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Third and Long Week 2: Brees, Big Ben - und eine neue Seahawks-Offense?

Die Seattle Seahawks haben ihr erstes Auswärtssspiel der Saison bei den Steelers gewonnen.
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Steelers, Dolphins, Newton, Fitzpatrick - eure Fragen

JHK, Lukas, ua_9, Kai B: Was ist in Pittsburgh los? Sind die Steelers für dich noch ein Playoff-Kandidat?

Zunächst einmal muss man bei den Steelers auf jeden Fall beide Spiele getrennt voneinander betrachten. Gegen die Patriots war Pittsburgh chancenlos, weil man - wieder einmal - defensiv nicht im Ansatz die richtigen Antworten fand und die Patriots-Defense in diesem Jahr vielleicht die beste Defense der Liga ist. Gegen Seattle muss man natürlich die Verletzung und den Ausfall von Ben Roethlisberger in der ersten Hälfte erwähnen.

Trotzdem gibt es in der Offense ein klares schematisches Thema nach den ersten beiden Spielen: Die Steelers haben ein Wide-Receiver-Problem. Die Steelers sind eine Air-Raid-Offense, das wurde über die ersten Wochen deutlich. Unheimlich viele Empty-Sets, sehr viel Spread, sehr viele 4-Wide-Receiver-Formationen und viele Freiheiten für Roethlisberger an der Line of Scrimmage.

Daraus versuchen sie auch, Roethlisberger durch kurze Route-Kombinationen über die Mitte schnelle Pässe zu geben und die Coverage-Tiefe der gegnerischen Defense mit dem dritten und vierten Wide Receiver zu testen. Das Problem ist, dass Pittsburghs Receiver sich trotzdem auffällig häufig kaum von ihren Gegenspielern lösen können.

Gegen die Patriots war das besonders eklatant, als wir zum ersten Mal sahen, wie inkonstant diese Offense wird, wenn JuJu Smith-Schuster die Rolle des Nummer-1-Receivers ausfüllen muss; nicht nur in der Depth Chart, sondern wenn die Defense ihn auch dementsprechend behandelt. Donte Moncrief (Drops!) ist bisher eine enorme Enttäuschung und kann die erhoffte "1B-Rolle" nicht ausfüllen.

Das ist auch perspektivisch ein ernsthaftes Problem. Dass der Abgang von Antonio Brown die Offense schlechter macht, war natürlich abzusehen - derartige Probleme hatte ich allerdings nicht erwartet. Womöglich muss Pittsburgh noch mehr Mismatches erzwingen und JuJu noch aktiver in der Formation herumbewegen. Pittsburgh nutzt kaum simple Elemente wie Play Action und ist auch im Screen Game längst nicht so effizient wie andere Teams.

All das sind Dinge, die man zumindest im Ansatz reparieren kann. Doch die Verletzung von Ben Roethlisberger werden die Steelers nicht ausgleichen können. Mason Rudolph hatte ein paar gute Pässe und er ist ein talentierter Backup, aber das ist ein enormer Drop-Off. Dazu kommt: Man muss all diese Probleme reparieren, während Rudolph seine ersten NFL-Starts sammelt und der Spielraum für Fehler gleichzeitig schrumpft. Diese Kombination ist gravierend.

Rudolph ist eine interessante Personalie, die die Steelers jetzt genau unter die Lupe nehmen können - aber eher nicht der Quarterback, von dem man erwarten kann, dass er das Team aus dem 0-2-Loch zurückführt. Pittsburgh ist für mich kein Playoff-Kandidat mehr.

Kilian, Nico: Ist es bei den Dolphins schon Wettbewerbsverzerrung und wo liegen die Parallelen und Unterschiede zu den Browns? Gehen die Dolphins 0-16?

Die Dolphins waren natürlich bereits letzte Woche ausführliches Thema, und eine Sache ist wichtig: Nicht in Panik verfallen. Die Defense war gegen die Patriots - auch wenn das angesichts des Endresultats merkwürdig klingt - im Vergleich zum Ravens-Spiel deutlich verbessert. Zwei Defense-Scores sowie ein Garbage-Time-Touchdown für die Patriots machten die Sache am Ende nochmal deutlicher, was natürlich nicht heißen soll, dass das Spiel ansonsten eng gewesen wäre.

Und trotzdem: Nicht in Panik verfallen. Das ist elementar wichtig. Das gilt für die Fans, das gilt für die Verantwortlichen. Die Dolphins müssen im Umbruch intern innerhalb des Teams eine positive Atmosphäre kreieren. Das ist eine gigantische Herausforderung bei einem solch tiefgreifenden Umbruch, aber es muss, neben dem Bewerten der jungen Spieler, eine der obersten Prioritäten sein. Und das wird auch ein Maßstab für Coach Brian Flores sein.

Miami wird noch Spiele bekommen, in denen man eine deutlich bessere Chance auf Zählbares hat. Washington vielleicht, die Giants, vielleicht Cincinnati, vielleicht - je nach Saisonverlauf und je nach Darnolds Krankheitsverlauf - auch die Jets. Und nein, das soll in keiner Weise die Leistung der Offense beschönigen, die gegen die Patriots bei 24 First-Down-Plays 13 Mal keinen Raumgewinn oder gar Raumverlust erzielte. Die Dolphins werden ein oder zwei Spiele gewinnen, und wenn sie danach ihren Franchise-Quarterback finden, fragt in zwei Jahren niemand mehr nach 2019.

Der Saisonstart mit zwei Heimspielen gegen AFC-Schwergewichte war denkbar unschön; aber ganz platt gesagt: Solche Niederlagen waren zu erwarten. Parallelen zu den Browns, die 2016 Alex Mack, Mitchell Schwartz, Tashaun Gipson, Karlos Dansby und Travis Benjamin gehen ließen, gefolgt von Cornerback Joe Haden ein Jahr später, gibt es. Cleveland hielt 2016 kaum einen Spieler, der wirklich zum tragenden Gerüst dieses Teams zählte - Joe Thomas und Joel Bitonio wären wohl am ehesten die Ausnahmen. Der Unterschied ist, dass Miami noch aktiv junges Talent gezielt abgibt, um Picks zu sammeln.

Niemand hat gesagt, dass der Umbruch einfach oder schön anzuschauen wird. Und es ist absolut richtig, es kritisch zu hinterfragen, wenn die Dolphins junge potenzielle Säulen wie Laremy Tunsil und jetzt auch Minkah Fitzpatrick abgeben. Miami agiert ein gutes Stück radikaler als die Browns, zu einem gewissen Grad aber schlicht auch deshalb, weil die Dolphins mehr junges Talent hatten als Cleveland 2016.

Das Ziel, und das muss jedem klar sein, lautet: den Franchise-Quarterback finden. Alles andere lässt sich mit Ressourcen und über Zeit auf die eine oder andere Art lösen, aber dieser Punkt ist nicht verhandelbar. Der Quarterback verändert alles.

Man wird dieses Projekt erst in zwei bis drei Jahren bewerten können, wenn Miami sich für einen Quarterback entschieden hat. Genau wie bei Cleveland damals. Kleiner Mutmacher: Welches Browns-Team sah auf dem Papier - und davon reden wir im ersten Schritt der Kader-Zusammenstellung ja - in den letzten 20 Jahren besser aus als die 2019er Version?

Miami hat nächstes Jahr weit über 100 Millionen Dollar Cap Space sowie drei Erst- und zwei Zweitrunden-Picks, und 2021 könnte sich das Spiel genau so wiederholen. Je zwei Erst- und Zweitrunden-Picks halten sie auch für 2021. Das ist der Punkt, an dem der Umbruch bewertbar wird und das Team Spaß machen sollte.

Roarks: An welchen Schrauben muss Kingsbury drehen, damit es auch in der Redzone bei den Cardinals klappt?

Zwei Punkte, die man ganz klar thematisieren muss: Kingsburys Play-Designs waren bislang herausragend, seine Play-Calls außerhalb der Red Zone auch weitestgehend gut, zumindest seit dem vierten Viertel gegen Detroit. Aber seine Entscheidungen im Laufe des Spiels muss man kritisch betrachten.

In beiden Partien gab es jetzt insgesamt mehrere - allein in Baltimore drei - Situationen, in denen Arizona zurückliegend bei kurzem Fourth Down kurz vor der Endzone das Field Goal wählte. Das war sogar historisch: Seitdem die Torstangen 1974 versetzt wurden, gab es noch nie ein Team, dass im Rückstand innerhalb der gegnerischen 5-Yard-Line drei Field Goals versucht hat. Hier wäre mehr Mut dringend wünschenswert; das sind genau die Plays, bei denen die Analytics-Erkenntnisse förmlich danach schreien, das Fourth Down auszuspielen.

Und dann sind es auch die Play-Calls in der Red Zone. Vielleicht vertraut er seiner Offensive Line in diesen Situationen aktuell nicht, vielleicht fällt das noch in den "Ankommen in der NFL"-Prozess. Aber gerade bei Short-Yardage-Situationen wären Runs für David Johnson eine willkommene Alternative. Gerne auch aus Spread-Formationen, um gegen eine leichte Box zu laufen, oder mit Motion-Elementen, um Verteidiger abzulenken - so wie beim Touchdown-Run von Johnson gegen die Ravens.

Eine angetäuschte Ballübergabe an Larry Fitzgerald kombiniert mit dessen Pre-Snap-Motion zieht den Cornerback von der rechten Seite der Defense auf die andere Seite der Formation. Er ist damit aus dem Play raus. Die zweite Gefahr für die Defense ist Murray selbst, und der provoziert eine Disziplinlosigkeit in der Ravens-Defense: Zwei Verteidiger (roter Kreis) stürzen sich auf Murray. Johnson (blauer Pfeil) läuft ohne Gegnerkontakt in die Endzone.

Mehr Short-Yardage-Runs und Murray als gelegentliche Rushing-Bedrohung sollten Arizona in der Red Zone effizienter machen. Wichtiger ist aber, dass Kingsburys In-Game-Entscheidungen mutiger werden.

Lord: Glaubst du, dass Cam Newton "durch" ist?

"Durch" ist natürlich ein harter Ausdruck, aber einer meiner ersten Gedanken zum Panthers-Tape gegen die Buccaneers war tatsächlich: Etwas stimmt mit Cam Newton nicht. Seine Wurfbewegung wirkte immer wieder, als müsse er mehr Kraft aus dem ganzen Oberkörper kreieren, als sei die gewohnte Armstärke nicht mehr vorhanden; außerdem fehlt der Offense auch schematisch das vertikale Element - und wenn Newton tief wirft, ist er ungenau.

Gegen die Bucs warf er neun Pässe über mindestens 20 Yards tief, davon kamen drei an. Mehrfach, auch in der Midrange, kamen seine Würfe zu kurz, und dass die Panthers ihn als Runner deutlich stärker schonen, ist nicht von der Hand zu weisen. Gegen Tampa Bay hatte er zwei designte Runs, gegen die Rams beim Auftakt drei. Dass sie ihm den Ball am Ende nicht gaben, um das Spiel potenziell zu gewinnen, war symptomatisch.

Und das führt zu einem anderen Punkt: Wenn man Newton als Runner gar nicht oder nur minimal, wie es aktuell der Fall ist, einsetzt, limitiert man ihn signifikant. Newton war nie der Quarterback, der als "klassischer" Pocket-Passer konstant gewinnt. Er braucht die Dimension als Runner. Andernfalls, umso mehr mit Blick auf mögliche Schulterprobleme, "entwertet" man ihn als Quarterback so sehr, dass man ihn zwar schont, aber Newton und damit die ganze Offense zu sehr limitiert.

Falls Newton nach wie vor Probleme mit der Schulter hat, wäre es ratsam, ihn pausieren zu lassen, bis er wieder bei 100 Prozent ist. Für ihn, aber auch für die Offense insgesamt betrachtet, ehe Carolina in eine ähnliche Situation rutscht wie letztes Jahr bereits. Im Moment bekommt man den Eindruck, als würde die Panthers-Offense mit einem eingeschränkten Playbook agieren.

Sascha Quast: Könntest du dir Minkah Fitzpatrick im Backfield der Jets vorstellen, bzw. kann er auch als Outside CB fungieren? Oder wo siehst du ihn, falls die Dolphins ihn traden sollten, und in welchem Bereich siehst du seinen Preis? Welche Teams wären mögliche Spots für ihn?

Berichte aus Miami legten zuletzt nahe, dass drei Teams ernsthaft im Rennen um Fitzpatrick waren - inzwischen wissen wir, dass die Steelers den Zuschlag erhalten haben. Das verrät uns zweierlei: Die Dolphins sind davon überzeugt, dass Pittsburgh mit 0-2-Start und der Roethlisberger-Verletzung einen hohen Pick haben wird, und ich bin geneigt, dem zuzustimmen. Das könnte ein Top-10-Pick werden.

Auf der anderen Seite sagt es uns, dass die Steelers davon überzeugt sind, mit Mason Rudolph eine passable Saison spielen zu können - und dass sie von Fitzpatrick so überzeugt sind, dass sie bereit sind, das Risiko einzugehen, ihn als Top-10-Pick mit verkürztem Rookie-Vertrag zu verpflichten. Es füllt eine Baustelle mit einem Spieler, bei dem man weiß, was man bekommt; das Risiko angesichts des Picks ist aber nicht von der Hand zu weisen.

Was Fitzpatricks Position angeht: Ja, er ist ein sehr flexibler Spieler in der Secondary, doch ein sich wiederholendes Thema - und das haben wir in ähnlicher Version vor einigen Jahren mit Tyrann Mathieu in Arizona erlebt - ist eine gewisse Ineffizienz dadurch, dass er zu viel herumgeschoben wird.

Als Outside-Corner sehe ich ihn nicht, mein Rat wäre, ihn als "Slot-Corner Plus" einzusetzen. Fitzpatrick hatte eine sehr gute Rookie-Saison im Slot, und diese Position ist in der heutigen NFL extrem wertvoll. Natürlich kann man ihn dann nach wie vor hier und da herumschieben und etwa als Blitzer oder auch mal als Sub-Package-Linebacker einsetzen, beziehungsweise auf bestimmte Matchups reagieren. Aber vielleicht ist es nicht ideal, wenn Flexibilität sein Positions-Standard ist.

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