Sie anschließend darüber nachdachten, mit dem Fußball aufzuhören?

Dabbur: Ja. Als das passierte, war für mich nicht nur der Fußball, sondern das gesamte Leben beendet. Ich würde sagen, dass ich der Sohn war, mit dem mein Vater die engste Beziehung hatte. Er hat mich immer, aber gerade im Fußball besonders unterstützt. Er war bei jedem Training und jedem Spiel dabei, er half mir bei allen Problemen. Für mich ergab es daher überhaupt keinen Sinn, ohne ihn weiterzumachen. Die Saison war soeben zu Ende gegangen. Wir hatten einen Monat Pause, aber ich habe meinem Trainer sofort mitgeteilt, dass ich aufhören werde.

Sie waren damals gerade 16 Jahre alt. Wie sind Sie mit dem Verlust in der Anfangszeit umgegangen?

Dabbur: Es war für uns alle ein riesiger und nicht in Worte zu fassender Schock. Ich saß nur noch in meinem Zimmer, habe mit niemandem mehr gesprochen, kaum etwas gegessen und getrunken. Für mich wurde alles schwarz. Von meinen Brüdern habe ich wohl am längsten gebraucht, um mich einigermaßen davon zu erholen. Auch als das Training wieder anfing, bin ich einen Monat lang nicht hingegangen. Ich war wie tot.

Wie kam es, dass Sie doch wieder hingegangen sind und weitergespielt haben?

Dabbur: Durch meine Mutter. Sie sagte, ich solle es für mich und meinen Vater tun. Es war sein Traum, dass ich eine gute Karriere hinlege.

Was haben Sie rückblickend betrachtet von diesem tragischen Erlebnis für sich mitgenommen?

Dabbur: Das hätte mich als Mensch wirklich zerstören können. Es hat mich aber gestärkt und mir Kraft gegeben. Das tut es bis heute. Denn wenn es mir einmal schlecht geht oder ich down bin, erinnere ich mich immer daran: Ich habe mein Ein und Alles verloren, aber es hat mich nicht zerstört. Deshalb wird mich, egal was in meinem Leben noch passiert, nichts mehr brechen können. Diese Einsicht hat mir auf meinem gesamten Karriereweg sehr geholfen.

Nun waren Sie also ohne Ihren Vater bei Maccabi Tel Aviv in der zweiten Mannschaft gelandet. Wie sahen dort Ihre sportlichen Perspektiven aus?

Dabbur: Ich saß das erste halbe Jahr auf der Bank und fühlte mich überhaupt nicht wohl. Es war ein vollkommen anderes Leben, ich war allein, hatte dort keine Freunde und auch keinen Führerschein. Deshalb bezog ich eine Wohnung, die nur zehn Gehminuten vom Trainingsplatz entfernt, aber in einer ziemlich unheimlichen Gegend war. Es war am Anfang auch schwer, dort akzeptiert zu werden.

Munas Dabbur: Seine Stationen im Profibereich im Überblick

VereinZeitraumPflichtspieleToreVorlagen
Maccabi Ahi Nazareth2009-20105--
Maccabi Tel Aviv2011-201478239
Grasshopper Club Zürich2014-2016924926
Red Bull Salzburg2016-20191287231
Grasshopper Club Zürich (Leihe)20171372
FC Sevilla2019-2020932
TSG 1899 Hoffenheimseit 202077228
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